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„Der Komet“ von Hannes Stein


Wir schreiben das Jahr 2000, Ort der Handlung ist Wien, aber ein anderes Wien, denn es ist noch immer die Hauptstadt der Donaumonarchie. Keine Ausnahme. In fast allen europäischen Staaten herrschen Fürsten oder Könige. Der Roman „Der Komet“ von Hannes Stein ist ein kontrafaktischer Roman. Schwieriger schon ist die Frage, ob es sich um eine Utopie oder eine Dystopie handelt. Die Realität hat die alternative Roman-Gegenwart dystopisch überholt, in der der Holocaust nie stattfand. In Osteuropa existiert in dieser alternativen Realität eine lebendige chassidische Kultur.
Es kam auch zu keinem Armenier-Genozid im Osmanischen Reich. Der osmanische Gesandte im Handlungsspielort Wien ist beispielsweise ein Armenier. Außerdem ist Europa friedlich, der letzte Krieg in Europa fand 1871 statt.
Andererseits bestehen die Kolonialimperien fort. Die Entkolonialisierung der Welt hat im Buch nie stattgefunden. Großbritannien herrscht über Indien, Japan über die Mandschurei und das Deutsche Kaiserreich hat sogar die Antarktis besetzt. Zum Mond haben es die Deutschen auch geschafft. Das ist natürlich eine ironische Anspielung des Autors auf diverse Verschwörungstheorien, in denen ‚Reichsdeutsche‘ genau hier verortet werden.
Der Mond ist sogar ohne Raumanzug begehbar, da er mit Algen bepflanzt wurde. Es gibt eine Mondstadt und sogar Mondtourismus. In 38 Stunden ist man von Wien per Rakete auf dem Mond.
Die USA wurden nie Weltmacht, auch wenn Cuba als 52. US-Bundesstaat in die Vereinigten Staaten aufgenommen wurde. Der Autor deutet auch an, dass es den USA am Kulturtransfer durch die Emigration u.a. von Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland fehlen würde. So sind die Rosenhügelstudios bei Wien und nicht Hollywood die Produktionsstätten populärer Filme, in denen Arnold Schwarzenegger die Hauptrolle spielt und Szczepan Szpilberg Regie führt. Star Wars wird als die Oper „Lukas und Lea“ aufgeführt.
Während Franz Kafka unentdeckt bleibt, ist Anne Frank eine bekannte Literaturnobelpreisträgerin. Stalin ist wurde nie Diktator gewesen, sondern wurde in Grusinien ein georgischer Nationaldichter, der aber auch 1953 verstarb.
Das Frauenwahlrecht wurde in Österreich-Ungarn erst 1968 eingeführt.
Es war übrigens kein Schmetterlingsflügel, der den Orkan am anderen Ende der Welt auslöst hat, sondern die Entscheidung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers nicht durch Sarajevo zu fahren.

Im Buch konkurriert der Kunst-Student Alexej von Repin mit dem Hofastronomen Dudo Gottlieb um die Zuneigung von Gottliebs Frau Barbara. Die fängt eine Affäre mit Alexej an, während ihr Mann auf dem Mond weilt. Doch ein Komet droht die Erde zu treffen und alle Menschen zu töten.
Ein Psychoanalytiker versucht währenddessen herauszufinden, warum sein Patient, der Diplomingenieur Biehlowek beständig von Krieg und Genozid in Europa träumt.
In der Tradition von Philipp K. Dicks „Das Orakel vom Berge“ finden sich die echte Realität und weitere alternative Realitätsentwürfe als Skizzen im Buch.
In weiteren, nur angedeuteten Fiktionen stirbt Jesus an Altersschwäche oder Karthago siegt über Rom.

Der Roman hat einen gewissen wahren Kern. Denn der Jurist und Politiker Aurel Popovici erarbeitete das Konzept für eine alternative Staatsordnung Österreich-Ungarns, die „Vereinigten Staaten von Groß-Österreich“, und veröffentlicht das Konzept 1906. Es wurde nie umgesetzt, kam in der alternativen Realität von Hannes Stein aber zum Einsatz und beruhigte die Nationalitäten-Konflikte.

Der Roman ist keine Dystopie, aber auch keine Utopie, jedenfalls wenn man kein Monarchist ist. Er liest sich vergnüglich, aber er könnte gerne doppelt soviel Umfang haben. Das Ende ist abrupt und eher unbefriedigend. Da wäre mehr drin gewesen! Trotzdem ist es ein großer Spaß ihn zu lesen.

Hannes Stein: Der Komet, Berlin 2. Auflage 2016.

