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Antispe-Diskussion: Hurra ich kapituliere

Liebe Antispes,

ihr habt ja Recht. Eurer zwingenden Logik ergebe ich mich mit erhobenen Händen. Adorno und Horkheimer pflichten euch ja auch bei, da könnt ihr ja nur Recht haben. Ich jedenfalls konvertiere jetzt hiermit offiziell zum Antispeziesismus. Damit ist die Diskussion beendet. Gewonnen habt ihr! Wie alle zum wahren Glauben Bekehrte werde ich mich nun erst einmal in Selbstreflexion über mein bisheriges, sündiges Leben üben. Anfangen werde ich mit dem vorvorgestrigen Tag:

Ein Tag im Leben eines vegetarischen Speziesisten aus rückblickender Antispe-Perspektive
Ich stehe gegen um acht Uhr auf und gehe runter in die Küche. Hier esse ich mein Morgenmüsli und trinke dazu ein Glas „weißes Blut“ (Milch), dass durch die „Vergewaltigung“ von Kühen erzeugt wurde. Auf „Bienenerbrochenes“ (Honig) verzichte ich, das ist nicht so mein Stil fürs Frühstück.

Wie mir meine Mutter aufgetragen hat, gehe ich danach in den Garten, um die Schildkröte zu füttern.
Kriki
Unsere Hausschildkröte heißt Kriki und ist seit mehr als 70 Jahren in ihrem „Recht auf Autonomie“ massiv eingeschränkt, denn Zeit ihres langen Lebens wird sie von meiner Familie grausamerweise in einem draht- bzw. gartenzaunumzäunten Bereich des Gartens „gefangen gehalten“. Dass die „Langzeitgefangene“ in freier Wildbahn niemals ein so hohes Alter erreicht hätte, kann natürlich keinesfalls eine Begründung für ihre Einkerkerung darstellen. Selbst wenn die Schildkröte ganz zufrieden wäre mit ihrer „Sklaven-Existenz“, wir wissen ja mit Marie von Ebner-Eschenbach: ,„Glückliche Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“ Aber Kriki ist ja vermutlich gar nicht zufrieden. Wahrscheinlich beißt sie mir aus Protest in den Finger während ich sie mit Nudeln füttere.
Ich sollte unsere halbblinde Schildkröte umgehend freilassen und ebenso die zweite „Gefangene“ im Haus, meine Vogelspinne. Die sollte ich in einen Briefumschlag zurück nach Mexiko in die Heimat ihrer Ahnen schicken. Das Ganze würd ich dann übrigens „Tierzionismus“ nennen, die „nichtmenschlichen Tiere“ kommen zurück in ihre angestammte Heimat, wo sie dann sicher leben können.

Mein Opa hat sogar schon mal die unbefruchteten Eier von Kriki probiert. Schildkröteneier gelten ja als Delikatesse. Mit demselben Opa esse ich dann zu Mittag. Ich brate uns Zucchini. Das ist vegetarisch. Mein Opa ißt aber gerne auch mal Fleisch. Da ja Fleischessen „Mord“ ist, ist er ein Mörder-Opa, ebenso wie meine Eltern Mörder-Mum und Mörder-Papa sind. Doch ich darf mich als Vegetarier nicht zu sicher fühlen. Schließlich gilt: Auch „Vegetarier sind Mörder!“. Schon, dass ich die Zucchini mit Quark im Wok anbrate, ist eine Beteiligung an der „Tierausbeutung“.

Als ich nach dem Mittagessen einkaufe, sehe ich die BILD-Zeitung mit dem Wohlstandschauvinisten und Rassisten Thilo Sarrazin auf dem Titelblatt, der auch noch als „Klartext-Politiker“ bezeichnet wird und dessen neues Hetz-Werk beworben wird. Spontan denke ich: „Was für ein Schwein und er bekommt auch noch die Möglichkeit seine Sauereien einem Millionenpublikum als ernsthafte Thesen vorzustellen.“ Heute weiß ich natürlich, dass speziesistische Verwendung von Begriffen wie „Schwein“ oder „Sauereien“ vermieden werden sollte, da sie die Dichotomie zwischen „menschlichen Tieren“ und „nichtmenschlichen Tiere“ verstärken bzw. „nichtmenschliche Tiere“ einfach „diskriminieren“.

Am späten Nachmittag übe ich noch etwas das Autofahren. Dass würde ich heute lassen. Auf der Homepage veganwiki.de kann man nachlesen, dass Autofahren nicht ganz vegan-koscher ist: „Autos töten Insekten. Busse enthalten tierische Fette als Schmiermittel. Verzichtbar?“ Daher wird geraten: „Es ist grundsätzlich möglich, sich ausschließlich vegan fortzubewegen, z. B. durch vorsichtiges Radfahren oder Fußgehen. Längere Strecken können ganz vermieden werden, z. B. durch Urlaub zu hause oder Umzug in den Ort, in welchem man seine Arbeitsstelle hat.“

Am Abend schaue ich mir eine TV-Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg an. Der Kommentator verurteilt energisch die Verbrechen der Deutschen. Als Antispeziesist weiß ich heute, dass diese Perspektive etwas einseitig ist. Klar, die Nazis waren schon ziemlich böse. Aber wurden die alliierten Armeen nicht auch mit „Leichen“ (Fleisch) versorgt, die durch „industriellen Massenmord“ an „nichtmenschlichen Tieren“ hergestellt wurden? Und überhaupt sind nicht alle Fleischesser sowieso irgendwie „Nazis“? Immerhin heißt es ja: „Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi“. Soll ja sogar ein Auschwitzüberlebender gesagt haben und so jemand muss es ja wissen. Irgendwie haben damit im Zweiten Weltkrieg dann auch nur Nazis gegen Nazis gekämpft.
Gottseidank gibt es ja neuerdings parallel zur „Antifaschistischen Aktion“ auch die „Antispeziesistische Aktion“.

Bevor ich einschlafe, höre ich das Summen einer Mücke. Sie wird mich beim Einschlafen quälen und am Morgen werde ich ihre kratzenden Einstiche vorfinden. Es sei denn … ja, es sei denn ich erwische sie. Skrupellos stelle ich der ahnungslosen Mücke eine Falle. Bewegungslos warte ich bis sie landet und schlage blitzschnell zu. Treffer! Heute weiß ich: Ich habe gemordet! Insekten besitzen zwar „nur ein wenig ausdifferenziertes Nervensystem“, aber „wäre eine antispeziesistische Praxis denkbar, die mit allen Mitteln für die Befreiung von Säugetieren, Vögeln usw. kämpft, aber gleichzeitig das Züchten, Töten und Essen solcher Tierarten für legitim hielte?“ Nein, schließlich stellt ja auch Martin Balluch „in seinem Buch Die Kontinuität von Bewusstsein. Das naturwissenschaftliche Argument für Tierrechte dar, dass zumindest bei Insekten, vor allem bei Bienen, Formen von Bewusstsein ausdifferenziert sind“. Balluch „rät, sehr vorsichtig damit zu sein, in einem Graubereich, in dem wir uns nicht ganz sicher über die Bewusstseinszustände von Lebewesen sind, einfach eine willkürliche Grenzlinie zwischen bewusst und unbewusst zu ziehen.“ Man solle nach Möglichkeit davon ausgehen, dass alle Wesen ein Bewusstsein hätten. Das tat ich bei der Mücke nicht. Kaltblütig habe ich ein Insekt gemordet, was ja immerhin ein Bewusstsein hätte haben können.

Die Antispe-Diskussion: Drei Kommentare, drei Gegenpositionen

1. Antwort auf Antispe-Kommentar von „schwarzekatze“

Bsp: lies das mit dem Länder-sind-dümmer-als-andere-Länder nochmal durch, und frag dich, ob das nicht Blödsinn war. Oder ob Antispes jemals behauptet hätten, Affen wären schlauer als Menschen. Deulich wird dir anscheinend selbst, wie relativ der Unterschied zwischen „Mensch und Tier“ doch ist.

Nö, Antispes haben nirgendwo behauptet, dass Affen allgemein schlauer wären als Menschen. Aber Antispes behaupten es gäbe keine eindeutige Grenze zwischen Menschen und Tieren. Ein Paradebeispiel dabei ist es, zu sagen, dass geistig behinderte Menschen oder Kleinkinder ja unter oder auf demselben geistigen Niveau von Affen rangieren und die beiden erstgenannten würde man ja auch nicht essen. Dabei argumentiert man aber mit individuellen Einzelfällen. Nicht die Arten werden verglichen, sondern einzelne Exemplare. Mit solchen Vergleich kann man aber gar nichts über die Unterschiede zwischen den Arten aussagen.
Ich bleibe dabei: Wer den Mensch-Tier-Unterschied auf Technik (selbst im weitesten Sinne) und Kleidung reduziert, wie es die Antispes aus ideologischen Motiven heraus tun zu müssen glauben, der/die simplifiziert komplizierte Sachverhalte in geradezu vulgärer Weise.
Sprache (mit Sprache ist keine rudimentäre Verständigung gemeint sondern die Fähigkeit komplexe Sachverhalte und Gedanken zu formulieren), Kunst und Kultur, Zivilisation, Ich-Bewußtsein, Selbstverortung in einem größeren Kontext, Voraussicht, art- und familienverbandsübergreifende Empathie, Bewusstsein von Glück, Nichtintentionalität, vernunftbegabtes Denken, Abstraktion werden einfach mal so als Unterschied ausgeschlossen, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf. Selbst wenn einzelne dieser Punkte sich auch bei einzelnen Tierarten wiederfinden (was ich im Einzelfall aber noch einmal genau bewiesen haben möchte, das Wiedererkennen im Spiegel ist ja ganz nett, ob es aber tatsächlich ein Beleg für „Cogito ergo sum“ ist bezweifle ich ich weiterhin), könnte es nicht eventuell sein, dass das Gesamt-Bündel dieser Unterschiede die Grenze zwischen Menschen und allen Tieren markiert? Und bevor wieder die Entgegnung kommt, bei einzelnen Menschen fänden sich einzelne Erkennungsmerkmale nicht, sei darauf hingewiesen, dass repräsentative Durchschnitte verglichen werden und Ausnahmen eben doch nicht die Regel widerlegen. Einen einzelnen Affen, der Hegel lesen kann, bin ich gerne bereit als gleichwertig zu akzeptieren, solange er aber kein repräsentatives Beispiel für seine Art ist, wird nur er in den exklusiven Club der Menschen und Gleichwertigen aufgenommen.

Witzig ist, wie du einerseits die Parteinahme für Säugetiere als „Kuscheltier“-Schutz-Verhalten bezeichnest, ein paar Absätze darüber selbst Vermutungen anstellst, welche Tiere Leid empfinden können und deshalb eher verschont bleiben sollten. Du widerlegst dich quasi selbst.

Diese Vermutungen sind theoretisch. Es ging, soweit ich mich erinnere um die einzelnen, nachweisbaren Beispiele von Tierarten, die exklusiv dem Menschen zugeschrieben werden. Mit dem Vorschlag, dass damit alle übrigen Tierarten ja essbar seien, wollte ich aufzeigen, dass selbst mit diesen herangezogenen Kriterien beim derzeitigen Stand des Wissens keine generelle Ablehnung von Fleischessen begründbar ist.
Ja, ich bleibe dabei, dass ich nicht glaube, dass die Antispes in der Praxis wirklich nur von streng theoretischen Überlegungen angeleitet werden. Ich denke, dass in der Praxis vielmehr persönliche Vorlieben (u.a. als „niedlich“ wahrgenommene Tiere) zumindest mit entscheiden, welche Aktionen man ausführt und mit welchen Darstellungen man in die Öffentlichkeit tritt (große Tiere mit großen Augen, die süß schauen = Kindchen-Schema).

Nach erstem kurzen Nachdenken, setzt ihr Speziesismus mit Rassimsus gleich, Spezies mit Rasse, Antispe so mit Antira. Und dann wundert ihre euch, dass Antispes nicht die „individuelle Ungleichbehandlung aufgrund ihrer Spezieszugehörigkeit“ kritisieren. Bzw. ihr bleibt, egal was Antispes sagen, auf dieser Definition kleben und projeziert die Kritik an eurer eigenen Definition von Antispe auf die herrschaftskritische Bewegung, die Speziesismus in ihren Herrschaftsbegriff mit einschließt.

Versteh ich nicht. Die Analogie-Setzung von Speziesismus mit Rassismus stammt doch nicht von mir, sondern von den Antispes selbst. Ich persönlich würde ja sagen, so etwas wie eine „Diskriminierung“ und „Unterdrückung“ von Tieren gibt es gar nicht. Tierquälerei gibt es natürlich und z.B. Massentierhaltung ist Tierquälerei. Aber es gibt keine systematische „Diskriminierung“ von Tieren, nur eine systematische Quälerei auf Grund des Wirtschaftssystems (Kapitalismus). Diese Quälerei hat aber nicht das Leid von Tieren zum Ziel, sondern ist nur ein Nebenprodukt des Ziels der Gewinnmaximierung.

