Archiv der Kategorie ' Antisemitismus & Israelfeindschaft'

Buchkritik „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken“ von Peter Nowak

Das Büchlein „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken“ von Peter Nowak (Münster, 2013) ist ein guter Einstieg in den Nahost-Konflikt in der Linken in der Bundesrepublik.
Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken
Seit fast über zwei Jahrzehnten führt dieser Konflikt zur Polarisierung innerhalb der Linken. Älteren Szenegänger*innen kommt schnell mal ein Stöhnen über die Lippen, wenn am linken Stammtisch sich mal wieder eine Nahost-Diskussion Bahn bricht.
Nowak versucht die „Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken“ ausgewogen darzustellen. Wobei bei ihm mit Linken vor allem außerparlamentarische Linke gemeint sind.
Ohne falsche Loyalitäten oder Beschönigungen thematisiert Nowak auch jahrzehntelange Verdrängungsleistung in der Linken in Deutschland in Bezug auf den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Sehr lange wollte auch unter den Linken niemand, wenn es um TäterInnen ging, von „den Deutschen“ schreiben. Stattdessen wurde der Holocaust eher als eine Art Begleiterscheinung des Nationalsozialismus eingestuft, es dominierten auf linker Seite ökonomische und imperialismustheoretische Analysen.
Analog dazu ist Israel in der westdeutschen Linken spätestens seit 1967 eine Art Feindstaat. Die Wahrnehmung Israels als „Frontstaat des Westens“ oder schlimmer, ignoriert die Pluralität innerhalb des Staates, worauf laut Nowak Antizionismus-Kritiker*innen in der Linken hinweisen:

„Damit werde zudem ein einheitliches Israel konstruiert, in den kein Platz für dort lebende Kritiker_innen der israelischen Politik ist, lautete ein weiterer Einwand gegen den Holzhammer-Antizionismus.“ (Seite 14-15)

Nowak markiert die Zäsuren der Antisemitismusdebatte: die Goldhagen-Debatte, Walsers Paulskirchen-Rede 1998, die zweite Intifada ab Oktober 2000.
Doch die eigentlichen Wurzeln liegen tiefer in der Zeitgeschichte vergraben, nämlich in dem Ereignis, was in den offiziellen Annalen bundedeutscher Geschichtsschreibung als „Wiedervereinigung“ bezeichnet wird. Dagegen entstand in Westdeutschland eine antinationale Nie-wieder-Deutschland-Bewegung. Durch den geschichtsrevisionistischen Diskurs um die Bombardierung von Dresden nehmen auch in Ostdeutschland Linke antinationale Haltungen ein. Sie treten u.a. mit dem Motto „Keine Träne für Dresden“ auf. Mensch ist geeint im Kampf gegen deutsche Zustände:

„[…] viele aktive Antifaschist_innen in der dreifachen Frontstellung gegen Neonazis, Normalbürger_innen und Polizei teilten.“ (Seite 46)

Es ist die Zeit der Pogrome und fast täglichen Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte.
Auch im Buch erwähnt wird die Rolle das Magazins „konkret“. Angefangen hat die Rolle des Magazins beim zweiten Golfkrieg im Winter 1990 als der Irak Scudraketen auf Israel schießt, was aber von großen Teilen der Antikriegs-Bewegung genauso ignoriert wird, wie der Charakter von Saddam Husseins Regime. Dagegen schreiben die „konkret“-Autoren Gremliza und Pohrt. Doch „konkret“ hat keinen einseitige Kurs, sondern ist vielmehr ein Podium für Debatten.
Sowohl der zweite Golfkrieg als auch der jugoslawische Zerfallskrieg 1992 bis 1995 sorgen für weitere Spaltungen in der Linken. Diese übertragen sich auch auf einzelne Projekte. Die antiimperialistische Tageszeitung „junge Welt“ gebiert die undogmatisch-antideutsch-libertäre Wochenzeitung „Jungle World“.
Ende der 1990er Jahren kommt es zu einer Krise der autonomen Antifa-Bewegung und daraus resultiert eine Hinwendung zur Globalisierungskritik bei den einen und eine Hinwendung zur Ideologie- und Staatskritik bei den anderen. Bei letzteren kommt es zu einer verstärkten Beschäftigung mit Antisemitismus-Theorien. Kritik an Solidarität mit befreiungsnationalistischen, z.T. sogar islamistischen Bewegungen, führt dazu, dass sich aber viele wieder von der globalisierungskritischer Bewegung abwenden.
Es entsteht eine israelsolidarische Antifa, die sich mit den Resten dieses Nie-wieder-Deutschland-Spektrums verbindet.
Zu einer weiteren Spaltung kommt es mit den Septemberattentaten auf das World Trade Center. Daraus resultiert ab Herbst 2001 eine verhärtete Lagerbildung. Es kommt zur Herausbildung der einseitig israelsolidarischen Strömung innerhalb der Linken.
Im Kapitel „Palästinensertuch versus Israelfahne“ schreibt Nowak über die Veränderungen in Teilen der linken Szene:

„In den 80er Jahren gehörte das Palästinensertuch zu den Bekleidungsstücken vieler sich als links verstehender Menschen. Manche trugen es bewusst als Zeichen der Solidarität mit Palästina, manche sahen darin ein bequemes Kleidungsstück und waren erstaunt, dass ab Ende der 90er Jahre am Beginn von Antifademonstrationen Erklärungen verlesen wurden, in denen begründet wurde, warum Palästinensertücher nicht getragen werden sollten.“ (Seite 48-49)

Er kritisiert die Auswüchse einer bedingungslosen, also unreflektierten Israel-Solidarität. Als Beispiel führt er an, wie im Jahr 2002 das antideutsche Magazin „Bahamas“ die Streitschrift „Der Zorn und der Stolz“ der antimuslimischen Rassistin Oriana Fallaci verteidigte. Nowak betont aber, dass sich auch innerhalb der israelsolidarischen Linken viele gegen „Bahamas“-Positionen gewandt hätten.
Ein Teil der antideutschen Linken hätte durch die historische Brille den Islamismus nach dem 11. September als neuen Nationalsozialismus interpretiert. Die „Bahamas“-Fraktion sei nicht mehr gegen den deutschen Staat, sondern gegen Islamismus und teilweise auch gegen den Islam als solchen. Es wird eine Dualität „westliche Welt“ versus „Islam(ismus)“ konstruiert. Daraus resultierte eine bedingungslose Israel-Solidarität.
Nowak weist darauf hin, dass sich die BRD-Linke anfangs in der inner-israelischen Debatte noch auf Seiten der israelischen Linken positioniert hätte, nun aber einige antideutsche Linke sich auf der Seite der israelischen Falken und Israel-supporter aller Coleur positionieren würden:

„Die Kritiker_innen argumentierten nicht von der Position einer grundsätzlichen Solidarität mit der israelischen Politik, sondern der Unterstützung der Friedens- und Frauenbewegung und der israelischen Linken.“ (Seite 15)

Dabei erwähnt Nowak, dass eine Unterstützung Israels nicht anti-antisemitisch motiviert sein muss:

„Wie schon während des Kalten Krieges wurde nun wieder die Auseinandersetzung um Israel von weltpolitischen Fragen überformt, die weder direkt mit Antisemitismus noch mit dem Kampf verschiedener Gesellschaften um dasselbe Land zu tun hatten. Diese ideologische Aufladung führte aber dazu, dass die Verteidigung Israels bis weit ins rechte Lager propagiert wurde. […] Die Erkenntnis, dass jemand ein hundertprozentiger Verteidiger Israels und Antisemit sein kann, wurde meist ignoriert. […] Nicht wenige Ex-Nazis und Rechtskonservative gerierten sich in der BRD als Partner Israels, hatten aber ihren Antisemitismus nur notdürftig übertüncht. Die Kooperation mit Israel korrespondierte bei ihnen weder mit einem Aufarbeiten der deutschen Verbrechensgeschichte gegenüber den Juden noch aus einer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, sondern war außenpolitischen Interessen in der damaligen Ost-West-Auseinandersetzung geschuldet.“ (Seite 50-51)

Auf der anderen Seite gäbe es in der Linken auch eine bedingungslose Palästinasolidarität und grenzenloser Antizionismus.
Bei seiner Kritik schreibt Nowak nicht von strukturellen Antisemitismus, sondern lieber von potenzieller Anschlussmöglichkeit an antisemitische Denkmuster. Ebenso schreibt er eher von Grauzonen oder regressive Israelkritik und regressive Antizionismus als alles als hundertprozentigen Antisemitismus abzukanzeln. Er praktiziert damit etwas, was er selbst fordert: Die „Versachlichung der Debatte“.

