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Gastbeitrag: „Apple“ zur Antispe-Diskussion

Folgender Kommentar von „Apple“ am 27. Mai als Kommentar gepostet. Nach Ansicht des Blog-Betreibers ist er es wert als Gastbeitrag veröffentlicht zu werden. Dies sei hiermit getan. Die Bilder wurden alle von dem Blog-Beitreiber ausgewählt.

1. Antispes mögen Tiere und wollen nicht, dass ihnen etwas angetan wird. Das ist vollkommen ok und daran gibt es nichts auszusetzen. Damit ist auch der Radius ihres Engagements gegeben: Es sind Tiere, die Schmerzen spüren und Gefühle wie Angst oder Trauer o.ä. verspüren können, mit denen sie sympathisieren. Deswegen z.B. keine Insekten, Pflanzen, niedere Säugetiere – weil man bei denen nicht von Gefühlen und teilweise nicht einmal von Schmerzen ausgehen kann. Ich persönlich bin bei tierischen Gefühlen etwas skeptisch, weil Gefühle wie Angst immo Selbstbewusstsein voraussetzen, d.h. man muss sich als selbstständiges, von der Welt getrenntes Subjekt begreifen – was bei allen Säugetieren, die den Spiegeltest nicht bestehen können (Kühe, Hühner, Pelztiere und so), nicht der Fall ist. Es gibt aber einige Säugetiere, bei denen man auch von Gefühlen ausgehen kann. Paradebeispiel: Menschenaffen.

2. Antispes versuchen, diese Tiere nicht mehr zu konsumieren, wobei ich mit Konsum in diesem Fall die Benutzung von Tieren meine, die ihnen wehtut oder ihre Gefühle verletzt. Das reicht aber nicht, weil die meisten Leute keine Antispes sind, Tiere weiterhin schlecht behandeln und aus Antispe-Sicht damit aufhören sollen. Wenn man Menschen vom Tierkonsum abhalten will, kann ich mir grundsätzlich drei Wege vorstellen: 1) man kann sie mit Gewalt zwingen 2) man kann ihnen den Tierkonsum verleiden, indem man diesen Menschen z.B. Ekelvideos zeigt, in denen Tiere geschlachtet und ausgeweidet werden, oder indem man Leute die ganze Zeit beschimpft und nervt usw. Das machen einige Tierschutzorganisationen (PETA ist, glaube ich, ein Beispiel) und oft ja auch mit Erfolg. 3) man kann versuchen, diese Menschen mit Argumenten zu überzeugen, die beweisen sollen, das Tierkonsum nicht gut ist. Das ist das Programm der Antispe-Bewegung.

3. Wie du schon geschrieben hast, gibt es neben der Antispe-Argumentation auch einige andere Argumente gegen z.B. Fleischkonsum. Es gibt ja auch außerhalb der Tierschützer-Szene Leute, die kein Fleisch essen – aus Schönheitsidealgründen, aus gesundheitlichen Gründen (das billige Fleisch in den Supermärkten ist auf Dauer vermutlich ziemlich gesundheitsschädlich) u.ä. Bei anderen Arten von Tierkonsum wird es schon schwieriger. Warum sollte man keinen Schafswollpullover anziehen?

überfressen
Zu viel Fleisch kann ungesund sein …

Einen Mensch, der Tiere konsumiert, kann man natürlich darauf hinweisen, dass er damit viel Leid bei diesen Tieren verursacht. Manchmal hat man damit auch Erfolg und er hört auf. Das liegt daran, dass viele Leute ziemlich gedankenlos Tiere konsumieren. Sie sind so aufgewachsen und kennen es nicht anders, haben sich vielleicht noch nie so wirklich Gedanken darüber gemacht. Wenn man sie dann darauf aufmerksam macht und ihnen erzählt, dass es auch anders geht, hören sie vielleicht auf.

Es kann aber natürlich auch sein, dass man auf jemandem trifft, der sich dessen bewusst ist, dass er den Tieren nichts Schönes antut, wenn er sie konsumiert – dem es aber schlichtweg egal ist. Es gibt keinen höheren Grund dafür, dass man sich das Interesse der Tiere an einem angenehmen Leben zu eigen machen soll. Man kann genauso gut sagen: Der gute Geschmack beim Essen ist mir wichtiger.

4. An diesem Punkt ist die Sache mit der Argumentation eigentlich zu Ende und man kann nur noch auf die Methoden ‚1′ und ‚2′ ausweichen. Bei den Antispes fängt die Argumentation an diesem Punkt aber gerade erst an. Der Auftakt geht immer so, dass darauf verwiesen wird, dass man ja auch keine Menschen esse/konsumiere. Das ist der Beginn der Moralisierung der Debatte.

Rationellerweise ließe sich erstmal fragen, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ja, ich esse keine Menschen und esse gleichzeitig Hühnchen. Un nu? Der Verweis auf den Menschenverzehr unterstellt aber, dass die beiden Sachen irgendwie zusammenhingen.
Menschenfresser
Äußerst selten geworden: menschlicher Kannibalismus

Wenn man mal von den ganzen gesellschaftlichen Institutionen absieht, die den Verzehr von Menschenfleisch sehr erschweren – die sollen hier nicht das Argument sein – esse ich Menschen nicht, weil ich zu Menschen eine stärkere Empathie habe. Den Zweck von Menschen, ein angenehmes Leben zu haben, habe ich mir zu eigen gemacht – bei Hühnern ist es nicht der Fall. Das ist auch nichts Ethisches, sondern einfach ein persönlicher Entschluss: Menschen sind mir wichtig und ich tue ihnen nichts zu leide, wenn sich’s vermeiden lässt. Natürlich gibt es noch weitere Gründe, keine Menschen zu essen: Menschen wehren sich im allgemeinen, wenn man sie isst, Hühner tun’s eher weniger; eine Gesellschaft, wo sich alle gegenseitig angreifen und aufessen, ist total stressig und unangenehm, also ist es gut, wenn man sich darauf einigt, sich nicht zu verspeisen – aber auf diese gesellschaftlichen Gründe will ich hier gar nicht die Betonung legen.

Es gibt im übrigen auch Tiere, zu denen ich ein anderes Verhältnis habe, als zu irgendeinem Hühnchen. Meine Hauskatze würde ich nicht aufessen – ganz platt: weil ich sie mag. (Eigentlich habe ich keine Hauskatze, weil ich eine Katzenhaarallergie habe, aber wenn ich eine hätte…)

5. Weil es gegen den persönlichen Entschluss – Gefühle von Tieren sind mir nicht so wichtig – eigentlich kein Argument gibt, müssen die Antispes eins erfinden. Das geht so: Menschen darf man nicht konsumieren. Tiere – bestimmte zumindest – stehen auf der gleichen Stufe wie Menschen. Also darf man Tiere auch nicht konsumieren. Damit erfinden/übernehmen die Antispes selbst (!) eine Rangordnung in der Welt der Lebewesen. Es soll Lebewesen geben, deren Natur/Wesen/Beschaffenheit uns Aufschluss darüber gibt, ob man sie essen darf bzw. umgekehrt den Konsum dieser Lebewesen verbietet. Das hat mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung über die Beschaffenheit verschiedener Lebewesen nichts (mehr) zu tun. Ob man ein Lebewesen konsumiert oder nicht, ist keine Eigenschaft dieses Lebewesens, sie ist an ihm deshalb auch gar nicht aufzufinden. Es ist ein Verhältnis, das ein Mensch zu einem Tier eingeht, was die Antispes zu einer Eigenschaft von Lebewesen verfabeln und wonach sie die gesamte Tierwelt sortieren. An der Welt ist aber nicht aufzufinden, ob sie von Menschen benutzt werden soll oder nicht.

Darum ist die gesamte Debatte, welche Lebewesen nun klug und geschickt sind und welche nicht, für die Katz. Warum soll eine kognitive Leistung oder das Fehlen einer solchen eine Berechtigung zum Gefressen-werden oder Verschont-werden sein? Gleich logisch wäre es zu sagen, dass alle Lebewesen, die grün sind, nicht konsumiert werden dürften. Warum? – Ich weiß es genauso wenig.

6. Man merkt schon an der ausgiebigen Verwendung der Wörter „sollen“ und „dürfen“, dass es hier weniger um einen Disput über die Beschaffenheit von Tieren, als vielmehr um das Aufstellen von moralischen Grundsätzen geht. Der springende Punkt bei der Moral ist gar nicht der, dass sie beliebig ist – wie du schreibst.

Moral gibt es nur in einer Gesellschaft, in der das Allgemeininteresse sich von individuellen Interessen unterscheidet und ihnen entgegen steht. Warum gibt es die Regel, dass man seine Mitmenschen nicht umbringen darf? – Weil es einerseits das gemeinsame Interesse nach einer Gesellschaft gibt, in der Menschen nicht umgebracht werden, andererseits bei den einzelnen Individuen das Interesse besteht, seine Mitmenschen über den Jordan zu schicken. Wenn es keine Menschen gäbe, die andere umbringen wollten, würde sich die Regel einfach erübrigen. Moral ist der Ausdruck für einen Widerspruch zwischen gesellschaftlichen und individuellen Interessen. Marx hätte gesagt, Moral gibt es, wenn der Mensch als Gattungswesen (noch) nicht frei ist. Wenn die Gesellschaft das Individuum unterdrückt und das Individuum gleichzeitig immer gegen die gemeinsamen Interessen und Vereinbarungen opponiert. Oder nochmal anders gesagt: wenn die Gesellschaft keine Assoziation freier Individuen ist, sondern ein Zwangszusammenhang, in dem die Gesellschaftsmitglieder einerseits auf gemeinsame Regeln angewiesen sind, um ihre Interessen zu verfolgen, auf der anderen Seite ihre Interessen immer gegeneinander und zum Schaden des anderen verfolgen und deswegen zur Einhaltung des Allgemeininteresses gezwungen werden müssen. Im Kommunismus deshalb keine Moral.

Moral ist aber auch nicht einfach ein Ausdruck oder sowas, sondern eine Art und Weise seine individuellen Interessen in dieser Gesellschaft vorzubringen. Sie dient dazu ein individuelles Interesse gegenüber einem anderen aufzuwerten und zu rechtfertigen. Die Rechtfertigung geht darüber, dass man sagt: Mein Interesse ist gleichzeitig im Sinne aller, ein allgemeiner Grundsatz – also müssen alle, selbst die, die das nicht wollen, mir recht geben. Bei der Moral beruft man sich auf bereits bestehende allgemeine gesellschaftliche Interessen und interpretiert sie so, dass sie zum eigenen Interesse passen. Deswegen auch die Heuchelei, die einer moralischen Argumentation immer anhaftet. Das ist wahrscheinlich das, was du mit „Beliebigkeit“ meintest. Ich kann genauso gut eine moralische Begründung dafür angeben, warum ich von dem anderen nicht umgebracht, bestohlen etc. werden darf, als auch umgekehrt die Begründung, warum ich den anderen umbringen, bestehlen etc. darf: Weil er sich gegen irgendwelche Regeln vergangen hat und ich ihn dafür bestrafen darf; weil ich selbst was Tolles geleistet habe und mit deshalb auch die Berechtigung verdient, mich an dem anderen zu bereichern; weil ich das Recht habe mich zu verteidigen und das, was der andere gemacht hat, ein Angriff auf mich war – und so zu. Diese Begründungen sind logisch gesehen Quatsch erster Sahne, was sie aber leisten, ist, das eigene Interesse als ein berechtigtes darzustellen.