Wenn das Vorurteil, ein Individuum oder gar eine Spezies könne keinen Schmerz empfinden, nicht bewusst etwas wahrnehmen usw. weil es in die Kategorie „Tier“ fällt, getroffen wird, so ist das Speziesismus und muss bekämpft werden.

Dieses „Vorurteil“ habe ich bei den meisten Arten nicht, aber warum sollte mich das daran hindern Tiere zu essen?

2. Antwort auf Antispe-Kommentar von „bujakabujaka“

eisbergs text ist leider wenig lesenswert. ich gebe nur mal ein beispiel, wie er sich selbst widerlegt:
einmal „folgt“ der den „gedanken der antispe ein stück“ und gesteht zu, dass vielleicht die einen Tiere eher leid empfinden können oder intelligenz entwickeln, wie Säugetiere. Später widerholt er seinen Vorwurf, Antispes würden nur für die Befreiung von Säugetieren einstehen, „weil die Glubschaugen hätten“ und nicht für Fruchtfliegen. Merkst du was?

Nö, ich merke gar nix. Ich habe bei den Antispes Theorie und Praxis unterschieden. In der Theorie mag die Leidensfähigkeit vor allem das Kriterium sein. In der Praxis hingegen beobachte ich eine extreme Fokussierung auf bestimmte Arten von Tieren, eben die mit den Glubschaugen. Die Affen, Rinder, Schweine, Kühe etc. stehen übermäßig im Blickpunkt, kaum bis gar nicht die Fische, Amphibien oder Reptilien.
Das mit den Fruchtfliegen war vor allem eine Polemik, wobei Insekten nicht davon ausgeschlossen sind das Objekt der Fürsorge von Antispes zu werden, siehe die Ablehnung von Honig. Dass an einer Stelle auch mal Insekten im Fokus stehen, widerlegt aber nicht meine Behauptung von der extremem Fokussierung auf bestimmte Säugetier-Arten.

Auch das mit den „dümmeren Ländern“ ist ulkig-sinnlos: Welcher Antispe hat je behauptet Affen seien Klüger als Menschen? Wie schlecht ist das denn, den Durchschnitt einer Gruppe zu nehmen, um diese mit einer anderen zu Messen? Das willst auch du nicht wirklich!!!

Siehe 1. Antwort zu Kommentar von „schwarzekatze“.

Machismus: Ach ja, Vegetarier sind ausgeschlossen, ebenso wie Frauen, oder? Wenns so ein Rumgemacker nicht gibt, können wir mal Anti-D-Bashing-Rumgemacker ausprobieren. Wenn du überall wo du auftauchst dumme Kommentare hörst, wirst du merken, was „mackern“ heißt!!! (lieber Mr. Nationalismus-ist-cool-wenns-nur-das-richtige-Volk-ist!)

Zum Machismo-Vorwurf:
Sticheln, Ärgern, Lästern, Mobben sind keine spezifisch männlich ansozialisierten Verhaltensweisen. Gegen Sticheln, Ärgern, Lästern habe ich erstmal generell nichts. Sicher es ist unangenehm und nicht nett hinter den Rücken über andere negativ zu sprechen. Aber wer tut das nicht? Das ist eine typisch menschliche Angewohnheit und hat wohl auch die Funktion Frust abzulassen. Ihr könnt gerne mal Anti-D-Bashing-Rumgemacker an mir ausprobieren, ich kann damit leben und tue es ja auch. Ich wehre mich nur gegen falsche Unterstellungen.
Schwierig und problematisch finde ich manchmal das abschätzige Reden der Nachwuchs-Autonomen über „Hippies“. Hier scheinen radikale Linke mit „Hippies“ vor allem weiche, gemeinhin auch als „weiblich“ assoziierte Eigenschaften zu verbinden („Wursthaar-Anarchos und Hippies, die mal wieder nur so ne Hippie-Kacke abzuziehen, statt taff zu streetfighten“). Hier scheint tatsächlich die männliche Sozialisation durchzubrechen.
Zu dem Punkt „Mr. Nationalismus-ist-cool-wenns-nur-das-richtige-Volk-ist!“:
Ich habe Dich bereits einmal in unserer Email-Korrespondenz gebeten, bitte mit mir zu diskutieren und nicht mit Deinem Klischee von mir. Bevor Du mir Meinungen, Einstellungen und Positionen zu- und unterschiebst, frag mich doch bitte mal.
Und ja, solange der Antisemitismus existiert halte ich Israel und den Zionismus für eine Notwendigkeit.

Auch dass irgendwelche Polynesier keinen Fisch essen, hat nie ein Antispe behauptet. Es ging nur um antropologische Merkmale, die Einfluss auf die Herrschaftsmethoden haben.

Nö, direkt wurde das nicht gesagt. Aber es wurden Gemüse-Anbau-Kulturen als irgendwie friedlichere und bessere Gesellschaften verkauft. Was einfach mal nicht mit einem halbgaren „Beispiel“ bewiesen werden kann, dass noch nicht mal vegetarisch ist. Die Behauptung war doch ohne Tierhaltung und Fleischkonsum seien die Gesellschaften irgendwie besser bzw. hierarchiefreier. Hier ist der bei Antispes häufig zu beobachtende auffällige Versuch eine Verbindung zwischen dem Glück der Menschen und dem Wohlergehen der Tiere zu konstruieren. Dann müsste es ja auch umgekehrt klappen und hierarchiefreie Gesellschaftsprojekte müssten demzufolge immer auf Fleischverzehr und Tierhaltung verzichtet haben. Ist das in Chiapas der Fall? War das in den von der Machnow-Bewegung befreiten Teilen der Ukraine der Fall? War das im anarchistischen Katalonien der Fall? Soweit ich weiß – ich gestehe ich habe mich nicht ausdrücklich mit den Essgewohnheiten dieser Gesellschaftsprojekte beschäftigt – war es nicht der Fall. Nach euch waren das ja dann alles nur „Mörder“, denn nur „Jäger- und Sammler-Kulturen“ würdet ihr ja noch Fleischkonsum genehmigen. Vor einer Geschichtsbetrachtung aus Antispe-Perspektive kann man sich nur gruseln.

Und vegane religiöse Sekten gab und gibt es häufiger in der Geschichte. Eine im mittleren Osten ernährt sich seit Jahrhunderten vegan und bekommt seltene Vitamine über Verunreinigungen im Wasser.

Welche denn? Und ist die dann ein Vorbild für Dich?

*vermenschlichung: komisch. Überträgst du deine begriffe von Freiheit auch auf Dunkelhaarige? Oder auf Menschen die „nur“ die Mittlere Reife haben? Oder Leute auf der anderen Seite des Erdballs? Warum kannst du nicht auf wissenschaftliche Fakten zurückgreifen, wenn du nachdenkst wer wie denken könnte?

Aber ich bin doch Speziesist, na klar übertrage ich den meinen Begriff von Freiheit (es ist aber nicht nur meiner) auf alle Menschen: Die doppelte Freiheit nach Marx (individuelle Freiheit und die Freiheit von materiellen Abhängigkeitsverhältnissen, also Lohnarbeit etc.). Ich würde es aber Menschen natürlich zugestehen, wenn sie freiwillig in Unfreiheit leben. Sie können mir gegenüber ja immer äußern, ob es wirklich ihr Wille ist so zu leben. Wenn eine Person unbedingt durch eine Religion in ihren Freiheiten eingeschränkt leben will und niemand damit belästigt, dann soll sie doch. Dass gehört dann zu der individuellen Freiheit mit dazu. Dieser Person muss aber immer die Möglichkeit offen stehen ohne Nachteile diese Unfreiheit aufzugeben. Religionen belästigen aber in der Regel auch Nicht-Mitglieder (Mission u.a.) und in den meisten von ihnen wird ein Abfall oder Wechsel sanktioniert. Deswegen bin ich immer noch ein aktiver Atheist.

Warum denkst du, dass Katzen nicht in manchen punkten ähnlich denken wie du?

Weil ich davon überzeugt bin, dass es einen Unterschied zwischen den Katzen in den Disney-Filmen und den echten Katzen gibt.

Oder sagen wir es mal so: wenn ich Dunkelhaarige(mich selbst) in eine Kategorien mit Steinen setze und diese „Dunkelsteine“ nenne. Kannst du mit dem Argument, Dunkelsteine verspüren keinen Schmerz, mir ins Gesicht schlagen? Weil du kannst ja gut darlegen, dass Steine keinen Schmerz verspüren! Wirst schon sehen: wir Dunkelsteine werden uns rächen, auch wenn viele von uns gar nicht denken können, gemeinsam können wir zurückschlagen!

Ähm, sorry, aber dieses Beispiel/Gleichnis/Methapher oder was das sein soll ist zu krude.

*Befreiung: Freiheit für alle? ja, weil sie sich dann am ehsten so verhalten können, wie sie wollen.
Ich halte nichts davon, von außen zu Urteilen wie es wem am besten geht und das dann so einzurichten, ohne die Wahl den Betroffenen zu lassen.

Aber genau dieses Urteil treffen doch auch die Antispes. Ihr lehnt Tierhaltung generell ab, aber ihr könnt keine Rücksprache mit euren Fürsorge-Objekten halten, ob die das auch so ok finden.
Ihr überlasst ihnen ja gar nicht die Wahl, sondern trefft generelle Aussagen für sie.
Außerdem bezweifle ich, dass die meisten Tiere eine weiterreichende Zukunftsperspektive haben. Wenn der Käfig offen ist, dann gehen sie natürlich erst mal raus. Ob ihnen die weiterreichenden Konsequenzen bewusst sind (kein Heim, kein regelmäßiges Essen, Schutz vor Feinden) wage ich zu bezweifeln.
In menschlichen Ersatz-Rudeln lebende Tiere wie Hunde würden das Freiheits-Angebot vermutlich sogar gänzlich ausschlagen.

3. Antwort auf Antispe-Kommentar von „Matthias R.“
Was Singer kritisiert …

Ich bin bei der Antispeziesistischen Aktion Tübingen aktiv, und dar Anlass dafür ist definitiv NICHT die „Sympathie mit Tieren“.
Dieses Missverständis wurde der Tierbefreiungsbewegung von Anfang an entgegen gebracht. Ich zitiere zu diesem Zweck einmal aus dem Vorwort zur ersten Ausgabe von Peter Singers Buch „Animal Liberation“ (1975), mit dem die Tierbefreiungsbewegung begann (und, um gleich weiteren Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin mit einigen Positionen Singers nicht einverstanden und distanziere mich von ihnen…)

Es folgt eine Episode, in der Singer schildert wie er eine Mrs. Scott kennen lernt, die sagt „Ich liebe Tiere“, aber dabei ein Schinkensandwich ißt. Kurzgefasst geht es um die Inkonsequenz und (angebliche) Heuchelei wenn Leute, die erklären Tiere zu lieben, Fleisch essen. Interessanterweise hatte Singer inzwischen mit demselben Vorwurf zu kämpfen, nachdem er in einem Interview mit der Tierrechtspostille „Tierbefreier“ zugab, dass er auf Reisen gelegentlich Käse verspeise und auch seinem Sohn sporadisch eine Käse-Pizza spendiere.

Was der Behinderten-Feind Peter Singer kritisiert ist doch nicht das Mitleid mit Tieren an sich, sondern die Inkonsequenz der guten Mrs. Scott. Die Frau sagt, sie liebe Tiere, aber sie meint in Wahrheit aber nur Haustiere. Sie ist also erst einmal vor allem eine Hunde- und Katzen-Schützerin. Ihr deshalb aber Heuchelei zu unterstellen wäre aber falsch. Alle Tierschützer und ebenso die Antispes setzen Schwerpunkte und Präferenzen Bei Antispes vergrößert sich die Menge an Tieren, die ihnen wichtig sind und sie sind dadurch weniger inkonsequent. Sie selbst geben an, dass ihnen vor allem leidensfähige Tiere wichtig sind. Und doch, ich glaube nicht, dass ein Fisch-Dose soviel Emotionen auslöst wie ein Chinchillah-Mantel bzw. eine Pelzmantelträgerin wie ein Fischsandwich-Verspeiser. Genau deswegen werden Pelzhandelsgeschäfte attackiert und nicht Fischbuden. Das Lebewesen Chinchillah, dessen achtzigfache sinnlose Tötung hinter einem solchen Mantel steht, ist einem emotional wichtiger als ein Fisch. Auch Antispes machen aus emotionalen Gründen Unterschiede in der Praxis.
Sympathie-Sphären
Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und etwas konstruiert

Das die Antispes ihre „Alle Lebewesen sind gleich“ (nicht gleichartig, sondern gleichwertig) selbst nicht einhalten bzw. einhalten können, beruhigt mich ungemein.

