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Buchkritik „Zwanzig Lewa oder tot“ von Karl-Markus Gauß

Der österreichische Reiseschriftsteller Karl-Markus Gauß schreibt in der Tradition eines Egon Erwin Kisch. Er nimmt seine Leser*innen in seinem Buch „Zwanzig Lewa oder tot“ (Wien, 2017) mit in die eher unbekannte Ecken Osteuropas. Es geht nach Moldawien, in die nordserbische Vojvodina, in die kroatische Hauptstadt Zagreb und nach Bulgarien.

Buch

Moldawien, das frühere Bessarabien, ist das ärmste Land Europas. Hier gibt es auch die schlechtesten Straßen Europas. Trotzdem oder gerade auf Grund seiner touristischen Unerschlossenheit findet Gauß Gefallen an dem Land. Er reist auch in das seit 1992 von Moldawien de facto abgespaltene Transnistrien und in die autonome Region der Gagausen, ein kleines Turkvolk, welches aber christlich-orthodox ist.
Im Gegensatz zu den antiziganistischen Klischees berichtet er vom sozialen Aufstieg der bessarabischen Roma in Soroca durch Hausiererhandel in der realsozialistischen Mangelwirtschaft. Diese Gruppe stellte den ersten Millionär in der Sowjetunion. Der relative Wohlstand schlug sich auch im Bau von großen Häusern nieder, die im Volksmund als „Zigeunerpaläste“ bezeichnet werden.
Im Gegensatz dazu steht seine Beschreibung des Roma-Viertel Stolipinovo im bulgarischen Plodiv. Es ist der größte Roma-Slum Europas, bewohnt von türkischsprachigen mehrheitlich muslimischen Roma. Trotz der Anfeindungen durch die bulgarisch-christliche Mehrheitsgesellschaft sieht Gauß hier noch Hoffnung bei den Bewohner*innen.
Überhaupt ist es Gauß anzurechnen dass er auch nach dem Schicksal angefeindeter und verfolgter Minderheiten schaut. So enthält das Buch auch jüdische Geschichten aus Moldawien, Bulgarien und der Vojvodina.

Das sympathische an Gauß ist, dass er nationale Mythen kritisch hinterfragt, etwa die nationalistische Wende in Zagreb. Der Nationalismus hat mit seinem Erstarken in Osteuropa nach 1990 viel zerstört, wie etwa in der Vojvodina:

„Wie in jeder Region, die ins Räderwerk der Gewalt und Gegengewalt, der Verfolgung und Rache geriet und ihm mit einem Donnerschlag der ethnischen Purifizierung zu entkommen versuchte, hat es auch der Wojwodina lange nachwirkenden Schaden zugefügt, dass das jahrhundertealte Ineinander der Nationen und Nationalitäten zerschlagen wurde.“

(Seite 97)
Er kritisiert auch den Staatssozialismus und die durch ihn verursachten Verwerfungen, wie auch die Schneisen, die der Nach-Wende-Kapitalismus durch Moldawien geschlagen hat.
Für Moldawien etwa analysiert er, wie sich korrupte parteikommunistische, nationalrumänische und liberale Regierungen abwechseln. Das EU-Gelder versickern ist eher die Ausnahme denn die Regel. Doch Gauß hat auch berechtigte Kritik an den Auswirkungen am EU-Sparregime und an der Einflussnahme der EU. So schreibt er:

„Um in Vorverhandlungen über Verhandlungen zum Beitritt in die Europäische Union einzutreten, hat die Moldau die grenze zum Unionsmitglied Rumänien aufrüsten müssen, auf dass niemand über dieses Land und diesen Fluss in die Union gelangen könne. Die Moldau selbst hat überhaupt nichts davon, dass sie sich von der Union und für die Union zum Grenzwächter abkommandieren ließ. Aber sie muss den Grenzwächter spielen, um mit der Union im Gespräch zu bleiben, und sie spielt ihn gewissenhaft. Überall im Lande rosteten die industriellen und landwirtschaftlichen Maschinen der einstigen Kombinate dahin; allein dieser Kampftrupp war technologisch mit Computern, Nachtbildkameras, Maschinengewehren auf den Unionsstandard AI-plus gebracht worden.“