Der Bild-Betrug im Kapitalismus und bei den Rechten

Bildbetrug im Kapitalismus
Werbung und Kapitalismus an sich funktioniert stark über einen Bild-Betrug. Da werden Bilder gezeigt, um irgendwelche Produkte zu verkaufen, die die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen ansprechen.
Etwa Bilder von scheinbaren Naturlandschaften (in Nebel gehüllte Wälder, Sonnenauf- und untergänge, grüne Wiesen, Weizenfelder in voller Blüte). Oder das scheinbar einfache Landleben. Oder junge, gutaussehende Menschen beim Extremsport bzw. im Abenteuermodus.
Doch die beworbenen Produkte haben gar nichts mit den Bildern oder den damit verbundenen Versprechen (z.B. auf Freiheit, Erfolg oder Attraktivität) zu tun. Becks trinken, Audi fahren oder eine Zigarette rauchen, sind an sich kein Zugewinn an Freiheit. Aber irgendwie verfängt die Botschaft offenbar doch. Die Werbeindustrie spielt mit den Sehnsüchten der Menschen und verkauft Ersatzprodukte anstelle von echter Freiheit. Die gibt es ja auch gar nicht zu kaufen, sondern nur zu erringen.
Da den meisten Menschen durchaus klar sein dürfte, dass Zigarettenrauch nicht der Duft der Freiheit ist, handelt es sich nicht nur um einen Bildbetrug, sondern durch seine Offenkundigkeit auch um einen Selbstbetrug.

Untrennbar mit dieser Werbung verbunden ist das kapitalistische Glücksversprechen, was für die meisten nur ein Versprechen bleibt. Es besagt, dass jede*r es schaffen kann, wenn sie/er sich nur genügend anstrengen würde.
Da z.B. die in der Werbung angepriesenen Produkte und die dargestellten Abenteuerreisen und Extremsportarten teuer sind, müssen sie sich erst einmal erarbeitet werden. Dieses scheinbare Glück gibt es nur gegen Bares.

Generell funktioniert auch die Nahrungsmittel-Werbung größtenteils mittels Bildbetrug, der aber noch einmal Sonderformen annimmt. Dabei wird die Produkt-Herkunft bzw. -Entstehung bewusst verschleiert. Man schaue sich nur einmal die Werbung für Nahrungsmittel an. Bei pflanzlichen Nahrungsmitteln wird in der Werbung die scheinbar unverfälschte Natur gezeigt. Natürlich werden keine Großplantagen mit industrialisierten Betrieb gezeigt, sondern kleine, familiäre Betriebe, wo der Bauer lächelnd das Heu mit einer Heugabel von Hand umschichtet. Pflanzliche Nahrungsmittel werden dabei vor allem in ihrer unverarbeiteten Form beworben. Fleischliche Produkte dagegen werden fast nur als fertiges Produkt beworben. Als dampfendes Steak auf dem Teller beispielsweise. Das ergibt ja auch Sinn, denn es würden viel weniger Menschen Fleisch kaufen bzw. essen, wenn es mit lebendigen Tieren beworben werden würde.

Die Wiederkehr der Natur- und Agrarromantik
In Europa ist die Natur größtenteils gezähmt. Was die meisten Menschen immer als ‚Natur‘ wahrnehmen, also Wälder und Felder, ist in Wahrheit eine Kultur- und eben keine urwüchsige Naturlandschaft. So etwas wie echte urwüchsige Natur gibt es in Mittel- und Westeuropa gar nicht mehr. Jeder Baum, der umfällt wird weggebracht. Wälder sind nicht wild, sondern verwaltete Forste. Die Gewässer sind schon lange eingefangen und gezähmt, d.h. begradigt und bei den großen Flüssen wurden die für den Schifffahrtsbetrieb Inseln und Sandbänke entfernt. Die romantisierende Sicht z.B. auf ein Weizenfeld in voller Blüte ignoriert, dass es sich dabei zumeist um eine biologische Wüste („grüne Wüste“) handelt. Eine kleine, wildwüchsige Grasfläche mitten in Berlin hat teilweise mehr Vielfalt zu bieten als so eine mit Pesti-, Fungi-, Insekti- und Herbiziden hergestellte Monokultur.