Emanzipation ist nicht Befreiung, sondern Selbstbefreiung!

Was Emanzipation betrifft: „e-mancipare“ bedeutet wörtlich „aus dem Mancipium geben“. Das Mancipium (manus, Hand, und capere, ergreifen) war im römischen Patriarchat ein feierlicher Akt der Besitzergreifung durch „Handauflegen“. Das Wort emancipare wurde verwendet, wenn z.B. ein erwachsener Sohn oder ein Sklave aus der väterlichen Gewalt entlassen worden ist; „emanzipieren“ bedeutet schlicht „frei lassen“, und nichts anderes will die Tierbefreiungsbewegung mit den nichtmenschlichen Tieren tun.

Danke für die Nachhilfe in Sachen Etymologie (Wortherkunft). Das Problem ist, dass Etymologie und Wortbedeutung häufig nicht (mehr) übereinstimmen. Antispes stellen sich ja gerne in eine Reihe mit Emanzipations-Bewegungen wie der Frauenbewegung, der Antira-Bewegung etc. Diese strebten nicht die Freilassung durch andere an, sondern die Selbstbefreiung! Natürlich gab es auch UnterstützerInnen, die sich nicht allein selbst befreien mussten, aber diese konnten zumindest mit den Unterdrückten kommunizieren. Das könnt ihr nicht. Wir wissen schlicht nicht was Tiere wollen. Ein kommunikativer Austausch zwischen Mensch und Tier ist unmöglich. Das wird manchmal damit begründet, dass wir technisch noch nicht so weit sind Tiere zu verstehen. Das ist aber ein Trugschluss. Selbst einzelne kluge Affen, also die Nächst-Verwandten der Menschen, kommen nicht über das Erlernen einer rudimänteren Gebärdensprache hinaus. Sie können damit Emotionen (Angst, Hunger, Verlangen, Zuneigung) äußern und mehr auch nicht.
Die Selbstbezeichnung als „Tierbefreiung-Bewegung“ finde ich da viel ehrlicher und zutreffender.
Mitleid und Sympathie sind bei mir wichtige Handlungsmotive – Was soll daran schlimm sein?

Ich kann platte Unterstellungen wie die, meine Motivation, mich auch für die Befreiung der Tiere einzusetzen, sei darin begründet, dass ich Tiere „möge“, nicht akzeptieren. Du gehst doch auch nicht zu einer antirassistischen Gruppe und unterstellst ihren Mitgliedern, sie setze sich für Schwarze ein, weil Afrikaner ja schließlich so „niedlich“ sind, oder zu einer feministischen Gruppe und behauptest, ihr Engagement gründe sich daraus, dass sie Frauen mögen oder „süß“ finden!
Genauso wenig kann ich Unterstellungen akzeptieren wie jene, die den kompletten Ansatz der Tierbefreiungsbewegung verkennt und verkehrt, es handle sich um eine „Politisierung von Essgewohnheiten“. Mit der von der Struktur her selben Argumentationsweise könnte ich die gesamte Linke in ihrer Funktion als soziale Bewegung diskreditieren, indem ich einfach behaupte, ihre Träger hätten die Eigenschaft, wenig oder nicht arbeiten zu wollen und würden diese persönliche Vorliebe politisieren.

Ich betätige mich in den Bereich Antirassismus, Antisexismus und sympathisiere mit bestimmten Strömungen im Feminismus tatsächlich nicht weil ich Afrikaner „niedlich“ finde oder Frauen „süß“, sondern weil ich alle Menschen liebe und schätze. Ich mag nicht jedes menschliche Individuum, aber die Menschheit als Ganzes. Wenn ein Teil der Menschheit von einem anderen unterdrückt wird, dann finde ich das ungerecht und es macht mir auch emotional zu schaffen.
Die Wut über Ungerechtigkeit und Mitleid mit den Opfern ist meiner Ansicht nach bei den meisten Metropolen-Linken der Grund zum Einstieg in das politische Engagement. Die Analyse stößt dann, hoffentlich jedenfalls, später hinzu. Beides, Analyse wie Emotion, ist für mich wichtig.
Für mich jedenfalls war die persönliche Konfrontation mit Armut, Hunger und Ausbeutung in Indien in meiner politischen Sozialisation überaus prägend.
Im Gegensatz zu zynisch gewordenen Linken, die angeben nur noch aus egoistischen Motiven den Postkapitalismus anzustreben, stehe ich klar und ehrlich dazu, dass Mitleid mit den „Verdammten dieser Erde“ eines meiner Hauptmotive für mein politisches Handeln ist.
Ja, und ich bekenne freimütig: Es geht mir nochmal besonders an die Nieren wenn Kinder leiden. Ich empfinde das aber nicht als irgendeinen Makel, sondern als eine wertvolle Eigenschaft, die ich mir als Handlungsmotiv auch weiterhin bewahren möchte.
Vielleicht bist Du, Matthias R., sehr viel härter und rationaler als andere Antispes. Aber wenn ich mich durch die Seiten der Antispes klicke kann ich sehr viel Mitleid mit gequälten Kreaturen und eine Vorliebe für Tiere, die allgemein als niedlich betrachtet werden, entdecken.

Zum Beispiel: „Vergewaltigung“

Hier ließen sich ganz unterschiedliche Dinge kritisieren (beispeilsweise deine Inkonsistenz: Du kritisierst AntispeziesistInnen, dass sie den Begriff des Mordes auf nichtmenschliche Tiere anwenden, aber dass diese vergewaltigen können und vergewaltigt werden können, gestehst du ihnen zu?) […]

Nun gut, ich habe diese Vokabel für Tiere verwendet und das war falsch, es ist ein Wort was den Mensch vorbehalten bleiben sollte. Ich habe den Begriff „vergewaltigen“ zwar in meinem Blog auch blöderweise auch in Bezug auf das Tierreich verwendet, aber würde das nie öffentlich propagieren. Mir fehlt andererseits ein Ersatz-Wort und ich beschreibe Verhaltensweisen von Tieren untereinander. Meine Kritik an der sprachlichen Gleichsetzung bezieht sich ja auf die Antispe-Bezeichnungen von menschlichen Verhalten gegenüber Tieren. Zum Beispiel finde ich die Übertragung des Begriffes „Vergewaltigung“ auf Milchwirtschafts-Kühe, wie unlängst auf Antispe-Aufklebern in Berlin gesehen, eine krasse sprachliche Gleichsetzung von sexueller Gewalt gegen Menschen und Tierquälerei. Hier zieht auch das Verteidigungsargument nicht, dass Antispes gerne benutzen, sie wollten mit solchen Begrifflichkeiten nicht menschliches Leiden herabsetzen, sondern nur auf tierisches Leiden aufmerksam machen. Diese Argumentation hilft nur bei Menschen, die diese Antispe-Logik zumindest nachvollziehen können. Ungefähr 99% der Menschen kennen diese, meiner Ansicht nach trotzdem noch nicht zutreffende, Logik ja gar nicht. Da diese Leute einen deutlichen Unterschied zwischen Menschen und Tieren machen, dürften sich die Betroffenen von sexueller Gewalt ziemlich herabgesetzt fühlen. Ihr Leiden wird mit dem von Kühen verglichen. Es war vielleicht nicht verletzend gemeint, kommt aber genauso an. Ehrlich gesagt würde ich solche Aufkleber deswegen, wenn sie mir unterkommen, auch abkratzen.

Meine „Vorurteile“ gegen Tiere

P.S.: Bitte reflektiere erst einmal deine krassen Vorurteile gegenüber „Tieren“. Diese werden ganz deutlich in pauschalisierenden Aussagen wie: „Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam.“ oder: „Tiere sind grundsätzlich erbarmungslose Wesen: Sie fressen ihre Nachkommen, ebenso ihre Geschlechtspartner oder sie vergewaltigen den jeweiligen Gegenpart.“

Ich denke nicht, dass ich meine „krassen Vorurteile gegenüber Tieren“ reflektieren muss. Das sind keine Vorurteile, sondern eine (natürlich stark vereinfachte) Gesamteinschätzung der Bestimmtheit tierischen Lebens durch Instinkte. Vorurteile gegenüber Tiere, dass sind für mich widerlegbare Mythen (z.B. das Wölfe für Menschen gefährlich seien, das Vogelspinnenbisse tödlich seien oder das irgendwelche Tierarten aus purer Boshaftigkeit Menschen attackieren etc pp).
Tiere sind ihren Instinkten unterworfen. Ich kann recht gut voraussagen, was sie in bestimmten Situationen machen werden. Nicht weil ich das tierische Individuum kenne, sondern weil ich die Art kenne. Genau deswegen kann ich z.B. auch echten Vorurteilen gegen bestimmte Tierarten entgegentreten.
Die Zoologie beobachtet die Instinkt-Bestimmtheit von Tieren seit über 200 Jahren. Die Zoologie hat oft geirrt, aber dass Tiere sich entlang ihrer Instinkte ihrer Art recht gleichförmig verhalten, wurde nie widerlegt. Monitoring Tag für Tag beweist es vielmehr immer wieder. Auch Haustiere sind ihren Instinkten unterworfen. Für einen Hund ist sein Frauchen oder Herrchen immer das Alphatier des Rudels, dessen Anweisungen er sich unterwirft.
Ich war acht Jahre aktiv in einer Gruppe, die Tier- und Naturbeobachtung betrieben hat. Zuletzt habe ich mich ein halbes Jahr an einem ornithologischen Monitoring-Projekt beteiligt. Fast nie habe ich in diesen Jahren großartig seltsames Verhalten außerhalb des arttypischen Verhalten beobachten können. Ich erinnere mich jedenfalls nicht an so etwas.

Ein Irrlicht wandert umher: Das Gespenst des Antispeziesismus

Mir ist aufgefallen, dass es in der vorangegangenen Diskussion ein Verständnisproblem gab, dass zu Missverständnissen geführt hat. Ich warf den Antispes vor, dass sie Mensch und Tiere gleichsetzen wollten. Die Antispes verstanden dieses „gleich“ im Sinne von „gleichartig“ behandeln und sein, ich aber meinte „gleich“ im Sinne von „gleichwertig“. Hiermit sei dieser Punkt noch mal klar gestellt. Ich meine also, dass Antispes davon ausgehen, dass Menschen und (zumindest leidensfähige) Tiere gleichwertig sind.

Sofern nicht anders angegeben stammen alle Zitate aus dem Text „Ein Gespenst geht um: Das Gespenst des Antispeziesismus“ (zu finden unter: http://asatue.blogsport.de/2010/07/27/ein-gespenst-geht-um-das-gespenst-des-antispeziesismus/).

Fehlannahme: Die Antispe-Ideologie sei emanzipatorisch, denn …

Herbert Marcuse antwortete in einem Interview auf die Frage, was nach Errichtung der befreiten Gesellschaft zu tun bleibe, sofort: „Die Tiere befreien natürlich!“

Welche Ironie. In ihrer Suche nach einem Gewährsmann mit gutem Leumund in der Linken wird eine Interview-Antwort von Marcuse herangezogen. Doch wenn man die Frage mal genau liest, dann stellt sich heraus, dass sie gar nicht im Sinne der Antispe-Ideologie verwertbar ist, sondern ihr vielmehr diametral entgegensteht. Die Frage lautet nämlich „was NACH Errichtung der befreiten Gesellschaft zu tun bleibe“. Marcuse betrachtet die Tierbefreiung also offensichtlich als zweit- und nachrangig. Das sehe ich nicht anders. Wenn die Befreiung der Menschheit einmal erreicht ist, dann können wir uns gerne um die Befreiung der Tiere kümmern bzw. diese verhandeln.

Wenn man Tierbefreiung (die Aktion) von dem Antispe (die Ideologie) löst, denn auch als „Nur“-Tiefreund/-schützer und Nicht-Antispe kann man Tierbefreiungsaktionen durchführen und unterstützen, dann ist die Befreiung von Tieren ja ganz nett, hilft aber auf dem Weg zu einer befreiten Gesellschaft nicht weiter. Für mich rangiert Tierbefreiung daher irgendwo zwischen sexueller Revolution und Denkmalschutz.
Natürlich schaden Tierbefreiungsaktionen erst mal niemanden. Naja, so ganz stimmt das auch nicht. Die ökologischen Negativ-Folgen mancher Tierbefreiungen sind erheblich. Außerdem habe ich manchmal Befürchtungen, was die Befreiung von Labor-Tieren angeht. Mindestens ein gutes halbes dutzend Zombie-/Pandemiefilme beginnt damit, dass Tierbefreier Labortiere befreien und damit eine Krankheit aus dem Labor in die Außenwelt tragen. Diese Gefahr, dass Menschen etwas Gutes tun wollen, aber unbeabsichtigt etwas Schlechtes auslösen, scheint mir durchaus vorhanden zu sein. Die realen Folgen ihrer Ideologie und auch ihrer Praxis werden nämlich allem Anschein nach von den Antispes kaum bedacht.