Jetzt zum Antispe: Weil es in der Gesellschaft kein gemeinsames Interesse gibt, Tiere gut zu behandeln, knüpft die Antispe-Argumentation an eine bereits bestehende moralische Regel an: Menschen dürfen nicht konsumiert werden. Der nächste notwendige Schritt besteht deshalb darin, bestimmte Tiere auf die gleiche Stufe mit Menschen zu setzen. Dazu muss erstmal eine ganze Hierarchie der Tierwelt erfunden werden, mit verschiedenen Stufen, wo manche Tiere die Berechtigung haben gefressen zu werden, andere jedoch nicht. Natürlich stimmt es, dass Tiere und Menschen sich voneinander unterscheiden, aber genauso stimmt es, dass sie gemeinsame Eigenschaften haben. Zu welchen Gruppen man nun verschieden Tiere und Menschen zusammenfasst und wo man qualitative im Gegensatz zu quantitativen Unterschieden festlegt, ist keine Frage der wissenschaftlichen Bestimmung – die hat ja schon stattgefunden, wenn man die Eigenschaften der verschiedenen Lebewesen kennt – sondern eine der Klassifikation, also auch nicht objektiv zu entscheiden. Diese Klassifikation gibt es in der Biologie auch – da werden Tiere nach ihrer wissenschaftlichen Bestimmung aus (zumeist) Zweckmäßigkeitsgründen in verschiedene Klassen sortiert. In der Antispe-Debatte findet die Sortierung aus moralischen Gründen statt. Deswegen ist diese Debatte so unfruchtbar. Man kann natürlich bestreiten, dass Tiere ausgerechnet an diesem bestimmten Merkmal sortiert werden, und stattdessen auf einem anderen Merkmal für eine andere Sortierung beharren. Weder für das eine noch für das andere gibt es ein Argument. Die Sortierung hat ihren Grund ja nur in der subjektiven Entscheidung darüber, wen man jetzt als konsumierbar betrachtet und was nicht.

7. Leider sind die meisten Leute, die von den Antispes/Tierschützern mit dieser moralischen Argumentation konfrontiert werden, keine Moralkritiker, sondern selber aus dem gleichen Holz geschnitzt. Sie fangen an sich zu rechtfertigen, moralische Grundsätze dafür aufzustellen, warum sie doch Tiere essen dürfen, das Tierreich gemäß ihrem Interesse zu sortieren und sich über diese Sortierung mit den moralischen Tierschützern zu streiten. Sie bringen also selbst eine moralische Ideologie hervor und diese Ideologie heißt „Speziesismus“. Speziesismus mit seiner Ideologie des Mensch-Tier-Dualismus ist keine Erfindung der Antispes – es gibt ihn wirklich. Allerdings ist er eine Rechtfertigungsmoral und eine Rechtfertigung unterstellt allemal eine Kritik, gegenüber der man sich rechtfertigt. Der Kampf der Antispes gegen den Speziesismus ist also immo ein Kampf gegen eine Ideologie, die durch den moralischen Tierschutz erst in die Welt kommt. Die Antispes sehen es nicht so und man kann es noch so viel beteuern, dass man Tiere einfach so konsumiert, ohne sich dazu eine speziesistische Ideologie zu denken – sie sagen dir trotzdem immer, dass du irgendwie im Verborgenen, vielleicht sogar unterbewusst, doch der Ideologie verfallen bist.

8. Die Holocaust-Vergleiche aber auch die Bezeichnung von Tiertötungen als Mord u.ä. passt deswegen sehr gut ins Konzept dieser Tierschützer. Mord ist die Bezeichnung für ein Verbrechen und vom Holocaust weiß man auch, dass er in der (deutschen) Öffentlichkeit vor allem als eine moralische Untat besprochen wird. Diese Rhetorik wird verwendet, um die ‚Verbrechen‘-Qualität der Behandlung von Tieren hervorzuheben. Gesagt werden soll: Wer Tiere so behandelt, macht sich einer ungeheuren moralischen Verfehlung schuldig. Sachlich gesehen, haben die Shoa und die Tierschlachtung kaum was miteinander zu tun. Moralisch gesehen – also wenn es darum geht Menschen anzuklagen – allerdings recht viel.

Das ist allerdings nicht nur die Schuld von Tierschützern. Was man in der Öffentlichkeit über die Shoa hört, ist tatsächlich fast nur, dass sie etwas unvorstellbar Böses war. Es wird kaum über die (Hinter-)Gründe des Holocaust aufgeklärt, die gesellschaftlichen Verkehrsformen, die ihn hervorgebracht haben, so gut wie gar nicht richtig kritisiert. Man braucht gar nicht zu wissen, was der Holocaust war, um in Deutschland sagen zu können, dass er ein großes Verbrechen war. Von dieser Idiotie sind die Holocaust-Vergleiche nur die konsequente Fortsetzung.

9. Ähnliches gilt, wenn sich der Antispe explizit als Bestandteil – und oft ja sogar als die radikale Konsequenz – der linken Bewegung bezeichnet. Man könnte ja auch mal fragen, wieso man unbedingt so viel Wert darauf legen soll, als links zu gelten. An der eigenen Kritik, an den eigenen Zielen und Methoden ändert sich sachlich gesehen ja nichts – ob man sie nun „links“ nennt oder nicht. Dass es so sehr drauf ankommt, es zu tun, liegt daran, dass die Bezeichnung des eigenen Vorhabens als „links“ oder „emanzipatorisch“ die Sache in ein besseres Licht rückt – und die Sache, die man kritisiert, in ein schlechteres (zumindest mal innerhalb der linken Szenen, wo viele Antispes herkommen). Jeder der sich sonstwie für eine bessere Gesellschaft engagiert, müsste auch für die Sache des Antispe sein, weil sie auch links ist. Dass ist zwar etwas einfältig, denn warum sollte jemand, der sich gegen das Lohnarbeitsverhältnis einsetzt, sich auch gegen Tierhaltung engagieren, nur weil Anspes das auch „Ausbeutung“ nennen? Das sind ja zwei vollkommen unterschiedliche Sachen. Da Begriffe wie „Ausbeutung“ in der linken Szene aber negativ besetzt sind – das gleiche gilt für „Herrschaft“, „Unterdrückung“, „Diskriminierung“, „xxx-ismus“ – ist es eine Möglichkeit zu sagen: Das, wogegen wir sind, ist auch voll schlecht und jeder anständige Linke sollte sich mit uns dagegen engagieren. Es wird also nicht argumentiert, sondern gebrandmarkt und gehofft, dass die Leute auf den Zug aufspringen. Das soll jetzt nicht so verstanden werden, dass die Antispes das mit Absicht machen und sich dann freuen, Linke mit der Masche geködert zu haben, aber wie Marx sagt: Wo Begriffe fehlen, stellt zu rechten Zeit ein Wort sich ein – will sagen: Wo es keine Argumente gibt, ist es konsequent zu Labels zu greifen.

Gastbeitrag: Contra der Antispe Tübingen

Die folgende Entgegnung der Antispe Tübingen erreichte den Eisberg-Blog in den letzten Tagen. Soviel Arbeit soll nicht in der Kommentarspalte verschwinden, deshalb veröffentliche ich diesen Beitrag als Gastbeitrag. Um aber die (inhaltliche) Distanz auszudrücken setze ich den Text in Anführungsstriche. Eine detaillierte Entgegnung meinerseits wird in (hoffentlich) nicht allzuferner Zukunft folgen.

