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Buchkritik „Wir können nicht allen helfen“ von Boris Palmer

Der parteigrüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat 2017 mit seinem Buch „Wir können nicht allen helfen. Ein Grüner über Integration und die Grenzen der Belastbarkeit“ vor allem einen Beitrag zur Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen abgeliefert.

Selbstinszenierung a la Boris Palmer
Wichtig ist es bei der Lektüre Palmers Selbstinszenierung nicht auf dem Leim zu gehen und sie stattdessen einer kritischen Betrachtung zu unterwerfen. Palmer stellt sich als etwas anderes dar – und sieht sich wohl selber auch so – als er in Wahrheit ist.
Er selbst inszeniert sich als Realist, der endlich mal unbequeme Wahrheiten ausspricht. Er hat die „praktische Sicht eines Oberbürgermeisters“, weiß also von den Problemen in den Kommunen z.B. bei der Flüchtlingsunterbringung: „Die meisten Grenzen der Belastbarkeit sieht man nicht im Bundestag, sondern vor Ort, in den Städten und den Gemeinden.“ (Seite 45)
Weil er Probleme offen anspreche und sich einerseits deswegen für ein Obergrenze stark mache, andererseits für eine gute Unterbringung für Flüchtlinge in Tübingen sorge, werde er von links wie von rechts angefeindet. Palmer selbst konstruiert die zwei Extreme Flüchtlingsfeinde und moralisch motivierte Flüchtlingsfreunde. An einer Stelle formuliert er die Gegenätze so: „Im Idealismus der Leibnitz- Kollegiaten wie im Fremdenhass eines Björn Höcke.“ (Seite 24)
Anschließend ordnet er sich dann als Realist in der Mitte dazwischen ein. Dabei ist Palmer gar nicht nur der pragmatische Realist, der er zu sein vorgibt und glaubt. Er ist zwar kein 24-Stunden-Rechtspopulist, aber er ist eher im rechten Teil der Mitte der Gesellschaft zu verorten. Er selbst würde das vermutlich nicht tun.

Palmer inszeniert sich also als Realist und kritisiert die Flüchtlings-Unterstützer*innen für ihre Gesinnungsethik, der er seine vermeintliche Verantwortungsethik gegenüber stellt. Quasi Realo versus Moralos. Er stellt letztere als naiv und unrealistisch dar. Er dagegen spreche schmerzhafte Wahrheiten aus: „Für mich führen solche Überlegungen zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass es eine rein moralische Flüchtlingspolitik nicht geben kann.“ (Seite 25)
Was aber Palmer als Moralismus kritisiert, ist eigentlich oft ein Humanismus. Es ist die Einstellung anderen Menschen nicht das zu verweigern, was man für sich selber beansprucht, nämlich ein Leben in Wohlstand und Sicherheit. So ist Palmers Verantwortungsethik in Wahrheit auch eine Privilegienverteidigung. Er und seine Unterstützer*innen verteidigen ihre Privilegien als deutsche Staatsbürger*innen. Tatsächlich würde es einen Preis haben, wenn mehr Menschen aufgenommen werden würden und mutmaßlich wäre tatsächlich der soziale Frieden gefährdet, wie Palmer warnt. Eben, weil der rassistische und chauvinistische Teil der Bevölkerung dann noch stärker rebellieren würde. Da hat Palmer nicht unrecht. Ob man sich von diesem Bevölkerungsteil in Geiselhaft nehmen muss, ist trotzdem zu fragen. Auch müsste die Bundesrepublik mehr von ihrem Reichtum abgeben und ihre Bürger*innen müssten evtl. auch Opfer bringen. Palmer und Co. wollen das nicht, auch um den Preis der Toten im Mittelmeer. Palmer gibt das relativ offen zu: „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es keine moralisch saubere Lösung gibt.“ (Seite 25)
Übersetzt: Wenn wir unseren Wohlstand, den inneren Frieden und unsere Privilegien behalten wollen, dann müssen eben Menschen an der Grenze sterben.

Einigen von Palmers Warnungen und Kritik im Buch ist durchaus zuzustimmen, zumal er sie differenzierter formuliert als seine Einlassungen über die sozialen Medien. Vor allem in den daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen und Konsequenzen sollte man ihm aber widersprechen. Beispielsweise sein Vorschlag verurteilte Sexualstraftäter in Bürgerkriegsländer abzuschieben: „Die Abschiebung eines unschuldigen Asylbewerbers nach Syrien würde auch ich als unmenschlich bezeichnen. […] Für Gewalttäter und Mörder gelten aber andere Maßstäbe.“ (Seite 162)
Hier muss entgegnet werden: Auch ein Arschloch hat Menschenrechte und darf nicht wissentlich in Gefahr gebracht werden. Außerdem offenbart sich mit solchen Forderungen dass der Antisexismus, mit dem eine solche Aktion begründet wird, offenbar an den Grenzen endet. Die Frauen* und Mädchen in Afghanistan etc. haben schon genug Probleme und Sorgen als das sie noch einen Sexualstraftäter mehr bräuchten, der nicht resozialisiert wurde.