Im Umkehrschluss würde der Anspruch emanzipatorisch zu sein übrigens auch bedeuten, dass Fleischesser und Tierhalter sich irgendwie antiemanzipatorisch verhalten. Das wäre dann eine ziemlich selbstgerechte Verurteilung anderer.

… Menschen können frei sein, ohne das Tiere es sind!
Offenbar sind libertäre Gesellschaften auch ganz gut ohne die „Emanzipation nichtmenschlicher Tiere“ möglich. Von der französischen Kommune in Paris über das anarchistische Katalonien bis zu den zapatistischen Gemeinden in Chiapas ist mir nicht bekannt, dass diese libertären Gemeinschaften auf Tierprodukte und Tier“ausbeutung“ verzichten. Im Gegenteil: Mit der Selbstemanzipation der Bevölkerung konnten sich wohl in vielen Fällen die Armen erstmalig auch an den sprichwörtlichen Fleischtöpfen der Reichen laben. Es besteht offenbar kein direkter Zusammenhang zwischen Befreiung der Menschen und der Tierbefreiung. Deswegen wohnt der Antispe-Bewegung kein emanzipatorischer Kern inne. Gescheitert sind die bisherigen Versuche ja nicht an der fortbestehenden Nutzung von Tieren, sondern an äußerer Intervention (Franco-Faschisten, Stalinisten) und inneren Widersprüchen. Auch Herbert Marcuses Antwort weist ja darauf hin, die Tierbefreiung für ihn zweit- bzw. nachrangig ist. In einer befreiten Gesellschaft werde ich gerne diesem Problem Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit widmen. Bis dahin, ich werde es wohl nicht mehr erleben, habe ich Wichtigeres zu tun.
Dabei denke ich durchaus, dass die ökologische Frage heute neben den Fragen von Herrschaft und Hierarchien, Psychologie, Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (z.B. Rassismus), Wirtschaft (Kapitalismus) und Patriarchat eine der entscheidenden Hauptfragen ist, die beachtet werden müssen um eine nachhaltige Veränderung anstoßen zu können. Die ökologische Frage ist für mich kein Nebenwiderspruch, der automatisch mit dem Kapitalismus aufgelöst wird. Dieses Problem könnte auch in einem Postkapitalismus in Teilen als Problem für die Menschheit weiterexistieren, wenn man sich dieser Frage nicht gesondert widmet. Die Frage des Umgangs des Menschen mit den Tieren aber ist für mich aber höchstens noch eine Art von Nebenwiderspruch. Tierschutz und besonders Tierbefreiung ist vielleicht kein Luxusproblem, sollte aber absolut nachrangig bei politischen Projekten sein. Dass heißt aber nicht, dass ich persönlich Tierquälerei praktiziere, toleriere oder nicht abschaffenswert finde.
Die Antispes sehen das aber anders, für sie sind Tier-Haltung und Menschen-Unterdrückung untrennbar miteinander verbunden. Ich bin mir nicht sicher, ob die Antispes das immer glauben, oder ob sie (bewußt oder unbewußt) versuchen ihr politisches Projekt aufzuwerten, indem sie es mit der Emanzipation der Menschheit verknüpfen. Um ihre Sache aufzuwerten behaupten sie:

A, Der von der Antipe-Ideologie geforderte absolute Verzicht auf Fleisch und Tierhaltung käme der Menschheit zu Gute, weil es das Hungerproblem lösen würde
Sicher, eine verbreitetere vegetarische Ernährung würde das Hungerproblem der Menschheit tatsächlich verringern. Aber das ist gar nicht notwendig. Es gibt ja hier und jetzt genug Nahrung für alle, inklusive der fleischlichen. Sie wird nur ungleich und ungerecht verteilt. Während die einen Nahrungsmittel wegwerfen, müssen andere hungern. Schuld ist der Kapitalismus mit seinem Zwang zur Profitmaximierung (Mehrwertproduktion).
Die Ernährung der Menschheit wird durch eine Abschaffung des Kapitalismus und einer Lösung der ökologischen Frage gesichert, nicht aber durch den durch radikalen Tierschutz umgesetzten bzw. erzwungenen absoluten Verzicht auf Fleisch und Tierhaltung .

B, Der von der Antipe-Ideologie geforderte absolute Verzicht auf Fleisch und Tierhaltung käme der Menschheit zu Gute, weil die Massentierhaltung Krankheiten produziert
Ok, dann schaffe man die Massentierhaltung ab, was durch den Wegfall des Kapitalismus vermutlich von alleine geschieht. Die Abschaffung der Tierhaltung an sich(„Abschaffung jeglicher Tierhaltung“), ist mit diesem Ziel nicht zu begründen.
Die Antispes wollen aber genau das, denn Tierhaltung ist für sie die „Versklavung nichtmenschlicher Tiere“. Sie fordern für Tiere daher das „Recht auf Autonomie“.

C, Die von der Antipe-Ideologie eingeforderte Gleichwertigkeit von Mensch und Tier käme auch den Menschen zugute, da menschliche Unterdrückungsverhältnisse mit Naturbildern (z.B. Tiervergleichen) legitimiert werde.
Hier würde viel eher die Betonung des Unterschiedes zwischen Tier und Mensch helfen. Menschen dürfen eben nicht zu Tieren gemacht werden. Stattdessen versuchen die Antispes das Pferd von hinten aufzuzäumen und Tiere aufzuwerten, damit sie den Menschen als gleichwertig erscheinen.
Das ergäbe aber nur Sinn, wenn die von Antispes behauptete Gleichwertigkeit von Menschen und Tieren auch zutreffen würde bzw. von allen akzeptiert würde. Aber selbst Antispes machen Unterschiede zwischen Menschen und Heuschrecken, d.h. sie gehen wohl auch von einer Ungleichwertigkeit aus.
Wie bereits in einem vorangegangenen Text geschrieben würde das Problem der De-Humanisierung auch nicht mit einer Aufwertung von Tieren verschwinden, da es noch genügend dehumanisierende Metaphern aus der Medizin (z.B. „Parasiten“) oder der Gärtnerei („Schädlinge“) übrig blieben.

Ist die Antispe-Ideologie reaktionär?
Mir erscheint die Antispe-Ideologie in zweierlei Hinsicht reaktionär:
A, die Banalisierung von und Ignoranz gegenüber menschlichem Leid
Bei den Antispes und radikalen TierschützerInnen gilt generell: Töten für Ernährung und die Ermordung von Menschen wird prinzipiell gleichgesetzt. Kurzum: „Fleischessen ist Mord!“
Auch linke Antispes können daher nicht wirklich begründen, warum Holocaust-Vergleiche nicht in der Konsequenz ihrer Denkmodelle liegen. Für sie ist der Unterschied zwischen Holocaust und Tier“mord“ nur ein intentionaler. Hätten die Nazis nicht aus einem Wahn heraus die Juden ermordet, sondern mit dem Hauptmotiv um aus ihnen Seife zu machen, dann wäre nach dieser Logik der Massenmord an den europäischen Juden und eine massenhafte Tiertötung gleichwertig, so wie Tiere und Menschen in den Augen der Antispes gleichwertig sind. Oder anders herum betrachtet: Die Jagd auf Tiere dient in einigen Fällen nicht der Ernährung und Bekleidung, sondern dem puren Vergnügen. Solche Arten von Jagd dürften also nach Antispe-Logik der Menschen-Jagd der NS-Einsatzgruppen gleichwertig sein.
Genau deswegen werden auch von linken Antispes bis auf Holocaustvergleiche, ansonsten alle (sprachlichen) Analogien zwischen Menschen-Leid/-Mord und Tier-Quälerei/-Tötung geteilt. Allein schon was die Analogisierung und Parallelisierung von Menschen- und Tier-Leid bei Menschen auslöst, die nicht die verdrehte Antispe-Logik von der Gleichwertigkeit von Mensch und Tier teilen (geschätzte 99,999%), ist verletzend und menschenverachtend in der Wirkung, auch wenn es nicht beabsichtigt ist. Vergewaltigungsopfer, die auf Antispe-Aufklebern, mit zwangsbefruchteten Vieh analogisiert werden, dürften sich in der Regel verspottet und verletzt fühlen. Hier sehe ich eine gewisse Kälte Menschen gegenüber.

Auch bei linken Antispes finden sich manchmal Holocaustbanalisierungen bzw. (das ist ja dann die Konsequenz davon) Nazi-Vorwürfe gegen Fleischesser. Hier versteckt man sich aber lieber hinter Gewährsleuten. Zum Beispiel findet sich auf der Seite der „Tierrechts-Aktion Nord“ eine Rezension zu einem Buch mit dem Titel „Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka“ oder man zitiert einen Auschwitzüberlebenden mit der Aussage „Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi“. Wenn man das Zitat unkommentiert auf die Homepage stellt, stellt man sich hinter dessen Aussage. Auch wenn sie von einem Holocaustüberlebenden stammt, so wird sie dadurch nicht richtiger.

Die Empathie für Tiere gebiert tatsächlich nicht unbedingt Menschenhass, aber zumindest eine gewisse Ignoranz gegenüber menschlichen Leid und Ausbeutung. Zum Beispiel die Antispe-Aktionen gegen Zirkusse setzen sich nie damit auseinander wie die Arbeitsverhältnisse in den kleinen Familienunternehmen aussehen. Auch die Forderung nach fleischloser Ernährung und einem generelle Ende der Tierhaltung („Wir fordern Freiheit und Lebensrecht für alle Tiere“), ignoriert dass Fleisch und Tierhaltung auch bei ärmeren Menschen und in ärmeren Gegenden (lebens-)wichtig sind. Es geht ja eben nicht allein um den „Kampf gegen mächtige ökonomische Interessen“, eine generelle Ablehnung trifft meine Oma mit ihrer Hühnerzucht ebenso wie Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern auf dieser Welt. Die Frage „Wie geht es Tier?“ scheint Priorität zu haben.

B, die Menschenfeindlichkeit (der Singer-Flügel)

Peter Singers barbarischen Schlussfolgerungen und Forderungen sind weder lediglich eine Folge einer Verwirrung, noch eine zwingende Konsequenz der Antispe-Ideologie. Sie sind Ausdruck einer Art Antispe-Realpolitik. Singer hat erkannt, dass sich in absehbarer Zeit die Antispe-Agenda nicht umsetzen lassen lässt (ich hoffe nie). Also macht er quasi realpolitische Angebote. Da für ihn alle Lebewesen gleichwertig sind, plädiert er dafür lieber einen Wal zu töten, statt viele Hühner, da ein einziger Wal soviel Fleisch bietet wie tausende Hühner. Dieselbe Logik (Präferenzutilitarismus) steckt hinter Singers Vorschlag für menschliche Medizin sollten behinderte Menschen statt Affen verwendet werden. Hier kommt noch der Gedanke dazu, dass eine Art nicht andere Arten „ausbeuten“ darf. Die herrschaftskritische Antispes, ich würde sie lieber utopistische Antispes nennen, sichern sich ab, indem sie Singers Logik der Gleichwertigkeit zwar teilen, aber darauf bestehen, dass sie nicht die Ausbeutung daraus ableiten ließ. Ja, dass würde ja dem Antispe-Grundprinzip widersprechen. Was soll ich sagen: Sie haben Recht. Statt Singers Antispe-Realpolitik verfolgen sie eine Antispe-Utopie.
Das dachte ich jedenfalls bis vor kurzem!
Ich hatte den linken, „herrschaftskritischen“, Antispes immer abgenommen, dass sie inhaltlich nichts mit Singer zu tun hätten. Doch sie stehen ihm näher, als sie es vermutlich selbst wahrnehmen (wollen). Ich selbst wurde erst von einem klugen Text eines AK Gibraltar darauf gebracht (AK Gibraltar: »Da steht ein Pferd auf‘m Flur…« – warum Antispeziesismus kein harmloser Schlager ist, Hannover, Juli 2008).
Grundannahme der Antispes ist ja, dass der Mensch sich nicht wirklich vom Tier unterscheide, weshalb sie ja auch von „menschlichen und nichtmenschlichen Tieren“ sprechen (bei Singer: „Personen und Nicht-Personen“). Ich nahm nun an, dass die Angabe, man gehe zwar wie Singer von der Gleichwertigkeit von Menschen und Tieren aus, aber im Gegensatz zu diesem, würde man sich gegen die Verletzung aller leidensfähigen Lebewesen stellen, sei tatsächlich ein wirksamer Schutz gegen ein Wandeln auf Singers Wegen. Doch in Wahrheit halten auch die linken Antispes sich nicht an das Gebot der Nicht-Verletzung aller leidensfähigen Lebewesen! In der vorangegangenen Diskussion betonte auch die Antispe Tübingen, dass es ihrer Ansicht in „Jäger- und Sammler-Gesellschaften“ legitim fänden, wenn „menschliche Tiere“ „nichtmenschliche Tiere“ töten. D.h. Mitglieder indigener Gesellschaften ist es anscheinend „erlaubt“ auf traditionelle Weise Tiere zu töten. Das bedeutet nichts weniger als das eine generelle Abwehr überhaupt nicht besteht, sie wird von den Antispes willkürlich aufgehoben. Damit verfahren die linken Antispes auch nicht weniger willkürlich als Singer. Beide, Singer wie linke Antispes, eignen sich bei allen Lebewesen, also inklusive der Menschen, gewissermaßen die Definitionsmacht über lebenswert und lebensunwert an. In ihrem theoretischen Konstrukt gibt es keine wirksame Abwehr.
Bei den bösen „Speziesisten“ kann ich wenigstens davon ausgehen, dass sie Menschen aus ihrer Definitionsmacht ausnehmen. Aus artegoistischen Motiven bleibe ich deswegen lieber Speziesist.
Zusammengefasst: Der Schutz von Menschen ist beim Antispe-Konzept nicht wirklich automatisch mit enthalten, denn der soll allgemein im Schutz leidensfähiger Lebewesen mit enthalten sein. Dieser wird aber von den Antispes willkürlich außer Kraft gesetzt, ist somit nicht gewährleistet. Eine Mogelpackung also.