»Hier die Antwort der Antispe Tübingen:
Teil 1:
Bereits an der Überschrift „Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“ wird deutlich, dass hier wohl der gesamte Antispe-Ansatz grundlegend missverstanden wurde. Uns geht es in erster Linie darum, auf die Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen, „die individuelle Umsetzung (z.B. eine vegane Lebensweise) ist mehr eine persönliche Entscheidung“, heißt es in unserer Selbstdarstellung. Es liegt uns fern, unsere „Essgewohnheiten“ zu politisieren – höchstens haben wir aus einer politischen Überzeugung heraus unsere Lebensweise bewusst umgestellt, womit eben meist der Bruch mit den bisherigen unüberlegten Essgewohnheiten einherging.
Allerdings können wir dem Satz im ersten Abschnitt („Was ist Antispeziesismus überhaupt?“) „Die Wahl des Essens ist und bleibt Geschmackssache und damit auch Privatsache“ keinesfalls zustimmen: Konsum ist nie privat, sondern hat immer – mitunter sehr weitreichende – Auswirkungen. Vor allem angesichts der Globalisierung des Handels müssen wir uns darüber stets bewusst sein. So ist etwa der hohe Fleischkonsum der Industriegesellschaften schon nur hinsichtlich seiner sozialen und ökologischen Auswirkungen nicht länger tragbar.
Go vegan!
Gleich zu Beginn des nächsten Abschnitts wird unter der etwas seltsam anmutenden Überschrift „Antispeziesismus – Extremismustheorie des Absurden?“ der Hauptkritikpunkt des Autors am Antispe-Ansatz, der im Laufe des folgenden Textes immer wieder wiederholt wird, genannt: Beim Antispeziesismus handle es sich um eine Theorie, welche die „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ vorantreibe bzw. Menschen und andere Tiere bzw. deren Belange gleichsetze. Diese Angleichung finde bei Antispes auf der symbolischen und vor allem auf der sprachlichen Ebene statt – auf „organisatorischer Ebene“ hält der Autor sie für „schlechterdings möglich“, wobei er wohl die Bedeutung des Wortes „schlechterdings“ nicht kennt, oder, was wahrscheinlicher ist, eigentlich „unmöglich“ meinte. Wie dem auch sei – dem Vorwurf der „Gleichmacherei“ von Mensch und Tier sieht sich der Antispeziesismus leider immer wieder ausgesetzt. Es handelt sich dabei allerdings schlicht um eine Fehlinterpretation, wenn nicht gar um eine Unterstellung, die jedenfalls nichts mit den tatsächlichen Forderungen der Tierbefreiungsbewegung zu tun hat. Wir wollen keine „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ vorantreiben, sondern den im gesellschaftlichen Denken – und auch im Denken des Autors – tief verankerten, aber längst überholten Mensch-Tier-Dualismus und seine Implikationen, vor allem den daraus abgeleiteten Herrschaftsanspruch des Menschen über die anderen Tiere, dekonstruieren.
In seinem Vortrag „Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet“ sagt Prof. Dr. Volker Sommer, Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, (verlinkt zum Durchlesen oder Anhören unter http://asatue.blogsport.de/texte/) deutlich: „Die Tier-Mensch-Trennung wurde bereits mit Ausformulierung der Evolutionstheorie vor 150 Jahren grundsätzlich fragwürdig.“ Spätestens seit Darwin müsste eigentlich klar sein, dass die ideologisch konstruierte Kluft zwischen dem Menschen und allen anderen Tieren nicht mehr haltbar ist, vielmehr gehört auch der Mensch der Tierwelt an und ist aus ihr hervorgegangen (aus diesem Grund ist es intellektuell nicht länger redlich, nur Menschen in moralische Überlegungen mit einzubeziehen; die „moral community“ muss entsprechend erweitert werden). Die von uns vorangetriebene Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus oder des Speziesimus bedeutet aber eben gerade nicht, dass wir fordern, Menschen und Tiere gleich zu behandeln. Der Autor zitiert zwar ausführlich aus unserer Selbstdarstellung, behauptet aber gleichzeitig, wir würden Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren vollkommen negieren wollen. Dabei heißt es in unserer Selbstdarstellung – was der Autor zum Zwecke seiner Argumentation vollkommen unterschlägt! – klar und deutlich: „Antispeziesismus heißt für uns nicht, dass Menschen und Tiere gleich behandelt werden sollen. Antispeziesismus heißt, dass der Kampf gegen die Unterwerfung der nichtmenschlichen Tiere nicht vom Kampf gegen die Unterwerfung von Menschen getrennt werden kann!“ Tatsächlich sind gerade auf der sprachlich-symbolischen Ebene die Arten der Diskriminierung von „Fremden“, „Frauen“ und „Tieren“ kaum zu trennen bzw. bedingen einander und gehen fließend ineinander über – die Attribute, mit denen die jeweils als inferior betrachtete Gruppe belegt wird, wie etwa größere Naturnähe oder Vernunftlosigkeit, und der Sprachgebrauch sind austauschbar.
Die als Beispiele aufgeführten Begriffe von „Animal Peace“ lehnen wir als Antispe Tübingen aufgrund der polemischen und entkontextualisierten Verwendung ab. Bei der Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus aber können Vergleiche mit den Diskriminierungsformen, denen bestimmte Gruppen von Menschen ausgesetzt sind, oft dazu dienen, Problembewusstsein zu schaffen. Wichtig hierbei aber ist, zwischen Vergleich und Gleichsetzung zu differenzieren: Ein Vergleich muss keine tatsächliche Gleichsetzung bedeuten.
Allerdings folgt aus den Überlegungen über Rassismus und Sexismus, die ja allgemein ausgedrückt die Diskriminierung des als „das Andere“ Gebrandmarkten zum Thema haben, wenn sie konsequent weiter gedacht werden, der Gedanke an die Tiere fast schon logisch zwingend. Albert Memmi hat sich als Soziologe mit dem Thema Rassismus bzw. „Heterophobie“ wissenschaftlich beschäftigt und 1964 eine Definition gegeben, die von wichtigen Nachschlagewerken wie der „Encyclopædia Universalis“ übernommen worden ist. Der Rassismus, den er als „mittelbare oder unmittelbare Manifestierung der Herrschaft“ sieht, ist nach Memmi „die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver (biologischer) Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ Memmi macht dabei aufmerksam auf die „besondere Wirksamkeit der biologischen Beschuldigung“ („Der Schwarze ist unwiderruflich schwarz, die Frau unwiderruflich Frau. Daher rührt auch das Bestreben, den Juden und den Kolonisierten biologisch zu kennzeichnen, selbst wenn die Biologie gar nicht hierher gehört. Denn die Biologie ist eine Abbildung der Schicksalhaftigkeit“) und geht dann auf den Mechanismus der Entmenschlichung ein: „Es ist leichter, dem Untergang, der Ausrottung von Tieren entgegenzusehen als der von Menschen. Die Anfänge dieser Betrachtungsweise gegenüber den Schwarzen lassen sich übrigens genau datieren, sie fallen mit dem Aufkommen des Handels mit Negersklaven zusammen“; die Ausrottung der Indianer in Südamerika nennt er eine „gigantische Triebjagd auf Tiere mit menschlichem Antlitz“. Es sind dann bei Memmi auch schon aus den Überlegungen zu Rassismus und Sexismus heraus Ansätze da, die Emanzipation auf die nichtmenschlichen Tiere auszuweiten. So schreibt er: „Der Kern jeder Moral ist die Achtung des anderen; es wird an unserer menschlichen Ehre liegen, eine humanere Welt zu errichten. So lange, bis eines Tages auch die Tiere in ihr Frieden und Sicherheit finden werden, müssen wir dafür Sorge tragen, daß wenigstens die Menschen, und zwar alle Menschen, nicht mehr wie Tiere behandelt werden“, und, zu seiner Rassismus-Definition: „Diese Formulierung erfaßt beide möglichen Fälle: den biologischen, allein auf Rassenunterschieden beruhenden Rassismus, und den Rassismus im weiten Sinne, von dem unter anderem die Frauen, Jugendlichen, Homosexuellen und die Behinderten betroffen sind… wenn man will, auch die Tiere.“ In dieser berühmten und allgemein anerkannten Definition Memmis, dem man ja nun wirklich nicht unterstellen kann, Antispeziesist gewesen zu sein, sind also die nichtmenschlichen Tiere bereits mit eingeschlossen.
Dagegen heißt es im „Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“-Text: „Formen der Unterdrückung menschlicher Gruppen wie Rassismus, Homophobie oder Sexismus werden von den Antispes mit dem Speziesismus in eine Reihe gestellt“ – wobei wieder der Vorwurf der „Gleichsetzung“ mitschwingt. Dazu können wir nur sagen: Ja, wie beispielsweise Memmi und viele andere Autoren stellen wir die Diskriminierung nichtmenschlicher Tiere durch den Menschen in eine Reihe mit anderen Formen der Unterdrückung insofern, als dass die Befreiung der Tiere für uns die logische Fortsetzung der historischen Emanzipationsbewegungen darstellt – was aber nicht heißt, dass wir die verschiedenen Arten der Diskriminierung einfach gleichsetzen, wie mit der polemischen Anmerkung „Der Verzehr von Fleisch ist damit also in der Antispe-Logik so etwas Ähnliches wie das Verprügeln von Frauen“ suggeriert wird. Wir sind keine „Menschenfeinde“, wir bewerten die Interessen anderer Tiere nicht einfach generell gleich (oder gar höher) als die von Menschen – für uns hört aber, wie es bereits in der Überschrift unserer Selbstdarstellung heißt, die Befreiung nicht beim Menschen auf. Natürlich sind wir uns vollkommen darüber bewusst, dass nicht alle Tiere dieselben Interessen, Fähigkeiten etc. haben – genau darauf machen wir doch aufmerksam, wenn wir den strikten Mensch-Tier-Dualismus angreifen, der alle anderen Tiere dem Menschen gegenüberstellt, was schlicht sinnlos ist. Auch der Autor wird wohl zugeben müssen, dass zwischen Affen und Menschen eine größere Ähnlichkeit besteht als zwischen Affen und Muscheln – trotzdem werden letztere beide, im allgemeinen gesellschaftlichen Denken in einer homogenen Gruppe zusammengefasst, dem Menschen gegenübergestellt, was schlicht falsch ist (insofern erledigt sich auch der Vorwurf eines angeblichen Widerspruchs, dass dem Menschen als moralfähiges Wesen dann doch wieder eine Sonderstellung eingeräumt werde). Die uns vorgeworfene „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ jedenfalls findet höchstens insofern statt, als dass wir der Überzeugung sind, dass spätestens seit Darwin die metaphysische Legitimation für die absolute Sonderstellung des Menschen, die den Menschen allen anderen Tieren gegenüberstellt, nicht mehr gegeben ist – Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren sind eben nicht absolut, sondern graduell.