Das Buch ist für nichtkundige Neugierige sehr empfehlenswert, weil es die Antisemitismusdebatte innerhalb der deutschen Linken fair darstellt und beleuchtet. Der Autor lässt erkennen, dass er von einer plumpen entweder-oder-Haltung nicht viel hält. Sowohl ein weltbildhafter Antizionismus als auch eine bedingungslose Israel-Solidarität lehnt er ab.
Das Buch ist nur eine Einführung, deswegen bleiben einige Fragen zurück. Beispielsweise, warum es so eine Fixierung auf den Israel-Palästina-Konflikt gibt? Eine ähnliche Frage stellt sich ja in Bezug auf den Iran, der von antideutscher Seite vor ein paar Jahren als Thema entdeckt wurde. Seltsamerweise wurde dagegen die islamische Theokratie in Saudi-Arabien, die nicht weniger Unterdrückungs-Potenzial aufweist als der Iran, so gut wie gar nicht thematisiert.
Interessanterweise geht es heute auch gar teilweise nicht mehr so sehr um Inhalte, besonders bei der jüngeren Generationen in der israelsolidarischen Linken scheint es eine identitäre Phase zu geben, auf die später peinlich berührt zurückgeschaut wird. Damals als noch die Israelfahne überm Bett hing.
Spannend wäre auch die Frage, warum einige ältere Antideutsche in Bezug auf Linke nur noch Destruktivität an den Tag legen und sich dem bürgerlichen Mainstream andienen, aber dessen Positionen kaum noch kritisieren. Also in den Linken ihren neuen Hauptfeind entdecken und keine konstruktive Kritik an den Fehlern der Linken mehr üben wollen, sich also aus der Linken verabschiedet haben.

Holocaustrelativierung und Verschwörungs-Antisemitismus im Umfeld von Falung Gong

Die seit 2012 nur noch als Online-Ausgabe erscheinende „Epoch Times Deutschland“ legt ihren Schwerpunkt auf eine kritische Berichterstattung über China. Das hat seine Gründe, denn „Epoch Times“ wird aus dem Umfeld der Meditationsbewegung „Falung Gong“ herausgegeben, deren Anhängerschaft in China harte Repressionen erfährt. Seit Januar 2005 erscheint das Blatt auch in Deutschland, bis 2007 noch unter dem Namen „Die Neue Epoche“. „Epoch Times Deutschland“ ist Teil einer international erscheinenden Zeitung, die in in 37 Ländern und in 10 Sprachen erscheint. Zwar hat „Epoch Times“ sich zum Ziel gesetzt „unzensierte Nachrichten aus und über China an die Chinesen weltweit zu liefern –  frei von Propaganda und Medienzensur“, doch Expert/innen bemängeln die fehlenden journalistischen Standards.
Epoch-Times antisemitisch
In der Online-Ausgabe von „Epoch Times Deutschland“ findet sich ein verschwörungsantisemitischer Artikel vom 20. August 20141, in dem behauptet wird hinter der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS, vormals ISIS) stände eine Verschwörung des Mossads. Dies wird „bewiesen“ durch eine behauptete jüdische Abstammung des IS-Chefs Al-Baghdadi. Bereits in der Überschrift des Artikels heißt es „Ist Simon Elliot alias Al-Baghdadi jüdischer Abstammung?“ und „ISIS Führer Al-Baghdadi ein israelischer Mossad Agent?“. Weiter heißt es:

Abu Bakr al-Baghdadi ist der Führer von ISIS/IL, Islamischer Staat. Von seinen Anhängern wird Baghdadi er auch „Kalif“ gennant. Laut Informationen des Whistleblowers Edward Snowden ist Baghdadis echter Name Simon Elliot. Es soll ein ehemaliger Schauspieler sein und wurde später vom israelischen Geheimdienst Mossad ausgebildet […]. Es heißt, dass es der Plan Israels wäre, in das militärische und zivile Zentrum der Länder zu gelangen, welche eine Bedrohung für Israel darstellen. Diese Bedrohungen sollen unschädlich gemacht werden um es Israel zu erleichtern einen noch größeren zionistischen Staat im gesamten Gebiet des Nahen Ostens zu errichten.

