Archiv der Kategorie 'Lokal - Tübingen'

Viele Zitate, aber nur wenig Überzeugendes

„Die Grenzen der Aufklärung
Ob Sonnenschein, ob Sternengefunkel:
Im Tunnel bleibt es immer dunkel.“

(Erich Kästner)

Ich möchte neben der offiziellen Entgegnung der Antispe Tübingen in mein Contra auch den Kommentar eines Tübinger Antispe-Aktivisten („Matthias R.“) vom 10.04.2010 mit einbeziehen.

Im Folgenden werde ich versuchen die Grundthesen hinter den langen Zitaten von Menschen (mit akademischen Titeln) zu erfassen und dann auf diese einzugehen. Ich versuche weniger auf Einzelbelege und Beispiele einzugehen, sondern auf die Kern-Thesen bzw. –Erwiderungen. Neben dieser Grundkritik werde ich trotzdem auch Detailkritik üben und versuchen aufzuzeigen wie die Antispes meiner Ansicht nach zu ihrer Logik gelangen. Im Übrigen gibt es keine absoluten Autoritäten für mich. Selbst wenn beispielsweise Adorno oder Horkheimer tatsächlich richtig zitiert und in dem gedeuteten Sinn interpretierbar sind, so ist das noch kein Beweis für die Richtigkeit ihrer Aussage („Ja, aber der Adorno hat gesagt …“). Natürlich muss Fachwissen von einem Professor XYZ respektiert und gewürdigt werden. Dass heißt ich gehe davon aus, dass er seine zitierte Annahme auf wissenschaftlich überprüfbare Annahmen basiert. Einen größeren Teil des Textes hätte mensch sich durchaus sparen können. Die Ausführungen zu Darwin tragen beispielsweise wenig zu der grundsätzlichen Diskussion bei. Einige lange Zitate hätten die Antispes durchaus auf ein, zwei Sätze in eigenen Worten verkürzen können. Durch das Zitieren von Gewährsleuten wird die Argumentation eigentlich nicht glaubhafter. Eine Aussage wird erst einmal nicht überzeugender, wenn sie aus dem Mund einer Koryphäe kommt. Ich könnte sicher auch mehrere Experten-Joker aus dem Hut zaubern und gründlich aus deren Zitatesteinbrüchen zitieren, werde aber darauf verzichten. Nur an einer Stelle, wo mir das Sachwissen fehlte werde ich die Antwort einer konkret befragten Expertin anführen.

Wenn noch einmal Kritikpunkte an der Antispe-Kritik auftauchen, auf die ich meiner Meinung nach im ersten Text schon einmal eingegangen bin, dann zitiere ich mich bei passender Gelegenheit auch gern selbst.

Kurze Vorbemerkung
Die Antispes haben das Problem, dass sie ihr Subjekt gegenüber anderen Subjekten aufwerten müssen, um irgendwie ernst genommen zu werden und Erfolge zu erzielen. Deswegen versuchen sie Tiere aufzuwerten. Sie rücken beispielsweise die Tierchen durch Begrifflichkeiten wie „nichtmenschliche Tiere“ in Menschennähe. Die Antispe-Kritiker hingegen versuchen dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen. Dass erscheint aus abstrakter Perspektive etwas albern, denn grundsätzlich ist Fleischgenuss Geschmackssache. Der Verzehr von Menschen-Fleisch ist nur deswegen nicht praktikabel, weil es dass zwischenmenschliche Sozialgefüge empfindlich stören würde, wenn sich die Leute beginnen würden gegenseitig aufzufuttern.
Der Rest ist Moral und damit auch irgendwo beliebig.
… das war jetzt mal die Meinung eines Freundes.
Grundsätzlich hat er nicht Unrecht. Ich halte aber moralische Grundsätze durchaus für sinnvoll und immens wichtig. Es sollte nur reflektiert werden, dass die Motivation der Antispes wie der Anti-Antispes rein moralisch begründet ist, ihr somit eigentlich ein rationaler Kern fehlt. Es gibt durchaus ein paar, mehr oder weniger stichhaltige, rationale Argumente für eine vegetarische Ernährung in unseren Breitengraden. Aber diese Argumente haben mit der Antispe-Ideologie wenig zu tun. Ihre Kern-Argumentation ist moralischer Art, versucht das aber zu kaschieren.