Im weiteren Verlauf des Textes wird der Gegenbewegung gegen die Tierausbeutung (wobei „Tierausbeutung“ in Anführungszeichen gesetzt ist, als ob der Autor suggerieren wolle, dass es die durchrationalisierte Industrie, die schon Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ als „lückenlose[n] Ausbeutung der Tierwelt heute“ beschrieben, und die inzwischen noch mehr „perfektioniert“ wurde, gar nicht gebe) dann noch vorgeworfen, sie bediene sich „frech“ bei den emanzipatorischen Gegenbewegungen gegen die Unterdrückung menschlicher Gruppen, wobei speziell das „Symbol der Antifa“ genannt wird, das „auf grün umgefärbt“ werde. – Nun verhält es sich so, dass das „Antifa“-Logo niemand für sich lizenziert hat. Viele unterschiedliche Gruppen verwenden es in vielen unterschiedlichen Ausgestaltungen – so kommt es inzwischen sogar dazu, dass „autonome Nationalisten“ das Symbol für ihre Zwecke verwenden oder Antideutsche die rote und schwarze Fahne durch die Flaggen Israels und der USA ersetzen. Ursprünglich kommt der Begriff und die Idee der Antifaschistischen Aktion aus Italien, wo Gegner von Mussolini als „Antifaschisten“ bezeichnet wurden. In Deutschland gab es seit 1923 die „Antifaschistische Aktion“ als Teilbereich des Rotfrontkämpferbundes. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers verschwand der Begriff ab 1933 zunehmend und wurde nur noch vereinzelt vom kommunistischen Widerstand verwendet, erst in den 1980er Jahren gründeten sich dann im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland aus der Hausbesetzer- und Autonomen-Bewegung heraus sogenannte Antifa-Gruppen. Die Begrifflichkeit und die Symbolik wird seither auch von unterschiedlichen emanzipatorischen Bewegungen verwendet – so gibt es etwa eine „Antihomophobe Aktion“, die sich ebenfalls einfach „frech“ bedient und das Antifa-Logo für ihre Zwecke instrumentalisiert hat und dazu die ursprünglich rote Fahne im Logo durch die Regenbogen-Fahne als Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung ersetzt hat – mit der Verwendung der Regenbogenfahne wiederum hat diese Bewegung sich übrigens ganz frech und unverschämt wahlweise bei den Kämpfern aus den Bauernkriegen, die diese Fahnen schon schwangen, bei den Flaggen des Inka-Reiches oder bei der Friedensbewegung bedient. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Symbole sich historisch wandeln und sich verschiedenen emanzipatorischen Bewegungen anpassen können. Außerdem kann die angeblich freche Aneignung im Falle der „Antispeziesistischen Aktion“ auch durchaus anders gesehen werden, nämlich so, dass das Logo bewusst gewählt wurde, um sich durch die Verwendung der bekannten Symbolik als ausdrücklich politische und antifaschistische Bewegung vom konventionellen Tierschutz abzugrenzen.
Mit dem Vorwurf der Schön-, – Verzeihung: Grünfärberei, geht dann auch gleich wieder der Vorwurf einher, eine Differenzierung zwischen „der durchaus kritikwürdigen und verabscheuungswerten“ Tierquälerei und der Quälerei von Menschen fände dabei nicht statt. Als angebliche Belege führt der Autor zwei Zitate an. Beim ersten handelt es sich um ein Zitat von Helmut F. Kaplan. Zu diesem merkt der Autor gleich selbst an, dass er „inzwischen auch“ in linken Antispe-Kreisen abgelehnt werde – wobei wir uns dann aber schon fragen, weshalb er an dieser Stelle überhaupt angeführt wird, geht es doch um eine Kritik des linken Antispeziesismus. Nun gut, es scheint sich für den Autor eben angeboten zu haben, wenn er es schon auf sich genommen hat, den Artikel über „Speziesismus“ bei Wikipedia zu lesen, auch etwas daraus zu kopieren… Außerdem finde sich die angeblich in dem Zitat ausgedrückte „Analogie-Setzung“ ja schließlich „bei Antispes aller Schattierungen“, so auch in dem „aus linken Antispe-Kreisen stammende“ Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“. Tatsächlich gilt dieses von Susann Witt-Stahl, einer Aktivistin der Tierbefreiungsbewegung der ersten Stunde (aktiv bei der Tierrechtsaktion Nord (TAN), welche sich 1987 gründete, um auf die katastrophale Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen) herausgegebene Buch seit seinem Erscheinen als theoretisches Standardwerk der Tierbefreiungsbewegung und als Fundament zur Entwicklung einer kritischen Theorie (aufbauend auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule) zur Befreiung der Tiere. Der Autor zitiert dann auch einen ganzen Halbsatz aus dem Buch, wo von Speziesismus als „spezifische Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit (analog zu Rassismus, Sexismus etc. [.])“ die Rede sei, was uns geradezu enttäuscht, erwarteten wir nun doch endlich einmal einen Beleg dafür, wie der Antispe-Ansatz menschliches Leiden gegenüber dem der Tiere auf geradezu menschenverachtende Weise relativiere. Wiederum aber scheint dem Autor nur nicht der Unterschied zwischen der strukturellen Analogie, die zwischen Unterdrückungsformen wie Rassismus, Sexismus oder eben Speziesismus gezogen werden kann, und der willkürlichen Gleichsetzung von Mensch und Tier klar zu sein.
So soll im nächsten Abschnitt, überschrieben mit „Am Beispiel der Antispe Tübingen“, dann auch unsere Selbstdarstellung als Beleg für die böse Mensch-Tier-Gleichsetzung herhalten: Wenn wir behaupteten, Speziesismus könne „analog zum Rassismus oder Sexismus als Stereotypenkomplex, das heißt als ein Zusammenhang von Vorurteilen und Klischees, angesehen werden“, sei das „schon recht seltsam“, denn Sexismus und Rassismus basierten vor allem auf der Fehlannahme, dass Frauen oder Nicht-Weiße „dümmer und unbegabter“ seien als Männer bzw. Weiße. Weiter heißt es: „Bis auf eine im Durchschnitt etwas schlechtere Sport-Leistung von Frauen gegenüber Männern (einmal abgesehen davon, dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist) gibt es keinerlei Unterschiede zwischen diesen konstruierten Einheiten. Im Gegensatz dazu gibt es empirisch beweisbare und bedeutende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren.“ – Brennend würden uns diese angeblich empirisch beweisbaren Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren interessieren, doch leider kann der Autor nicht einen nennen – wie auch, wenn nicht einmal die Fachwissenschaftler dies heutzutage noch vermögen. Der Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, Volker Sommer, kann keinen finden: „Eine wesensmäßige Unterscheidung von Mensch und Tier aufgrund von Merkmalen im Körperbau ist jedenfalls unhaltbar, weil die Kriterien willkürlich sind. Aber auch Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, bleiben gewöhnlich nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet […] Die Befunde der Primatologie zwingen uns, speziell das Verhältnis zu zumindest unseren allernächsten Verwandten zu überdenken [.] so, wie die Macho-Golfer am Ende doch auch Frauen in ihre exklusiven Clubs aufnehmen mussten, so wird sich der wirklich konsequente Schritt in der Klassifikation der Hominidae gleichfalls nur noch eine Weile hinauszögern lassen. […] Diese Sicht ist zusätzliche Unterstützung für die Forderung, den großen Menschenaffen einige jener Grundrechte zuzugestehen, die bisher nur für Menschen gelten – so das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit von Folter. […] Solche Überlegungen setzen andere historische Debatten logisch fort – beispielsweise die, ob Frauen wählen sollen, ob Menschen ihr zugeschriebenes Geschlecht ändern dürfen, ob jemand mit dunkler Hautfarbe als Sklave gehalten werden darf. In diesen Fällen wurde die „Gemeinschaft der Gleichen“ jeweils erweitert. Der historische Moment scheint gekommen, erneut inklusiver zu werden (wobei, das sei angemerkt, die anthropozentrische, arbiträre Grenze zwischen Menschenaffen und anderen Tieren selbstverständlich irgendwann ebenfalls hinterfragt werden kann). Die Notwendigkeit praktischer Einschränkungen spricht nicht gegen den Grundsatz. Obwohl sie ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben, dürfen ja beispielsweise auch viele Menschen nicht wählen – Kinder etwa, Komakranke oder geistig Behinderte. Ganz ähnlich wird wohl niemand ein Recht auf Bildung für Bonobos fordern wollen. Unhaltbar erscheint aber zumindest der Speziesismus, der Ungleichheit über angeblich wesensmäßige Unterschiede zwischen Arten zu rechtfertigen versucht.“
Dem haben wir nicht viel hinzuzufügen – außer vielleicht, dass wir dem Autor darin zustimmen, „dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist“ (tatsächlich führt das in unserer Kultur maßgebende dichotome Menschenbild, also das Zweigeschlechtersystem, zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen, mithin zur Eliminierung der Geschlechtervielfalt durch die Medizin: 95% der Intersexuellen in der BRD werden schon kurz nach der Geburt genital-chirurgischen und verschiedenen medikamentösen Eingriffen zur Veränderung der individuellen Geschlechtsmerkmale unterzogen; die Eingriffe führen bei den betroffenen Menschen zu einer lebenslang erforderlichen medizinischen Behandlung). Innerhalb der Geschlechter, innerhalb der Erscheinung des Menschen überhaupt, existiert eine große Diversität. Diese existiert innerhalb der gesamten Tierwelt – natürlich existieren deshalb zahlreiche äußerliche Unterschiede zwischen verschiedenen Tierarten (und damit auch zwischen dem Menschen und anderen Tieren), aber: Daraus darf keinesfalls die Dichotomie Mensch-Tier resultieren, denn der Mensch-Tier-Dualismus ist ebenso ein soziales Konstrukt wie der (Zwei-)Geschlechterdualismus (was wiederum ein Vergleich, aber keine Gleichsetzung ist!).
Es ist übrigens interessant, dass sich gerade auch aus feministischen Zusammenhängen und aus den Reflexionen zur Geschlechts-Konstruktion Beiträge zu einer Theorie der Tierbefreiung ergeben haben. In ihrem Aufsatz zur „Frau-Tier-Natur-Gleichsetzung“ in der Aufsatzsammlung „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“ stellt Mieke Roscher zahlreiche Feministinnen vor, die sich auch für ein anderes Verhältnis zu Tieren eingesetzt haben. Was sie dann manchen Queer-TheoretikerInnen vorwirft, kann unserer Meinung nach durchaus auch dem Autor vorgeworfen werden: „Die Darstellung der Unterdrückung der Tierwelt als natürliche Gegebenheit muss eindeutig zurückgewiesen werden, da die Legitimation für die Unterdrückungen genauso auf sozialer Konstruktion fußt wie geschlechtsspezifische Hierarchien auch. [.] Die Auflösung nicht nur gesellschaftlicher, sondern auch biologischer Zuschreibungen von Geschlecht finden nur für das Menschliche statt. Das Tier wird weiterhin als das Andere gedeutet, welches fortwährend als unbedingt und unmittelbar durch rein biologische Determinanten bestimmt wird. Eine entsprechende Fortsetzung der Dekonstruktion anderer Dualismen wird nicht vollzogen. Da das Verhältnis zum Tier, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die seine Ausbeutung forcieren, als naturhaft erklärt wird, sollen auch Perspektiven für Veränderungsmöglichkeiten dauerhaft negiert werden. Dabei ist das, was als tierliche Natur beschrieben wird, oftmals grob verallgemeinert und unhaltbar. Es ist somit, wie die feministische Naturwissenschaftlerin Lynda Birke richtig sagt, zutiefst unwissenschaftlich, biologischen Determinismus abzulehnen, ihn jedoch im Rekurs auf das Tier als maßgeblich zu betrachten.“ – Genau dies aber tut der Autor, auch noch unter aufs Gröbste verallgemeinerten und unhaltbaren Zuschreibungen! Zum Thema „Frauen und Tiere“ gab es, falls weitergehendes Interesse besteht, auch einmal ein Dossier in der „Tierbefreiung“: http://www.tierbefreier.de/magazin/FrauenundTiere_tb47.pdf.
Im nächsten Abschnitt wird unser Ansatz, „das Problem bei der Wurzel zu packen“ und „nach Ursachen der Ausbeutung von Tieren und der Natur durch den Menschen“ zu suchen, wie es in unserer Selbstdarstellung heißt, kritisiert. Der Autor verweist darauf, dass in allen Kulturen Tierprodukte verwendet würden – es sei nicht die generelle Nutzung von Tieren, sondern die Art der Nutzung, die ein Problem darstelle. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, weisen wir darauf hin, dass unsere Kritik sich auf die Verhältnisse bezieht, in denen wir aktuell leben. Unsere Kritik hat nie die Verhaltensweisen von Menschen zum Gegenstand gehabt, die aufgrund ihrer Umweltbedingungen auf die Nutzung von Tieren angewiesen waren oder sind. Fakt ist aber, dass in unseren industrialisierten Gesellschaften niemand darauf angewiesen ist und angesichts der Entwicklung der Globalisierung und der Bevölkerungszahlen auch weltweit Schritte hin zum Verzicht auf Tierprodukte als nicht nur ökologisch sinnvolle Perspektive erscheint. „Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung“, hat schon Albert Einstein gesagt.