(Seite 57)
Die EU profitiert noch auf andere Weise von Moldawien. Besonders die arbeitsfähige Generation moldawischer Frauen verdingen sich im Westen, in Russland oder die turksprachigen Gagausinnen in Istanbul als billige Arbeitskräfte. Deswegen wird in Moldawien eine ganze Generation von ihren Großeltern aufgezogen, weil die Mütter und Väter fast das ganze Jahr über im Ausland arbeiten müssen.
Nicht ganz so schlimm, aber auch nicht viel besser ist es in Kroatien, wie Gauß feststellt:

„Das Versprechen der Freiheit, die ihnen in Europa blühen werde, hatte sich für sie nur zur Hälfte erfüllt, denn konnten sie sich jetzt auch in Deutschland oder Dänemark um einen Job bewerben, mussten sie, wenn sie das nicht wollten, als Akademikerinnen von mehr als dreißig Jahren doch im Wohnzimmer der Eltern wohnen, das abends nach dem Fernsehen zu ihrem Schlafzimmer umgebaut wurde.“

(Seite 140)

Das Buch liest sich flott und unterhaltsam. Es macht Lust die beschriebenen Länder zu bereisen. Mit über 20 Euro für etwa 200 Seiten ist der Preis aber etwas hoch.

Karl-Markus Gauß: Zwanzig Lewa oder tot, Wien 2017.

Kurzrezension: „Kirschblütengedichte“ von Jürgen Jonas

Im Steinlachtal im Schatten der Universitätsmetropole Tübingen liegt der kleine Ort Nehren.
Hier wohnt Jürgen Jonas, ein Dichter und rasender Lokalreporter für das „Schwäbische Tagblatt“.
Gedichteband von Jürgen Jonas
Zu Ehren der Blüte von zehntausend Kirschen in Nehren hat er gedichtet und diese Gedichte sind 2011 gesammelt in dem Gedichteband „Kirschblütengedichte“ erschienen. In diesem nennt er sich in einem Gedicht einen „lausigen Lokalpoeten aus dem Steinlachtal mit dem Kirschenfeld“ (Seite 43). So lausig ist er aber gar nicht. Die Gedichte rangieren irgendwo zwischen verrückt und schön, manchmal sind sie auch beides. Schön sind Metaphern wie diese beiden Gedichtzeilen:

„Der Erdgrund bebt wie die Unterleiber
zweier Liebender.“

(Seite 36)
Diese „Kirchblütenpoesie“ lässt sich sehen und hören. Angenehm ist auch dass die Texte wenig heimattümeln, dafür enthalten sie zu oft ironische Stellen.
Wer gerne Gedichte über Kirschen, Kirschblüten und Kirschbäume liest, der/die greife zu. Nach der Lektüre hat man auf jeden Fall Lust bekommen, einmal durch diese Kirschbaum-Wälder zu spazieren.

Jürgen Jonas: Kirschblütengedichte, Tübingen 2011.

Buchkritik „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Buch

Das Buch „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee, bürgerlich Nelle Lee (1926-2016), mit dem Originaltitel „To Kill a Mockingbird“ erschien erstmals 1960 in den USA. Bis heute verkaufte sich dieser antirassistische Roman über 40 Millionen Mal und gilt schon längst als Klassiker. Trotzdem besitzt er bis heute Aktualität.
Die Autorin hat für ihr Buch offenbar viel Material aus ihrer eigenen Biografie verwendet. Sie ist in der Stadt Monroeville als Tochter eines liberalen Rechtsanwaltes aufgewachsen. Der Roman schildert das Leben in dem fiktiven Kleinstädtchen Maycomb im südlichen Alabama in den 1930er Jahren aus Sicht der Erzählerin Scout, Tochter eines liberalen und humanistisch eingestellten Rechtsanwaltes namens Atticus Finch. Dieser übernimmt die Verteidigung des Schwarzen Tom Robinson, dem zu Unrecht die Vergewaltigung einer weißen Frau vorgeworfen wird. Fortan ist er als „Niggerfreund“ sozial geächtet und Angriffen ausgesetzt. Auch seine beiden Kinder leiden darunter. Die kindliche Ich-Erzählerin verteidigt ihren Vater und ihren Bruder, zweifelt aber anfangs auch an der Haltung ihres Vaters:

„»Atticus, du musst dich irren.«
»Wieso?«
»Weil die meisten Leute denken, dass du dich irrst …«
»Sie sind durchaus berechtigt, so zu denken, und sie können auch verlangen, dass wir ihre Meinung respektieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selber leben. Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.«“