Der Sehnsuchts-Blick der Städterin/des Städters richtet sich wieder verstärkt auf „das Land“. Davon zeugen etwa auflagenstarke Magazine wie „Landlust“. Doch diese Romantisierung von Natur und dem angeblich ‚einfachem‘ Landleben folgt einem Phantom, was es so gar nicht gibt.
Weder wird die mit dem „Landleben“ verbundene Plackerei beachtet, noch das inzwischen auch „das Landleben“ stark industrialisiert ist. Eine Bäuerin muss heute auch ein Bürokratin sein und sitzt viel im Büro und füllt Tabellen aus, sofern die Landwirtschaft nicht lediglich ein Nebenerwerb ist. Die Industrialisierung des ruralen Raumes hat zu riesigen Monokulturen in der Landwirtschaft geführt. Auf die Weite der dadurch zustande gekommenen und vereinsamten Felder – wo früher hundert Menschen arbeiteten, zieht heute nur noch ein Traktor einsam seine Kreise. Auf diese menschenleere Landschaft blickt der Mensch mit Sehnsucht nach dem vermeintlich Natürlichen. So ein landwirtschaftlich genutztes Feld ist aber keine Naturlandschaft, sondern eine Kulturlandschaft und noch dazu eine durch Pesti-, Herbi- und Insektozide sehr von Vielfalt entvölkerte Landschaft.

Der Waldgang der Rechten ist ein Holzweg
Rechte, wie die „Identitäre Bewegung“ (IB) übernehmen nun diese Trugbilder von Natur und Landleben. Die Rechte läd sie zusätzlich noch dazu mit ihrer völkischen Blut-&Boden-Vorstellungen auf. Da wird dann nicht nur ein Weizenfeld gezeigt, sondern zusätzlich noch eine junge Frau vom Typus „Blonde Maid“ mit zu Zöpfen geflochtenen langem Haar und in Tracht, die sanft mit der Hand über die Ähren streicht.
Mit ihrer völkischen Natur- und Land-Romantik befindet sich die IB in einer langen rechten Tradition. Abgestoßen von den engen, industrialisierten und verschmutzen Städten, gab es in der deutschen Rechten bereits seit dem 19. Jahrhundert eine Verherrlichung des Ruralen. Es waren vor allem StadtbewohnerInnen, die diesem Anti-Urbanismus anhingen. Das Land wurde in der Rechten zur Sehnsuchtslandschaft und die Großstadt zum Feindbild. Dieses wurde nicht selten noch antisemitisch aufgeladen, denn die Großstadt galt als Ort unter jüdischer Kontrolle.

Besonders die IB reproduziert in vielen ihrer Bilder eine bündisch anmutende Naturromantik. Sie huldigen einer Naturromantik und unechter Natürlichkeit, die der in der kapitalistischen Werbung frappierend ähneln. Nur bei ihr wird diese noch zusätzlich völkisch aufgeladen. Zumeist ist die völkisch interpretierte ‚urdeutsche‘ Landschaft auch das, was Identitäre mit dem Heimatbegriff assoziieren. Dabei weiß niemand – um bei dem Beispiel zu bleiben – wo das Feld ist, was die hübsche Blondine durchschreitet. Es könnte ebenso in der Uckermark sein, wie in Weißrussland.
Hinzu kommt ein weiterer Bildbetrug: Die Trachten. Auch die Identitären tragen im Alltag kaum Trachten. Sie stellen Trachten aber gerne als kulturelle Eigenheiten dar, um den Unterschied zu anderen Kulturen zu betonen. Im Grunde folgen aber auch die meisten Identitären demselben westlich-globalen lifestyle wie die anderen Jugendlichen ihrer Generation. Auch auf Bildern, die unter Parolen wie „Lederhosenrevolte“ oder „Lagerfeuer statt Disco“ von ihnen bei Facebook verbreitet werden, tragen die meisten Tshirt, Jeans und Sneakers. Martin Sellner, die Grinsekatze der Identitären, trägt dazu noch eine modische Sonnenbrille.
Außerdem sind die meisten der heute getragenen Trachten relativ jung und eigentlich Neuerfindungen der Frühmoderne, aber kaum jahrhundertealte Kleidungsstücke.

Die Identitären inszenieren sich mit Bildern, ähnlich wie die kapitalistische Werbung, mittels Bildbetrug. Ihre völkisch aufgeladenen Bilder von Natur und Landleben sind Bildbetrügereien. Ebenso ihre Bilder von deutscher Ursprünglichkeit, also z.B. vom Trachtentragen. Vermutlich haben die meisten von ihnen außerhalb der IB-Gruppenwanderungen kaum mit Wald und Wiesen zu tun, sondern hocken eher vor dem Rechner und konsumieren Youtube-Videos. Sie sind, auch wenn sie sich als das Gegenteil inszenieren, Kinder ihrer Zeit. Verwestlichte Jugendliche in Sneakern, die eher im Internet sind als an der frischen Luft. Diese Widersprüchlichkeit macht sie aber nicht ungefährlich, sondern eigentlich gefährlicher, weil sie so besser Anschluss finden.