Eisessen ist tierunfreundlich
Teil 2:
Zu unserer Feststellung, die Ideologie des Speziesismus liefere die Legitimation dafür, dass nichtmenschliche Tiere ihr Leben lang eingesperrt, missbraucht, gequält und getötet würden, merkt der Autor an, dass der Mensch einfach Fleisch esse und dafür keine Legitimation durch eine Ideologie brauche. Dies sehen wir nicht so. Der Mensch benötigt immer eine Legitimation dafür zu töten, dafür gibt es zahlreiche Beispiele – eines davon hat der Autor selbst im Absatz zuvor genannt: Die Entschuldigungs-Rituale mancher Indigener vor der Jagd. Traditionell hatten es die Menschen nötig, das Töten von Tieren religiös-mythisch zu legitimieren. So schildert beispielsweise ein mittelpersischer Text, wie der Gott Ohrmazd einst das Vieh aufgefordert habe, sich hinzugeben, damit es verspeist werde. Dieses aber habe erkannt, was die Menschen ihm antun würden, und stritt daraufhin mit dem Gott; dieser sicherte ihm schließlich zu, dass ihm seine Sünden erlassen würden – für die von den Tieren verübten Sünden würden diejenigen zur Verantwortung gezogen, die das Fleisch essen! Für ähnliche Legitimations-Strategien gäbe es noch zahllose Beispiele. Und wo früher dafür die Religion herhalten musste, wird in einer säkularisierten Gesellschaft (pseudo-)wissenschaftlich argumentiert – beispielsweise mit dem Mensch-Tier-Dualismus.
Weiterhin kritisiert der Autor, wir würden den Tier-Mensch-Unterschied einfach auf einen „Technik-Unterschied“ einstampfen, da es in unserer Selbstdarstellung heißt, der Mensch unterscheide sich von anderen Tieren „nur durch außergewöhnlich hoch entwickelte Techniken“, teile mit ihnen jedoch die Fähigkeit, bewusst zu fühlen und zu leiden. Wir geben zu, dass dieser Satz vielleicht nicht ausführlich genug formuliert ist. „Techniken“ meint hier auch bestimmte kognitive und vor allem moralische Fähigkeiten – allerdings bezeichnen diese Unterschiede, ganz im Sinne des schon zitierten Gradualisten Volker Sommer, immer nur graduelle Unterschiede und legitimieren keinen Mensch-Tier-Dualismus! Der Autor beharrt vor allem auf der seiner Ansicht nach speziell menschlichen Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und -reflexion, merkt allerdings schon selbst in Klammer an, „manche Affenarten“ könnten sich „nach einer Weile im Spiegel selbst erkennen“. Wie Volker Sommer richtig anmerkt, bleiben Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, gewöhnlich nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet. Tatsächlich verhält es sich so, dass, wie etwa das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am 9.11.2009 meldete, der „Club der Ich-Bewussten“ ständig wächst: „Neben Primaten, Elefanten, Delfinen und einigen Vögeln erkennen sich auch Schweine im Spiegel selbst“ (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,660191,00.html).
Wir wissen nicht, inwieweit andere Tiere zu moralischem Denken und Handeln fähig sind. Der Mensch jedenfalls ist dazu fähig – dessen sind wir uns bewusst und das liegt unserer Theorie zugrunde. Wehren wollen wir uns gegen den Vorwurf, Verhalten anderer Spezies zu „vermenschlichen“ – das liegt uns fern, wir sind keine TierschützerInnen! Wir erwarten von anderen Tieren nicht Mitleid, Ethik und Moral – aber wir fordern dies von Menschen anderen Tieren gegenüber! Allerdings wird unserer Ansicht nach, wenn der Autor in der „Tierwelt“ lediglich „die Maxime von fressen, ficken, gefressen werden“ anerkennt, und speziell im nächsten Absatz („Das „Tier Mensch“?“), wiederum ein verzerrtes und einseitiges Bild des natürlichen Verhaltens gezeichnet, welches wohl, wie die Anmerkungen des Autors zum „Recht des Stärkeren“ zeigen, vor allem durch ein falsches Verständnis vom Darwinismus herrührt – außerdem scheint im Hintergrund mancher Aussagen wieder klar die Ideologie des Mensch-Tier-Dualismus hindurch, etwa, wenn der Autor schreibt: „Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam.“
1835 las Charles Darwin „An essay on the principle of population as it affects the future improvement of society“ des englischen Nationalökonomen Thomas Malthus. Die Bevölkerungstheorie von Malthus hat sowohl die Evolutionstheorie von Darwin als auch diejenige von Alfred Russel Wallace maßgebend beeinflusst. Dem Bevölkerungsgesetz von Malthus liegt die Annahme zugrunde, die Zunahme der Nahrung könne nicht mit der Vermehrungsrate einer Bevölkerung Schritt halten, werde die Bevölkerungsrate nicht gehemmt. Für letzteres sorgen Kriege, Epidemien und Ähnliches. Malthus betrachtete dies als ein von Gott eingeführtes Naturgesetz; wer sich gegen die Naturgesetze auflehne, lehne sich gegen Gott auf. Die Einführung von Sozialgesetzen sei daher widernatürlich und widergöttlich. Darwin übertrug Malthus‘ Ideen auf das Zusammenleben der Spezies in der Natur und übernahm sowohl den Mechanismus in Malthus‘ Bevölkerungsgesetz – er wird bei ihm zur natürlichen Auslese –, sowie die Begrifflichkeit vom „struggle of existence“, die ins Deutsche so unglücklich mit „Kampf ums Dasein“ übertragen wurde. Der Begriff „survival of the fittest“ wurde 1864 von Herbert Spencer (in den „Principles of Biology“) eingeführt. „Fitness“ bezeichnete im 19. Jh. zunächst einmal das (vorteilhafte) Verhältnis eines Individuums zu seiner Umwelt. Bei Darwin bedeutet der Begriff, dass diejenigen Individuen, die besser an ihre natürliche Umgebung angepasst sind, den malthusschen „struggle of existence“ besser bestehen. In einer Situation, in der Knappheit der Mittel vorherrscht, können diejenigen, welche sich an diese Situation besser anpassen können, besser überleben und mehr Nachkommen hinterlassen. Von einem „Recht des Stärkeren“ ist bei Darwin nicht die Rede, auch nicht von „Kampf“. Den „struggle of existence“ kann auch eine Wüstenblume führen – um Wasser, bzw. gegen ihre widrigen Umweltbedingungen. „Sozialdarwinistisch“ interpretiert wurde Darwin von anderen, von Eugenikern wie seinem Vetter Francis Galton oder vom Deutschen Alfred Ploetz, der den Begriff der „Rassenhygiene“ prägte. Darwin bedauerte später übrigens, anstatt dem Begriff „natural selection“ nicht besser den Begriff „natural prevervation“, also Erhaltung statt Auslese, gewählt zu haben. Auch der Begriff „struggle“ sei unglücklich gewählt – vor allem die Übersetzung ins Deutsche als „Kampf“ kritisierte Darwin ausdrücklich. Die darwinistische Theorie sollte nicht zu naturalistischen Fehlschlüssen führen, dies passiert eigentlich auch nur, wenn sie oberflächlich rezipiert wird – tatsächlich hat sie sogar tierethische Konsequenzen, denn bereits Darwin selbst negierte ausdrücklich den Mensch-Tier-Dualismus: Zwischen Mensch und Tier bestehe nur ein gradueller Unterschied, kein wesentlicher (difference of degree, not of kind). – Es bleibt allerdings bei Darwin das Problem bestehen, dass er eine Bevölkerungstheorie, welche geprägt war durch die Umstände (und Abwehrung der aufkommenden sozialen Kämpfe) in der industrialisierten Gesellschaft Englands innerhalb eines, um einmal eine Tier-Metapher zu gebrauchen, „noch ungebändigten Raubtier-Kapitalismus“, einfach auf die Natur übertrug (Darwin schrieb ausdrücklich über seine Theorie: „Es ist die Lehre von Malthus in vielfacher Kraft auf das gesamte Tier- und Pflanzenreich angewandt“). Damit hat er nachhaltig ein Bild der Natur und von Tieren geprägt, das von der Vorstellung eines ewigen gegenseitigen Kampfes geprägt ist. Tatsächlich aber gab und gibt es nach Darwin Evolutionsforscher, die dieses Bild relativieren. So betonte schon der russische Anarchist und Wissenschaftler Pjotr Alexejewitsch Kropotkin vielmehr das soziale Element statt dem Kampf als Treibkraft der Evolution: Nicht der Stärkste siegt, sondern die kooperative Gesellschaft! Sein wichtigstes wissenschaftliches Werk heißt „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“; Kropotkin stellt darin eine fundierte Gegenthese zum Sozialdarwinismus seiner Zeit auf. Anhand zahlreicher Beispiele aus Natur und Geschichte weist er nach, dass die erfolgreichste Strategie in der Evolution auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und eben nicht auf Kampf und dem Überleben des Stärksten beruht.
Es ist schade, dass in den politisch und historisch sonst doch gut informierten Kreisen, denen der Autor entstammt, ein so undifferenziertes, vom populären Diskurs geprägtes, mangelhaftes Wissen über Darwinismus und Sozialdarwinismus vorzuherrschen scheint und platt „Mitleidslosigkeit und real existierender Darwinismus“ als die „Realität des Tierreiches“ beschrieben werden.
Wie in Kommentaren auf dem „Eisberg“-Blog bereits angemerkt, werden in diesem Zusammenhang dann auch noch Fehler gemacht, welche schlicht zeigen, dass der Autor sich schlecht informiert hat – so wird etwa das „Great Ape Project“ fälschlicherweise als „Human Project“ bezeichnet oder geschrieben, Gorillas (statt Schimpansen) würden „gerne mal zur Eiweißaufwertung andere – kleinere – Affen“ essen. Außerdem wird wieder mit falschen Unterstellungen gearbeitet – so wird uns etwa die Ansicht untergeschoben: „Wenn Menschen jagen ist es generell „Mord““, was wir nie, vor allem so nicht, sagen würden (s.o.).
Und, einmal davon abgesehen, dass es in der Tierbefreiungs- und Antispe-Bewegung keineswegs einen Konsens darüber gibt, inwieweit Rechte für Tiere im juristischen Sinne sinnvoll wären (wir sind eher der Meinung, dass die Befreiung der Tiere eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins voraussetzt und lehnen jedenfalls von oben verordnete „Tierrechte“ aus herrschaftskritischer Überzeugung heraus ab – dennoch fordert die Tierbefreiungsbewegung grundsätzlich Freiheit und „Lebensrecht“ für alle fühlenden Lebewesen) – was spricht – sogar aus der Sicht von TierschützerInnen – gegen den Wunsch, die individuelle Freiheit und das Leben der großen Affen zu erhalten sowie sie vor Verfolgung und Folter zu schützen? Ob dazu unbedingt „Menschenrechte für Menschenaffen“ notwendig sind, lässt sich mit Recht bezweifeln.
Im nächsten, mit „Es gibt Tiere und Tiere“ überschriebenen Abschnitt, wird ein polemischer Abschnitt aus dem Diskussions-Beitrag in der „Jungle World“ von Ivo Bozic zitiert, auf den es sich kaum lohnt, einzugehen. Nur soviel sei dazu gesagt: Der politische Veganer/die politische Veganerin in der kapitalistischen Warengesellschaft versucht schlicht, durch seine/ihre Kaufentscheidungen so wenig organisierte (Tier-)Ausbeutung wie möglich in Auftrag zu geben – was soll daran schlecht sein? Wir versuchen nur, innerhalb der uns möglichen Verhältnisse nach Möglichkeit ethisch zu handeln – und durch unsere Nachfrage möglichst kein Leid in Auftrag zu geben. – Der Vorwurf, sich nur um „kuschelige Pelztiere“ oder „Tiere mit großen Augen“ zu kümmern, trifft wiederum eher auf TierschützerInnenInnen zu, als die wir uns explizit nicht verstehen.
Zu den Ausführungen des Autors „Heißt dass [sic] dann im Umkehrschluss, dass mensch die dooferen und menschen-unähnlichen Tiere dann essen (Fische, Hühner, Schweine) darf?“, sei noch angemerkt, dass, wie italienische Hirnforscher um Rosa Rugani von der Universität Trient herausgefunden haben, Küken bereits kurze Zeit nach dem Schlüpfen dazu fähig sind, einfache Rechnungen anzustellen, oder andere Experimente zeigten, dass der weibliche nordamerikanische Moskitofisch in etwa so gut zählen kann wie ein knapp einjähriges Kleinkind – und, wie bereits angemerkt, können Schweine sich sogar im Spiegel erkennen…