Trotz dieser neu entdeckten Gefahr in der Antispe-Ideologie denke ich nicht, dass es eine übergroße Gefahr des Menschenhass gibt. Doch, dass heißt nicht, dass es sie überhaupt nicht gäbe. Interessant wäre es zu wissen wie gut die Abgrenzung zu faschistoiden Erdbefreier-Gruppen wie „Earth First!“ sind, die Menschen als Störfaktor auf der Erde begreifen. Deswegen finden sich in Erdbefreier-Magazinen z.B. zusammengestellte Sammlungen von Naturkatastrophen unter der Überschrift „Die Natur schlägt zurück“.
Auch die in Antispe-Foren offenbar häufiger geäußerten Rachegelüste gegen Tier“mörder“ (Jäger, Fleischer etc.) zeugen nicht unbedingt von Menschenliebe. Da kaum ein Antispe von Anfang an vegan lebt, ist so ein Verhalten evtl. auch der Versuch von Ex-“Mördern“ und Ex-„Leichen“essern sich überzeugend von ihrer (im eigenen Verständnis nach) blutigen Vergangenheit zu distanzieren.
Mörder-Vegetarier
Mit der Arroganz einer Gruppe von Erleuchteten und Auserwählten wird Vegetariern vorgeworfen „Mörder“ zu sein.

Was ist dran an der Offenheit der Antispe-Bewegung nach Rechts?
Was die Offenheit nach Rechts angeht, so glaube ich nicht, dass die Antispes besonderes Potenzial für die politische Rechte bietet. Antispes sind zwar nicht emanzipatorisch, aber eine akademische Bewegung, die beansprucht für die Emanzipation von Tieren zu kämpfen. Für Rechte, die ja vor allem nur für ihr Kollektiv (Nation, Volk, Rasse) kämpfen, ist der Einsatz für alle Lebewesen sicher keine Anzugspunkt. Es sind zwar Neonazi-Tierschützer-Gruppen bereits aufgetaucht, doch diese TierschützerInnen verwendeten entweder Tierschutz instrumentell (gegen das Schächten bei Juden und Muslimen, Rehabilitation des NS-Tierschutzes, Verwendung von Holocaust-Banalisierungen) oder sie isolierten sich in der Szene bzw. gingen an ihren eigenen Ansprüchen kaputt.
Überdies sind die Antispes stark in der linken Subkultur verankert, weswegen es an der Abgrenzung nach Rechts (im Gegensatz zu der Tierrechts-Bewegung) nicht mangelt.
Die von den Antispes, linken wie bürgerlichen, verwendete Banalisierung menschlichen Leids, insbesondere des Holocausts, wird aber immer wieder gerne von Rechten aufgegriffen (nicht: instrumentalisiert!) werden.

Praktizierter Artegoismus, so what?

Menschen sind mir wichtiger als Tiere. Ja, ich stehe zu meinem Artegoismus und „Speziesismus“.
Ich gehe aber davon aus, dass sich auch die Antispes in den meisten Mesch-Tier-Konfliktsituationen artegoistisch verhalten würden. Auch sie haben (mindestens in Konfliktsituationen) eine Wertungshierarchie auf der das Existenzrecht eines Menschen höher angesiedelt ist als das einer Kaulquappe.
Für einen mir vollkommen unbekannten Menschen würde ich den letzten sibirischen Tiger erschießen. Natürlich ist dieser Fall arg konstruiert. Trotzdem bestehen reale, tagtägliche Konflikte zwischen Menschen und Tieren. In der Fahrschule wird einem ja auch beigebracht, dass man bei der Begegnung Wild dieses zuhalten soll, weil das im Gegensatz zum Ausweichen weniger Unfälle verursacht.

Der Mensch ist nun mal einmal nicht irgendein in Naturkreisläufe eingefügtes Lebewesen, sondern er ist daraus (durch Vernunft, Verstand und die dafür notwendige Intelligenz) ausgebrochen. Er kann und will nicht wieder zurück zu einem Leben als einfaches Zahnrad im Naturkreislauf. Dadurch ergeben sich zwangsläufig Konflikte. Diese können und sollten reduziert werden. Schlüsselwörter sind für mich hierbei „unnötig“ und „vermeidbar“. Antispes hingegen lehnen Tiertötungen generell ab und erklären aus dieser Haltung heraus fast alle Mensch-Tier-Konflikte für unnötig (!) und vermeidbar (!). Dass erscheint mir stellenweise sehr konstruiert.
Antispes lehnen aus ihrer grundsätzlichen Haltung heraus z.B. Jagd und Tierversuche gänzlich ab. Statt das auch so zu sagen, wird aber häufig Nicht-Antispes gegenüber, lieber die Sinnlosigkeit von Jagd und Tierversuchen betont. Ja es stimmt, viele Tierversuche und viele Arten der Jagd sind sinnlos, d.h. sie bringen auch dem Menschen keinen Nutzen (z.B. Tierversuche ohne Erkenntnisgewinn), oder überflüssig (z.B. Tierversuche für Kosmetika). Trotzdem bleiben Jagdarten und Tierversuche übrig, die für den Menschen Sinn ergeben und notwendig sind. Deswegen werde und kann ich mich nicht generell gegen Jagd und noch nicht einmal gegen Tierversuche (so grausam ich sie auch finde) aussprechen. Beides wird von Antispes generell abgelehnt. Bevor Menschen hungern, weil sie Tiere ihre Felder verheeren, bin ich für die Jagd. Bevor über Tiere (z.B. Ratten) Krankheiten übertragen werden, bin ich für die Jagd. Anders ausgedrückt: Kammerjäger sind keine Mörder! Bevor wichtige Medikamente unerprobt unter die Menschen gebracht werden, werde ich mich nicht generell gegen Tierversuche aussprechen.
Tierversuche - Ja oder Nein?
Höchstens noch könnte ich auf Tierversuche zu meinem eigenen Wohl verzichten, für andere würde ich das aber nie fordern.
Unnötige Tierversuche (für Kosmetik u.ä.) oder unnötige Jagd (zur Unterhaltung) hingegen lehne ich ab. Genauso wie vermeidbare Grausamkeiten. Viele Tierversuche laufen ja auch deshalb so grausam ab, weil hier der Gewinn (kapitalistische Mehrwertproduktion) im Vordergrund steht und die Vermeidung von unnötigen Grausamkeiten da keinen Platz hat. Kein Tier sollte unnötig getötet oder gequält werden, ein Abwägen ist es jedes Mal von Fall zu Fall.
Es wird aber immer einen gewissen Grundstock an Mensch-Tier-Konflikten geben. Für mich sind das mehr, als für die Antispes. In diesen Konflikten, werde ich mich immer für das Wohlergehen der Menschen entscheiden. Möglicherweise werden viele dieser Konflikte in einer fernen Zukunft aufgehoben, aber wer hier und jetzt generell hier eine Tötung von Tieren ablehnt, stellt sich automatisch gegen die Menschen. Wenn die Ratten mit dem Pestfloh nicht getötet werden dürfen, dann kommt es zu einer Pandemie. Als in Indien im September 1994 eine Pestepidemie ausbrach war ein Grund für die Ausbreitung der Pest, dass Ratten, die Träger des Pesterregers sind, als heilige Tiere gelten, deren Tötung tabu ist.

Umgeben von Mördern oder warum die meisten Antispes selber nicht an ihre Leitbild halten
Die Antispe-Ideologie geht in der Theorie davon aus, dass Menschen und (zumindest leidensfähige) Tiere gleichwertig sind.
Wenn ich der Meinung wäre, in meinem Umfeld geschähe etwas, was auch nur annähernd mit dem massenhaften Leid oder der Abschlachtung von Menschen vergleichbar wäre, überdies noch sinnlos oder verhinderbar, ich würde Amok laufen. Ganz ehrlich. Antispes und radikale Tierbefreier tun das aber nicht. Einmal abgesehen von dem Tierrechtler Volkert van der Graaf, der den niederländischen Rechtspopulist Pim Fortuyn (1948-2002) ermordete. Motiv war vermutlich, dass Fortuyn am 6. Januar 2002 im Fernsehen sagte „Wählt mich, dann wißt ihr, daß Pelze zu tragen erlaubt ist.“ und ankündigte, das geplante Gesetz gegen Pelztierfarmen nach einem Wahlsieg zu beseitigen.
Warum reagieren die Antispes also nur wie eine radikale Tierschützer-Gruppe? Entweder sind sie ziemlich abgehärtet, oder aber auch sie machen (vermutlich unbewusst) immer noch einen deutlichen Unterschied zwischen Menschenmord und Tiertötung. Wenn Kleinkinder in Dosen angeboten würden, Mitmenschen gehäutet würden oder in meiner unmittelbaren Umgebung die industrielle Massenabschlachtung von hunderttausenden von Menschen ausgeführt würde, würden ich und würden auch sie ganz anders reagieren. Gegen solche Verbrechen würde ich keine Infostände machen, die an die Täter appellieren doch bitte mal aufzuhören. Auch wenn Antispes und andere radikale Tierschützer auf sprachlicher und darstellerischer Ebene ständig behaupten, es wäre genau dasselbe. So mobilisieren sie, aber im Grunde glauben sie das selber nicht in letzter Instanz.

Trotzdem gibt es einige Antispes, die mehr an die Mensch-Tier-Gleichwertigkeit glauben als andere. Gerade in ihren skurrilsten Ausformungen und Handlungen sind die Antispes am konsequentesten. Wenn Antispes …
… darüber diskutieren, ob man ein in der Wildnis aufgefundenes unbefruchtetes Ei essen dürfe.
… wenn Antispes gegen Abtreibung Stellung beziehen (Die Anti-Abtreibungs-Haltung mancher Antispes erscheint mir bei ihrer Gesamthaltung nur konsequent. Leben ist ja Leben und sollte geschützt sein.).
… oder wenn, um mal ein lokales Beispiel zu bemühen, ein Antispe-Aktivist vor Wut über gekochte Würste bei einer VoKü, diese verbuddelt.

Für Antispes sind fast alle Menschen Nazis

Genau dieser Narrensaum hält sich noch am ehesten an die behauptete Gleichwertigkeit von Menschen und Tieren. Die Tendenz bei dem zunehmenden Niederschlag der Inhalte der Antispe-Ideologie als verrückt, durchgeknallt und krude wahrgenommen zu werden, wird einen breiteren Erfolg der Antispe-Ideologie glücklicherweise immer verhindern. Je mehr die Antispe-Ideologie Einfluss auf Lebensgestaltung der Aktivisten gewinnt und in die politische Praxis überschwappt, desto mehr werden sich die Antispes isolieren. So kam es in Antira-Gruppen bereits zu Konflikten mit Flüchtlingen, die bei VoKüs keine Lust hatten, die Nahrungs-Ethik ihrer Freunde zu übernehmen und vegan zu kochen.
Entweder man hält sich tatsächlich an den Inhalt seiner Ideologie und isoliert sich oder man macht doch deutliche Unterschiede zwischen Menschen und Tieren.
Vegetable-Rights
Wo wir schon mal beim Thema Narrensaum sind, auch die Antispe Tübingen schreibt von der „Töten von Pflanzen“.
Kleiner Fehler und Anmerkungen: Eine Sammlung

Dies würde eine herrschaftsarme Symbiose bedeuten, etwa dergestalt, wie die ursprüngliche Beziehung zu den Rentieren bei den Lappen in Finnland war: Die Tiere folgten als erstes den umherziehenden Menschen, weil sie aus deren Urin für sie wertvolle Salze entnehmen konnten.