Zwar wird sich hinter Fragezeichen und Konjunktiv versteckt, aber die verschwörungsantisemitische Behauptung wird als diskutable These präsentiert.

Falung Gong ist andernorts auch schon durch die Analogisierung der Verfolgung ihrer Anhänger/innen mit dem Holocaust aufgefallen. Hier zum Beispiel bei einem Info-Stand der Gruppe in Bern Ende letzten Jahres.

Es stellt sich die Frage wie stark solche verschwörungsantisemitische Ansichten und Holocaustrelativierungen zu dieser Gruppe gehören?

Buchkritik: „Wir lassen sie verhungern“ von Jean Ziegler

Hungergestalt mit Weihnachtsmann-Mütze
In seinem Buch „ Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“ (München, 2013) schreibt Jean Ziegler über die Spaltung der Welt in Hungernde und Satte, also über die weltweite Hungerkatastrophe und ihre Ursachen.
Der Autor war längere Zeit ein unbequemer Sonderberichterstatter bei den „United Nations“ (UN). Er hat sich dabei bis heute seine Wut und seine Empörung bewahrt und immer wieder kämpfte er gegen die Zustände auf der Welt an, die Hunger verursachen. Dafür wurde er von einigen Regierungen, wie der von den Vereinigten Staaten, als ‚Kryptokommunist‘ diffamiert. Das war zwar als Beleidigung gemeint, aber ganz falsch war das nicht, denn Ziegler bezeichnet sich laut Wikipedia selbst als Kommunisten im Sinne der Redewendung von Karl Marx „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ und sieht die Pariser Kommune von 1871 als „einzigen kommunistischen Staat, den es je gegeben hat“ an.

Die aktuelle Lage

Ziegler schreibt in seinem Buch bewusst von „Massenvernichtung“ und „Massaker des Hungers“, um zu verdeutlichen, dass der Hunger in der Welt keine Naturkatastrophe ist, sondern von Menschen verursacht. Denn Hunger ist eine politisches Katastrophe. Wenn Menschen hungern hat das viel mit Armut und den weltweiten Unterschieden in Bezug auf Reichtum zu tun. So war beispielsweise der Tageslohn eines Luxemburgers im Jahr 2000 höher als das Jahreseinkommen eines Äthiopiers. Hunger und Armut führen zu katastrophalen gesundheitlichen Folgen. In dem kleinen südafrikanischen Staat Swasiland beträgt z.B. das Durchschnittsalter 32 Jahre.
Hunger muss dabei aber nicht immer den Tod zur direkten Folge haben. Die Folgeschäden bei Hungerbabys sind körperliche und geistige Behinderungen. Laut Ziegler sind vom Hunger vor allem drei Gruppen betroffen: die arme Stadtbevölkerung, die arme Landbevölkerung und Katastrophenopfer. Zur armen Landbevölkerung gehören vor allem auch die landlose Landarbeiter/innen.

Ziegler unterscheidet allgemein zwischen Unterernährung und Mangelernährung, die er auch als „unsichtbaren Hunger“ bezeichnet. Bei Mangelernährung haben die Betroffenen oft Normalgewicht, sind aber eben trotzdem mangelernährt. Dass heißt, es fehlt ihnen z.B. an genügend Eisen, Zink, Jod und Vitaminen. Dieser Mangel hat Auswirkungen. So verliert alle vier Minuten ein Mensch sein Augenlicht durch Fehlernährung, meist ist es Vitamin-A-Mangel. Von einer Mangelernährung sind Schwangere und Kinder noch einmal besonders betroffen. Beispielsweise können in Mali nur etwa 25% der Mütter ihre Kinder ausreichend stillen.
Insgesamt ist die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren direkt oder indirekt auf eine Mangelernährung zurückzuführen. Aber bestimmte Verschärfungen können ähnliche Verhältnisse auch bei Erwachsenen hervorrufen. In den nordkoreanischen Arbeitslagern starben z.B. 40% der Insassen an Mangelernährung.

Neben dem Hunger in Form von Entkräftung gibt es auch noch spezielle Hungerkrankheiten wie Noma. Diese grausame Krankheit zerfrisst das Gesicht der Infizierten und befällt vor allem Kinder. Es gibt 140.000 Noma-Neuinfizierungen pro Jahr.