(Seite 170)
Es ist realistisch, dass Atticus zu dieser Zeit und an diesem Ort letztendlich in seiner guten Mission scheitert, denn der Angeklagte ist schwarz und die Jury weiß:

„Atticus hatte, um Tom Robinson zu retten, jedes Mittel benutzt, das freien Männern zur Verfügung steht, doch in den geheimen Gerichtshöfen des menschlichen Herzens war er als Verteidiger nicht zugelassen.“

(Seite 384)

Die bereits erwähnte Scout, ist am Buchanfang sechs Jahre alt und am Ende acht, hat einen zehn- bzw. zwölfjährigen Bruder, Jem. ‚Scout‘ heißt eigentlich Jean Louise und hat keine Lust darauf, die typische Mädchenrolle einzunehmen. Sie läuft in Hosen herum – damals sehr unüblich – und prügelt sich wie ein Junge. Die liberale Erziehung des Witwers Atticus Finch ermöglichen ihr diese Freiheiten. Unwissende Leser*innen bemerken auch erst nach einiger Zeit das Scout ein Mädchen ist. Dieser Wildfang in Latzhose kann auch nicht durch ihre später hinzugezogene Tante Alexandra gebändigt werden:

„Tante Alexandria war, was meine Kleidung betraf eine Fanatikerin. Ihr zufolge bestand für mich keine Hoffnung eine Lady zu werden, solange ich Hosen trug. Auf meinen Einwand, in einem Kleid könne ich nichts unternehmen, antwortete sie, ich solle ja auch nichts unternehmen, wozu man Hosen brauche.“

(Seite 133)
Sie will einfach keine Lady sein. Ihr Vater lässt ihr das durchgehen, denn er ist anders als andere Väter. Er ist ein – im besten Sinne dieses Wortes – weichherziger Intellektueller, der sich irgendwann dazu entschieden hat, nicht zu hassen. So behandelt er auch seine schwarze Köchin Calpurnia menschlich. Zu dieser Zeit im tiefen Süden der USA eine Ausnahme.
Als Dritter zu dem Geschwisterpaar gesellt sich noch der Feriengast ‚Dill“ dazu, dem Lee die Züge des mit ihr befreundeten Truman Capote gegeben hat.

In dem Buch wird kritisch der Rassismus thematisiert, aber ebenso werden, wie dargestellt, in dem Buch auch Geschlechterrollenbilder hinterfragt. Es ist somit nicht nur ein antirassistischer, sondern auch ein feministischer Klassiker.
Neben den Geschlechterrollen und dem Nebeneinanderleben von Schwarzen und Weißen werden weitere Gegensätze thematisiert, etwa ein Stadt-Land-Gegensatz bzw. der Gegensatz von Arm und Reich. Die Kleinstadt-Südstaatenristokratie, im Buch als „angesehene Familien“ beschrieben, schaut verächtlich auf die weiße Unterschicht in der Stadt und die kulturell andersartigen und verarmten Weißen, die auf dem Land und in den Wäldern wohnen.
Auch Religion spielt eine große Rolle, immerhin spielt die Geschichte in den 1930ern im so genannten „Bible Belt“:

„»Du bist zu jung, um das zu verstehen, aber manchmal ist die Bibel in der Hand eines bestimmten Mannes schlimmer als eine Flasche Whisky […]«“

(Seite 77)

Die Sprache ist dicht und schön. Die naive Perspektive von Scout überzeugt meist, auch die dabei verwendeten Metaphern lesen sich gut, wie etwa die folgende:

„Wenn ich mit Francis sprach, hatte ich immer das Gefühl, ich sänke langsam auf den Grund des Ozeans. Er war das langweiligste Kind, das mir je begegnet ist.“

(Seite 133)

Wer das Buch noch nicht kennt, die/der sollte es unbedingt lesen!

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört, Hamburg 3. Auflage 2017.