I, Das Grundideologem: Der Mensch-Tier-Dualismus ist unhaltbar
Speziezismus in Aktion
Klar sind besonders „kluge“ Affen „dummen“ Menschen (z.B. Kleinkinder) in bestimmten Dingen überlegen bzw. stehen auf demselben Level. Nach derselben Logik solcher abstrusen Vergleichskategorien sind gehirntote Koma-Patienten wohl fast jedem Tier unterlegen. Ja, vielleicht sind sogar Moosflechten „klüger“ als gehirntote Koma-Patienten. Damit ließe sich dann ja auch noch der Tier-Pflanzen-Dualismus aufheben …
Vergleiche werden aber im Allgemeinen mit Durchschnittswerten angestellt. Hier stellt sich heraus, dass selbst das klügste Tier bei weitem nicht an den menschlichen Durchschnitt heranreicht.
Mit solchen lustig konstruierten Vergleichen wie sie die Antispes nach der Art Affe versus Kleinkind bemühen, ließe sich übrigens auch beweisen, dass die Bewohner eines Landes „dümmer“ sind, als die eines anderen. Mensch nimmt dazu einfach die 10 „klügsten“ Menschen des einen Landes und stellt sie den 10 „dümmsten“ Menschen gegenüber. Voila! Also sind die Bewohner des einen Landes „dümmer“ als die anderen. In Wahrheit aber müssen Durchschnitte verglichen werden und 10 Personen sind zudem noch keine empirische Basis. Dass heißt konkret 1.000 erwachsene Affen müssen mit 1.000 erwachsenen Menschen verglichen werden. Hier würde sich, wie für jede andere Tierart auch, herausstellen, dass selbst die biologisch nächsten Verwandten der Menschen einen großen Abstand zum Menschen aufweisen. Wobei es schon schwierig sein dürfte, diese Tests überhaupt zu entwerfen, da Menschen eine wesentlich komplexere Sprach- und Gedankenwelt haben als Affen.
Dass heißt nicht, dass das unnötige Grausamkeiten gegenüber Tieren legitimiert, aber es zeigt, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Tier existiert und nicht nur ein „gradueller“ oder von mir aus, dass dieser Grad relativ entscheidend ist. Einmal ganz davon abgesehen, dass der Mensch es geschafft hat sich von einem instinktgeleiteten Verhalten zu verabschieden.

Vermutlich wird es nun von Antispe-Seite gleich heißen, dass natürlich Menschen und Tiere nicht dasselbe seien und mensch das nie behaupten hätte wollen. Die Antispes wollen aber ja den Mensch-Tier-Dualismus aufheben, der von ihnen als überholt und unhaltbar angesehen wird. Der konstitutiert sich nun aber seit 200 Jahren gar nicht mehr über eine (religiös motivierte) Ablehnung der abstammungs-verwandtschaftlichen Nähe zwischen Tier und Mensch. Niemand bezweifelt doch heute noch ernsthaft die Abstammung und Verwandtschaft und damit auch Nähe des Menschen mit dem Affen. In der Diskussion mit Kreationisten mag das noch auf Widerspruch stoßen, bei allen Anderen aber kaum. Offenbar basiert der Mensch-Tier-Dualismus eher auf geistigen Unterschieden, die sich nun mal im Durchschnitt ergeben.

Aber gehen wir mal den Weg der Antispes ein Stückchen mit: Nehmen wir die wenigen, stärker intelligenzbegabten – aber trotzdem noch instinktgeleiteten – Tiere vom Verzehr und Haltung aus, so ist damit kaum etwas erreicht. Es gibt also einige, wenige Tierarten, die auf dem Höhepunkt ihrer geistigen Entwicklung das Niveau eines einjährigen Menschen erreichen, ohne über das Potenzial zu verfügen (mal abgesehen von einer evolutionären Entwicklung über Jahrhunderttausende hinweg) diese Grenze zu überspringen.
Gut, dann nehmen wir diese klügeren Viecher eben vom Verzehr aus. Die grundsätzliche Ablehnung von Fleischgenuss oder Tierausbeutung kann damit schlecht begründet werden, denn es bleiben noch genügend Tierarten zum Verzehr übrig (Fische [abzüglich des Moskitofisches], Krebse, Muscheln, Vögel, Insekten…). Selbst wenn mensch die Leidensfähigkeit heranzieht, dann blieben noch allerhand Tiere zum Verspeisen übrig.