Buchkritik „Was will die AfD?“ von Justus Bender


Der FAZ-Journalist Justus Bender publizierte dieses Jahr das Buch „Was will die AfD? Eine Partei verändert Deutschland“. Darin beschreibt er den Erfolg der AfD und die Gründe dafür. Diese sieht er u.a. in der Aufmerksamkeit der Medien für die Partei:

„Es ist eine große Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Medien, denen aus der AfD stets der Vorwurf gemacht wurde, ihr zu schaden, vielleicht größeren Anteil an ihrem Erfolg hatten als die Programmarbeit ihrer Parteimitglieder.“

(Seite 14)
Besonders reflektiert ist das Buch, wenn der Autor seine Rolle als Journalist selbstkritisch hinterfragt. Denn die Partei braucht und nutzt die Aufmerksamkeit. Sie ist eine Partei des Spektakels:

„Die AfD ist die Erfindung eines politisch-medialen Perpetuum mobiles.“

(Seite 19)
Skandale bei der AfD waren häufig eher kalkulierte Tabudurchbrüche von rechts als echte Skandale.

Im Buch versucht der Autor der AfD mit Platon zu Leibe zu rücken. Ob er so wirklich etwas erklärt, bleibt fraglich. Vielleicht würde ja Machiavelli mehr erklären als Platon, denn das Hauen und Stechen in der AfD ist eher ein machiavellistischer Konflikt. Hier kämpft jeder gegen jede. In Konflikten finden sich auf beiden Seiten Glücksritter und Ideologen. Bender identifiziert unter den Letztgenannten Nationalkonservative wie Nationalrevolutionäre. Zu den Nationalrevolutionären zählt er das „Institut für Staatspolitik“ und Kubitschek. Trotzdem sind die Konflikte in der Partei kaum noch inhaltliche Auseinandersetzungen. Bender sieht in ihnen Lagerkämpfe und keine Flügelkämpfe.

Bender macht auf den Nationalismus als Grundelement der AfD aufmerksam. Zu Recht weist er darauf hin, dass dieser häufig der Selbstaufwertung dient:

„Wollte man die Motivation mancher AfD-Anhänger ökonomisch erklären, man müsste eher sagen, dass ein Mensch, der für sich wenig Perspektiven sieht, seinen Wert anders definiert. Als Mitglied eines großen, starken Volkes zum Beispiel. Oder als Vertreter eines überlegenen Kulturkreises. Er mag arbeitslos sein oder seine Träume im Leben nicht verwirklicht haben, aber immerhin ist er noch Deutscher. […] Mangelndes Vaterlandspathos in der Gesellschaft, der immer wiederkehrende Hinweis auf den Nationalsozialismus oder ein befürchtetes Nebeneinander verschiedener Kulturen in Deutschland würden einem solchen Menschen subjektiv einen Teil seines imaginierten Selbstwertgefühls nehmen.“

(Seite 25-26)

Für Bender ist die AfD in drei Punkten eine Internetpartei:
* Sie nutzt das Internet zur Vernetzung von Gleichgesinnten, die früher nur schwer zueinander gefunden hätten.
* Die schnellere und hemmungslosere Internet-Kommunikation prägt den Stil der Partei insgesamt.
* Das Internet ist für die Partei ein Ort der Enthemmung und Radikalisierung.

Häufig funktioniert das Internet auch als Rache-Instrument in parteiinternen Konflikten.
Über den Charakter der AfD als Internetpartei versucht er die Radikalisierung der AfD zu erklären: „Die AfD ist eine Internetpartei. Und sie ist eine Partei der unbegrenzten Redefreiheit, das heißt, niemanden darf der Mund verboten werden, egal, was er sagt. Mehr Zutaten sind nicht nötig, um die Radikalisierung der Partei zu verstehen.“ (Seite 55)
Das erscheint aber ein wenig zu einfach und monokausal. Dennoch hat Bender nicht unrecht, wenn er meint die AfD erliege dem eigenen Vulgär-Libertarismus. Denn die Forderung nach einer Redefreiheit für alle, würden auch die offenen AntisemitInnen und vulgären RassistInnen in den eigenen Reihen für sich beanspruchen. So hat die Partei ihr eigenes Immunsystem verloren und ist ein Opfer der eigenen Redefreiheit geworden.

Witzig ist es als Bender eine Dystopie mit Poggenburg als Bundeskanzler entwirft, der über Volksentscheide durchregiert.

Als Gegenkonzept empfiehlt der Autor AfD-Positionen auf ihre Konsequenzen abzuklopfen:

„Üblicherweise sind es AfD-Politiker, die Behauptungen aufstellen, und Politiker anderer Parteien, die Behauptungen, die Statistiken und Appelle bemühen, um das Hingeworfene wieder einzusammeln. Entfällt das, müssen AfD-Politiker selbst sagen, wie weit sie gehen wollen.“

(Seite 197)
Er fordert dazu auf, die Frage nach dem Wie zu stellen und allgemein mehr nachzufragen und nachzuhaken. Etwa wenn die Partei sich als Verteidiger des Judentums inszeniert, aber ihre Forderung nach einem Schächt-Verbot auch Juden und Jüdinnen treffen würde.