Obwohl Hunger in den westlichen Klischee-Vorstellungen vor allem mit Afrika verbunden wird, ist Indien das Land mit den meisten Hungernden. Mehr als 1/3 aller in Indien geborenen Kinder sind untergewichtig und 1/3 aller Hungernden weltweit leben in Indien. Das sind mehr schwerst und permanent unterernährte Kinder als im Subsahara-Afrika.
Neben dem Hunger findet hier in einem engen Zusammenhang damit noch eine weitere Tragödie statt. Allein von 1997 bis 2005 begingen 150.000 verarmte Bauern in Indien Selbstmord. Oft mit Hilfe von Pestizid, genau dem Stoff, der für ihre Verschuldung mitschuldig ist. Denn sie hatten sich durch den Kauf von (genmanipulierten) Saatgut und Pestiziden hoch verschuldet, ohne den versprochenen Gewinn zu machen.

Hunger betrifft zwar zum größten Teil Lateinamerika, Asien und Afrika, doch ist er auch in Europa an einigen Stellen zu finden. Im Waisenhaus von Torez in der Ukraine verhungerten laut Ziegler in den letzten drei Jahren im Jahresdurchschnitt 12 von 100 Kindern – wobei es sich meist um behinderte Kinder handelt, die nur mit Hilfe von Erwachsenen Nahrung einnehmen konnten.
Durch die Krise befördert arbeitet sich der Hunger auch an anderer Stelle nach Europa vor:

Im Mai 2012 veröffentlichte die Unicef ihren Bericht über die Lage der Kinder in Spanien. Wegen der von Bundeskanzlerin Angela Merkel der EU aufgezwungenen Austeritätspolitik reduzierte die Regierung Rajoy massiv die Sozialleistungen für 9 Millionen extrem arme Familien. Das Resultat: 2011 waren in Spanien 2,2 Millionen Kleinkinder schwerst, permanent unterernährt.

(Seite 46)

Als besonders brutales Beispiel für politisch verursachten Hunger führt Ziegler das UN-Programm „Oil for Food“ im Irak an, dass dort 1991 bis 2003 als „Diktatur des Sanktionsausschuss“ (Ziegler) herrschte. Auf Grund dieses Programms wurde die Einfuhr z.B. von Krebsmedikamenten oder Kühlgeräte (= Essen verdirbt, Hunger verbreitet sich) verweigert, weil es sich angeblich um mögliche Waffen-Bestandteile handeln könnte. Das hatte mit der Realität nur wenig zu tun, Ziegler schreibt von der „klammheimlichen Umwandlung des Programmes Oil for Food in eine Waffe zur Kollektivbestrafung des irakischen Volkes.“ (Seite 219). In der Folge starben 1996 bis 2000 550.000 irakische Kleinkinder an Unterernährung!

Die Ursachen des Hungers
Für den Autor sind vor allem drei internationale Organisationen und ihre Politik stark mitschuldig am Welthunger-Problem:

Die drei apokalyptische Reiter des Hungers sind die Organisationen WTO, IWF und, in geringerem Maße, die Weltbank.

(Seite 157)
Diese Institutionen fordern vor allem eine Totalliberalisierung aller Märkte. Das setzen sie u.a. über IWF-Strukturanpassungsprogramme durch, die häufig Bedingung für Kredite und Entwicklungs-Gelder sind. Ihre Anführer bezeichnet Ziegler deswegen als „Ayatollahs des neoliberalen Dogmas“.
Diese werden von diversen Regierungen unterstützt, u.a. auch von der US-Regierung, die sich immer wieder gegen Zieglers Engagement wandte:

Während meiner zwei Mandate als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung habe ich nacheinander vier amerikanische Botschafter am europäischen Sitz der Vereinten Nationen in Genf erlebt: Ausnahmslos haben alle vier meine Berichte und alle meine Empfehlungen heftig bekämpft.

(Seite 159)

Viele Bäuerinnen und Bauern weltweit verfügen vielerorts nur über eine dürftige Ausrüstung zur Bestellung des Landes. So gibt es beispielsweise um südlichen Afrika kaum Dünger oder Speicher-Silos für die längerfristige Aufbewahrung der Ernten.