Im nächsten Abschnitt „Und was sagen die Tiere dazu?“ wird uns „eine arge Form der Stellvertreterpolitik“ vorgeworfen. Mit der Auffassung, dass das nichtmenschliche Tier nur befreit WERDEN kann, dass Subjekt und Objekt der Befreiung also auseinander treten, hat die Tierbefreiungsbewegung sich auseinander gesetzt. Hier gibt uns die Kritische Theorie die Lösung des angeblichen Problems an die Hand. Marcus Hawel schreibt in seinem Aufsatz „Emanzipative Praxis und kritische Theorie“ (in „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“) dazu: „Subjekt und Objekt der Befreiung träten nicht mehr auseinander, wenn wir den Bezugsrahmen etwas erweiterten und uns darüber klar würden, dass es allgemein um UNSER Verhältnis zur Natur, zum Leben geht, von dem wir uns selbst zu emanzipieren hätten, weil wir darin eine ungeheuerliche Destruktionskraft entdeckten, die uns selbst die Existenzgrundlage entzieht. Wir müssen UNS selbst befreien – nicht von Natur, sondern von unserem destruktiven Umgang mit der Natur. Natur wird für kurzfristige Profitinteressen vernichtet“ – die gleiche Verwertungsvorstellung zerstört auch das Leben der Menschen. Auch Marco Maurizi betont in seinem Aufsatz „Die Zähmung des Menschen“: „Sind DIE Interessen der Menschen grundsätzlich gegen die der Tiere gerichtet, dann ist es lediglich ein glücklicher Zufall, wenn menschliche und tierische Interessen ab und zu zusammenfallen. Dem muss entgegengehalten werden, dass die Befreiung der Tiere mit der Befreiung der Menschen identisch ist und nur politisch begriffen werden kann. Aus dieser Perspektive ist der Kern des Problems die zerstörende Logik des Kapitals, eine Logik, die bestimmte gesellschaftliche Strukturen voraussetzt (Klassengesellschaft, wirtschaftliche Ausbeutung, Staatsgewalt). Solche Strukturen wurden vor Tausenden von Jahren durch die Unterdrückung von Menschen UND Tieren geschaffen. Die Befreiung des Menschen wird daher ein TEIL der Befreiung der Tiere sein. Das menschliche Tier sollte endlich mit der Revolution beginnen – die ganze Natur wartet darauf.“
Zu dem Satz „Vielleicht sind viele Tiere ja lieber glückliche Gefangene, als hungrige Freigänger?“ merken wir an, dass dies höchstens auf domestizierte Tiere zutreffen kann. Die „Haltung“ von anderen Tieren durch den Menschen aber ist kein ursprünglicher Zustand und die Domestikation auch bereits eine Form der Herrschaft. Natürlich könnten heutzutage ein Großteil der „Nutztiere“ nicht einmal mehr ohne menschliche „Fürsorge“ überleben – dies liegt aber daran, dass Menschen sie durch Zucht derart zugerichtet haben, dass sie in ihrer natürlichen Umwelt, ohne den Menschen, nicht mehr zurecht kämen! Es ist allerdings evident, dass die meisten „Nutztier“-Züchtungen nur zum Nutzen von Menschen, die sich größere Ausbeute versprechen, aber zum Nachteil des tierlichen Individuums, das z.B. unter seinem unnatürlichen Körperbau leidet, vollzogen worden sind – nicht umsonst ist in der „Nutztierhaltung“ die Rede von „Qualzüchtungen“. Wer sich einmal mit der Haltung von sog. „Nutztieren“ in unserer Industriegesellschaft auseinander gesetzt und die Tiere in Massentierhaltung gesehen hat, wird zugeben müssen, dass schon das Mitansehen dieser Art der Gefangenschaft unerträglich ist: Die offensichtlichen Krankheiten, die Entzündungen und unnatürlichen Auswüchse der „Nutztiere“, die sich ihr Leben lang in Gefangenschaft befinden, ohne jemals Tageslicht zu sehen, sprechen für sich. Sätze wie „Die Betonung von Freiheit als höchstes Gut per se ist die Projektion von Menschen“ schmerzen angesichts dieser Bilder von Lebewesen, die, ihrer natürlichen Umwelt entrissen, ein Leben in Dunkelheit verbringen müssen, nur. Wir wollen nur, dass jedem Lebewesen ein Leben in Selbstbestimmung und Würde zukommen darf – was, so fragen wir, ist an diesem Wunsch auszusetzen?
Genauso fragen wir, was an daran, dass Antispeziesismus lediglich ein „westliches Luxusprojekt“ sei, eigentlich schlimm sein soll? Erst, wenn wir uns nicht ständig ums eigene Überleben sorgen müssen, können – und müssen! – wir uns schließlich Gedanken um die Ausbeutung anderer machen. Der Vorwurf: ‚Dir geht es so gut, dass du dir Gedanken um andere machen kannst‘, ist keiner! Und wenn wir damit auf ein Privileg verzichten, „was hunderte Jahre dem Adelsstand vorbehalten war“, so tun wir das gerne: Auf das Privileg, andere zu unterdrücken und von ihrer Ausbeutung zu profitieren, können wir leicht verzichten. Dem Adelsstand war es auch „hunderte Jahre“ lang vorbehalten, Leibeigene zu „besitzen“ – ein „Privileg“, auf das wir gern verzichten (das englische Wort für „Rind“, „cattle“, hat übrigens denselben Ursprung wie „chattel“, Leibeigener, und „capital“, Produktionsmittel…).
Der Vorwurf, die Antispe-Bewegung betreibe „nur wenig Selbstreflektion“, ist schlicht haltlos. Auf zahlreichen Konferenzen, in Texten der Bewegung und auf den alljährlich stattfindenden Tierbefreiungs-Kongressen findet kritische Selbstreflexion statt; dabei werden durchaus (selbst-)kritische Stimmen zugelassen. Als Beispiel hierzu nennen wir die Auswahl der Aufsätze im Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, über deren Kontroversität die Herausgeberin im Editorial schreibt: „Die zum Teil scharfe Kritik an der Bewegung, die für sich in Anspruch nimmt, das oppressive Mensch-Tier-Verhältnis umwerfen zu wollen, wird von der Herausgeberin und der TAN in den meisten, aber nicht in allen Punkten geteilt, droht sie doch an einigen Stellen umzuschlagen in eine affirmative Bestätigung dessen, was unter den herrschenden Verhältnissen der Fall ist – das Grauen in den Schlachtstraßen.“ Differenziert wird auch „innerhalb des Textuniversums der linken Tierbefreiungsszene und Veganerbewegung“, deren Darstellungen „teilweise unter Dogmatik und Unterkomplexität“ leiden (so Arnd Hoffmann in seinem Beitrag „Zur Kritik der Utopielosigkeit von Antispeziesismus und Veganismus“). Tatsächlich verhält es sich so, dass es sich bei der Tierbefreiungsbewegung um eine Bewegung handelt, die eben nicht in einem starren Dogma verhaftet ist, sondern sich im Gegenteil in der Phase der Bildung einer konsistenten Theorie befindet, in der sie dankbar ist für kritische Stimmen, anhand derer sie ihr Selbstverständnis prüfen und weiterentwickeln kann.
Zur Position des Autors, die vegetarische Ernährung habe sich in früheren Zeiten vorrangig entweder aus Gründen der Notwendigkeit oder aus religiösen Gründen ergeben, möchten wir noch anmerken, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich aufgrund von ethischen Abwägungen zum Verzicht des Tötens von Tieren entschlossen haben. Dafür gibt es zahlreiche überlieferte Beispiele, etwa aus dem antiken Griechenland. Auch Leonardo da Vinci (1492-1519) hat bereits prophezeit: „Der Tag wird kommen, an dem das Töten eines Tieres genauso als Verbrechen betrachtet wird wie das Töten eines Menschen.“
Wenn der Autor dann den „Schock“ jener beschreibt, für die Fleisch „nur noch aus der Dose“ kommt, wenn sie mit der Realität der Schlachtung konfrontiert werden, so bestätigt er damit nur unsere Auffassung, dass diese Realität für Menschen mit Empathie nun einmal an sich schockierend ist. Wir wollen nicht mit „Schock-Effekten“ arbeiten, sondern lediglich die Realität der industriellen Tierhaltung zeigen, die tatsächlich versteckt – auch kaschiert durch anthropomorphisierte Tierfiguren in der Werbung etc. – stattfindet. Besäßen Schlachthäuser gläserne Wände, wären wohl die meisten Menschen Vegetarier…
Dass der Autor bisher noch nirgendwo davon hörte oder las, dass der politische Veganismus seine Forderungen geografisch begrenzt, ist wohl vor allem seiner mangelnden Kenntnis und seinem eingeschränkten Textkorpus in diesem Bereich zuzuschreiben; allerdings muss auch gesehen werden, dass Aktionsformen und Forderungen politischer Bewegungen nun einmal dort ansetzten, wo sie – nicht zufällig – entstehen, und so kritisieren die AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung nun einmal konkret die Umstände in ihrer Umgebung, oft auch mit einem gewissen Allgemeinheitsanspruch. In den theoretischen Reflexionen der Bewegung wird allerdings sehr wohl differenziert – aber auch betont, dass „das große Know-How über naturschonende und unblutige Herstellung gesunder und nahrhafter Lebensmittel […] zumindest den Menschen in den Industrieländern sogar schon unter den schlechten bestehenden Verhältnissen des Kapitalismus ohne weiteres eine vegane Lebensweise“ ermögliche (Susann Witt-Stahl). Durchweg wird anerkannt, dass „in bestimmten geschichtlichen Entwicklungsstufen und Gesellschaftsformen mitunter die Notwendigkeit bestand/besteht, Tiere als Arbeitskraft und/oder als Nahrungsmittel zu benutzen“ – doch hat sich dies eben „mit fortschreitender Produktivkraftentwicklung größtenteils geändert. Innerhalb technisch fortgeschrittener Gesellschaften ist weder die Ausbeutung der tierischen Arbeitskraft noch ein Verzehr von Tieren oder Tierprodukten notwendig“ (http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/menschtier.htm). Wir schließen uns in dieser Frage der Philosophin Mary Anne Warren an, die in ihrem Aufsatz „Sollen alle Menschen Vegetarier werden?“ (in: Ursula Wolf (Hrsg.): Texte zur Tierethik, Stuttgart 2008, S. 314-17) klar und deutlich schreibt: „Dass ein universelles Verbot der Verwertung von Fleisch und anderen Tierprodukten sich nicht leicht mit den moralischen Rechten von Menschen vereinbaren lässt, kann man etwa am Beispiel von Volksstämmen sehen, deren althergebrachte Arten des Lebensunterhalts die Jagd oder die Aufzucht von Tieren zur Fleischgewinnung und zu anderen Konsumzwecken einschließen und die zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine zufriedenstellenden Ersatzmöglichkeiten finden können, ohne von ihnen geschätzte kulturelle Traditionen aufzugeben.“ – Doch darum geht es der Tierbefreiungsbewegung nicht in erster Linie. Sie kritisiert vielmehr folgendes Phänomen der industriellen Warenwirtschaft: „Innerhalb technisch und marktwirtschaftlich fortgeschrittener Gesellschaften ist die Ausbeutung der tierischen Arbeitskraft der ökonomisch rationelleren Nutzung von Maschinen gewichen. Immer weniger Menschen sind existentiell abhängig von Tierhaltung, sowohl was die Ernährung, als auch was den Verdienst für den Lebenshalt angeht. Einer an Intensität der Ausbeutung und Anzahl der gequälten und getöteten Tiere unermesslich angewachsenen Tierverwertungsindustrie steht ein umfassendes und zunehmend ausdifferenziertes Angebot an pflanzlichen Nahrungsmitteln gegenüber. […] Tierausbeutung wird immer weniger notwendig, und immer weniger Menschen sind existenziell von ihr abhängig, so dass sie eine Ethik des allgemeinen Respektes gegenüber Tieren entwickeln könnte. Auf der anderen Seite ist es jedoch ein wesentlicher Bestandteil der Warenform, dass man etwas, das man als Ware verkaufen will, zum Zeitpunkt des Tausches […] nicht die Bedingungen ansieht, unter denen eben diese Ware produziert wurde. Sie erscheint als geschichtslos. Das macht es dem Käufer einfach, von dem Prozess abzusehen, der notwendig ist, um ein Tier erst in die Ware Fleisch umzuwandeln“ (Carsten Haker).
Wir wollen genau auf diesen Prozess aufmerksam machen – und auf das Paradoxon, dass in einer Gesellschaft, die Tiernutzung eigentlich nicht mehr nötig hat, diese ein Höchstmaß angenommen hat.
Dazu brauchen wir allerdings keine Holocaust-Vergleiche, wie der Autor im nächsten Abschnitt („Konsequent dem Dogma gefolgt und im Wahn(sinn) angekommen“) suggeriert. Solche Vergleiche liegen keineswegs „in der (internen) Logik der Antispe-Ideologie“ (und werden auch nicht von Antispes oder der politischen Tierbefreiungsbewegung ausgeübt, sondern im Gegenteil von bürgerlichen Tierrechtsorganisationen wie etwa „Peta“)! Schon allein geschichtlich handelt es sich um total unterschiedliche Situationen: Beim Holocaust wurden – unter Verwendung des Tiervergleichs! – Personen, die sich eigentlich innerhalb der „moral community“ befanden, von dieser ausgeschlossen. Uns geht es im Gegenteil um die Erweiterung der „moral community“. Diese Erweiterung würde sich im Übrigen auch positiv auf das rein menschliche Miteinander auswirken: Wenn die Hemmschwelle, andere Tiere zu töten, höher läge, wäre es auch nicht mehr so leicht, die Ausbeutung und den Mord an Menschen mithilfe einer postulierten Tierähnlicheit (wie vor Genoziden regelmäßig geschehen!) zu legitimieren. – Die Tierbefreiungsbewegung hat sich sehr kritisch mit dem Holocaust-Vergleich auseinandergesetzt und sich argumentativ überzeugend davon distanziert (s. z.B.: http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/petakritik.html).«