II, Detailkritik
A, PeTA und die „moral community“
Ich würde behaupten, dass PeTA genau das macht, was die Antispes fordern: Der Einbezug der Tiere in die „moral community“.
Mensch geht sicher fehl PeTA zu unterstellen, dass Schicksal der europäischen Juden sei der Organisation vollkommen egal. Nein, der Massenmord an den europäischen Juden ist – nach den Prinzipien der Organisation verstanden – als Massenmord an Lebewesen auch irgendwie schrecklich. Natürlich steckt in der Instrumentalisierung der Shoa für eigene (Werbe-)Zwecke auch eine Banalisierung der Shoa. Die Banalisierung erfolgt aber vor allem durch die Analogisierung von Tier- und Menschenleid. In dieser Analogisierung steckt ja genau die erweiterte „moral community“: Beides ist (gleich) schlimm, der Tier-, aber eben auch der Menschenmord. Damit konstituiert sich auf den PeTA-Plakaten die „Moral community“. Wenn auch die Intention ist Tierleid herauszustellen, wird das Menschenleid ja nicht geleugnet oder ignoriert.

B, De-Humanisierung durch Mensch-Tier-Metaphern ausweichen durch Aufwertung von Tieren
Dass bei Formen von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit eine De-Humanisierung durch Tier-, Pflanzen- und Krankheits-Analogien stattfindet ist unbestritten.
Tatsächlich wäre ein Rückgriff auf diese Metaphern schwieriger würde die Antispe-Ideologie eine gesellschaftliche Mehrheit für sich gewinnen. Es blieben dann aber noch genügend Gärtner- und Medizin-Metaphern („Unkraut“, „Krebs“) übrig.
Meiner Ansicht nach ist es viel sinnvoller die Übertragung von Vokabular aus anderen Bereichen auf Menschen zu ächten, indem mensch gerade die Grenzen betont. Tiere sind Tiere, Pflanzen sind Pflanzen und Menschen sind Menschen.

Häufig wird auch angeführt, dass die Aufwertung von Tieren nicht zur Abwertung von Menschen führe. Da aber durchaus (reale) Unterschiede gemacht werden bzw. von den Antispes eingestanden werden („graduelle Unterschiede“), besteht immer die Gefahr der Rückübertragung.

C, Mit Gemüseanbau in eine bessere Zukunft?

„Fiddes macht noch auf andere Wechselbeziehungen aufmerksam, stellt etwa Gesellschaften wie diejenige Polynesiens, die vom Gemüseanbau lebte und deren politisches System im allgemeinen nicht hierarchisch war, Gesellschaften gegenüber, deren Umgang mit Herden eine autoritärere Politik hervorgebracht haben könnte. […] Die Ursprünge hierarchischen Denkens sind letztlich auf das Verhältnis der menschlichen Kultur zur Natur und auf die Unterdrückung von Tieren zurückzuführen. Letzere hat die Unterdrückung von Menschen, die man als tierähnlich brandmarkte, geduldet und begünst

igt.“

Größere vegan oder grundsätzlich vegetarische lebende Kulturen gab es meines Wissens nicht. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, glaube aber dass in Polynesien neben Gemüseanbau generell auch Fischfang betrieben wurde. Als Unkundiger habe ich mich aber mal bei einer Expertin kundig gemacht.

„Sehr geehrter Herr xxxx,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Mir ist aus Polynesien keine Gesellschaft bekannt, die nicht wenigstens Fisch, Muscheln und andere Meeresfrüchte genutzt hätte – allerdings auch keine, die ohne Hierarchie ausgekommen wäre. Rein vegetarische Kost gibt es meines Wissens erst seit dem Auftauchen bestimmter protestantischer Sekten auf einigen melanesischen Inseln, wo – so sagt man zumindest – inzwischen sogar die Schildkröten überhand nehmen.

Allerdings – ich bin keine Ernährungsfachfrau….

Beste Grüße
Ingrid Heermann

Dr. Ingrid Heermann
Abteilung Ozeanien
Linden-Museum Stuttgart“

Mithin taugt das Beispiel nichts. Selbst wenn es so wäre: Ein Gemüseanbau-Gebiet mit friedlichen BewohnerInnen bietet empirisch noch längst keine Basis. Überhaupt hört sich diese These etwas platt an, so etwas nach dem alten „Frauen sind die besseren Menschen“-Ding.
Jedenfalls gelten diese Aussagen sicher nicht für den gesamten polynesischen Kulturraum. Zu dem gehören nämlich auch die Maoris (haben auf Neuseeland das Großwild ausgerottet; Stichwort: „muscet wars“) oder die Bewohner der Osterinsel, die das düster-prophetische Bild einer Dystopie für die ganze Welt ablieferten.
Eine Gemüseanbau-Hierarchiefreiheit-Korrelation erscheint mir als Schein-Korrelation nach der Art: 98% aller Heroinabhängigen haben vor dem Heroin Schokolade angefangen, also ist Schokolade eine klare Einstiegsdroge. Ich würde vermuten, dass die relative Hierarchiefreiheit eher mit der Isolation und dem kleinen Umfang der der Gemeinschaft zu tun haben, wenn denn das Beispiel überhaupt stimmen würde.