Das Buch hat auch seine Schwächen. So erkennt Bender in der AfD keine extrem rechte Formation. Das begründet er damit, dass Rechtsextreme Diktatur-AnhängerInnen sein, AfDler aber nicht. Dabei lässt er aber unerwähnt, dass die autoritären ‚Lösungen‘ der AfD geradewegs in einer Diktatur enden würde.
Der ständige Bezug der AfD auf Freiheit und Demokratie darf nicht täuschen, sondern muss zu der Frage führen, was genau unter diesen Begriffen verstanden wird.

Noch ein Buch über die AfD. Kann man lesen, durchaus auch mit Wissensgewinn. Muss man aber nicht.

Justus Bender: Was will die AfD? Eine Partei verändert Deutschland. Pantheon München 2017.

Buchkritik „Die autoritäre Revolte“ von Volker Weiß

Leider hat Volker Weiß mit seinem Buch „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ dann doch nicht den Sachbuchpreis des Deutschen Buchhandels zur Leipziger Buchmesse gewonnen. Das ändert aber nichts daran, dass er ein äußerst kenntnisreiches Buch über die so genannte Neue Rechte vorgelegt hat.
Autoritäre Revolte von Volker Weiß
Weiß zeichnet die Geschichte der Neuen Rechten bis in die Gegenwart nach. Aktuell hat diese Strömung der extremen Rechten enorm an Einfluss gewonnen. Sie ist fest in der AfD verankert. Für diesen Erfolg hat die Neue Rechte die Gelegenheitsstruktur von AfD, PEGIDA etc. und den Diskurs um Flüchtlinge genutzt. Wobei die elitäre und akademisch geprägte Neue Rechte sich dafür zum PEGIDA-Pöbel begeben musste:

„In der Dynamik der Ereignisse traten nun Kader der Neuen Rechten wie der Verleger Götz Kubitschek vor einem großen Publikum auf. Waren die Massen ihnen bisher nicht gefolgt, so folgten sie nun eben den Massen […]“

(Seite 25)
Bis dahin war die Neue Rechte eher unbedeutend. Sie waren quasi Heerführer ohne Fußvolk.
Mit AfD, PEGIDA und Co. „fand [sie] eine wütende Basis“. Geschickt bediente sie eine Aufmerksamkeitsökonomie und verband sich mit dem neu entstandnen rechten Block und verließ damit ihr bisheriges Nischen-Dasein:

„Die Neue Rechte hatte schon längst eine ausgearbeitete Weltanschauung und musste diese nur noch an die erregten Massen weiterreichen. In dieser nächsten Phase wurde der reine Theoriezirkel verlassen und die Rednertribünen und vor allem das Internet betreten.“

(Seite 57)
Natürlich erwähnt Weiß auch das jüngste Kind in der neurechten Familie: Die „Identitäre Bewegung“. Für Weiß eine „Rechte Anti-68er mit 68er-Methoden“. Wobei die Identitären sich noch einmal durch die Trias von Regionalismus – Nationalismus – Europa auszeichnen.

Ihrem neu gewonnenen Unterbau liefert die Neue Rechte neben Stichworten auch Strategien, etwa die des taktischen Tabubruch zur Erlangung von Aufmerksamkeit in einer „Skandalokratie“, wie es der Nachwuchsneurechte Felix Menzel nennt.
Trotz aller Überholungen und Modernisierungen sind die Kernelemente der Neuen Rechten unverändert geblieben, auch bei dem tendenziell realpolitisch orientierten Flügel um die „Junge Freiheit“ und ihre „Bibliothek des Konservatismus“.
Der radikale Flügel der Neuen Rechten um das „Institut für Staatspolitik“ (IfS), der Antaios-Verlag und das Blatt „Sezession“ bedient sich einer „Rhetorik des Volksaufstandes“ und steht unverhohlen dem italienischen Neofaschismus um „Casa Pound“ nahe. Sie ist daher (national-)revolutionär orientiert und nicht wie der realpolitisch ausgerichtete Flügel parlamentarisch. Ziel der radikalen Neuen Rechten ist das Reich statt der Republik. Bei manchen heißt das Ziel auch „Eurasien“, ein Modell aus Russland, was sich gegen eine Westbindung ausspricht.
Vor ihre Annäherungen an Partei und Straßenbewegungen hatte die Neue Rechte vor allem auf die geistigen Einflussnahme gesetzt:

„In diesem Konzept zählt weniger Masse als vielmehr Macht. Auf diese, Weg versuchte das IfS, die jungkonservative Idee einer »Revolution von oben« umzusetzen.“

(Seite 74)
Trotzdem wurde diese als ‚Metapolitik‘ beschriebene Strategie nicht zur Gänze aufgegeben. Anhaltende Taktik der Neuen Rechten ist es bis heute „unter der Fahne des Konservativen die Grenzen bis weit in faschistisches Gelände hinein zu verschieben“ (Seite 39).
Dabei dürfen bürgerliche Konservative mit Neuen Rechten nicht verwechselt werden, auch wenn sich letztere gerne des Begriffs ‚konservativ‘ bedient.
Obwohl sich die Neue Rechte gern als ‚konservativ‘ labelt, weist Weiß eminente Unterschiede zum klassischen Konservatismus auf. Etwa wenn der Antaios-Verlag den „apokalyptischen Frauenfeind“ Donovan herausbringt und dessen „antizivilisatorischen Hypermaskulinismus“ propagiere. Dann hat das mit dem Staatsbezug von Konservativen nichts zu tun, denn Donovan predige den Staatszerfall und das Leben in Stämmen.
Ähnliches gilt für den Antaios-Bestseller-Autor Akif Pirinçci. Die sexistischen, antifeministischen und rassistischen Tiraden der Krawallschachtel Pirinçci würden im konservativen Milieu als zu vulgär abgelehnt werden.

Weiß geht auch auf die Geschichte des Abendlandbegriffs und zeigt die Verwendung von „Abendland“ als Kampf- und Ausgrenzungsbegriff.
Ähnliches gilt für ihren Europa-Begriff, es sei ein „Europa für Anti-Europäer“.
Als weiteren wichtigen Begriff führt Volker Weiß die „Konservative Revolution“ an, den er als Mythos enttarnt und problematisiert, weil er aus der Feder eines Rechten stammt. Schöpfer dieses Begriffes war Armin Mohler, ein Schüler von Carl Schmitt. Über Mohler schreibt Weiß:

„Sein Hauptfeind war, wie er immer wieder betonte, der Liberalismus, dem er den Marxismus kurzerhand zuschlug.“

(Seite 40)
Oder mit den Worten von Björn Höcke:

„Der Islam ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist die Dekadenz.“

Hier verweist der Autor auf einen wichtigen inhaltlichen Unterschied zwischen den neurechten Vordenkern und großen Teilen ihrer neuen Basis. In der Neuen Rechten wird in Form einer Dekadenz-Klage dem gesellschaftspolitischen Liberalismus und Universalismus die Schuld am vermeintlichen Niedergang des Vaterlandes gegeben. Das wird meist noch antiamerikanisch aufgeladen und einem „Amerikanismus“ die Schuld gegeben.

Zwar ist der Antisemitismus in der Neuen Rechten nicht derart massiv wie in der alten Rechten, doch Weiß erkennt immer noch ein großes antisemitisches Potenzial:

„Vergangenheitsbewältigung wird in allen Medien der Neuen Rechten als fremdinduziertes Mittel zur Unterdrückung der deutschen Identität gesehen. Von einem Abschied vom Antisemitismus kann vor diesem Hintergrund keine Rede sein.“

(Seite 226)
So beschränkt sich die neue Rechte eher darauf den Holocaust zu relativieren statt zu leugnen.
Weiß spricht sich an dieser Stelle auch gegen eine Gleichsetzung von antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus aus. Er erkennt im Antisemitismus wesentliche Unterschiede und benennt diese wie folgt:

„Der Antisemitismus bietet jedoch ein viel dichteres Weltbild zu einer Abwehr der Aufklärung. Niemand käme auf die Idee, dem Islam die Schuld an Fortschritt, Säkularisierung, Frauenemanzipation, Kulturindustrie, Marxismus und Liberalismus zu geben, also allen von der Rechten als schädlich reklamierten Begleiterscheinungen der universalistisch ausgerichteten Moderne. Mit den Negativmerkmalen des »ortlos« und »destruktiv« zirkulierenden Kapitals werden ausschließlich Juden von Antisemiten gleichgesetzt. Der Aufstieg des Islam zur Bedrohung gilt als Folgeerscheinung des Universalismus, während im Judentum vom Antisemiten seine unmittelbare Gestalt gesehen wird. Im ersten Fall hat der Gegner eine »wirkliche« fremde Identität, die aber auch zu schlagen ist. Im zweiten Fall wird die Auflösung des »Eigenen« ins absolute Nichts befürchtet. Diese Unterscheidung muss in der Kritik der Ressentiments beachtet werden.“

(Seite 227)