Teil 3:
Die „Forderungen“ des Autors im „Appell zum Schluss“ erledigen sich zum Teil von selbst durch das Zitieren des Satzes „Herrschaftskritische Antispeziesisten betonen somit, dass Speziesismus etwas genuin menschlich-zivilisatorisches sei, was erst mit der Abkehr von der Jäger-Sammler-Lebensweise entstand, weshalb indigene Jäger-und-Sammler-Kulturen sowie Tiere nicht des Speziesismus bezichtigt werden könnten“ (mal wieder aus dem Artikel „Speziesismus“ bei Wikipedia, aber: „Immerhin“…) – zumindest, was die Forderung angeht, mehr zwischen der Vergnügungsjagd und der Jagd, um davon zu (über)leben, zu differenzieren. Der Autor sieht also bereits selbst, dass sehr wohl reflektiert und differenziert wird – daraus allerdings abzuleiten, dass der Antispeziesismus an sich aufgegeben werden müsste, zeugt wieder nur vom völlig falschen Verständnis der Begrifflichkeit: Es bedeutet für uns keineswegs, den Antispeziesismus-Begriff aufgeben zu müssen, wenn wir zugestehen, „dass Menschen Tiere tatsächlich anders behandeln dürfen als ihre Mitmenschen.“ Wiederum verweisen wir auf den vom Autor unterschlagenen Satz in unserer Selbstdarstellung. Wir sind uns darüber bewusst, dass nicht alle Tiere dieselben Interessen, Fähigkeiten etc. haben – genau darauf machen wir doch aufmerksam, wenn wir den strikten Mensch-Tier-Dualismus angreifen. Der Autor dagegen hält an eben diesem, absolut überholten Bild von Mensch und Tier, der alle anderen Tiere dem Menschen gegenüberstellt, fest. Wird das Bild des Menschen von sich selbst als gottgleiche „Krone der Schöpfung“ angegriffen, hat das, wir wissen es seit Freud, eine narzisstische Kränkung zur Folge. Nun hatte der Mensch aber bereits 150 Jahre lang Zeit, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Wird darauf heute noch mit dem haltlosen Vorwurf der „Gleichmacherei“ reagiert, ist das äußerst reaktionär, gemahnt an die Diskreditierung historischer Befreiungsbewegungen durch jene, die von der jeweiligen Ausbeutung profitierten, und zeigt letztlich auch, dass der Autor die maßgeblichen Entwicklungen der Wissenschaft der letzten 150 Jahre verpasst hat. Er scheint sich das Vorurteil in den Kopf gesetzt zu haben, „Antispeziesismus“ bedeute „Gleichmacherei“ von Mensch und Tier, und anhand der Kritik seiner eigenen, falschen Begrifflichkeit verläuft dann die Diskreditierung der angeblichen Inhalte dieses Begriffes und der Bewegung, die ihn gebraucht – das aber, ohne sich vor der Urteilsbildung einmal die wirklichen Inhalte angeschaut und sich mit der Bewegung wirklich auseinandergesetzt zu haben, wie die mangelnden Kenntnisse des Autors in diesen Bereichen beweisen.
Die weiteren Forderungen sind für Menschen, die sich mit der betreffenden Problematik auseinander gesetzt haben, fast schon provokant. So wird von uns etwa eine Differenzierung zwischen Vergnügungsjagd und „reduzierender Jagd“ verlangt – faktisch verhält es sich allerdings so, dass das Märchen von der „reduzierenden Jagd“ reinstes Jägerlatein ist. JägerInnen behaupten, sie würden die Natur schützen und das ökologische Gleichgewicht regulieren. Das Gegenteil ist der Fall. Um möglichst viel Beute zu machen, halten sie die teils übergroßen Populationen durch gezielte Zufütterung auf einem unnatürlich hohen Niveau; sog. Beutegreifer (Jagdkonkurrenz) werden bejagt und ausgerottet. Mit Getreide, Obst und Essensresten werden die Waldtiere angelockt und gemästet. Sein Jagdgebiet ist für einen Jäger also auch nichts anderes als für den Tierhalter die Mastanlage. Nicht selten sind dem Futter Medikamente und Hormone beigemischt – für eine prächtigere Trophäe. Viele Tiere werden außerdem eigens für die Jagd produziert. Fasane etwa werden in Volieren gezüchtet und kurz vor der Jagd in Wald und Feld ausgesetzt. So genannte „Verbissschäden“ an Bäumen, die gerne als Begründung für die Jagd herhalten müssen, entstehen durch die künstlich hohe Population und durch den Jagddruck, der die Rehe ins Innere der Wälder treibt, obwohl sie eigentlich Waldrandbewohner sind. Ein weiteres fadenscheiniges Argument der Jägerschaft ist, dass Wildtiere Krankheiten wie die Tollwut übertragen. Fakt ist, dass Füchse unter Jagddruck mehr Nachwuchs bekommen. Die Tollwut verbreitet sich durch Kämpfe von Jungfüchsen, die sich neue Reviere erschließen müssen. Mehr Jagd – mehr Jungfüchse – mehr Revierkämpfe – mehr Tollwut. Krankheiten werden durch Jagd also nicht eingedämmt, sondern verbreitet. Hinzu kommt, dass jährlich weit mehr Menschen durch die Jagd sterben oder verletzt werden als durch von Wildtieren übertragene Krankheiten. Eine Differenzierung zwischen Vergnügungsjagd und „reduzierender Jagd“ ist überhaupt nicht möglich – Jagd ist in unserer Gesellschaft nichts anderes als ein blutiger Freizeitsport! Ihre Grausamkeit und Sinnlosigkeit ist offensichtlich. Sie ist verantwortlich für die Ausrottung zahlreicher Arten sowie für gravierende Umweltschäden. Die Behauptung der JägerInnen, sie töteten für den Erhalt des „ökologischen Gleichgewichts“ (mit solchen verbalen Verschleierungen und teuren PR-Kampagnen versuchen die JägerInnen, Unterwerfung und Vernichtung von Tieren zum Naturerlebnis hoch zu stilisieren), ist längst widerlegt. So sind etwa die 72.000 Hektar des Nationalparks Gran Paradiso in Italien seit 1922 jagdfrei, in denen sich das Ökosystem ohne Weiteres selbst reguliert. Auch im Kanton Genf wurde die Jagd schon vor über 30 Jahren per Volksentscheid abgeschafft (http://www.tierbefreier.de/tierbefreiung/aktuell/09/150309_jagd_genf.html).
Die restlichen beiden, für uns absurd anmutenden Forderungen, zwischen „der quälerischen“ und „artgerechter Tierhaltung“ sowie zwischen „Pelzetragen aus Mode und Pelzetragen um sich zu wärmen“ zu differenzieren, zeigen uns wiederum nur, dass der Autor sich mit diesen Themen nicht wirklich auseinander gesetzt haben kann bzw. die Grundanliegen der Tierbefreiungsbewegung einfach nicht verstanden hat. Einer der bekanntesten Slogans der Bewegung etwa ist „Artgerecht ist nur die Freiheit!“ – jegliche „Haltung“ entreißt doch ein Tier seiner natürlichen Umgebung und will ein autonomes Wesen dem Menschen, durch Zwang, „Züchtigung“ und Züchtung, gefügig machen.
Dass Kleidung aus „Pelz“ in unserer Gesellschaft nur als Statussymbol dient und keinerlei Notwendigkeit folgt, steht für uns nicht zur Debatte. In Bezug auf Indigene sei auf die Argumentation oben verwiesen.
Zum „Appell zum Schluss“ ist von unserer Seite noch allgemein anzumerken, dass derselbe eine Entpolitisierung der Tierbefreiungsbewegung fordert, die unserem Ansatz absolut widerspricht. Wir sind keine TierschützerInnen und argumentieren auch nicht über eine Mitleids-Ethik, sondern für das Recht auf Autonomie; dies schließt auch die Ernährungssouveränität mit ein – solange diese nicht die Autonomie der anderen verletzt – wir werben, wie vom Autor als sinnvoll erachtet, für eine Ernährungsumstellung in den Metropolen (und unser Werben hat nicht appellativen, sondern persuasiven Charakter!). Die Forderung nach einer Entpolitisierung unserer Bewegung ist ein Angriff auf das Fundament ihres Selbstverständnisses! Carsten Haker schreibt hierzu, aus der „Dialektik der Aufklärung“ und aus Adornos „Probleme der Moralphilosophie“ zitierend: „Da in einer herrschaftlich-warenförmig organisierten Gesellschaft die Bedingungen, nach denen sie funktioniert, zwar von Menschen geschaffen sind und sich von Menschen ändern ließen, aber als natürlich und notwendig erscheinen, ist für eine Moralphilosophie die Reflexion des gesellschaftlichen Bannes erforderlich; Moral ohne Systemkritik, ohne Rekurs auf den „gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang“ (DA 48), ist unmoralisch, da sie ihn nicht hinterfragt. Die Form, in der gesellschaftlichen Verhältnisse den Menschen als Naturschicksal entgegentreten, drückt ihre gesellschaftliche Verflochtenheit aus; „[…] in zweiter Natur, in der universalen Abhängigkeit, in der wir stehen, gibt es keine Freiheit; und es gibt darum in der verwalteten Welt auch keine Ethik; und deshalb ist die Voraussetzung der Ethik die Kritik an der verwalteten Welt.“ (PM 261)“.
Ein für allemal wollen wir klarstellen: Wir verorten uns innerhalb der herrschaftskritischen Linken und verstehen uns ausdrücklich als Teil einer emanzipatorischen Bewegung (und wollen als solche respektiert werden und nicht lächerlich gemacht werden mit Unterstellungen, dass unsere politische Arbeit letztlich auf bloßem „Mitleid“ beruhe und wir deshalb doch lieber klassische Tierschutz-Arbeit machen sollten, oder gar mit Jaina-Mönchen verglichen werden) – nur hört für uns die Befreiung nicht beim Menschen auf. Wir sind der Überzeugung, dass, würde unsere Solidarität sich auf andere Menschen beschränken, wir nur Teilaspekte des Ausbeutungsapparats im Auge hätten, den wir aber als Ganzes bekämpfen wollen. Mit dieser Ansicht stehen wir nicht alleine. Im Gegenteil kann sich die Tierbefreiungsbewegung auf maßgebende Traditionslinien linker, herrschaftskritischer Theorie berufen, wie etwa auf die Kritische Theorie. Der Autor fordert uns dazu auf, „verdammt nochmal bitte“ damit aufzuhören, „das“ Adorno-Zitat – ohne zu sagen, welches eigentlich – „entkontextualisiert für eure Bedürfnisse zu instrumentalisieren!“ Adorno habe „nicht die Behandlung von Tieren als solche“ kritisiert. – Eine solche Aussage zeigt deutlich, dass der Autor sich niemals eingehender mit der Kritischen Theorie beschäftigt hat – geschweige denn mit der darauf aufbauenden Theorie der Tierbefreungsbewegung. Er erwähnt zwar das Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, kann es aber nicht gelesen haben, sonst könnte er nicht zu einer solchen Aussage über Adorno gelangen. Für die Theoretiker der Frankfurter Schule war es selbstverständlich – und das ist eine absolut zentrale Aussage ihrer Theorie und war ihnen ein wichtiges Anliegen –, auch die Situation der Tiere in der Warengesellschaft in ihre Kritik der kapitalistischen Gesellschaft mit einzubeziehen. So war es bereits selbstverständlich für sie, dass eine befreite Gesellschaft die Befreiung der Tiere mit einschließen würde. Herbert Marcuse beispielsweise antwortete in einem Interview auf die Frage, was er gedenke, nach der Befreiung der Menschen zu tun: „Die Tiere befreien natürlich.“ In unserer Selbstdarstellung zitieren wir den Text von Horkheimer von 1934, in dem er als „Querschnitt durch den Gesellschaftsbau der Gegenwart“ die Metapher eines „Wolkenkratzers“ verwendet, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei. Es ist ein wichtiger Verdienst der Kritischen Theorie, dass sie die nichtmenschlichen Tiere als ausgebeutete Subjekte in die Betrachtung der kapitalistischen Gesellschaft mit einbezieht. Horkheimer schreibt, in den „Verliesen des Gesellschaftsbaus“ richte die Gesellschaft das „Leiden der Kreatur“ an zum Zwecke der „fieberhaften Herstellung von zweifelhaften Luxusgütern“ mit Hilfe von „unzweifelhaften Zerstörungsmitteln“. Als „unbeschreiblich töricht und grausam“ gegenüber Tieren erwiesen sich die Menschen in Zoos und Zirkussen; über die „Dummheit der Zuschauer“ wird geklagt: Der Mensch gehöre zur „einzigen Rasse, die Exemplare anderer Rassen gefangen halten oder sonst auf eine Art quälen, bloß um sich selbst dabei groß vorzukommen“ (es ist übrigens auch noch gar nicht so lange her, dass die selbsternannte weiße „Herrenrasse“ in sog. „Menschenschauen“ dunkelhäutige, „niederrassige“ Menschen zur Schau gestellt hat).
In der „Dialektik der Aufklärung“ kritisieren Horkheimer und Adorno den Antrieb abendländischer Zivilisation und Wissenschaft, die das als „Natur“ Definierte zu nichts mehr als zu bloßem Material macht, welches zu beherrschen ist, grundsätzlich: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“ Dabei gehen sie auch speziell auf die „Versklavung der Kreatur“ ein und kritisieren auch das Vorgehen der funktionalen Wissenschaft, die disqualifizierte Natur zum Stoff bloßer Einteilung und Verfügbarkeit für den Menschen zu machen – so gehe etwa das Kaninchen „verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums“. In einem eigenen Abschnitt über „Mensch und Tier“ kritisieren Horkheimer und Adorno die Formeln und Resultate, die Menschen „in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen“ und den „blutigen Schluß“, „den sie aus den verstümmelten Tierleibern ziehen“. Von „Arena und Schlachthaus“ ist die Rede, von der „lückenlosen Ausbeutung der Tierwelt heute“. „Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material“, so prangern sie an. Die Ursache davon: „Jedes Tier erinnert an ein abgründiges Unglück, das in der Urzeit sich ereignet hat“ – nämlich die Unterdrückung der inneren Natur, des inneren Tieres im Menschen, die „Geist“ überhaupt erst ermöglichte. So „bannt Mangel an Vernunft das Tier auf ewig in seine Gestalt, es sei denn, daß der Mensch den erlösenden Spruch findet und durch ihn das steinerne Herz der Unendlichkeit am Ende der Zeiten erweicht.“
Den schmerzhaften Prozess der Beherrschung, der notwendig für den Menschen war, um Geist und Kultur hervorzubringen, hat er nie ganz überwunden, und er ist kein ein für allemal abgeschlossener, sondern der Mensch scheint sich der Herrschaft über die innere und äußere Natur immer wieder versichern zu müssen. Darin liegt nach Horkheimer und Adorno der eigentliche Antrieb des Faschismus: „Das prononcierte Menschengesicht, das beschämend an die eigne Herkunft aus der Natur und die Verfallenheit an sie erinnert, fordert unwiderstehlich nur noch zum qualifizierten Totschlag auf. Die Judenkarikatur hat es seit je gewußt, und noch der Widerwille Goethes gegen die Affen wies auf die Grenzen seiner Humanität. […] So blind steht der Koloß des faschistischen Schlächters vor der Natur, daß er ans Tier nur denkt, um Menschen durch es zu erniedrigen. Für ihn gilt wirklich, was Nietzsche Schopenhauer und Voltaire zu Unrecht vorwarf, daß sie ihren „Haß gegen gewisse Dinge und Menschen als Barmherzigkeit gegen Tiere zu verkleiden wußten“. Voraussetzung der Tier-, Natur- und Kinderfrömmigkeit des Faschisten ist der Wille zur Verfolgung. Das lässige Streicheln über Kinderhaar und Tierfell heißt: die Hand hier kann vernichten. Sie tätschelt zärtlich das eine Opfer, bevor sie das andere niederschlägt […] In dieser vom Schein befreiten Welt, in der die Menschen nach Verlust der Reflexion wieder zu den klügsten Tieren wurden, die den Rest des Universums unterjochen, wenn sie sich nicht gerade selbst zerreißen, gilt aufs Tier zu achten nicht mehr bloß als sentimental, sondern als Verrat am Fortschritt. In guter reaktionärer Tradition hat Göring den Tierschutz mit dem Rassenhaß verbunden, die lutherisch-deutsche Lust am fröhlichen Morden mit der gentilen Fairness des Herrenjägers.“
Seit ihrem Aufstieg zeige „die species Mensch den anderen sich […] als die entwicklungsgeschichtlich höchste und daher furchtbarste Vernichtung“. Angesichts dieser Entwicklung ist die Zukunftsperspektive der Autoren der „Dialektik der Aufklärung“ negativ. Über den Menschen schreiben sie: „Seine Vernichtungsfähigkeit verspricht so groß zu werden, daß – wenn diese Art sich einmal erschöpft hat – tabula rasa gemacht ist. Entweder zerfleischt sie sich selbst, oder sie reißt die gesamte Fauna und Flora der Erde mit hinab“.
Dennoch gibt es Hoffnung. In der Kritischen Theorie scheint auch immer wieder ein mögliches Moment der „Versöhnung“ auf. Zu einer Versöhnung des Menschen mit der äußeren Natur müsste er sich erst einmal mit seiner inneren Natur versöhnen, deren Unterdrückung er als Unterdrückung der äußeren Natur, der Tiere und alles als „Tierähnlich“ gebrandmarkten, ins Äußere projiziert. Carsten Haker schreibt zu diesem Mechanismus der „pathischen Projektion“, aus der „Dialektik der Aufklärung“ zitierend: „Erst die Unterdrückung des Triebs trennt den Menschen vom Tier. Die „Bändigung des Triebs durch die Vernunft“ (DA 55) führt dazu, daß der Mensch „das Bewußtsein seiner selbst als Natur sich abschneidet“ (DA 61). Triebe werden tabuisiert und mit dem Tier gleichgesetzt, über das der Mensch sich zu erheben sich anstrengt. „Der Affekt wird dem Tier gleichgesetzt, das der Mensch unterjocht.“ (DA 54) Dies führt zur Projektion verdrängter Triebimpulse auf Tiere und andere Menschen, die als Tiere oder tierähnlich verunglimpft werden und in deren Bestrafung und Verfolgung sich der Verdrängende seinem Unmut und seiner Aggression über die Verdrängung freien Lauf lassen und gleichzeitig als Vollstrecker der Zivilisation fühlen kann. Diesen Mechanismus nennen Adorno und Horkheimer „pathische Projektion“. Allgemeiner ausgedrückt meint dieser Begriff die Projektion eigener, gesellschaftlich tabuierter und daher verdrängter Triebimpulse und Gefühlsregungen vorzugsweise auf nicht dem eigenen (Volks-)Kollektiv angehörende und gesellschaftlich abgewertete, weil der Natur angeblich näherstehende, Individuen bzw. (konstruierte) Gruppen, um sie dort zu verfolgen und in der Verfolgung die verdrängten Impulse bzw. die unbewußte Wut über deren Verdrängung auszuleben und sich dadurch als rechtschaffener Durchsetzer des Tabus zu fühlen. „Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch die Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionslüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch die Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr.“ (DA 201). Die pathische Projektion ist ein wesentlicher Bestandteil der Theorie einer Dialektik der Zivilisation, die in sich barbarisiert ist. Das zivilisatorische Projekt ist die Loslösung und Beherrschung von Natur im Menschen und außerhalb seiner. Die Hingabe an Natur, an Triebimpulse, der Rückfall in das, was als Tierzustand verstanden wird, wird tabuisiert und gehaßt, weil er die notwendige zivilisatorische Disziplin gefährdet. „Die verhaßte übermächtige Lockung, in die Natur zurückzufallen, ganz auszurotten, das ist die Grausamkeit, die der mißlungenen Zivilisation entspringt, Barbarei, die andere Seite der Kultur.“ (DA 119). Wenn das Individuum nicht in der Lage ist, die eigenen Triebe zu unterdrücken, steigt seine Anspannung und wächst seine Wut auf diejenigen, die für ihn das freie Ausleben des Triebes symbolisieren. Es nennt diejenigen Schweine, „deren Trieb auf andere Lust sich besinnt als die von der Gesellschaft für ihre Zwecke sanktionierte.“ (DA 78).“
In „Minima Moralia“ beschreibt Adorno den Tiervergleich als „Schlüssel zum Pogrom“, und sagt weiter: „Über dessen Möglichkeit wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tieres den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er dieses Bild von sich schiebt – „es ist ja bloß ein Tier“ –, wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die Täter das „Nur ein Tier“ immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten.“
Ist die Unterdrückung einer bestimmten Gruppe von Subjekten allgemein akzeptiert, so ist es ein leichtes, durch die Ausweitung jener Attribute, welche dieser Gruppe zugeschrieben werden, auf andere Subjekte, auch deren Unterdrückung zu legitimieren. Die gemeinhin akzeptierteste Form der Herrschaft aber ist die des Menschen über die Natur und die anderen Tiere. Die „Dialektik der Aufklärung“ zeigt: Die kulturelle Mentalität, die den Kolonialismus und den Mord an den indigenen Bevölkerungen hervorgebracht hat, brachte auch den Faschismus und den Holocaust hervor, doch ihre Wurzel und Letzbegründung haben diese Formen der Unterdrückung in dem Zwang zur Herrschaft über die Natur durch den Menschen. Die Ursprünge hierarchischen Denkens in den menschlichen Gesellschaften sind letztlich auf das Verhältnis der menschlichen Kultur zur Natur und auf die Unterdrückung von Tieren zurückzuführen. Letzere hat die Unterdrückung von Menschen, die man als tierähnlich brandmarkte, geduldet und begünstigt. Im Umkehrschluss muss dies heißen, dass die Befreiung der Tiere diesem Mechanismus einen Riegel vorschieben würde; die Überwindung des Speziesismus, der ideologischen Kluft, die nichtmenschliche Tiere gegenüber dem Menschen als inferior darstellt und damit ihre Ausbeutung legitimiert, würde zum Abbau von hierarchischem Denken insgesamt beitragen. Die Befreiung der Tiere ist daher auch eine Befreiung der Menschen, die Befreiung der Menschen kann sich nicht ohne Befreiung der Tiere vollziehen – tatsächlich sind beide identisch!
ANTISPEZIESISTISCHE AKTION TÜBINGEN
http://asatue.blogsport.de/