Palmers Irrtümer
Palmer mag rhetorisch geschickt sein, hat aber von vielen weniger Ahnung als er glaubt. Das soll einmal an drei Beispielen aus seinem Buch verdeutlicht werden.

Das erste Beispiel behandelt die Thematik afrikanischer Drogendealer. Palmer schreibt in seinem Buch: „Trotzdem gibt es Gegenden, in denen Schwarzafrikaner das Drogengeschäft ziemlich stark beherrschen. Das ist leicht erkennbar und löst entsprechende Reaktionen in der Bevölkerung aus.“ (Seite 97)
Nun ist die Frage, wo genau das Problem der Bürger*innen liegt, die hier protestieren. Im Regelfall dealen afrikanische Drogendealer mit Kleinstmengen an Marihuana. Da stellt sich einmal die Frage, warum das an sich ein so großes Problem ist. Marihuana ist zwar in Deutschland nicht legal, aber illegale Volksdroge Nummer 1. Laut Umfragen hat ein Drittel der Bevölkerung schon einmal Cannabis konsumiert. D.h. man hat es mit einer Form der Kleinkriminalität zu tun, die von einem größeren Teil der Bevölkerung offenbar als unproblematisch gesehen wird. Die Dealer würden ohne ihre deutschen Kund*innen schlicht nicht existieren.
Zwar stellen wohl Afrikaner mancherorts tatsächlich einen größeren Anteil unter Kleindealern, aber Palmers Behauptung, sie würden den Drogenhandel „stark beherrschen“, ist vermutlich falsch. Der illegalisierte Drogenhandel ist im Gegensatz zum legalisierten sehr hierarchisch organisiert. Wer tatsächlich nachhaltig etwas dagegen tun will, müsste ein paar Ebenen über den afrikanischen Kleinstdealern ansetzen. Bei den Kartellchefs und den Drogenproduzenten. Hier wird es dann schnell scheinheilig. In Afghanistan bewacht die Bundeswehr im Rahmen eines Auslandseinsatzes die Schlafmohnfelder aus denen Opium bzw. Heroin hergestellt wird. Im Gegensatz zu Cannabis sind Opiate aber sehr viel gefährlicher. Dieser Auslandseinsatz wurde auch mit den Stimmen der Parteigrünen beschlossen. Befreundete warlords ernten weitgehend ungestört Opium in Sichtweite der Bundeswehr, große Teile der Grünen agitieren für die Legalisierung von Cannabis, aber Marihuana-Kleindealer sollen das Problem sein?
Es stellt sich also die Frage, ob es bei den Kleindealern aus Afrika tatsächlich darum geht, was sie tun oder nicht eher darum, dass sie eine optisch auffällige Gruppe von Nicht-Weißen sind.

Mehrere Seiten seines Buches verwendet Palmer auf die nachträgliche Rechtfertigung seiner Analogisierung von Chicago und Afghanistan. Er hatte dabei versucht über den statistischen Vergleich der Mord-Rate pro Einwohner*in nachzuweisen, dass die US-Stadt Chicago gefährlicher ist als Afghanistan, da hier proportional mehr Menschen umgebracht werden. In seinem Buch versucht er dasselbe auch noch einmal mit Brasilien: „Ganz Brasilien ist also so gefährlich wie Chicago und bedeutend gefährlicher ala Afghanistan.“ (Seite 148)
Aus seinen Vergleichen schlussfolgert er: „Afghanistan gehört keineswegs zu den unsichersten Gebieten der Welt.“ (Seite 150)
Und zieht die Konsequenz: „Nach diesen Maßstäben sind Abschiebungen nach Afghanistan vertretbar.“ (Seite 152)
Was Palmer hier vornimmt ist eine statistische Verharmlosung der Lage in Afghanistan. Zunächst einmal ist festzustellen, dass Menschen nicht nur vor direkter Todesgefahr fliehen, sondern auch vor Unterdrückung und Armut. In weiten Teilen Afghanistans herrschen warlords und Islamisten (Taliban, IS-Ableger). Auch ohne die unmittelbare Todesgefahr gibt es gute Gründe aus einem von der Taliban beherrschten Gebiet zu fliehen. In Chicago gibt es sicherlich eine brutale Polizeigewalt, aber die Zustände dort dürften mit den von warlords kontrollierten Gebieten nicht wirklich gleich zu setzen sein. Afghanistan ist in Teilen ein so genannter failed state. Es ist zu bezweifeln dass die Taliban und sicherlich auch viele warlords ein Interesse haben statistisches Material an die Regierung in Kabul zu übermitteln. Somit dürfte – anders als in Chicago – die von der afghanischen Regierung erstellte Statistik über Morde stark unvollständig sein. Afghanistan ist ein bitterarmes Land mit einer der höchsten Analphabetenquoten weltweit. Es ist fraglich, ob hier überhaupt alle Menschen von der Regierung erfasst sind. Zumal es Millionen Flüchtlinge und Binnen-Flüchtlinge gibt, die einer Erfassung der Bevölkerung erschweren.
Hinzu kommt dass die mit dem Westen verbündete Regierung vermutlich ein Interesse hat die
Mordrate eher niedrig erscheinen zu lassen, um die Afghanistan-Mission ihrer Verbündeten nicht als Misserfolg darzustellen und weiter finanzielle Unterstützung zu erhalten.
Das führt zu dem Schluss das die Statistiken von Afghanistan und Chicago von unterschiedlicher Qualität sein dürften.
Dazu kommt außerdem der Umstand, dass Chicago eine Stadt in den USA ist. Hier ist eine Migration an einen weniger von Kriminalität belasteten Ort für viele Menschen einfacher. Es ist ja auch tatsächlich so dass die bürgerliche (und zumeist weiße) Mittelschicht aus vielen Vierteln der US-Großstädte wegzieht und die Armen zurückbleiben.
Trotz mancher riots steht Chicago auch nicht am Rande eines Bürgerkriegs, wie es in Afghanistan ständig der Fall ist. Neben der Perspektivlosigkeit ist auch die ständige Möglichkeit des Wiederaufflammens des Bürgerkriegs ein Fluchtgrund vieler afghanischer Flüchtlinge. Viele Flüchtlinge erinnern sich noch allzu gut an die Taliban-Diktatur, dagegen hat man in Chicago bisher nur wenig Erfahrungen mit Diktaturen gemacht.
Einfach nur offizielle Statistiken herzunehmen, zu vergleichen und daraus etwas über die Sicherheit eines ganzen Landes abzuleiten, ist also oberflächlich und ignoriert eine ganze Reihe von anderen Faktoren.