Was in dem Beispiel mit den „Lappen“ nicht erwähnt wird, ist dass die Rentiere zwar vielleicht tatsächlich als erstes umherziehenden Menschen gefolgt sind, aber es wird gar nicht erwähnt, was die Menschen davon hatten. Sie haben nämlich die Rentiere gefangen, als Zugtiere verwendet und die Rentiere getötet und ihr Fleisch und Fell verwertet.
Am Rande sei erwähnt, dass sich die betreffende Bevölkerungsgruppe selbst als Saami bezeichnen, „Lappen“ ist eine Fremdbezeichnung.

In Jäger-und-Sammler-Gesellschaften gibt es keinen Speziesismus, wie wir ihn kennen. Nichtmenschliche Tiere werden meist, auch wenn sie gejagt werden oder lebensgefährlich für die Menschen sind, als gewissermaßen ebenbürtig empfunden: Auch sie versuchen in ihrem Umfeld zu überleben, jagen und werden gejagt.

Jäger- und Sammler-Gesellschaften halten durchaus auch Tiere. Besonders Kinder und Jugendliche ziehen die Nachkömmlinge der getöteten Jagdbeute als Haustiere auf.
Wenn ich mich richtig erinnere, dann berichtete z.B. Rüdiger Nehberg in seinen Vorträgen davon, dass die Yanomami-Indianer aus dem Amazonas-Gebiet Papageien-Küken aufziehen und halten und diesen auch die Flügel stutzen, damit sie nicht wegfliegen können.

Diesen „Stellvertreterkampf“ aber deshalb für illegitim zu erklären, ist absurd, denn mit demselben Argument könnten die Kämpfe gegen die Misshandlung von Kindern oder für Kinderrechte delegitimiert werden.

Der Kampf für Kinderrechte ist nicht generell ein Stellvertreterkampf. Beispielsweise sind auch KinderarbeiterInnen und arbeitende Jugendliche in der Lage sich selbst zu artikulieren und zu organisieren. Auch Kinder können ganz gut verkünden was sie möchten (Selbst wenn dem nicht so wäre, hätten sie immer noch die Fähigkeit zur Entwicklung zum selbstständig denkenden Menschen). Das selbstständige Denken setzt ja nicht erst mit dem 18. Geburtstag ein. Der Glaube, dass Kinder paternalistisch betreut werden müssten, hat bei dem Thema Kinderarbeit dazu geführt, dass Erwachsene im Namen der Kinder Kinderarbeit gerne verbieten und abschaffen würden, Kinder aber zumeist lieber mehr Rechte hätten.

Dass die sogenannten Nutztiere ihre Befreiung nicht selbst vornehmen können, liegt in der Natur der Kräfteverhältnisse: Ähnlich wie die SklavInnen in England und Frankreich durch die moralisch orientierten Kampagnen wohlhabender SklavereigegnerInnen „befreit“ wurden – nach der formellen Abschaffung folgte der Gleichstellungskampf, der eher der Selbstbefreiung nahe kommt –, können sich „Nutztiere“ nicht selbst befreien.

Es gab in der Geschichte immer Aufstände von Versklavten. Versklavte Menschen, die sich verabredeten und dann einen Aufstand machten (Spartakus, Haitis Unabhängigkeit, es gab aber auch unbekannte Sklavenaufstände, z.B.in den US-Südstaaten oder Brasilien) und sich tatsächlich häufig selbst und manchmal – allerdings sehr viel seltener – das Sklavensystem stürzten. Die Versklavten haben selbst sehr viel für ihre Freiheit getan. Ihre Befreiung auf das Ergebnis eines Stellvertreterkampfes zu verengen ist historisch einfach falsch. Selbst bei den Anti-Abolitionisten in den USA, haben Versklavte, Ex-Versklavte und wohlhabender SklavereigegnerInnen miteinander zusammen gearbeitet und sich immer wieder über ihre Ziele abgestimmt. Im US-Bürgerkrieg, in dem es nicht nur aber auch um die Frage der Sklaverei ging, haben viele geflohene Ex-Sklaven auf Seiten der Nordstaaten gekämpft. Ich glaube mich sogar erinnern zu können, gelesen zu haben, dass auch SklavInnen auf Seiten der Südstaaten gekämpft haben, weil man ihnen dafür die Freilassung versprach.
Von einem Aufstand der (Nutz-)Tiere aber ist nichts bekannt. Antispes handeln immer nur für die Tiere und nicht mit ihnen. Vielleicht würden Tiere ja eher die Konzepte von TierschützerInnen bevorzugen: Artgerechte Haltung statt Freiheit? Da aber keine Kommunikation mit Tieren möglich ist, kann das von den Antispes sich selbst erteilte Mandat nie zurückgezogen werden. Sehr praktisch.
Esos&Tiere
Vielleicht wäre es ganz praktisch die Esoteriker zu fragen, die scheinen zu wissen wie man mit Tieren kommuniziert

Nichtmenschliche Tiere werden meist, auch wenn sie gejagt werden oder lebensgefährlich für die Menschen sind, als gewissermaßen ebenbürtig empfunden: Auch sie versuchen in ihrem Umfeld zu überleben, jagen und werden gejagt.

Hier wird Respekt mit Ebenbürtigkeit verwechselt. Bis auf einzelne Fälle von Kannibalismus (das wurde von europäischen Historikern und Forschern meist übertrieben) werden auch in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften keine anderen Menschen verspeist, Tiere aber gehören zum täglichen Speiseplan. Deswegen darf man davon ausgehen, dass Tiere (bis vielleicht auf Totemtiere oder sonstwie mit einem religiösen Tabu belegte Tiere) nicht als ebenbürtig angesehen werden, sondern lediglich Respekt erhalten. Weil man von diesen Tieren gewissermaßen abhängig ist und viele Tiere eine Gefahr darstellen (können), respektiert man in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften Tiere. Das macht ja auch Sinn.

Zum Schluss
Weil die Antispe Tübingen immer so gerne zitiert, zitiere ich zum Abschluss auch mal und zwar Jonathan Safran Foer, Verfasser des kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen Buches „Tiere essen“, dass sich kritisch mit der Massentierhaltung auseinandersetzt:

Ich würde jedenfalls niemandem zum Vorwurf machen, Würste zu essen, ich finde nur, man muss das nicht dauernd tun.

Dem schließe ich mich voll und ganz an.

PS: Wer dieser Diskussion noch nicht überdrüssig ist, hier gibt’s noch mehr davon:
http://audioarchiv.blogsport.de/2010/08/10/antispeiziesismus/, besonders die Diskussion auf Radio Dreyeckland ist meiner Meinung nach sehr erhellend.

Antispe-Diskussion: Ein Nachschlag

Liebe Antispe-Tübingen. Es wurden recht viele Kritikpunkte angesprochen und auch der neueste Gastbeitrag von „Apple“ enthält eine intelligente Kritik und Analyse an der Antispe-Ideologie.
Die inhaltlich sehr knappe Antwort der Antispe Tübingen (http://asatue.blogsport.de/2010/06/13/angriff-von-links/) enttäuscht mich etwas. Sicher, ich habe selbst geschrieben mir graue es vor einem Diskussions-Pingpong. Zur Erinnerung: Ich erhielt 17 Seiten Text (lange Zitate, keine echte Ordnung) als Konter und ich diskutiere als Einzelner mit einer ganzen Gruppe (Beim zweiten Text hatte ich allerdings einen freundlichen Korrektor, Danke nochmal!). Doch wenn dass das Ende der Diskussion ist, dann erscheint mir das ein bisserl dürftig. Drei Jahre (ver)alte(te) Aussagen, die der Autor heute nicht mehr unterschreiben würde. Konkret: „Menschenverachtung und Menschenhass“ und „Abrutschen ins Ökofaschistische“ würde ich den Antispes nicht mehr vorwerfen, das war falsch. Die Grundannahmen der Antispe-Ideologie aber halte ich weiterhin für gefährlich. Die Kritik an meiner Unwilligkeit sich auf den Nebenschauplatz der Antispe-Horkheimer/Adorno-Rezeption zu begeben. Dann wird behauptet, dass ich Frau Witt-Stahl in eine Ecke mit den Neuen Rechten stellen würde. Das tue ich nicht, finde aber die Wortwahl von Witt-Stahl gemeingefährlich und sehr kritikabel. Wer von „Holocaust-Religion“ schreibt, darf sich über Kritik nicht wundern. So ein Wort impliziert nun mal bestimmte Dinge. Selber Schuld, Frau Witt-Stahl.

NACHTRAG: Inzwischen habe ich noch drei einzelne Blog-Kommentare gefunden und freigeschaltet. Ich werde beizeiten auf diese eingehen. Die Diskussion mit der Antispe Tübingen als Gruppe scheint aber mit ihrem „Angriff von Links“-Beitrag beendet.

„Wir sind aber eine emanzipatorische Bewegung!“

Der Tübinger Linken insgesamt möchten wir deutlich machen, dass wir kein Verständnis mehr dafür aufbringen können, dass, wie in Tübingen geschehen, Menschen, die sich selbst als „aufgeklärt“ und „radikal links“ bezeichnen, sich über andere emanzipatorische Bewegungen lustig machen und es in linksradikalen Zusammenhängen möglich ist, dass Personen angegangen werden, nur weil sie selbst nicht die Tierausbeutungsindustrie mit Geld unterstützen wollen und sich deshalb für eine vegane Lebensweise entschieden haben. Es ist schon schlimm genug, diese Kämpfe überhaupt nicht anzuerkennen, oder wenn, dann für „unpolitisch“ zu erklären. Aber dieses unsolidarische Verhalten, diese subtilen Herabsetzungen sind in einer radikalen Linken nicht tragbar!

Von Anfang an hatte die politische Tierbefreiungsbewegung mit Angriffen auch von Seiten anderer linken Gruppen und Personen zu kämpfen, welche die Ausweitung des emanzipatorischen Gedankens auf die Tiere und die Forderung nach einem Ende der Ausbeutungsverhältnisse, in denen sie zu leben gezwungen sind, ablehnten.

Dass die Antispes die Anerkennung als „emanzipatorische Bewegung“ wütend für sich einfordern ist ja aus ihrer Sicht verständlich. Ich halte die Antispe-Ideologie aber nun mal generell für konstruierten Unsinn. Den Ansatz die Kaschierung der massenhaften Fleischproduktion auf ideologiekritischer Ebene zu untersuchen finde ich zwar sinnvoll, aber die Forderung nach einer „Aufhebung des Mensch-Tier-Dualismus“ halte ich für unsinnig und reaktionär bis gefährlich. Wenn ich (wie viele andere) auf Grund dieser Einschätzung die Antispe-Bewegung nicht als emanzipatorisch betrachte, so müssen die Antispeseben halt erstmal damit leben.
Ich glaube außerhalb ihrer eigenen Szene und einer gewissen linken Lebenssubkultur werden sie einfach überhaupt nicht erst genommen. Davon auszugehen, dass alle anderen Linken in Zukunft auch noch auf den Antispe-Trichter kommen – wie es aus einem früheren Text herauszulesen war – ist schon ein arger Höhenflug. Ich halte nix von Meinungsharmonie a la „Jeder hat seine Meinung und alle haben Recht“, von daher werde ich nicht kritisieren, dass die Antispes davon ausgehen, dass sie eigentlich Recht haben und andere ihre Wahrheit nur noch erkennen müssen. Ich habe eine ähnliche Einstellung in anderen Fällen.
Trotzdem ist die Nicht-Anerkennung der Antispe-Inhalte als gleichwertig z.B. zum Antisexismus nur für die Antispes schlimm, für mich aber durchaus nachvollziehbar und mittragbar, denn diese Anerkennung würde bereits eine gewisse Akzeptanz der Inhalte bedeuten.


Von Fruchtfliegen und anderem Getier

Wenn darauf auf eine solche Art und Weise eingegangen wird, sind wir nicht mehr bereit, die Diskussion weiter zu führen, zumal wir den Eindruck haben, dass von unserer Replik nichts beim Autor angekommen ist – wie wäre es sonst möglich, dass er sich in seiner Antwort auf sie, obwohl wir deutlich gemacht haben, dass es sich bei der Unterstellung, die von ihm so genannte „Antispe-Ideologie“ fordere eine Gleichbehandlung aller Tiere, um ein bloßes, nicht haltbares Vorurteil handelt, immer noch ernsthaft zu wundern scheint, weshalb wir uns für Affen einsetzen und nicht für Fruchtfliegen?