Die ganze Argumentation erinnert ebenfalls mich etwas an die „Hitler-war-Vegetarier“-„Argumentation“. Mal abgesehen davon dass Hitler lediglich zeitweise auf fleischliche Ernährung verzichtete, vermutlich weil er Angst vor peinlichen Flatulenzen hatte. Auch eine politische Motivation Hitlers im Sinne eines „arischen Reinheits-Vegetarismus“ diskreditiert schlecht anders motivierten Vegetarismus. Genausowenig kann aber die Verbindung Fleischessen-Hierarchie gezogen werden.

Hier geht es mir nicht so sehr darum, dass das Polynesien-Beispiel falsch zu sein scheint. Es geht mir mehr darum zu zeigen, wie die Antispes versuchen rationale Argumente heranzuführen, um sich vom emotional motivierten oldstyle-Tierschutz abzusetzen, dabei greifen sie aber zu sehr bemühten „Argumenten“.

D, TAN versus Holocaust-Banalisierung
Zu der Distanzierung der TAN von Holocaust-Banalisierungen ist zu bemerken sagen, dass sie scheinbar nur deklamatorischen Charakter zu besitzen schein. Die TAN-Aktivistin Witt-Stahl bringt selbst immer wieder mehr als fragwürdige Kommentare. Hier zwei Beispiele:

„Spätestens seit Ende der 1980er Jahre wurde der Holocaust zur westlichen Weltreligion entwickelt – zu einem Identifikationsmodell, mit dem vor allem Linke im Täterland mit dem das Ausschalten des großen Gegenentwurfs zum Kapitalismus entstandenen horror vacui kompensieren.“

(Susann Witt-Stahl, in: Susann Witt-Stahl (Hg.): Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen, Aschaffenburg 2007, Seite 283)
Der Vorwurf der Holocaust sei eine Art von „Zivilreligion“, was impliziert mensch könne dran glauben oder nicht, ist übrigens in letzter Zeit auch in der „Neuen Rechten“ aufgetaucht. Vermutlich hat die Autorin das aber nicht gemeint. Nichts deutet darauf hin, dass sie den Holocaust als historisches Ereignis leugnet. Trotzdem ist ihr Vokabular gefährlich.

„Sie moralisieren sich mit der Auschwitz- den Weg zur Gänse-Keule frei.“

(Susann Witt-Stahl, in: Susann Witt-Stahl (Hg.): Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen, Aschaffenburg 2007, Seite 297)
Wie Walser behauptet Witt-Stahl hier, dass Auschwitz als Instrument missbraucht würde. In ihrem Falle zum Pro-Fleisch-Essen, im Falle Walsers zur Unterdrückung des deutschen Nationalgefühls. Mag ja sein, dass Auschwitz auch tatsächlich instrumentalisiert wird. Zum Beispiel von Joschka Fischer zur Rechtfertigung des Jugoslawienkrieges (wobei ich vermute er hat zu dem Zeitpunkt ernsthaft geglaubt was er gesagt hat).

Worauf ich aber immer wieder stoße ist, dass Antispes den Unterschied zwischen Judenmord und Tiertötung lediglich in der Motivation der Täter festmachen, aber keine grundsätzliche Differenz zwischen Menschenmord und Tier“mord“ erkennen.
Damit würde ein Tier“mord“ aus nicht-rationalen Gründen dem, aus dem antisemitischen Wahn heraus motivierten, Massenmord an den europäischen Juden, in den Augen generell der Antispes sehr ähnlich sein.