Palmer benutzt ohne Anführungsstriche das Wort „Ausländerkriminalität“. Leider verwendet er dann aber nicht wenigstens als Ausgleich das Wort „Inländerkriminalität“. Einmal abgesehen davon, dass das Wort „Ausländerkriminalität“ eine Vokabel der Rechten ist, stellt sich die Frage nach dem Erkenntnisgewinn seiner Verwendung. Ja, es gibt Bereiche der Kriminalität in Deutschland die laut Statistik überproportional von Ausländern, gemeint sind Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft, ausgeübt werden. Das geht von dem luxemburgischen Staatsbürger, der in Deutschland wohnt und im großen Stil Steuern hinterzieht, bis zur osteuropäischen Bettlerin, die gegen das Innenstadt-Bettelverbot in München verstößt.
Diese sehr unterschiedlichen Fälle in den Topf „Ausländerkriminalität“ zu werfen, verhilft zu keinerlei Erkenntnisgewinn. Die Brandstifter-Vokabel „Ausländerkriminalität“ ist vielmehr dazu angetan eine riesige Gruppe, „die Ausländer“, unter Generalverdacht zu stellen.
Mit größerer Berechtigung ließe sich übrigens auch von „Männerkriminalität“ sprechen, was aber seltsamerweise nie getan wird. An einer Stelle erwähnt Palmer in seinem Buch selber dass in Deutschland 85% aller Mörder und Gefängnisinsassen Männer sind.

Fazit: Vorsicht, Palmer kann Spuren von Rechtspopulismus enthalten!
Das Verhältnis vom Buchautoren Palmer und dem Facebook-Kommentator Palmer gestaltet sich ein wenig wie das von Dr. Jekyll und Mr. Hide.
Palmers Buch ist im Gegensatz zu diversen Facebook-Beiträge von ihm, auffällig geglättet. Hier gab es durch die Zeit und ein Lektorat offenbar einen Filter. Bei Facebook fällt dieser weg. Palmer äußert unverblümt, was ihm im Kopf herumschwirrt. Hier ist Palmer dagegen in einigen Aussagen eindeutig rechtspopulistisch und rassistisch, in anderen verharmlost er Rassismus oder Homophobie, ohne sie selbst zu teilen.

Obwohl Palmers Chicago-Afghanistan-Analogien widersprochen werden muss, ist es fraglich wie sinnvoll es ist, sich im Kleinklein der Details zu verlieren.
Wichtiger wäre es wohl, darauf hinzuweisen, dass Palmer nicht der kühle Analytiker, als der er im Buch auftritt. Sein rassistisches Facebook-Gepolter beweist das immer wieder. Palmers Buch ist dagegen mit seinem Stil des „sowohl als auch“ ein wenig wie ein glitschiges Stück Seife. Er ist nur schwer zu fassen. Das liegt zu einen daran, dass er relativ differenziert formuliert. Zum anderen nimmt er rhetorisch geschickt viel Kritik an seinen Aussagen vorweg und baut sie mit im Text ein. Teilweise über Seiten lässt er Kritiker*innen an sich zu Wort kommen.
Obwohl das Buch weniger aufgeregt ist als sein Facebook-Gepolter und dieses zum Teil korrigiert und zurücknimmt, ist der Schaden trotzdem angerichtet. Zumal Palmer ja weiter auf Facebook poltert. Er kann als Aufmerksamkeits-Junkie einfach nicht anders: „Immer wieder habe ich mich selbst gefragt, ob es nicht besser wäre, das Thema einfach zu ignorieren, auch öffentlich nichts mehr zu sagen. […] Manchmal habe ich es auch versucht, aber ich habe es nicht lange durchgehalten.“ (Seite 195)
Palmer reflektiert auch nie über seine Funktion für AfD und Co. Er fühlt sich bei Zuspruch von dieser Seite höchstens missverstanden. Dabei bewegen sich seine Facebook-Posts und seine Interview-Aussagen zum Teil tatsächlich auf AfD-Niveau. Diese nimmt Palmers Aussagen deswegen dankbar als Bestätigung nach dem Prinzip „Selbst der grüne OB von Tübingen sagt das“. Damit kommt Palmer eine Funktion als Türöffner zu. Ohnehin stellt er sich in seinem Buch gegen eine Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsstrategie gegen Rechte. Er will besserwisserisch alles ausdiskutieren. Vor Jahren wollte er das sogar einmal mit der NPD-Jugend tun. Die Strategie der Ausgrenzung und Stigmatisierung kann durchaus kritisch gesehen werden, auch insofern sie in Teilen gescheitert ist. Trotzdem ist es überaus legitim nicht mit der AfD reden zu wollen.

