Archiv der Kategorie 'angesehen '

Hilfe die Deutschen kommen!

Am 20. September habe ich mir auf SAT.1 den fünften Teil von sechs Folgen, der seit dem 23. August laufenden, „Doku-Soap“ „Wie die Wilden – Deutsche im Busch“ (21.15-22.15 Uhr) angesehen.
Das Format nennt sich zwar „Doku-Soap“, aber ehrlicher ist die Einordnung auf der Homepage von SAT.1 in der Kategorie „comedy_show“ (a).
Allein der Titel der Sendung ließ schon auf einen konstruierten Gegensatz Busch/Wildnis/Wilde – Zivilisation/Kultur/Deutsche schließen.
Drei Mittelschichts-Familien aus Deutschland wurden für die Serie für einige Zeit in indigenen Kulturen in den Ländern Togo, Namibia und auf der Insel Siberut vor Sumatra (Indonesien) untergebracht.
Familie Düvel wurde bei den Himba in Namibia, die Familie Fröhlich bei den Tambermas in Togo und die Familie Sauerzapf-Koch bei den Mentawai in Indonesien untergebracht.
Ziel dieses seltsamen Experimentes war es angeblich, dass die Familie in den „Stamm“ aufgenommen wird („Stamm“ ist dabei der üblich kolonial-eurozentrische Begriff für Ethnien und Völker in Afrika.).
Interessant war, dass zwei von drei Familien in zwei Ländern untergebracht wurden, die früher deutsche Kolonien („Schutzgebiete“) waren. Ein seltsamer Zufall ….
Das in Togo gerade, also zu Zeiten der Dreharbeiten, eine ziemlich blutige Diktatur herrscht scheint auch nicht sonderlich gestört zu haben. Damit liegt Sat.1 aber nur auf bundespolitischer Linie, die ja auch Flüchtlinge gnadenlos in das westafrikanische Land abschiebt.
Es wurden für diese „Doku-Soap“ im Übrigen nur indigene Kulturen ausgewählt, deren Frauen – zumindest für das Fernsehen – barbusig auftraten. Das kleine Volk der Himba ist deswegen schon früher das Ziel von TV-Dokus gewesen. Bei den hart auf Einschaltquoten rechnenden TV-Funktionären ist es sicher kein Zufall, vielmehr wird auch die Geilheit des männlichen TV-Publikums bedient. Das hat auch seine koloniale Entsprechung in Pseudo-Völkerkundlichen Studien für den kleinen Mann mit einer Menge Abbildungen von barbusigen „Wilden“.
Leider bin ich kein Kenner der Kulturen dieser Länder, aber mir erscheint es vor allem in Hinblick auf die Arbeitsweise der Medien, nicht unwahrscheinlich, dass einiges vor Ort erst auf wild getrimmt wurde. Ob die Tambermas in Togo wirklich immer im Alltag solche Hörnerhelme tragen? Ob alle Angehörige der drei indigenen Kulturen immer im Lendenschurz herumlaufen und nie mit einem T-Shirt? Die Vermutung liegt nahe, dass hier die Fernseh-Leute im Vornherein eine Bereinigung vorgenommen und alles auf Wilderness gestylt haben, bzw. was sie dafür hielten.
Auch bei den Übersetzungen bin ich misstrauisch. Einige Kommentare der „Wilden“ waren doch sehr klischeehaft.
Das ist übrigens nichts Neues. Schon frühe Tibet-Touristen um 1900 hatten die örtlichen Lamas angewiesen ihre halbmondförmigen Mützen für das Fotopublikum in der Heimat wie ein Bockshorn aufzusetzen, obwohl sie eigentlich anders herum getragen werden.
Da es sich bei den Familien nicht um erfahrene EthnologInnen mit dem entsprechenden Einfühlungsvermögen handelte, kam es zu einer Reihe von Konflikten und Problemen. Genau diese waren das Mittel, um Zuschauer für dieses Machwerk zu interessieren.
Eine Familie von vier oder fünf Weißdeutschen wird ihn eine Ihnen fremde Kultur gesteckt, deren Sprache sie nicht kennt und man braucht nur noch auf die Konflikte warten.