Der Welthunger wird auch durch Oligopole massiv verstärkt. Ein Oligopol ist eine Marktform, bei der viele Nachfrager wenigen Anbietern gegenüberstehen, die sich zum Teil (illegal) in ihrer Preispolitik untereinander abstimmen. Es handelt sich de facto um Monopole mehrerer Konzerne.
So kontrollieren die 200 größten Konzerne der Agrarindustrie rund ¼ der globalen Lebensmittelerzeugung. Das mag sich noch nicht so schlimm anhören, aber Oligopole kontrollieren im zunehmenden Maße ganze Nahrungsketten. So beherrschen zehn Unternehmen 1/3 des Saagutmarktes und 80% des Pestizidmarktes, sechs Unternehmen kontrollieren 77% des Düngermarktes und sechs Unternehmen kontrollieren 85% des Welthandels mit Getreide.

Ziegler wendet sich in seinem Buch auch gegen die menschenverachtenden Ideen von Thomas Malthus (1766-1833), der von Hunger als einer Art demografischen Selbstregulierung ausging. Das ist nicht nur menschenverachtend sondern auch schlichtweg falsch, da Einkommensarme und Hungernde in Wahrheit mehr Kinder bekommen, u.a. weil sie die einzige Altersabsicherung darstellen. Malthus Theorien blieben auch lange nach seinem Tod, nämlich etwa bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, wirkmächtig.

Als einen weiteren Grund für die Verschärfung des Welthungers benennt Ziegler den Anbau von Bio-Kraftstoffen auf Anbauflächen für Nahrung:

Wer auf einem Planeten, auf dem alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert, Anbauflächen für Nahrung ihrem Zweck entfremdet und Lebensmittel als Kraftstoff verbrennt, begeht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

(Seite 254)
Das ‚Bio‘ vor dem ‚-Kraftstoff‘ meint aber lediglich, dass organische Stoffe verwendet werden, hat also mit der Herstellungsweise nichts zu tun. Bio-Kraftstoffe werden gerne als angebliche Wunderwaffe gegen den Klimawandel verkauft. Dabei braucht die Herstellung von einem Liter Bioethanol 4.000 Liter Wasser.

Lösungsansätze
Ziegler plädiert insgesamt für eine humanistische Sicht auf das Welthunger-Problem:

Das Bewusstsein von der Identität aller Menschen ist die Grundlage für das Recht auf Nahrung. Nur der Zufall der Geburt trennt uns von den Opfern.

(Seite 103)

Die bisherigen Ansätze zur Problemlösung verfangen trotz des guten Willens kaum, weil nur wenige Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. So ist das „World Food Programm“ (WFP) mit Sitz in Rom für die Bekämpfung des konjunkturellen Hunger zuständig, hat das „Recht auf Nahrung“ auf seine Agenda gesetzt, betreibt aber im Grunde nur eine Art Armutsverwaltung. Beispielsweise finanzierte das WFP in einigen Ländern Schulessen. Das Angebot von kostenlosen Essen an den Schulen führt u.a. dazu das Eltern ihre Kinder in die Schule schicken. Diese Maßnahme kostet pro Kopf etwa 50 Dollar pro Jahr. Im Jahr 2009 versorgte das WFP 22 Millionen Kindern in 70 Ländern mit Mahlzeiten im Wert von 460 Millionen Dollar. Als die Hilfsgelder an das WFP halbiert wurden, mussten auch viele die Schulspeisungen eingestellt werden.

Die Welternährungsorganisation FAO ist eigentlich für strukturellen Hunger zuständig. Sie wurde aber bewusst finanziell ausgetrocknet, so dass 70% ihres Budgets für Gehälter draufgeht. Ziegler verteidigt aber diese Institution, die durch Monitoring den Welthunger dokumentiert und damit den Ansatz für Analysen und Verbesserungen liefern würde.

Letztendlich ist das Privateigentum an Produktionsmitteln eine echte ‚Massenvernichtungswaffe‘, nicht vom Willen seiner Besitzer/innen, aber vom Effekt her. Nur dessen Abschaffung würde auch helfen den Hunger mit seinen Wurzeln zu besiegen. Selbst wenn das erst einmal nicht möglich ist, so wäre es durch eine Erhöhung der Etats des WFP und der FAO möglich ihn zumindest massiv einzudämmen.