An manchen Stellen in seinem Buch hat Palmer sogar Recht. Etwa, wenn er die bürokratischen Hindernisse beim Wohnungsneubau als Hindernis für Flüchtlingsunterkünfte beklagt und eine Änderung des Baurechts fordert.
An anderer Stelle hat Palmer zwar nicht immer Unrecht, aber es ist ihm bei den geforderten Konsequenzen zu widersprechen. Denn auch im Buch skizziert Palmer im Grunde ein Programm autoritärer Maßnahmen:
- Abschiebung von Straftätern, auch in Bürgerkriegsländer wie Syrien oder Afghanistan.
- Grenzen hoch gegen Flüchtlinge.
- Bejahung einer Herrschaft des Verdachts, z.B. ist er für das Auslesen der Smartphones von Flüchtlingen, um Herkunft und Alter zu ermitteln.

Palmer inszeniert sich als Fachmann und eine Art Schleusenwärter am „Flüchtlingsstrom“. Der Buchautor kann aber nicht vom Facebook-Pöbler getrennt werden. Seine nachträgliche Rechtfertigung und Relativierung im Buch sollten nicht verdecken, dass seine Facebook-Kommentare seinen Rassismus offen gelegt haben. Dabei ist Palmer aber kein Faschist wie Björn Höcke, sondern steht wie seine Gewährsleute Alice Schwarzer und Bassam Tibi für einen pragmatischen Rassismus, der kaum völkisch ist, sondern eher chauvinistisch und in Teilen kulturalistisch argumentiert. Palmer ist als deutscher Staatsbürger selber ein Privilegien-Inhaber und verteidigt seine Etabliertenvorrechte.
Ansonsten zeigt das Buch das Palmer nicht nur der Oberbürgermeister von Tübingen ist, sondern auch der Oberbesserwisser. Seine oberlehrerhaften Belehrungen sind bei der Lektüre zum Teil sehr anstrengend. Sein Bezug auf Max Weber und Aristoteles dient erkennbar der eigenen Aufwertung. Um dieses Selbstbild zu zerstören sei am Ende noch einmal ein Facebook-Kommentar von Boris Palmer aus dem Dezember 2017 zitiert: „Sehr angemessene Reaktion. Hab dich nicht so, wenn dich ein Araber fickt. Gibt schlimmeres. Echt jetzt, Frau D.?“
Das klingt doch eher nach AfD-Kommentarspalte als nach Aristoteles.

Boris Palmer: Wir können nicht allen helfen, München 2017.

Ostpreußens Jugend sieht ziemlich alt aus

Die „Jungendorganisation“ der Vertriebenen-Organisation „Landsmannschaft Ostpreußen“ feierte Ende 2017 Advent. Die Überschrift im rechten Vertriebenenblatt „Preußisch-Allgemeine Zeitung“lautete: „Ostpreußische Jugend feierte Advent“.
Allerdings lässt sich auf dem beigefügten Bild kein einziger Jugendicher erkennnen.
Ostpreußens alte Jugend

Buchkritik „Hillbilly-Elegie“ von J.D. Vance

Im Jahr 2016 veröffentlichte in den USA der Autor J.D. Vance, Jahrgang 1984, sein Buch „Hillbilly-Elegie“, welches 2017 auch auf Deutsch mit dem Untertitel „Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ erschienen ist.
Hillbilly-Elegie
Der Untertitel verweist darauf, dass es sich bei dem Buch um eine Mischung aus Autobiografie und Gesellschaftsanalyse handelt. Nicht ganz zu unrecht wird das Buch auch als amerikanisches Pendant zu „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon gehandelt.