Der Höhepunkt für den Zuschauer der fünften Folge war wahrscheinlich, als die Tambermas in Togo einen Hund opfern wollte. Ob das nur für das Fernsehen so gemacht werden sollte oder so üblich ist, ist mir leider unbekannt.
Der Konflikt wurde jedenfalls so gelöst, dass die deutschen Bambie-Tierschützer („Wir schützen nur, was niedlich ist“) sich darauf einigten, dass eine geopferte Ziege ok sei.
Kaum überraschend sorgten auch die unterschiedlichen Eßgewohnheiten für Konflikte. Die bemitleidenswerten Kinder der Familien reagierten automatisch mit Ekel auf das Essen und waren auch sonst sehr renitent. Kaum verwunderlich, sie waren ganz offensichtlich nicht freiwillig mitgekommen, sondern von ihren Hippie-Eltern auf exhibitionistischen Selbsterfahrungstrip mitgepresst worden. Das Kind der Sauerzapf-Kochs hatte die, wahrscheinlich nicht ganz unbegründete Angst, zurück in bundesrepublikanischen Gefilden wegen seines Vaters mit Winnetou-Komplex im Lendenschurz zum Gespött der Klasse zu werden.
Vollkommen schwachsinnig wurde es, als sich Oberstudienrat Heinz gegenüber den Himba standhaft weigerte ein Kleid anzuziehen, weil er dann für „homosexuell“ (ganz korrekt, nicht etwa schwul, schwuchtelig oder weibisch) gehalten werden könnte.
Insgesamt ein übler Ethno-Kitsch mit oberflächlicher Toleranz und untergründigen Anklängen von Herrenmenschen-Mentalität, weil immer im Hintergrund schwebte „Gott wie DIE leben“ oder eben „Wie die Wilden“.
Genau deswegen wird das Format der Sendung unter anderem von der Namibischen Botschaft und der Gesellschaft für afrikanische Philosophie stark kritisiert.
Ein Dr. Roger Schawinski schreibt sogar die Serie verstoße gegen die Menschenwürde nach Art. 1 GG (b), denn „gemäß § 16 LMG und § 41 RStV haben die Rundfunkprogramme die Würde des Menschen zu achten. Nach ständiger Rechtsprechung ist mit der Menschenwürde der soziale Wert und Achtungsanspruch des Menschen verbunden, der es verbietet, den Menschen seiner Subjektqualität zu entkleiden und zum bloßen Objekt zu degradieren.“ (b)
Weiter führt Schawinski aus: „Anders als bei Sendungen wie Big Brother kann hier das Argument der Freiwilligkeit und des Selbstbestimmungsrechts wohl kaum herangezogen werden, da die Betroffenen die Verwertung des Filmmaterials und die damit verbundene negative Konnotation sowie die Herabwürdigung ihrer selbst, ihrer Lebensumstände, ihrer sittlichen Auffassungen und ihrer Kultur weder voraussehen konnten, noch darüber aufgeklärt wurden.“ (b)
Emporgehoben und vollkommen unkritisch aufgenommen hingegen wurde die Sendung vom SPIEGEL, da heißt es: „Deutsche in Afrika: Wer jetzt an Kolonialherrenstolz oder Dschungelcamp-Zynismus denkt, liegt falsch.“ (c) und eine Unterzeile des SPIEGEL-Artikel lautet sogar „Entdeckung des Fremdkörpers“ (c). Im Fazit heißt es dann: „Schön, dass Sat.1 es fertig gebracht hat, die Stämme nicht vorzuführen, sondern deren Traditionen als völlig selbstverständlich zu zeigen. Und den Deutschen gebührt Respekt: Ihr Anpassungswillen ans Fremde ist über jeden Kolonialherrendünkel erhaben.“ (c). So wird konsequent versucht postkoloniale Herrenmenschenattitüden wegzuleugnen.

by R. Schwarzenberg
[23.10.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Siehe: http://www.sat1.de/comedy_show/wiediewilden/
(b) Nach: Dr. Roger Schawinski: Betreff: SAT.1-Doku-Serie: „Wie die Wilden – Deutsche im Busch“; http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/wiediewilden.htm
(c) Nach: Peer Schader: Stammgäste in Not, 23. August 2006; http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,433129,00.html