Mit dem politischen und orthodoxen Islam verbindet die Neue Rechte eine Art Hassliebe. Denn sie teilen sich einige Positionen, andererseits ist der antimuslimische Rassismus derzeit der wichtigste Treibstoff zur Erregung der rassistischen Massen. Weiß ordnet den Islamismus einer globalen antiemanzipatorischen „Konservative Revolution“ zu. In Anbetracht der ähnlichen Positionen durchaus nachvollziehbar und möglicherweise fruchtbarer als die Diskussionen über Islamismus-Faschismus-Analogien. Politischer Islam und Neue Rechte seien vereint in ihrem autoritären Ultrakonservatismus. Beide teilen auch dasselbe Feindbild:

„Offensichtlich ist die Feindschaft gegen den humanistischen Universalismus mittlerweile zum Dreh- und Angelpunkt der globalen »Konservativen Revolution« auf ihrer Suche nach der Identität des »Eigenen« geworden.“

(Seite 265)
Hier liest er auch einer kulturrelativistischen Linken die Leviten, die sich in manchen Punkten der ethnopluralistischen Rechten angenähert hat. Menschen werden häufig auch in linken Identitätsdiskursen auf ihre ethnische, kulturelle oder religiöse Herkunft reduziert. In der Folge wird dadurch oft ein universaler Geltungsanspruch von Frauen- und Menschenrechten aufgegeben. Im schlimmsten Fall werde derart eine Separation statt Akkulturation gefördert.
Die Rechte sieht in diesen linken Identitätsdiskursen eine Projektionsfläche für den unterdrückten eigenen Nationalismus. Möglicherweise nicht immer ganz zu Unrecht. Die Rechte dehnt dann den Diskurs um positiven Bezug um Herkunft und Kultur einfach auf die autochthone Bevölkerung aus und verlangt einen Schutz von deren Traditionen. Das ignoriert zwar die Machtverhältnisse und macht aus den Autochthonen eine bedrohte Minderheit, arbeitet aber auch mit ähnlichen Reduktionen.
Weiß tadelt auch die „Islamophobie“-Vorwürfe an Islamkritiker*innen. Nicht jede Kritik am Islam ist ein verstecktes Ressentiment.

Etwas bedauerlich nimmt sich die fehlende Analyse ökonomischer Ansätze der Neuen Rechten bei Weiß aus. Ein Teil der Neuen Rechten ergeht sich im Zusammenhang mit ihrer völkischen Globalisierungsfeindschaft in einer Art verbaler Antikapitalismus von rechts, freilich fast ohne jeden theoretischen Unterbau. Ein anderer Teil der Neuen Rechten ist ein seltsames Bündnis mit Marktradikalen und proamerikanischen Rechtslibertären eingegangen, was in Anbetracht der Staatsbezogenheit der Neuen Rechten verblüfft. Dieses seltsame Bündnis erwähnt Weiß leider ebenso wenig wie deren wichtigste Publikation: Das Monatsmagazin „eigentümlich frei“, was in Teilen der Neuen Rechten durchaus neben „Junger Freiheit“ und „Sezession“ goutiert wird.
Genauso wenig wird die christliche Rechte erwähnt, die neben dem Islamismus auch eine globale „Konservative Revolution“, also eine Konterrevolution, vorantreibt.
Schade auch dass Weiß zwar nur die Organisationsversuche im rechtskonservativen Flügel der Union erwähnt, die von den Neuen Rechten mit allerhand Sympathien begleitet wurden. In diesem Zusammenhang wäre es aber auch wichtig gewesen, den Versuch einer Nationalliberalisierung der FDP zu erwähnen, der Mitte der 1990er Jahre unternommen wurde.

Das sind alles aber nur Schönheitsfehler. Das Buch ist das kompetenteste und kritischste zum Thema, was in den letzten Jahren erschienen ist. Im Gegensatz zu den Kapiteln über die Neue Rechte in den neuen Büchern über die AfD von Tagesmedium-Journalist*innen ist Weiß seit Jahren in der Thematik drin und hat intensive Quellenarbeit betrieben. Konsequent reißt er das Legendengebäude der Neuen Rechte ab und entblößt die dahinter liegende Struktur.
Ein Muss für alle Interessierte an dem Thema!

Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017.