J.D. Vance wächst im so genannten „Rustbelt“ („Rostgürtel“) auf, dem früheren industriellen Herz der USA. Genauer gesagt in Middletown in Ohio. Sein Wurzeln liegen aber an anderer Stelle. Er selbst bezeichnet sich als „ulster-schottischer Hillbilly“ aus den Appalachen.
Die BewohnerInnen des Gebirgszugs der Appalachen („Appalachians“) umfassen laut dem Online-Lexikon Wikipedia etwa 25 Millionen Menschen und verteilen sich über mehrere US-Bundesstaaten. Die Region Appalachia bildet in gewisser Weise einen eigenen Kulturraum. Viele der ersten europäischen SiedlerInnen in dieser Region kamen aus Nord-England, Schottland und Ulster (Irland). Letztere sind als „Ulsterschotten“ bekannt. Von anderen AmerikanerInnen werden sie oft verächtlich als ‚Hillbillys‘ bezeichnet und gelten als rückständig. Sie selbst nennen sich zum Teil auch „Hill People“.
Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte der Kohle-Bergbau für eine gewisse Erschließung und Industrialisierung von Teilen dieser Region. Trotzdem handelte es sich immer um um eine ärmere Region in den Vereinigten Staaten. Im Zuge der De-Industrialisierung und Schließung der Minen, verarmte die Region nach einer gewissen Phase der Prosperität wieder. Millionen Menschen zogen auf der Suche nach Arbeit weg. Viele bewahrten sich aber die Bindung zu den Appalachen und ihre eigenen Traditionen. Die Weggezogenen siedelten in ihrer neuen Heimat teilweise in eigenen Straßen und Vierteln. Sie stellen vielerorts einen Teil der weißen Arbeiter*innenschicht und werden auch als „Urban Appalachians“ bezeichnet.
Vance’s Großeltern gehören zu genau diesen ArbeitsmigrantInnen. Sie kamen aus Ost-Kentucky und zogen auf der Suche nach Arbeit nach Südwest-Ohio.
Die verpflanzten Hillbillys brachten in ihre neue Heimat ihre eigenen Traditionen mit. Etwa ihre mündlichen Familientraditionen, eine Art von Clan-System. Sie waren meist auch geburtenstärker als die einheimischen Weißen. Bei ihnen dominierte die Großfamilie, statt der Kleinfamilien. Teile der Hillbilly-Kultur ähnelten eher der Kultur der Schwarzen im Süden. Sie war jedenfalls nur wenig bürgerlich. Die Zugezogenen stießen auch deswegen auf die Abwehr der einheimischen Weißen.
An einer Stelle schreibt Vance auch dass seine Großmutter sehr viel weniger damenhafter war als die Bürger-Frauen. Seine Großmutter fluchte, war direkt und hantierte selbstverständlich mit Waffen. So standen die Neuzugezogenen auch für einen Art Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. Mit sich brachten sie auch einen eigenen Ehrenkodex, der die Ehre der Familie hoch ansiedelte und in den Appalachen in Vergangenheit zu ausgeprägten Familienfehden geführt hatte. Hoch im Kurs stehen bei den Hillbillys auch die Bibel und Waffen. Wobei Vance sie als gläubig, aber ohne Gemeindeanbindung beschreibt. Es scheint sich um eine Art Volksgläubigkeit zu handeln. Außerdem glaubten sie mit „nahezu religiöser Intensität an harte Arbeit“.

Die „Urban Appalachians“ waren anfangs durchaus ökonomisch erfolgreich. Viele von ihnen kauften in dieser Zeit des wirtschaftlichen Erfolgs Häuser. Doch später machte sie genau dieses Wohneigentum immobil. Spätestens mit der Immobilienkrise wurden diese – häufig auch mit Krediten belasteten – Häuser in den ärmeren Stadtteilen unverkäuflich und quasi zur Falle. Die Besitzer*innen und ihre Familien blieben bei ihren Häusern. Die örtlichen Fabriken schlossen und zurück blieben Erwerbslose, die an ihre Immobilie gebunden sind. Währenddessen ziehen andere, besser Ausgebildete der Arbeit hinterher und aus den armen Vierteln und Städten weg.

Eindrücklich, besonders am Beispiel seiner Familie, beschreibt Vance die zerrütteten und dysfunktionalen Familien seines Viertels:

„In unseren Häusern herrscht Chaos. Wir brüllen und schreien uns an, als seien wir Zuschauer bei einem Football-Spiel. Mindestens ein Familienmitglied ist drogenabhängig – manchmal der Vater, manchmal die Mutter, manchmal beide. Wenn es gerade besonders stressig ist, schlagen wir uns gegenseitig, immer vor versammelter Familie, einschließlich der kleinen Kinder. Oft hören die Nachbarn, was los ist. Wenn sie die Polizei rufen, um das Drama zu beenden, ist es ein schlechter Tag. Unsere Kinder sind in Pflegefamilien, bleiben aber meistens nicht lange. Wir entschuldigen uns bei unseren Kindern. Die Kinder glauben, dass es uns wirklich leidtut, und so ist es auch. Aber ein paar Tage später sind wir wieder genauso gemein wie zuvor.“

(Seite 169)
Erstaunt stellt er später fest, dass es auch Familien gibt, die anders sind. Wo es nicht ständig Gewalt und Gezänk gibt und Konflikte anders gelöst werden. Seine später drogenabhängige Mutter zieht Vance und seine Schwester Lindsay auf bzw. versucht es und scheitert dabei. Da die Mutter immer wieder versagt, springen sein ältere Schwester und seine Großmutter ein. Besonders die Großmutter, eine unglaublich starke Frau, unterstützt ihren Enkel. Auch sie ist vom Leben gezeichnet. Eigentlich wollte sie eine Großfamilie, hatte aber neun Fehlgeburten. Ihrer Hilfe verdankt Vance seinen Ausbruch aus der Unterschicht. Er geht für vier Jahre zur Marine und beginnt danach ein Jura-Studium, was er in Yale beendet. Hier ist er als Arbeiterkind eine echte Ausnahme, schafft es aber mit der Unterstützung seiner Professorin und anderer sich durchzukämpfen.