Kritik an Zieglers Buch
Leider muss auch in Teilen eine Kritik an dem engagierten Buch von Ziegler geübt werden. So ist seine einseitig antiisraelische Haltung deutlich sichtbar. In einem eigenen Kapitel mit der tendenziösen Überschrift „Das Getto von Gaza“ beschreibt er sehr undifferenziert die Lage im Gaza-Streifen, den er auch als „Freiluftgefängnis“ bezeichnet. Generell hat er mit vielem nicht unrecht, aber er sagt zu wenig und verzerrt dadurch die Perspektive. Warum Israel den Gaza-Streifen isoliert, wird an keiner Stelle erwähnt. Ebensowenig, wie dass der Gaza-Streifen auch eine Grenze zu Ägypten besitzt und somit Israel für eine vollständige Blockade gar nicht verantwortlich sein kann. Der israelische Militäreinsatz auf den Gaza-Streifen im Jahr 2008 wird erwähnt, aber nicht das Raketen-Bombardement auf israelisches Gebiet, was ihm vorausging. Dass die Palästinenser/innen von einer selbst gewählten Regierung aus der korrupten PLO (Westjordanland) oder der islamistischen Hamas (Gaza) beherrscht werden und Gaza nicht mehr unter unmittelbarer Besatzung der Israelis steht, wird ebenso als Wissen vorausgesetzt. Dass besonders die Hamas bei dem Gaza-Krieg 2008, der viele zivile Todesopfer forderte, sich häufig hinter der Zivilbevölkerung verschanzte, wird auch nirgendwo erwähnt. So besticht das Kapitel zum Gaza-Streifen in dem Buch durch eine Einseitigkeit zuungunsten Israels.

Das vor allem der Profitgier und Neoliberalismus für den Welthunger verantwortlich sein sollen, ist eine These von Ziegler, die kritisch hinterfragt werden muss. An manchen Stellen hört es sich an, als ob am Hunger nur Spekulant/innen und korrupte Regierungen schuld seien:

Von den Kraken der Agrarindustrie sagt Joao Pedro Stedile: »Ihr Ziel ist es nicht, Lebensmittel zu erzeugen, sondern Waren, um Geld zu erzeugen«

(Seite 141-42)

Wirklich schuld an dieser Situation sind die Spekulanten – die Manager der Hedge Fonds, die noblen Großbankiers und andere Raubritter des globalisierten Finanzkapitals –, die aus Profitsucht und persönlichen Gewinnstreben, aber auch einer gehörigen Portion Zynismus das Weltfinanzsystem ruiniert und Vermögenswerte in Höhe von vielen Hundert Milliarden Euro vernichtet haben.

(Seite 198)
Natürlich hat auch die Spekulation mit Nahrungsmitteln eine Verstärkung des Hungers zur Folge. Dabei werden Nahrungsmittel wie andere Marktprodukte auch behandelt. Ziegler kritisiert durchaus richtig die neoliberale Radikalisierung des Kapitalismus. Es gibt aber eine reaktionäre und eine gerechtfertige Kritik an Spekulanten. Die gerechtfertigte erwähnt, dass Spekulationen untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden, dessen legitime Kinder sie sind. Das vergisst Ziegler manchmal zu erwähnen.
Falsch ist sicher auch Zieglers Ansatz, das Problem für ein Charakterproblem zu halten:

Indem wir zunächst einmal gegen den Sittenverfall der Führungseliten in vielen Ländern der südlichen Hemisphäre kämpfen – gegen ihre Bestechlichkeit und die Besessenheit, mit der sie festhalten an der Macht ihrer Positionen und der Aussicht auf die Reichtümer, die diese ihnen versprechen.

(Seite 303)

Festzuhalten bleibt: Kapitalismus ist generell gewinn- und nicht bedürfnisorientiert. Auch gab es bereits vor dem globalen Siegeszug des Neoliberalismus weltweit immer wieder Millionen Hungertote. Hier ein paar Beispiele aus der ‚Welt-Geschichte des Hungers‘:
* 1840: In Irland verhungern 1840 etwa 1 Million Menschen.
* 1876-1900: Von 1876 bis 1900 sollen in China 40 Millionen Menschen verhungert sein.
* 1896/97 und 1899/1900: Hungersnöte ausgehend von Zentralindien fordern 6,1 bis 19 Millionen Tote in Indien.
* 1914-18: 70.000 von 140.000 Psychiatrie-Patient/innen verhungern im Ersten Weltkrieg in Deutschland durch Einsparmaßnahmen.
* 1918: Im Jahr 1918 verhungerten in Deutschland infolge des Weltkriegs ungefähr 800.000 Menschen.
* 1943-44: Durch den Zweiten Weltkrieg werden die Reislieferungen von der britischen Kolonie Burma in die britische Kolonie Indien unterbrochen. Unter anderem hatten die Kolonialherren die Kornspeicher geleert und die Ernten für die britischen Streitkräfte konfisziert, die die japanischen Truppen in Burma und auf anderen asiatischen Kriegsschauplätzen bekämpften. Das führt in Bengalen zu einer Hungersnot mit 2 bis 4 Millionen Toten.
* Insgesamt waren 1/3 aller Toten im Zweiten Weltkrieg Hungertote.