E, Vorwurf der Gleichsetzung
Nirgendwo in dem Text findet sich das Wort „Gleichsetzung“, ich verwende immer nur „Angleichung“ und wo das meiner Ansicht nach stattfindet begründe ich auch. So schreibe ich von „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ „auf der symbolischen und vor allem auf der sprachlichen Ebene“ und davon dass „Formen der Unterdrückung menschlicher Gruppen“ „mit dem Speziesismus in eine Reihe gestellt“. Daraus schlussfolgere ich: „Zumindest legt das die Analogie-Setzung nahe.“
Die verbale Analogisierung zieht sich ja auch in dem Contra der Antispe. Vielleicht sollte mensch aber auch statt von Analogisierung von einer faktisch vergleichenden Gleichsetzung sprechen. Denn dadurch, dass ich Speziezismus immer wieder in einer Reihe mit Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit anführe findet meiner Meinung eine solche statt. Eine nachgeschobene Rücktrittsklausel a la „Wir meinen aber nicht …“ hilft da kaum.

F, Adorno-/Horkheimer-Bezug

Auf den ganzen Kritische-Theorie-Bezug der Antispes bin ich ja überhaupt nicht eingegangen. Dazu habe ich von der Materie zu wenig Ahnung. Wenn ich auch meine Zweifel an der Interpretation der Antispes habe. Ich werde mich aber mal gelegentlich bei Kennern kundig machen.
Was mich ankotzt ist, dass konkret folgender Satz von Adorno in Antispe-Kreisen immer entkontextualisiert wieder verwendet wird:

„Auschwitz fängt da an, wo einer steht und denkt, es sind ja nur Tiere.“

Als Historiker habe ich immerhin noch soviel Ahnung, dass der deutsche Jude Adorno nach dem Bekanntwerden der Shoa deren Funktion anspricht. Es geht nicht um Tiere, die diskriminiert werden, sondern um Menschen, die als Tiere diskriminiert werden.

Auch stellt sich mir die Frage: War Horkheimer Vegetarier und falls nicht, warum? Warum hat er aus den Analysen und Erkenntnissen, die ihr ihm zuschreibt, keine praktischen Konsequenzen gezogen?

G, Vorwurf: Fleischgemackere
Da ich vegetarisch lebe, trifft mich der Vorwurf des „Fleisch-Gemackere“ von „Matthias R.“ nicht. Aber nicht jeder Scherz, jede Polemik oder auch spitzfindig vorgetragene Kritik kann immer als „Rumgemackere“ zusammengefasst werden. Mir ist auch nicht ganz klar was Lästern speziell mit typisch männlichen Verhalten zu tun haben soll.

H, Das Antifa-Symbol von den Antispes geentert

Dass Symbol der Antifa-Aktion stammt also aus der Weimarer Republik und symbolisiert den Kampf gegen den Faschismus. Die Wiederaufnahme des Symbols im Kampf gegen Neofaschismus liegt da inhaltlich nicht so fern und wurde wohl von überlebenden WiderstandskämpferInnen in den 1980ern durchaus begrüßt. Selbst die Adaption des Symbols im Kampf gegen Homophobie liegt relativ nahe, da Homophobie häufig ein Bestandteil faschistischer und rechter menschenfeindlicher Ideologie ist.
Die Antispe kann aber nicht inhaltlich anknüpfen, sie mogelt sich einfach dazu. Aus ihrer Perspektive ist das verständlich, denn die Antispes verlangen für ihr Subjekt (also die Tiere) die gleiche Berechtigung wie für andere Subjekte und sie behaupten von sich eine emanzipatorische Bewegung zu sein. Aus einer Behauptung wird aber noch keine Akzeptanz. Die Antispes sind wohl die einzigen, die sich selbst als emanzipatorisch sehen. Während die Antifa-Aktion der 1980er und die Antihomophobe Aktion wohl auch bei Nicht-Mitgliedern auf Zustimmung und Akzeptanz stießen.
Ich würde sagen, dass in hier vielmehr eine Instrumentalisierung vorliegt als in den anderen Fällen.

Zu den Regenbogenflaggen der Homo-Bewegung: Ich glaube diese sind schlicht dem Wetterphänomen Regenbogen entlehnt und sollen die Vielfalt symbolisieren. Haben die wirklich die Fahnen aus dem Inkareich zum Vorbild? Die sind doch kariert gewesen, soweit ich es in Erinnerung habe.