Bild-Impressionen aus Nordirland

In der britischen Konfliktprovinz Nordirland gibt es seit Jahrzehnten die Tradition, dass beide Seiten die grauen Wände der Arbeitersiedlungen mit politischen Bildern mit viel Pathos verzieren.
Diese „Murals“ dienen natürlich der Propaganda, aber es geht aber auch darum, der „gegnerischen“ Bevölkerungsgruppe eine Grenze zu markiieren. So weiß jeder über die Murals und die jeweilige Beflaggung (Ulster-Fahne & Union Jack = Protestanten, Flagge der Irischen Republik = Katholiken) wer in diesem Viertel, Dorf, Straße dominiert.
Trotzdem die protestantisch-unionistisch-loyalistische Seite stark ins Rechtsextreme geht und auch entsprechende Kontakte auf europäischer Ebene hat und die katholisch-republikanische Seite besonders in ihren Anfängen emanzipative Ansätze aufweist, sind beide politische Bewegungen nationalistisch.
Radikalisierte beider Seiten haben in Vergangeheit auch schon viele Zivilisten getötet.
In der Bundesrepublik bestehen in alten antiimperialistischen Kreisen anscheinend noch Pro-IRA-Solidaritäts-Restbestände, die früher erheblich größer war.

Im Folgenden eine kleine Bilderschau aus Nordirlands Hauptstadt Belfast.
(Danke an P. in Irland für die Bilder!)
Ulster Loyalists
OBEN: Loyalistisches Mural

Protestantisches
OBEN: Denkmal für Stevie McKeag, angeblich ein 14facher Mörder, aber auf jeden Fall Mitglied der Mördertruppe „Ulster Freedom Fighters“

Mein internationaler Befreiungsk(r)ampf
OBEN: Mit der IRA solidarisierten sich viele nationalistische Befreiungsbewegungen und andersrum. Diese Solidarität ging oft auch ins Praktische. So wurde die IRA von der PLO trainiert (wie die RAF oder die rechtsextreme Wehrsportgruppe Hoffmann auch) und von Lybien ausgerüstet.

Antisemitismus in Belfast
OBEN: Israel Flagge am Wettbüro – Antisemitismus gibts auch in Belfast.
Das Graffiti könnte von Anhängern der Republikaner stammen.
Obwohl die Loyalisten eher rechtsextrem sind identifizieren sie sich insgesamt mehr mit Israel. Während sich die Republikaner natürlich in angedank der alten „Waffenbrüderschaft“ mit der PLO solidarisieren und glauben Analogien zwischen ihrem Fall und dem der Palästinenser entdecken zu können.

Hier ein paar weitere Bilder aus Nordirland, die mich erreichten.

kath. Murral in Belfast
OBEN: Abgebildet ist Bobby Sands, der als inhaftiertes IRA-Mitglied an einem Hungerstreik teilnahm, der für ihn am 5. Mai 1981 tödlich ausging. Sands wurde trotz seiner Inhaftierung bei einer Nachwahl in das britische Parlament gewählt. Darauf deutet das MP (Member of Parliament) hinter seinem Namen hin. Allgemein ist Sands bei den nordirischen Nationalisten und ihren Sympathisanten weltweit DER Märtyrer schlechthin.

Mural Bogside Derry
OBEN: Katholisches Wandgemälde aus der Bogside Derry (dass nur bei den Protestanten Londonderry heißt). Die Bogside ist ein Wohnbezirk der nordirischen (katholischen) Nationalisten außerhalb der Stadtmauern von Derry.

antibritischer Demonstrant
OBEN: vermummter antibritischer Demonstrant in Derry

katholisches Murral in Derry
OBEN: Katholisches Murral in Dery

Wall of Solidarity in Belfast
OBEN: auf dem katholischen Murral namens „Wall of Solidarity“ in Belfast wird die Verbindung zu anderen Befreiungsnationalismen (inklusive Palästina) gezogen

Palästina-Solidarität in Belfast
OBEN: katholisches Murral, was die arabische Flagge mit der irischen zu verbinden sucht
Im praktischen Bereich sind die PLO und die IRA alte Waffenbrüder. Wobei nach den Attentaten vom 11. September nordamerikanische Geldgeber der IRA einen Abbruch der Beziehungen erzwangen.

Protestantisches Murral in Derry
OBEN protestantisches Murral in Derry
Britannien wird als Rächer-Tod dargestellt. Könnte eigentlich auch katholischen Ursprungs sein …

protestantisches Murral in Belfast
OBEN: protestantisches Murral in Belfast
Union-Jacks sind immer sichere Anzeichen, dass die Verfasser des Murrals sich als Unionisten begreifen und damit vermutlich auch protestantisch und probritisch sind.
Die Rote Hand, der offiziellen Flagge der Provinz Nordirland entlehnt wird ebenso nur von Protestanten verwendet. Eine neue unionistische Terrorgruppe nennt sich sogar „Red Hand Defenders“.

by R. Schwarzenberg
[23.01. & 03.02.2007]

PS: Vielen Dank auf die grüne Insel für das interessante Bildmaterial.

Mehr Murals findet man unter: http://cain.ulst.ac.uk/murals/

UPDATE (31.01.07):
Die antisemitische/antizionistische Schmiererei fand in einem mehrheitlich protestantischen Viertel statt, könnte also auch von protestantischen Nationalisten herrühren.