Buchkritik: „Die Angstmacher“ von Liane Bednarz


Dieses Jahr erschien das Buch „Die Angstmacher. Wie rechte Christen Gesellschaft und Staat unterwandern“ von Liane Bednarz. Darin beschreibt die konservative Autorin, wie ein Teil der konservativen ChristInnen in den letzten Jahren politisch nach rechts gewandert ist und Bündnisse mit der sogenannten „Neuen Rechten“ eingeht.
Als Ausgangspunkt für diese Entwicklung sieht sie auf katholischer Seite die Debatte um den konservativen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van-Elst. Die Kritik an dessen Ausgaben für seine Residenz sei von traditionalistischen KatholikInnen als Angriff auf die Rechtgläubigen interpretiert worden. Dazu wären noch der Pontifikatswechsel vom traditionalistischen Papst Benedikt zu seinem liberaleren Nachfolger Franziskus und eine allgemeine Heimatlosigkeit gekommen. Letzteres findet sich auch bei vielen rechten ProtestantInnen.
Als Scharfmacher unter den rechten ChristInnen erwähnt Bednarz die Publizisten Matthias Matussek, Alexander Kissler und Jürgen Liminski.
Klar benennt die Autorin auch die Widersprüche und die Verlogenheit bei den rechten ChristInnen. So wird einerseits die Kritik von Kirchen-Oberen an der AfD als unzulässige Einmischung in die Politik gegeißelt und andererseits werden die Grünen ständig heruntergeputzt. Einerseits wird Erdogan als Autokrat kritisiert, aber andererseits wird der Autokrat Putin gelobt:

„Dieselben Leute, die den autoritären Kurs des türkischen Präsidenten Recep Erdogan kritisieren, verteidigen Putin oder die PiS-Regierung. Warum? Solch ein Werterelativismus ist Ausdruck eines konsequenten Denkens in Feindbildern.“

(Seite 56-57)
Gleichzeitig wird die parlamentarische Demokratie in Deutschland als diktatur-ähnlich diffamiert.
Bednarz nennt den Stil unter rechten ChristInnen „politreligiös“. Die Bündnisse mit den ‚Neuen Rechten‘ sieht sie in den gemeinsamen Feindbilder begründet, etwa in der Feindschaft gegen die EU. Bei beiden fände sich zudem Untergangsrhetorik und das „Geraune von der Neuen Weltordnung“.
Alle ihre Beobachtungen belegt Bednarz mit Quellen und Zitaten. Das ganze Buch ist eine Art Appell an konservative ChristInnen sich dem Rechtsruck zu verweigern. Ihr Ziel skizziert die Autorin auch noch einmal ganz am Ende des Buches:

„Wenn solche Gläubigen erkennen können, dass Christentum und ein neurechter Blick auf auf die Welt letztlich inkompatibel sind, dann lohnt es sich, bei nach rechts gedrifteten Christen und AfD-Anhängern für diese Erkenntnis zu werben.
In diesem Sinne ist auch das vorliegende Buch zu verstehen. In der Auseinandersetzung mit rechten Positionen sind die Kirchen und Gesellschaft gefordert, auch dezidiert konservative und streng fromme Positionen auszuhalten, was namentlich vielen im linksliberalen und linken Milieu mitunter schwerfällt.“

(Seite 241)

Dass das Buchs sehr mit der Perspektive potenzieller Allianzen mit der Neuen Rechten geschrieben wurde, strengt manchmal etwas an.
Da sich die Autorin selber als Konservative versteht, geht sie für eher linke Leser*innen manchmal seltsame Wege der Argumentation. Etwa, wenn sie für die „Ehe für alle“ plädiert, weil diese ja im Grunde durch ihre verpflichtende Monogamie christlich und konservativ sei.
Allgemein ist Bednarz sehr verständnisvoll gegenüber ihrem konservativen Klientel. Diesem tut sie den Gefallen den Nachkriegs-Konservatismus idealtypisch von der politischen und ‚Neuen Rechten‘ zu trennen:

„Es geht um die Anhänger des bereits erwähnten Konservatismus bundesrepublikanischer Prägung auf der einen Seite und um die sich als konservativ ausgebende Rechte, die in der Tradition der Rechtsintellektuellen der Weimarer Republik steht.“