„Schwarzbuch AfD“ von Correctiv e.V. und Marcus Bensmann

Schwarzbuch AfD
Inzwischen mehren sich die kritischen Bücher zur AfD. Frisch erschienen ist das „Schwarzbuch AfD“ des journalistischen Recherche-Kollektivs Correctiv e.V. und von Marcus Bensmann, was sich in elf Kapiteln der AfD widmet.
Nach Einleitung und einem Rückblick auf die Geschichte der AfD werden im dritten Kapitel einzelne Programmpunkte kritisch betrachtet. Sie werden geradezu durchexerziert und dann wird ein Fazit gezogen. Das vierte Kapitel widmet sich dem Thema „Die soziale Basis der AfD“. Bei der Frage „Wer wählt die AfD?“ wird darauf verwiesen, dass nur 1/3 der AfD-WählerInnen die AfD aus Überzeugung wählen, der Rest besteht offenbar aus (rechten) Denkzettel-WählerInnen. Dazu passt, dass AfD-WählerInnen am stärksten pessimistisch eingestellt sind.
Mit anschaulichen Diagrammen werden die AfD-AnhängerInnen und ihre Positionen und Einstellungen dargestellt.
Ein Vergleich mit Trump-WählerInnen und Brexit-BefürworterInnen fördert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Tage. Etwa dass in allen drei Gruppen im Vergleich von rural (ländlich) und urban (städtisch), Rechte im ländlichen besser abschneiden. Hinzu kommt der Umstand dass Rechte unter Menschen mit geringer und mittlerer Bildung am besten abschnitten. Ebenso ist die Anfälligkeit von IndustriearbeiterInnen auffällig. Das wird im Buch mit einer Angst vor Globalisierung und der damit einher gehenden Deindustrialisierung erklärt. Das wichtigste Mobilisierungsthema der AfD war aber das Feindbild Flüchtling.
Im Kapitel 5 werden „Die Köpfe der AfD“ kurz vorgestellt. Konkret werden kurz die Biografien von Frauke Petry, Björn Höcke, Marcus Pretzell, Jörg Meuthen, Alice Weidel, Alexander Gauland, Beatrix von Storch, Andre Poggenburg, Josef Dörr, Markus Frohnmaier und Hans-Thomas Tillschneider dargestellt. Die Auswahl erscheint ein wenig willkürlich, da mächtige AfD-Landesfürsten wie Armin-Paul Hampel (Niedersachsen), Uwe Jung (Rheinland-Pfalz) oder Petr Bystron (Bayern) ausgelassen wurden. Dem wichtigen Thema „Die Finanziers und Förderer der AfD“ widmet sich das siebte Kapitel, worin u.a. um den parteieigenen Goldshop geht. Im darauf folgenden Artikel geht es um „Rechtsradikalismus, Rassismus, Antisemitismus“. Darauf folgt eine Vorstellung des instututionellen Umfelds, konkret von Pegida, des „Instituts für Staatspolitik“, der „Identitären Bewegung“ und der Reichsbürger. Danach kommt ein knapper Überblick über „Die Medien der Neuen Rechten“, konkret die „Junge Freiheit“, „Compact“, „KenFM“, „PI-News“, „Kopp-Verlag“ und „RT Deutsch“.
Das vorletzte Kapitel führt einen Faktencheck verschiedener AfD-Behauptungen durch und zum Schluss gibt es noch ein Ausblick.

Dafür dass Correctiv sich gerne als tadellos arbeitendes Recherche-Kollektiv darstellt, sind in dem Buch doch ein paar peinliche Fehler zu finden. So hieß die Parteiabspaltung unter Lucke nicht „Alpha“ (Seite 17), sondern ALFA. Der Kongress der europäischen NationalistInnen fand nicht in Konstanz (Seite 74), sondern in Koblenz statt. Die AfD wurde am 6. Februar 2013 im hessischen Oberursel gegründet und nicht an einem 14. April 2013 in Berlin. Ob der Listenplatz von Guido Reil als aussichtsreich (Seite 92-93) bezeichnet werden darf, kann getrost angezweifelt werden. Die Mitgründerin von PEGIDA hieß Kathrin Oerthel und nicht „Kathrin Oerpel“ (Seite 140). Auch stimmt es einfach nicht, wenn im Buch behauptet wird: „Die AfD sagt, dass Afrikaner ein spezielles Vermehrungsverhalten haben, das sich von Europäern unterscheidet.“ Das ist eine rassistische These von Höcke, aber keine Position der AfD. Mit solchen Fehlern macht man sich angreifbar. Auch ist es schlichtweg falsch, wenn von nichtbehinderten Kindern als ‚gesunden Kindern‘ (Seite 208) geschrieben wird. Gesundheit und Behinderung sind zwei unterschiedliche Dinge.
Diese Fehler können zwar alle verschmerzt werden, sind aber nichtsdestotrotz ein wenig peinlich.

Trotzdem bietet das Buch eine gute und aktuelle Einführung in das Thema, die sich besonders für Einsteiger*innen eignet.

Correctiv e.V. / Marcus Bensmann: Schwarzbuch AfD, Essen 2017.