Zudem gibt es auch Faktoren, die zur Verstärkung des Hungers führen, die nichts mit dem Neoliberalismus zu tun haben. Hunger wird z.B. verstärkt durch das Patriarchat und traditionelle Herrschaftsstrukturen (z.B. das Kastensystem). An einer Stelle präsentiert Ziegler selbst ein erschütterndes Beispiel dafür:

Dazu muss man wissen, dass Frauen in den ländlichen Gebieten Asiens und Afrikas eine dauerhafte Diskriminierung erleiden, die mit ihrer Unterernährung zusammenhängt; in bestimmten Gesellschaften der Sudan-Sahelzone und Somalias bekommen Frauen und Mädchen nur die Reste, die die Männer und Jungen bei ihren Mahlzeiten übriglassen.
Die gleiche Benachteiligung erfahren alle Kleinkinder. Noch schlimmer ist die Diskriminierung von Witwen beziehungsweise Zweit- und Drittfrauen. […] Bei den somalischen Nomaden rühren die Frauen die Hirseschüssel oder das gegrillte Hammelfleisch nicht an, bevor die Männer ihre Mahlzeit beendet haben. Die Männer bedien sich, dann sind die Jungen an der Reihe. Erst wenn die Männer mit ihren Söhnen den Raum verlassen haben, nähern sich die Frauen der Matte mit den Schüsseln, die noch einige Reisbällchen enthalten, ein bisschen Weizen, einen Fetzen Fleisch, den die Männer übriggelassen haben. Wenn die Schüsseln leer sind, bekommen die Frauen und Mädchen nichts zu essen.

(Seite 47-48)

Auch die Präsentation des Programms „Food for Work“ (Seite 183) durch den Autor als Teil der Lösung ist zu kritisieren. Denn in dem Programm werden lediglich arbeitsfähige Hungeropfer in Naturalien, sprich Essen, für Arbeit entlohnt. Damit wird Essen als Bezahlung verwendet und damit zu einer Ware. Eine Logik die Ziegler an anderer Stelle kritisiert, hier aber seltsamerweise nicht hinterfragt.

Fazit: Menschen verhungern, ohne es zu müssen
Das Buch von Ziegler macht wütend und das soll es auch machen. Denn weltweit sterben Millionen von Menschen, ohne es zu müssen. Durch seinen journalistischen Stil bringt das Buch einem die Lage in den Hungergebieten dieser Welt näher. Der Autor war vor Ort und berichtet authentisch.
Auch wenn das Buch an einigen Stellen undifferenziert ist (Gaza-Kapitel), so sollte das nicht unbedingt von einem Kauf abhalten, denn an anderer Stelle liefert es dafür umso mehr Informationen. Diese kommen von einem Insider, der aus der UN-Bürokratie kommt und berichten kann, was sich hinter den Kulissen abspielt.

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2013.

Remembering the Warsaw Ghetto Uprising

remembering

Antizionismus in Stuttgart

Gestern, am 1. März 2014, war am vorderen Ende auf der Königsstraße einen israelfeindlichenr Infostand samt Palästina-Fahne aufgebaut, der sich dem Thema „Israel Apartheid-Woche 2014“ widmete und für ein Boykott israelischer Waren warb. Garniert wurde das Ganze mit einem Plakat des antisemitischen Karikaturisten Carlos Latuff aus Brasilien. Latuff nahm 2006 am „International Festival“ des iranischen Regimes zum Thema „Occupation“ teil und gewann den zweiten Platz. Der Beitrag aus Deutschland stammte von Andreas Molau, dem damaligen Vizevorsitzenden der NPD, der inzwischen aus der extrem rechten Szene ausgestiegen ist.
Antizionismus in Stuttgart