(Seite 25-26)
Der CDU bescheinigt sie von Anfang an eine katholisch-universalistische Ausrichtung. Damit verklärt Bednarz den autoritären Adenauer-Konservatismus und ignoriert vieles. Sie lobt den Pragmatismus des Adenauer-Konservatismus, vergisst aber die daraus resultierende Integration alter Nazis zu erwähnen. Die Adenauer-Regierung rehabilitierte aus pragmatischen Gründen hunderttausende alter Nazis, darunter auch direkte NS-Kriegsverbrecher, und hielt die Hände schützend über sie.
Bednarz machten den Fehler das sie den Nachkriegs-Konservatismus nur mit politikwissenschaftlichen Bücher zu erfassen versucht, die vor allem versuchen ihn ideengeschichtlich zu bestimmen. Die Realität und Praxis sahen dagegen anders aus. Armin Mohler, geradezu der Erschaffer der ‚Neuen Rechten‘, schrieb Reden für Strauß. Es gab Zwangsheime für so genannte „gefallene Mädchen“, in denen zehntausende junger Frauen Arbeit verrichten mussten. Es gab Bücherverbrennungen gegen unchristliche und unsittliche Literatur. Usw. usf.
Außerdem tut Bednarz so, als wären die rechten ChristInnen erst seit dem allgemeinen Rechtsruck so richtig entstanden. Dabei haben rechte ChristInnen eigene Traditionslinien, etwa den Kampf gegen das Zweite Vatikanische Konzil auf katholischer Seite. Auch das sie von „unterwandern“ führt schnell auf eine falsche Fährte. Hier kommt niemand von außen und „unterwandert“ irgend etwas. In Wahrheit geht es um innerkirchliche Machtkämpfe.
Dazu kommen noch kleinere Detail-Fehler. So sind die Gildenschaften keine schlagende Studentenverbindung (S. 34), der Name von Markus Frohnmaier (S. 104) wurde falsch geschrieben, mit „Ismael Tipi“ (S. 142) dürfte Bassam Tibi gemeint sein und Andreas Unterberger betreibt nicht den Blog unzensuriert.at (S. 214).
Das Buch lässt sich trotzdem mit Gewinn lesen, es ist aber nur ein Puzzlestück zum Verständnis der rechten ChristInnen.

Liane Bednarz: Die Angstmacher. Wie rechte Christen Gesellschaft und Staat unterwandern, München 2018.

Kurzrezension „Waffenwetter“ von Dietmar Dath


Dietmar Dath hat 2007 den Roman „Waffenwetter“ veröffentlicht. In ihm schreibt er konsequent aus der Sicht von Claudia, einer 18-Jährigen kurz vor dem Abitur. Der Blick in den Kopf eines weiblichen Teenagers scheint durchaus authentisch.
Claudia Opa Konstantin ist ein alter Parteikommunist und Stalin- und Lenin-Anhänger, der in seiner ausgestorbenen Parallelwelt lebt:

„»ich bin ja korrespondierendes mitglied der nichtexistenten internationale.« […] wir treiben in verschiedenen kleinstarchen auf dem meer der unwissenheit, des verrats, ach, warum nicht klassisch: des irrtums, und schicken einander brieftauben.“

(Seite 79)
Ironischerweise ist Konstantin gleichzeitig Millionär. Dass der Kommunisten-Opa Millionär ist, mutet wie Satire an. Wer aber weiß dass die stalinistische MLPD zweimal die höchste Einzelparteispende erhalten hat, weiß dass es auch reiche SympathisantInnen von K-Parteien gibt.
Konstantin plant mit seiner Enkelin eine Reise nach Alaska, wo eine angebliche Wetterwaffe namens HARP ihren Standort hat. Diese will der Opa mit seiner Enkelin untersuchen.
Die hat aber auch noch andere Probleme, u.a. hat sie einen älteren „heimlichen geliebten“.

Die Buchstaben sind konsequent klein geschrieben und Sätze brechen oft unvermittelt ab. Das soll den authentischen Teenager-Gedankengang untermalen.
Dath hat immer wieder ein paar schöne Sätze wie die folgenden:

„die zwei wachmänner vor dem lebensmittelladen gucken osterinselkopfmäßig steinern zu uns her, […]“

(Seite 106)

„warum schauen wir der welt noch zu? weil wir die fernbedienung verloren haben.“

(Seite 205)
Auch einzelne Worte wie „französischerfilmschmollmund“ oder „karojackenvater“ sind richtige Perlen.
Trotzdem kann der Roman nicht so richtig zur Lektüre empfohlen werden. Er wird in der zweiten Hälfte immer wirrer und die Fight-Club-mäßige Auflösung des Ganzen überzeugt nicht wirklich.

* Dietmar Dath: Waffenwetter, 2007