I, Fleischessen verlangt eine (Entschuldungs-)Ideologie

Bis kurz vor ihrem Tod ist auch meine Ur-Großmutter einfach zum Stall hinter unserem Haus gegangen, hat sich da ein Karnickel rausgeholt, hat es getötet und hat es dann zum Essen vorbereitet. Fertig. Dafür brauchte sie doch keine spezielle Ideologie. Nur die Trennung der Sphären von Tierhaltung und Essen, sowie die massive Vermenschlichung von Tieren machen eine gewisse Vertuschung notwendig. Dass ist aber nicht der Speziesismus, also die Behauptung eines Mensch-Tier-Dualismus, sondern eine gewisse Kaschierung der Herkunft von Fleisch bzw. besonders der Art der Herstellung, die ja wirklich sehr unappetitlich ist.
Viele Menschen sind bis heute Fischer, Klein- und Mittelbauern (2007 sollen 50% der Erdbevölkerung zur ruralen Bevölkerung gehört haben, davon die Mehrheit in den Entwicklungsländern), hinzu kommen weitere, die nebenbei Tiere halten (wie meine Uroma) um sie zu essen oder zumindest manchmal Angeln gehen.
Es dürfte damit die Mehrheit der Menschheit sein, die gedankenlos auch mal selbst Tiere tötet und verspeist, ganz ohne Ideologie.
Fleisch-Fan
Manche mögen Fleisch …

Fleisch-Gegner
… manche nicht …

Fleisch-Esserin
… und manche essen es einfach.

Die Respektsbekundungen in indigenen Kulturen vor der Jagd gelten nicht dem Einzellebewesen, sondern der vergöttlichten Gesamtnatur. Ich würde eher sagen, dass durch die naturnahe Lebensweise indigene Kulturen sich der Fragilität der Naturkreisläufe bewusst geworden sind und sich daher für Eingriffe in diese aus Angst vor negativen Auswirkungen auf sie selbst entschuldigen, nicht aber weil das Jagdwild unbewusst als „nichtmenschliches Tier“ definiert wird. Eine Ausnahme bilden allerdings die so genannten Totemtiere, die nicht gejagt werden und von denen die jeweiligen Stämme ihre Herkunft ableiten.
Außerdem ist Respekt vor der Natur noch nicht eine Rechtfertigung der Tiertötung.

J, „Recht des Stärkeren“ und das falsche Verständnis vom Darwinismus
Mag ja sein, dass Darwin nicht von „survival oft he fittest“ spricht. Die Tierwelt erscheint mir auch trotzdem weiterhin, aus menschlicher Perspektive, „unbarmherzig“. Dies geschieht übrigens nicht nur evolutionär, sondern tagtäglich. Innerhalb einiger Arten gibt es einen, aus menschlicher Perspektive, „netteren Umgang“ miteinander, sofern dass nach einer Kosten-Nutzen-Maxime auch Sinn macht. Aber zwischen den Arten überhaupt nicht. Jeder frisst jeden. In elf Jahren Monitoring der Tier-, besonders der Vogelwelt, habe ich nie etwas anderes feststellen können.

K, Mehr als nur Bambi-Tierschützer
ZITAT: „Der Vorwurf, sich nur um „kuschelige Pelztiere“ oder „Tiere mit großen Augen“ zu kümmern, trifft wiederum eher auf TierschützerInnenInnen zu, als die wir uns explizit nicht verstehen.“

Ich sehe in Realität weiterhin vor allem den Bezug auf Tiere mit großen Augen. Die in Antispe-Kreisen hochgeschätzten Befreiungsaktionen haben doch nur selten Schlangenfarmen, Schmetterlingsparks, Laboratorien mit Amphibien, Fischfarmen (durch Dammdurchbrüche zum oft nahestehenden Fließgewässer nicht unmöglich) etc. zum Ziel. Nein, gerettet werden Affen aus Laboren und kuschelige Tiere aus Pelzfarmen. Zerstört werden auch Jagdsitze und weniger Anglerstege.
Auch die in der Antispe-Symbolik zu findenden Tierarten sind selten Insekten oder Fische.
Wenn mensch dass reale „Unterdrückungs“verhältnis von Tieren durch den Menschen ins Verhältnis zu den von „Antispes“ betreuten Tieren setzen würde, dann würde sich m. M. nach ein starkes Ungleichgewicht zugunsten der niedlichen Tiere herausstellen.