Was auch auffällt ist die komplette Humorlosigkeit der Antispes. Eine durchaus auch ironisch gemeinte Überschrift („Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“) wird bierernst genommen, obwohl im Text darunter genau das Gegenteil gesagt und konkretere Kritik geäußert wird.
Dass die Rettung von Fruchtfliegen schon wegen deren Lebenskürze keinen Sinn macht, dürfte jedem klar sein. Das war ein humorvolle Überspitzung! Dass Insekten generell als Subjekt ausgeschlossen werden, kann mensch allerdings nicht für alle Antispes behaupten. Ein größerer Teil der Antispes scheint ja auch Honig abzulehnen, weil dieser „Sklavenarbeit“ oder „Ausbeutung“ entspringt.

Nebenschauplatz I: Männerdominanz bei der Antifa – Geschlechtergerechtigkeit bei den Antispes

Bei solchen sich in diesem Verhalten offenbarenden machistischen Strukturen ist es für uns kein Wunder, dass sie mit Problemen wie „Männerdominanz“ und Abwesenheit der Attraktivität ihrer Gruppen für „Nicht-Männer“ zu kämpfen hat. Vielleicht sollte sich unter anderem die antifaschistische Szene und ihr Umfeld, was den Umgang untereinander und mit „Anderen“ betrifft, gerade von antispeziesistischen oder auch antirassistischen und internationalistischen Gruppen inspirieren lassen, um besser dagegen vorgehen zu können!

Das real existierende Machismo-Problem von Antifa-Gruppen hat ja nix mit dieser Diskussion zu tun. Irgendwelche schlechten Erfahrungen von Antispes mit Antifas, sofern sie überhaupt auch wirklich auf Machismo, zurückzuführen sind, sind an dieser Stelle arg fehl am Platz. Zum allgemeinen Vorwurf des „Fleischgemackere“ hab ich mich ja schon geäußert.
Es geht um die Inhalte der Antispe-Ideologie und nicht darum ob die Antispe-Gruppen angeblich eine geschlechtergerechtere Innen-Konstitution haben als Antifa-Gruppen.

Nebenschauplatz II: Aber der Horkheimer hat doch gesagt

De facto haben nämlich auch die Denker der Frankfurter Schule die zur Nutzung durch den Menschen gefangen gehaltenen Tiere bereits als zu befreiende Subjekte in der durch Unterdrückung geprägten kapitalistischen Warengesellschaft gesehen, und eine befreite Gesellschaft ohne die Befreiung der Tiere wäre für sie ein Widerspruch in sich gewesen! Alles allerdings, was dem Autor in seiner erneuten Antwort zu diesem Kernstück der Theorie der Tierbefreiungsbewegung einfiel, war die äußerst platte Aussage, dass er nicht darüber diskutieren wolle, „ob Horkheimer in einem Text mal die Ausbeutung von Tieren anprangert“.

Wenn Horkheimer dasselbe gesagt hätte wie die Antispes (vermutlich dann in schöneren Worten), dann haben die Antispes doch deswegen nicht recht. Horkheimer mag ein kluger Kopf gewesen sein, aber er ist ebensowenig wie Marx, Einstein oder Nietzsche der Verkünder purer Wahrheiten. Sie waren Menschen und damit fehlbar wie alle anderen Menschen auch.
Deswegen ist es erstmal für eine Kritik legitim den Nebenzeugen, der genau das gleiche sagt wie der Hauptzeuge ohne neue Beweise anzuführen, zu ignorieren. Die Annahmen der Antispes werden ja dadurch erstmal nicht richtiger.

Der Streit ob nun „die“ AntiDs oder die Antispes die wahren Nachfolger der Kritischen Theorie sind, ist für die Diskussion und Kritik der Antispe-Kritik irrelevant. Ich finde ja die Hauptbestandteile der Kritischen Theorie, soweit mir bekannt, haben weder mit der einen noch der anderen Strömung inhaltlich besonders viel zu tun. Es handelt sich um ein analytisches Handwerkszeug, was jeder verwenden kann. Für wen sich eine Adaption eher eignet, weiß ich nicht.

Was mir noch aufgefallen ist I: Tiere sind die „Subjekte“

Obwohl er sich selbst als emanzipatorisch bezeichnet, folgt ein Teil der Linken der Kritik am Mensch-Tier-Dualismus und, allgemeiner, am Dualismus Kultur/Natur2 nicht und will Tiere partout nicht als zu befreiende Subjekte anerkennen; er versucht deshalb, die emanzipatorische Tierbefreiungsbewegung zu diskreditieren.

Warum sind Tiere denn Subjekte? In den verschiedenen Definitionen von Subjekt steht zumeist etwas von einer „bewusst handelnden Person“ und „Träger von Rechten und Pflichten“. Tiere könne ja gerne Rechte haben (Tierschutzgesetze), aber sie haben sich noch nie selbst zu ihrer Situation geäußert. De facto sind Tiere EURE Objekte der Fürsorge und keine eigenständigen Subjekte. Auch wieder ein Unterschied zu den echten Emanzipationsbewegungen. Hier gab es eine Kommunikation und ein Austausch zwischen den noch nicht Emanzipierten und ihren Sympathisanten.
Gegenwehr
OBEN: Das „nichtmenschliche Tier“ emanzipiert sich als Subjekt gegenüber dem „menschlichen Tier

Was mir noch aufgefallen ist II: Argumentation mit Extremfällen

Soweit mir bekannt lehnen Antispes Fleischkonsum, Tierprodukte und Tierhaltung generell ab, für sich, streben aber dieses Verhalten als politisches Ziel auch für andere an. Vor allem durch Überzeugung, es gibt aber auch Gruppen die z.B. Metzgereien angreifen oder Individuen die anderen Individuen Vorschriften bei der Ernährung machen (wollen). Eine Welt in der Fleisch- und Tierprodukte nachhaltig, ökologisch und artgerecht produziert würden, ist für sie keine Alternative. Ihre Beispiele und Analysen zielen aber vor allem auf die grausame industrialisierte und weitgehend versteckte Fleischproduktion in den Metropolen (die allerdings durch Export und Standortverlagerung auch auf die Peripherie übergreift). Wenn die Antispes offen sagen würden, dass man auch Wildparks, Großtante Ernas private Hühnereier-Produktion oder das Hechtfischen von Onkel Max ist und diese Tätigkeiten abschaffen will, würde man sich stark isolieren. Vermutlich auch deswegen arbeitet man sich in der Praxis nur an sehr bestimmten Bereichen ab. Dass heißt, es gibt konkret eine Differenz zwischen dem theoretisch Kritisierten und dem praktischen Tun.
Bei den Antispes fällt also auf, dass sie für ihre Argumentation immer die Beispiel-Fälle heranziehen, die tatsächlich unnötig sind. Jagd ist ja in vielen Fällen tatsächlich unnötig und bringt nichts, genauso ist es bei Tierversuchen. Aber wenn die unnötige Jagd und die sinnlosen, profitorientierten Tierversuche abgeschafft würden, bliebe noch immer ein Restbestand übrig. Hier stoßen die Antispes schnell an die Grenzen der Sympathie ihrer Umwelt, da Dinge zum Vorteil des Menschen von allen Anderen meist nicht abgelehnt werden.

nicht so lecker

Tschüss, und Danke für den Fisch!

Gastbeitrag: „Apple“ zur Antispe-Diskussion

Folgender Kommentar von „Apple“ am 27. Mai als Kommentar gepostet. Nach Ansicht des Blog-Betreibers ist er es wert als Gastbeitrag veröffentlicht zu werden. Dies sei hiermit getan. Die Bilder wurden alle von dem Blog-Beitreiber ausgewählt.

1. Antispes mögen Tiere und wollen nicht, dass ihnen etwas angetan wird. Das ist vollkommen ok und daran gibt es nichts auszusetzen. Damit ist auch der Radius ihres Engagements gegeben: Es sind Tiere, die Schmerzen spüren und Gefühle wie Angst oder Trauer o.ä. verspüren können, mit denen sie sympathisieren. Deswegen z.B. keine Insekten, Pflanzen, niedere Säugetiere – weil man bei denen nicht von Gefühlen und teilweise nicht einmal von Schmerzen ausgehen kann. Ich persönlich bin bei tierischen Gefühlen etwas skeptisch, weil Gefühle wie Angst immo Selbstbewusstsein voraussetzen, d.h. man muss sich als selbstständiges, von der Welt getrenntes Subjekt begreifen – was bei allen Säugetieren, die den Spiegeltest nicht bestehen können (Kühe, Hühner, Pelztiere und so), nicht der Fall ist. Es gibt aber einige Säugetiere, bei denen man auch von Gefühlen ausgehen kann. Paradebeispiel: Menschenaffen.

2. Antispes versuchen, diese Tiere nicht mehr zu konsumieren, wobei ich mit Konsum in diesem Fall die Benutzung von Tieren meine, die ihnen wehtut oder ihre Gefühle verletzt. Das reicht aber nicht, weil die meisten Leute keine Antispes sind, Tiere weiterhin schlecht behandeln und aus Antispe-Sicht damit aufhören sollen. Wenn man Menschen vom Tierkonsum abhalten will, kann ich mir grundsätzlich drei Wege vorstellen: 1) man kann sie mit Gewalt zwingen 2) man kann ihnen den Tierkonsum verleiden, indem man diesen Menschen z.B. Ekelvideos zeigt, in denen Tiere geschlachtet und ausgeweidet werden, oder indem man Leute die ganze Zeit beschimpft und nervt usw. Das machen einige Tierschutzorganisationen (PETA ist, glaube ich, ein Beispiel) und oft ja auch mit Erfolg. 3) man kann versuchen, diese Menschen mit Argumenten zu überzeugen, die beweisen sollen, das Tierkonsum nicht gut ist. Das ist das Programm der Antispe-Bewegung.

3. Wie du schon geschrieben hast, gibt es neben der Antispe-Argumentation auch einige andere Argumente gegen z.B. Fleischkonsum. Es gibt ja auch außerhalb der Tierschützer-Szene Leute, die kein Fleisch essen – aus Schönheitsidealgründen, aus gesundheitlichen Gründen (das billige Fleisch in den Supermärkten ist auf Dauer vermutlich ziemlich gesundheitsschädlich) u.ä. Bei anderen Arten von Tierkonsum wird es schon schwieriger. Warum sollte man keinen Schafswollpullover anziehen?

überfressen
Zu viel Fleisch kann ungesund sein …

Einen Mensch, der Tiere konsumiert, kann man natürlich darauf hinweisen, dass er damit viel Leid bei diesen Tieren verursacht. Manchmal hat man damit auch Erfolg und er hört auf. Das liegt daran, dass viele Leute ziemlich gedankenlos Tiere konsumieren. Sie sind so aufgewachsen und kennen es nicht anders, haben sich vielleicht noch nie so wirklich Gedanken darüber gemacht. Wenn man sie dann darauf aufmerksam macht und ihnen erzählt, dass es auch anders geht, hören sie vielleicht auf.

Es kann aber natürlich auch sein, dass man auf jemandem trifft, der sich dessen bewusst ist, dass er den Tieren nichts Schönes antut, wenn er sie konsumiert – dem es aber schlichtweg egal ist. Es gibt keinen höheren Grund dafür, dass man sich das Interesse der Tiere an einem angenehmen Leben zu eigen machen soll. Man kann genauso gut sagen: Der gute Geschmack beim Essen ist mir wichtiger.

4. An diesem Punkt ist die Sache mit der Argumentation eigentlich zu Ende und man kann nur noch auf die Methoden ‚1′ und ‚2′ ausweichen. Bei den Antispes fängt die Argumentation an diesem Punkt aber gerade erst an. Der Auftakt geht immer so, dass darauf verwiesen wird, dass man ja auch keine Menschen esse/konsumiere. Das ist der Beginn der Moralisierung der Debatte.

Rationellerweise ließe sich erstmal fragen, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ja, ich esse keine Menschen und esse gleichzeitig Hühnchen. Un nu? Der Verweis auf den Menschenverzehr unterstellt aber, dass die beiden Sachen irgendwie zusammenhingen.
Menschenfresser
Äußerst selten geworden: menschlicher Kannibalismus

Wenn man mal von den ganzen gesellschaftlichen Institutionen absieht, die den Verzehr von Menschenfleisch sehr erschweren – die sollen hier nicht das Argument sein – esse ich Menschen nicht, weil ich zu Menschen eine stärkere Empathie habe. Den Zweck von Menschen, ein angenehmes Leben zu haben, habe ich mir zu eigen gemacht – bei Hühnern ist es nicht der Fall. Das ist auch nichts Ethisches, sondern einfach ein persönlicher Entschluss: Menschen sind mir wichtig und ich tue ihnen nichts zu leide, wenn sich’s vermeiden lässt. Natürlich gibt es noch weitere Gründe, keine Menschen zu essen: Menschen wehren sich im allgemeinen, wenn man sie isst, Hühner tun’s eher weniger; eine Gesellschaft, wo sich alle gegenseitig angreifen und aufessen, ist total stressig und unangenehm, also ist es gut, wenn man sich darauf einigt, sich nicht zu verspeisen – aber auf diese gesellschaftlichen Gründe will ich hier gar nicht die Betonung legen.