Der Autor ist anders als Eribon kein linker Soziologe, sondern bezeichnet sich selbst im Buch als „Patriot“ und „moderne[n] Konservativer“. Diese Einstellung wirkt sich auch immer wieder auf die gesellschaftliche Problemanalyse aus.
So schimpft er auf Sozialbetrug und faule Sozialhilfeempfänger*innen und macht eine Unterscheidung zwischen arbeitenden Armen und arbeitslose Armen. Vielen Armen gibt er zumindest einen Teil der Schuld an ihrer Situation. Er propagiert eine Selbstverantwortung für das eigene Leben und fordert einen Mentalitätswechsel der Armen hin zu mehr Fleiß und (Selbst-)Disziplin. Diese eingeforderte Leistungsethik ist problematisch, weil sie die systemischen Gegebenheiten weitgehend ignoriert. Tatsächlich könnten einige Arme mit mehr Fleiß ihre Erfolgschancen wohl verbessern. Aber eine Erfolgschance ist nun einmal keine Erfolgsgarantie und viele würden trotzdem scheitern. Auch die sich zu einer Form von Armutskultur entwickelten dysfunktionalen Familien, Suchterkrankungen und eine ungesunde Ernährung und Lebensführung thematisiert der Autor. Allerdings ist sein Lösungsansatz ein individualistischer. Damit ist er klassisch amerikanisch, weil er auf das amerikanische Glücksversprechen gegenüber dem Individuum abhebt: Jede*r kann es schaffen. Sein eigener Weg scheint ihm das zu bestätigen. An anderer Stelle im Buch ist er klüger und benennt neben dem eigenen Anteil die Faktoren, die ihm geholfen haben. Und er weiß, dass nicht jede*r so eine taffe Hillbilly-Großmutter hat, wie er.
Analysekategorien wie Gender finden sich überhaupt nicht in dem Buch. Dafür wird aber immer wieder Klasse bzw. Schicht erwähnt.
Vance beschreibt in seinem Buch auch, wie ihm an der Elite-Universität kulturelles und soziales Kapital fehlt und er versucht sich dieses nachträglich anzueignen. An einer früheren Stelle im Buch schreibt Vance eindrücklich einen Klassenunterschied vor Gericht:

„Ich erinnere mich, dass ich mit einem halben Dutzend anderer Familien in diesem Gerichtssaal saß und dachte, dass die genauso aussahen wie wir. Die Mütter und Väter und Großeltern trugen, anders als die Anwälte und der Richter, keine Anzüge. Sie trugen Jogginghosen und Strechhosen und T-Shirts. Ihre Haare waren splissig. Und es war das erste Mal, dass ich »Fernsehakzente« bemerkte, den neutralen Akzent vieler Nachrichtensprecher. Die Sozialarbeiter und der Richter und der Anwalt – sie alle hatten den Fernsehakzent. Und wir nicht. Die Menschen, die dieses Gericht betrieben, waren anders als wir. Die Menschen, die vor diesem Gericht erscheinen mussten, waren es nicht.“

(Seite 94)

Trotz gewisser Mängel in der Analyse ist das Buch sehr lesenswert.

J.D. Vance: Hillbilly-Elegie, Berlin, 8. Auflage 2017.

„Plan D“ von Simon Urban


Im Jahr 2011 erschien der kontrafaktische Kriminalroman „Plan D“ von Simon Urban. Er spielt auch im selben Jahr, aber in einer fiktiven Welt. In dieser hat es nie eine Vereinigung von BRD und DDR gegeben. Statt einer ‚Wiedervereinigung‘ gab es 1990 eine „Wiederbelebung“. Auch im Roman wurden 1989 die Grenzen geöffnet und DDR-Bürger*innen emigrierten in den Westen. Die DDR erlebte einen Aderlass und ihre Bevölkerungszahl senkte sich von 16 Millionen auf 14,5 Millionen. Allerdings wurde dann im November 1991 die Mauer wieder geschlossen.
Gleichzeitig wurde 1989/90/91 auch die DDR-Führung ausgetauscht. Egon Krenz beerbte als Staatsratsvorsitzender Honecker und initiierte Reformen. Mit Hilfe des aus dem Westen herbeigeeilten Otto Schily wird die Stasi reformiert und mit dem System Mielke aufgeräumt.
Die DDR schien sich damals zeitweise in Richtung Rechtsstaat zu entwickeln, doch die Reformen werden gestoppt. So ist auch 20 Jahre später, im Jahr 2011, Krenz noch an der Macht. Die DDR ist inzwischen heruntergewirtschaftet. Auf der anderen Seite der Grenze regiert der SPD-Bundeskanzler Oskar Lafontaine in Koalition mit den Grünen unter Claudia Roth. Er hat Roland Koch beerbt und bevorzugt eine Annäherung an die DDR.
Die DDR ist abhängig von Geldern aus dem Westen. Eine wichtige Einnahmequelle sind Transitgebühren für sowjetisches Gaslieferungen über ihr Gebiet. Es steht ein Handelsvertrag von über 70 Milliarden Mark an. Doch da wird ein ehemaliger Berater aus der „Wiederbelebungs“-Epoche in der Nähe einer Gasleitung ermordet aufgefunden. Der Mord trägt die Handschrift der Stasi. Ein möglicher Stasi-Mord droht somit die für die DDR lebensnotwendigen Verträge zu verhindern. Der Westen stoppt die Verhandlungen bis der Fall aufgeklärt ist.
Um eine faire Ermittlung zu gewährleisten, besteht der Westen auf einem deutsch-deutschen Ermittlungs-Duo. Also ermitteln Richard Brendel von der Kriminalpolizei Westberlin und der Volkspolizei-Hauptmann Martin Wegener, der als erstes den Tatort untersucht hat.
Aus der Sicht des Letztgenannten ist der Krimi geschrieben. Unterschiedliche Interessengruppen versuchen die Ermittlungen zu beeinflussen: Der Westen, die Stasi, die DDR-Führung und die Untergrund-Opposition.
Schnell stellt sich heraus, dass der Tote nicht nur ein einfacher Berater im Ruhestand war, sondern dass er ein alternatives Konzept für die DDR erstellt hatte, genannt „Plan D“ mit dem System des „Posteritatismus“. Es geht um ein demokratisches System bei sozialistischer Wirtschaftsordnung.