Die Antispe-Ideologie scheint außer bei Begründungen so gar nicht die Aktionen der Antispe-Gruppen zu beeinflussen. Mensch setzt sich für Affen ein (nicht etwa für Fruchtfliegen), gegen ungerechte Großtierhaltung von Zirkussen (nicht etwa gegen Tiergeschäfte oder Reptilienfarmen) oder gegen Tierversuche an Säugetieren. So ist es auch in Tübingen. Das Seltsame ist also, dass die Antispe Tübingen auch als linke Tierschützer-Gruppe genau dieselben Aktivitäten durchführen könnte. Auch vegan leben kann mensch mensch ohne Antispe-Ideologie.

L, Vorwurf: Ich würde Tierleid entschuldigen („Sätze wie … schmerzen“)
Selbstzitat aus dem ersten Text:

„Liebe Veganer, liebe Antispes. Eure Ernährungsweise und viele eurer Aktionen gegen Tierquälerei etc. sind sinnvoll und unterstützenswert, weil sie Menschen helfen (was ich am wichtigsten finde), aber auch unnötige Tierquälereien thematisieren und abschaffen helfen. Sich aus Mitleid für gequälte Lebewesen einzusetzen ist ein altruistisches und lobenswertes Motiv.“

Dass Tiere in Massentierhaltung gequält werden und elend leben wird nirgendwo bezweifelt. Die generelle Bezeichnung von Tierhaltung als Gefangenschaft und deren Ablehnung wird kritisiert.

M, eigenen Standpunkt nicht reflektiert
ZITAT: „Der Vorwurf: ‚Dir geht es so gut, dass du dir Gedanken um andere machen kannst‘, ist keiner! Und wenn wir damit auf ein Privileg verzichten, „was hunderte Jahre dem Adelsstand vorbehalten war“, so tun wir das gerne: Auf das Privileg, andere zu unterdrücken und von ihrer Ausbeutung zu profitieren, können wir leicht verzichten.“

Der Vorwurf ist ein anderer: Westliche Wohlstandskinder (ich bin auch eins), die ihren Standpunkt nicht reflektieren, tragen eine Ideologie mit, die in ihrer absoluten Aussage alle betrifft.
Sollte dem nicht so sein, d.h. wenn – realpolitisch motivierte – Abstriche bei der generellen – so dachte ich jedenfalls – Prämisse „Fleischessen ist Mord!“, ergo bekämpfenswert, gemacht werden, durch eine geografische Beschränkung, worin besteht dann der Unterschied zum Tierschutz? Heißt es dann „Fleischessen ist Mord! (außer bei indigenen Kulturen)“ oder „Fleischessen ist Mord! (außer bei Kleinbauern)“ oder gar „Fleischessen ist Mord! (Achtung: Diese Aussage beschränkt sich auf die Massentierhaltung)“. Wo liegt da genau die Grenze des Tolerierten und Akzeptierten und ab wann stellen sich Antispes dagegen? Mir noch nicht ganz klar worin dann der Unterschied zwischen der Antispe- und der Tierschutz-Bewegung besteht. Ich ging davon aus, dass dieser neben der Analyse, vor allem in der Drastik, Vehemenz und Allgemeingültigkeit der Aussage liegt.
Für Antispes ist Fleischessen generell „Mord“ und Tierhaltung generell „Gefangenschaft“, für Tierschützer ist Fleischessen und Tierhaltung eher abzulehnen, da Tiere häufig darunter unnötig leiden.

N, Pelze-Tragen und Jagd
Haltet ihr wirklich jede Jagd lediglich von den persönlichen Motiven geleitet? Wildschweinrotten auf Maisfeldern können echt große Schäden anrichten oder der sprichwörtliche Fuchs im Hühnerstall.
Ob ein Eingriff durch Jagd in einem Naturgebiet immer sinnvoll ist, kann ich nicht sagen.
Auf lange Sicht wäre mir die Wieder-Einbürgerung von Predatoren (Wölfe, Bären) am liebsten.
Dass aber der Übergriff von Tieren auf menschliches Territorium (Felder, Ställe) mit Jagd manchmal beendet werden muss, erscheint mir recht nachvollziehbar.

Mit Pelzetragen zum Wärmen meinte ich z.B. irgendwelche russischen Siedler in Sibirien (keine Indigenen!) oder die Bewohner Alaskas, die Fallen stellen, Tiere fangen, häuten und sich eine funktionale Mütze daraus machen. Pelztierzucht halte ich auch für grausam und lehne sie ab.