Es gibt im übrigen auch Tiere, zu denen ich ein anderes Verhältnis habe, als zu irgendeinem Hühnchen. Meine Hauskatze würde ich nicht aufessen – ganz platt: weil ich sie mag. (Eigentlich habe ich keine Hauskatze, weil ich eine Katzenhaarallergie habe, aber wenn ich eine hätte…)

5. Weil es gegen den persönlichen Entschluss – Gefühle von Tieren sind mir nicht so wichtig – eigentlich kein Argument gibt, müssen die Antispes eins erfinden. Das geht so: Menschen darf man nicht konsumieren. Tiere – bestimmte zumindest – stehen auf der gleichen Stufe wie Menschen. Also darf man Tiere auch nicht konsumieren. Damit erfinden/übernehmen die Antispes selbst (!) eine Rangordnung in der Welt der Lebewesen. Es soll Lebewesen geben, deren Natur/Wesen/Beschaffenheit uns Aufschluss darüber gibt, ob man sie essen darf bzw. umgekehrt den Konsum dieser Lebewesen verbietet. Das hat mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung über die Beschaffenheit verschiedener Lebewesen nichts (mehr) zu tun. Ob man ein Lebewesen konsumiert oder nicht, ist keine Eigenschaft dieses Lebewesens, sie ist an ihm deshalb auch gar nicht aufzufinden. Es ist ein Verhältnis, das ein Mensch zu einem Tier eingeht, was die Antispes zu einer Eigenschaft von Lebewesen verfabeln und wonach sie die gesamte Tierwelt sortieren. An der Welt ist aber nicht aufzufinden, ob sie von Menschen benutzt werden soll oder nicht.

Darum ist die gesamte Debatte, welche Lebewesen nun klug und geschickt sind und welche nicht, für die Katz. Warum soll eine kognitive Leistung oder das Fehlen einer solchen eine Berechtigung zum Gefressen-werden oder Verschont-werden sein? Gleich logisch wäre es zu sagen, dass alle Lebewesen, die grün sind, nicht konsumiert werden dürften. Warum? – Ich weiß es genauso wenig.

6. Man merkt schon an der ausgiebigen Verwendung der Wörter „sollen“ und „dürfen“, dass es hier weniger um einen Disput über die Beschaffenheit von Tieren, als vielmehr um das Aufstellen von moralischen Grundsätzen geht. Der springende Punkt bei der Moral ist gar nicht der, dass sie beliebig ist – wie du schreibst.

Moral gibt es nur in einer Gesellschaft, in der das Allgemeininteresse sich von individuellen Interessen unterscheidet und ihnen entgegen steht. Warum gibt es die Regel, dass man seine Mitmenschen nicht umbringen darf? – Weil es einerseits das gemeinsame Interesse nach einer Gesellschaft gibt, in der Menschen nicht umgebracht werden, andererseits bei den einzelnen Individuen das Interesse besteht, seine Mitmenschen über den Jordan zu schicken. Wenn es keine Menschen gäbe, die andere umbringen wollten, würde sich die Regel einfach erübrigen. Moral ist der Ausdruck für einen Widerspruch zwischen gesellschaftlichen und individuellen Interessen. Marx hätte gesagt, Moral gibt es, wenn der Mensch als Gattungswesen (noch) nicht frei ist. Wenn die Gesellschaft das Individuum unterdrückt und das Individuum gleichzeitig immer gegen die gemeinsamen Interessen und Vereinbarungen opponiert. Oder nochmal anders gesagt: wenn die Gesellschaft keine Assoziation freier Individuen ist, sondern ein Zwangszusammenhang, in dem die Gesellschaftsmitglieder einerseits auf gemeinsame Regeln angewiesen sind, um ihre Interessen zu verfolgen, auf der anderen Seite ihre Interessen immer gegeneinander und zum Schaden des anderen verfolgen und deswegen zur Einhaltung des Allgemeininteresses gezwungen werden müssen. Im Kommunismus deshalb keine Moral.

Moral ist aber auch nicht einfach ein Ausdruck oder sowas, sondern eine Art und Weise seine individuellen Interessen in dieser Gesellschaft vorzubringen. Sie dient dazu ein individuelles Interesse gegenüber einem anderen aufzuwerten und zu rechtfertigen. Die Rechtfertigung geht darüber, dass man sagt: Mein Interesse ist gleichzeitig im Sinne aller, ein allgemeiner Grundsatz – also müssen alle, selbst die, die das nicht wollen, mir recht geben. Bei der Moral beruft man sich auf bereits bestehende allgemeine gesellschaftliche Interessen und interpretiert sie so, dass sie zum eigenen Interesse passen. Deswegen auch die Heuchelei, die einer moralischen Argumentation immer anhaftet. Das ist wahrscheinlich das, was du mit „Beliebigkeit“ meintest. Ich kann genauso gut eine moralische Begründung dafür angeben, warum ich von dem anderen nicht umgebracht, bestohlen etc. werden darf, als auch umgekehrt die Begründung, warum ich den anderen umbringen, bestehlen etc. darf: Weil er sich gegen irgendwelche Regeln vergangen hat und ich ihn dafür bestrafen darf; weil ich selbst was Tolles geleistet habe und mit deshalb auch die Berechtigung verdient, mich an dem anderen zu bereichern; weil ich das Recht habe mich zu verteidigen und das, was der andere gemacht hat, ein Angriff auf mich war – und so zu. Diese Begründungen sind logisch gesehen Quatsch erster Sahne, was sie aber leisten, ist, das eigene Interesse als ein berechtigtes darzustellen.

Jetzt zum Antispe: Weil es in der Gesellschaft kein gemeinsames Interesse gibt, Tiere gut zu behandeln, knüpft die Antispe-Argumentation an eine bereits bestehende moralische Regel an: Menschen dürfen nicht konsumiert werden. Der nächste notwendige Schritt besteht deshalb darin, bestimmte Tiere auf die gleiche Stufe mit Menschen zu setzen. Dazu muss erstmal eine ganze Hierarchie der Tierwelt erfunden werden, mit verschiedenen Stufen, wo manche Tiere die Berechtigung haben gefressen zu werden, andere jedoch nicht. Natürlich stimmt es, dass Tiere und Menschen sich voneinander unterscheiden, aber genauso stimmt es, dass sie gemeinsame Eigenschaften haben. Zu welchen Gruppen man nun verschieden Tiere und Menschen zusammenfasst und wo man qualitative im Gegensatz zu quantitativen Unterschieden festlegt, ist keine Frage der wissenschaftlichen Bestimmung – die hat ja schon stattgefunden, wenn man die Eigenschaften der verschiedenen Lebewesen kennt – sondern eine der Klassifikation, also auch nicht objektiv zu entscheiden. Diese Klassifikation gibt es in der Biologie auch – da werden Tiere nach ihrer wissenschaftlichen Bestimmung aus (zumeist) Zweckmäßigkeitsgründen in verschiedene Klassen sortiert. In der Antispe-Debatte findet die Sortierung aus moralischen Gründen statt. Deswegen ist diese Debatte so unfruchtbar. Man kann natürlich bestreiten, dass Tiere ausgerechnet an diesem bestimmten Merkmal sortiert werden, und stattdessen auf einem anderen Merkmal für eine andere Sortierung beharren. Weder für das eine noch für das andere gibt es ein Argument. Die Sortierung hat ihren Grund ja nur in der subjektiven Entscheidung darüber, wen man jetzt als konsumierbar betrachtet und was nicht.

7. Leider sind die meisten Leute, die von den Antispes/Tierschützern mit dieser moralischen Argumentation konfrontiert werden, keine Moralkritiker, sondern selber aus dem gleichen Holz geschnitzt. Sie fangen an sich zu rechtfertigen, moralische Grundsätze dafür aufzustellen, warum sie doch Tiere essen dürfen, das Tierreich gemäß ihrem Interesse zu sortieren und sich über diese Sortierung mit den moralischen Tierschützern zu streiten. Sie bringen also selbst eine moralische Ideologie hervor und diese Ideologie heißt „Speziesismus“. Speziesismus mit seiner Ideologie des Mensch-Tier-Dualismus ist keine Erfindung der Antispes – es gibt ihn wirklich. Allerdings ist er eine Rechtfertigungsmoral und eine Rechtfertigung unterstellt allemal eine Kritik, gegenüber der man sich rechtfertigt. Der Kampf der Antispes gegen den Speziesismus ist also immo ein Kampf gegen eine Ideologie, die durch den moralischen Tierschutz erst in die Welt kommt. Die Antispes sehen es nicht so und man kann es noch so viel beteuern, dass man Tiere einfach so konsumiert, ohne sich dazu eine speziesistische Ideologie zu denken – sie sagen dir trotzdem immer, dass du irgendwie im Verborgenen, vielleicht sogar unterbewusst, doch der Ideologie verfallen bist.

8. Die Holocaust-Vergleiche aber auch die Bezeichnung von Tiertötungen als Mord u.ä. passt deswegen sehr gut ins Konzept dieser Tierschützer. Mord ist die Bezeichnung für ein Verbrechen und vom Holocaust weiß man auch, dass er in der (deutschen) Öffentlichkeit vor allem als eine moralische Untat besprochen wird. Diese Rhetorik wird verwendet, um die ‚Verbrechen‘-Qualität der Behandlung von Tieren hervorzuheben. Gesagt werden soll: Wer Tiere so behandelt, macht sich einer ungeheuren moralischen Verfehlung schuldig. Sachlich gesehen, haben die Shoa und die Tierschlachtung kaum was miteinander zu tun. Moralisch gesehen – also wenn es darum geht Menschen anzuklagen – allerdings recht viel.

Das ist allerdings nicht nur die Schuld von Tierschützern. Was man in der Öffentlichkeit über die Shoa hört, ist tatsächlich fast nur, dass sie etwas unvorstellbar Böses war. Es wird kaum über die (Hinter-)Gründe des Holocaust aufgeklärt, die gesellschaftlichen Verkehrsformen, die ihn hervorgebracht haben, so gut wie gar nicht richtig kritisiert. Man braucht gar nicht zu wissen, was der Holocaust war, um in Deutschland sagen zu können, dass er ein großes Verbrechen war. Von dieser Idiotie sind die Holocaust-Vergleiche nur die konsequente Fortsetzung.

9. Ähnliches gilt, wenn sich der Antispe explizit als Bestandteil – und oft ja sogar als die radikale Konsequenz – der linken Bewegung bezeichnet. Man könnte ja auch mal fragen, wieso man unbedingt so viel Wert darauf legen soll, als links zu gelten. An der eigenen Kritik, an den eigenen Zielen und Methoden ändert sich sachlich gesehen ja nichts – ob man sie nun „links“ nennt oder nicht. Dass es so sehr drauf ankommt, es zu tun, liegt daran, dass die Bezeichnung des eigenen Vorhabens als „links“ oder „emanzipatorisch“ die Sache in ein besseres Licht rückt – und die Sache, die man kritisiert, in ein schlechteres (zumindest mal innerhalb der linken Szenen, wo viele Antispes herkommen). Jeder der sich sonstwie für eine bessere Gesellschaft engagiert, müsste auch für die Sache des Antispe sein, weil sie auch links ist. Dass ist zwar etwas einfältig, denn warum sollte jemand, der sich gegen das Lohnarbeitsverhältnis einsetzt, sich auch gegen Tierhaltung engagieren, nur weil Anspes das auch „Ausbeutung“ nennen? Das sind ja zwei vollkommen unterschiedliche Sachen. Da Begriffe wie „Ausbeutung“ in der linken Szene aber negativ besetzt sind – das gleiche gilt für „Herrschaft“, „Unterdrückung“, „Diskriminierung“, „xxx-ismus“ – ist es eine Möglichkeit zu sagen: Das, wogegen wir sind, ist auch voll schlecht und jeder anständige Linke sollte sich mit uns dagegen engagieren. Es wird also nicht argumentiert, sondern gebrandmarkt und gehofft, dass die Leute auf den Zug aufspringen. Das soll jetzt nicht so verstanden werden, dass die Antispes das mit Absicht machen und sich dann freuen, Linke mit der Masche geködert zu haben, aber wie Marx sagt: Wo Begriffe fehlen, stellt zu rechten Zeit ein Wort sich ein – will sagen: Wo es keine Argumente gibt, ist es konsequent zu Labels zu greifen.