Der Roman ist witzig und detailreich geschrieben. Viele Fakten aus der DDR wurden gut recherchiert und weiter entwickelt, etwa die „Intershops“ (Läden mit Westwaren, in denen mit DM bezahlt wurde). Witzig ist es etwa, wenn im Buch erwähnt wird, dass die frühere SED-Abgeordnete Sahra Wagenknecht inzwischen eine mittelmäßige Schauspielerin ist und als „Laura Kraft“ die Hauptrolle im neuen Actionspektakel „Red Revenge“ spielt.
Ideenreich ist es auch, wenn in der DDR das Handy als „Minsk“ bezeichnet wird, was von der VEB Telemedien entwickelt, hergestellt und vertrieben wird. Ganz besonders lustig ist, wenn beschrieben wird wie die demente Margot Honecker im SED-Altersheim sitzt und glaubt sie werde von der Stasi verfolgt.

Das Buch liest sich gut, hat aber auch einige Schwächen und Unlogiken. Es wird beschrieben, wie aus dem Westen BürgerInnen in die DDR einwandern, doch der Autor kann nicht so recht vermitteln, warum das geschieht. Er schreibt zwar, dass es bei der Einbürgerung 1.000 Mark Begrüßungsgeld gebe – der offizielle Wechselkurs Euro – DDR-Mark liegt bei 1:3 – doch was die heruntergewirtschaftete DDR so attraktiv macht, bleibt unklar.
Fast nie erwähnt wird die SED. Offenbar ist die DDR immer noch eine Parteidiktatur, trotzdem wird die SED als Staatspartei kaum beschrieben. Das ignoriert die realen Zustände in der DDR vor 1990. Hier war die SED tonangebend und nur über eine Mitgliedschaft bei ihr, war es möglich Karriere zu machen. Genauso undeutlich bleibt die Rolle der Sowjetunion in der DDR nach 1990. Ist sie noch Vorbild und ‚großer Bruder‘? Gibt es noch die hunderttausende von SoldatInnen der Roten Armee, die in der DDR stationiert waren?
Sehr störend sind die immer wieder auftauchenden Rot=Braun-Gleichungen. Mehrfach wird die DDR-Bevölkerung bzw. ein Einzelprotagonist als Opfer oder Verführte dargestellt. Erst war er Nazi, dann ein Kommunist. Die eklatanten Unterschiede zwischen dem Nationalsozialismus und dem Realsozialismus fallen da unter den Tisch.
Besonders ärgerlich ist, dass Frauen nur Nebenrollen spielen und vor allem Lustobjekte in der Fantasie von Martin Wegener sind. Selbst die wichtigste Frau im Buch, seine Ex-Freundin, muss ständig als Sexfantasie für seine Altmännergeilheit herhalten. Das kann ja auch gerne aus der Perspektive des Hauptprotagonisten so sein, aber der Autor stellt dem nichts Kritisches entgegen.
Wer das aushalten kann, die/der wird aber gut unterhalten.

Simon Urban: Plan D: Frankfurt Main, Taschenbuchausgabe 2013.

Buchkritik „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood

Der Report der Magd
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Eines ihrer bekanntesten Bücher ist ihr im Original 1985 erschienenes Buch „Report der Magd“, ein dystopischer Roma. Dieser spielt in den 1980er Jahren in der ‚Republik Gilead‘, die sich auf dem Gebiet der ehemaligen USA befindet. Während der Lektüre des Buches erfährt die/der Leser*in auch was zur Errichtung dieser christlichen Theokratie führte. Ein Attentat auf die US-Regierung, bei der diese ermordet wurde, ist der Anlass, um Bürger- und Menschenrechte sukzessive einzuschränken und am Ende gänzlich abzuschaffen. Besonders Frauen werden immer weiter entmündigt. Sie verlieren den Zugriff auf ihr Barvermögen und werden entlassen. Es wird eine alttestamentarisch begründete Geschlechterapartheid und eine Art Kastensystem eingeführt. Es gibt nur noch arrangierte Ehen. Männer haben die gesellschaftliche Macht. Aber ist gibt auch Sphären die den Frauen vorbehalten sind. Auf der weibliche Seite der Gesellschaft stehen ganz oben die Ehefrauen der Oberschicht. Diese verfügen über Dienerinnen, genannt „Marthas“. Darunter in der Hierarchie befinden sich dann die Frauen der Unterschicht, die „Ökonofrauen“ genannt werde.
Da Unfruchtbarkeit weit verbreitet ist, haben die Oberschichtsmänner ganz offiziell Zweitfrauen, die „Mägde“, die vor allem als eine Art Leihmütter fungieren. Der Geschlechtsakt ist hoch ritualisiert und findet im Beisein der Ehefrauen statt. Für die Disziplinierung dieser „Mägde“, sind die „Tanten“ zuständig. Dabei handelt es sich vor allem um ältere, glaubensstrenge Frauen.
Im Inneren von ‚Gilead‘ sorgen ansonsten die „Wächter des Glaubens“ und Geheimdienst-Mitarbeiter, genannt „Augen“, für die Aufrechterhaltung des Regimes. An der Front kämpfen die Soldaten, genannt „Engel“, beispielsweise gegen baptistische Guerilleros. Die Verfolgung von Andersgläubigen wird auch als „Sektenkriege“ oder „Sektenverfolgung“ bezeichnet. Denn das Regime hat eine Staatskirche und verfolgt alle Abweichungen davon: Baptisten und Quäker müssen konvertieren oder sie werden gehenkt. Schwule Männer werden als „Geschlechtsverräter“ gehenkt. Juden können konvertieren oder müssen nach Israel auswandern. Abtreibung und Ehebruch stehen unter Todesstrafe. Selbst Zweitverheiratete werden verfolgt. Nicht alle werden gleich ermordet. So werden viele Frauen zu „Unfrauen“ erklärt und in Strafkolonien zur Giftmüllbeseitigung geschickt. Hier sterben die Arbeiter*innen einen langsamen Tod.

Hauptprotagonistin des Buches ist eine ‚Magd‘. In Rückblicken berichtet sie aus der Vergangenheit vor der Etablierung der Theokratie. In „der Zeit davor“ war sie die Tochter einer feministischen Aktivistin, hatte ein Kind und einen Lebensgefährten, Luke. Als die Verhältnisse sich verschärften, versuchten die drei zu fliehen, wurden aber geschnappt. Sie wurde von ihrem Kind und ihrem Partner getrennt und in einem „Roten Zentrum“ zur ‚Magd‘ gemacht.
Schließlich wird sie als ‚Magd‘ in das Haus eines Kommandanten geschickt, dem sie ein Kind gebären soll. Sie kommt in den Kontakt mit dem Widerstand und entdeckt das der Kommandant im Privaten selber gegen Regeln verstößt. Wie alle Herrschenden behalten sich auch diese Regelverstöße für sich selbst vor. Die Elite der Theokratie frönt weiter der Prostitution.
Mit einem ihrer Bewacher geht sie ein Verhältnis ein, worauf die Todesstrafe steht. Doch selbst die Frau des Kommandanten fördert diese Affäre, da sie annimmt das ihr Mann unfruchtbar ist. Ein Umstand der in dieser strikt patriarchalen Gesellschaft aber nicht thematisiert werden darf. Unfruchtbar sind nur die Frauen.
Die Hauptprotagonistin selbst ist keine Widerstandskämpferin wie etwa ihre Mutter, aber sie sucht für sich nach Auswegen.

Das Buch stammt erkennbar aus der Feder einer feministischen Autorin, die einmal ausformuliert hat, wie eine christliche Theokratie aussehen könnte. Das Regime ist zudem auch extrem pro-natalistisch. Die Verwendung von Frauen als Zwangsleihmütter und der Kult um das Kind erinnern ein wenig an das „Lebensborn“-Projekt der Nazis. Zudem muss jedes Kind auch makellos sein. Kinder, die es nicht sind, werden zu „Unbabys“ erklärt und „entsorgt“.
Neben dem „Lebensborn“, George Orwell und Aldous Huxley mag auch die damals ‚frisch‘ im Iran eingerichtete Theokratie eine Inspiration für die Autorin gewesen sein.

Das Buch liest sich spannend und ist anschaulich aus der Perspektive der ‚Magd‘ geschrieben. Etwas seltsam mutet der geringe Technik-Fortschritt an, was natürlich in der Entstehungszeit des Werkes begründet liegt. Ein wenig unglaubwürdig ist, dass die Transformation einer liberalen Gesellschaft in eine Theokratie derart schnell und ohne Widerstände möglich sein soll.
Trotzdem sehr lesenswert!

Margaret Atwood: Der Report der Magd, München, 5. Auflage 2017.