III, Resümee
Ich will weniger darüber diskutieren ob Kleinkinder möglicherweise auf demselben Niveau wie Delfine liegen oder ob Horkheimer in einem Text mal die Ausbeutung von Tieren anprangert bzw. ob er das auch so meinte wie die Antispes. Viel interessanter ist doch, ob wenn mensch die Behauptungen und Interpretationen akzeptiert, diese die Antispe-Ideologie wirklich stützen. Wird durch die, unbestrittene nahe, verwandtschaftliche Nähe von Menschen und Affen oder meinetwegen durch eine gewisse Intelligenz von anderen Tieren der Mensch-Tier-Dualismus aufgehoben und die Antispe-Ideologie unterstützt? Meines Erachtens nicht. Genausogut bzw. viel eher kann mensch damit den Tierschutz begründen. Nirgendwo erschließt sich mir da eine Logik die zur Antispe-Ideologie hinleitet.
So scheint der Antispe mir reichlich nackt bzw. die Argumente für ihn reichlich verbogen und konstruiert. Die Antispes können noch so viele kluge Texte lesen und zitieren, wenn die Gesamtlogik nicht aufgeht.
Dass Problem ist, dass die Antispes aber die Logik der Aufhebung eines Mensch-Tier-Dualismus benötigen, denn die Antispes bemühen sich ja vor allem rationale Argumente und überzeugende Bilder zu finden, um den Fleischverzehr anzugreifen. Das ist nicht nur die Menschennähe bzw. die „Aufhebung des Mensch-Tier-Dualismus“, andere scheinbar rationale Argumente sind:
* Bestimmte Ernährungsweisen, z.B. der Verzehr von Milchprodukten, seien nicht natürlich. Da Menschen aber nicht „Tiere“ sind, ist die „das ist nicht natürlich“-Argumentation seltsam. Autofahren ist auch nicht natürlich oder Gedichte schreiben oder Kunst. Menschen tun es trotzdem. Selbst wenn der Verzehr von Milchprodukten schädlich wäre, wäre das noch kein grundsätzliches Gegenargument. Schokolade ist auch schädlich, trotzdem essen wir sie.
* Behauptung eines Zusammenhangs von Tierhaltung und Hierarchien („Frieden durch Gemüseverzehr“). Siehe dazu weiter oben.

IV, Was übrig bleibt
Auf ein paar Kritikpunkte und Hinweise meinerseits wurde nicht eingegangen. Damit soll nicht behauptet werden, dass sie bewußt übersehen wurden. Eine elf Seiten lange Replik ist mehr als genug. Mir graut sowieso schon vor dem jetzt einsetzenden Diskussions-Pingpong.
Weil mir die nicht erwähnten Punkte aber wichtig sind, will ich sie noch einmal kurz zusammenfassen:
* Ist die Individualisierung der Tiere a la jedes Lebewesen zählt, überhaupt sinnvoll für die Tiere? Bei Menschen geht es mir um jedes einzelne Individuum, bei Tieren nicht und das wäre auch meiner Ansicht nach auch nicht sonderlich praktisch. Statt sich auf tierische Individuen zu beziehen ist es viel praktischer, sich auf Arten oder gleich ganz auf Lebensräume zu beziehen und diese zu schützen.
* Vermenschlichung der Tiere. Ihr projiziert eure (menschlichen) Begriffe von Freiheit und Glück auf die Tiere. Dass führt dann zu der generellen Ablehnung von Tierhaltung. Ich hingegen finde eine artgerechte Tierhaltung akzeptabel.
* Ihr wollt die „Befreiung der Tiere“. Mir stellt sich aber die Frage wollen die Tiere überhaupt auch immer ihre Befreiung?
Der starke Wert von Freiheit ist, wie ich bereits anmerkte, nur für die Menschen gesichert. Vielleicht würden artgerecht gehaltene Zootiere ihre Nahrungssicherheit und Gefahrlosigkeit (keine Feinde) gar nicht für das Leben in Freiheit aufgeben wollen? Ich glaube aber, dass sich das schlecht herausfinden lässt. Da Tiere, wenig vorausplanend sind und auch nicht ihre eigene Situation und mögliche Optionen reflektieren können. Vom Erkennen im Spiegel und der bewussten (nicht instinktgeleiteten) Zukunftsplanung liegt ein langer Weg und ich wüßte keine Tierart die ihn bisher beschritten hat. „Cogito ergo sum“ ist nämlich ein bisserl mehr als zu Checken was ein Spiegelbild ist.

Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“
Bert Brecht

„Delfine im Thunfischsalat, wie gemein / Doch es könnte mir nichts ega
ler sein“
Song „Ignorama“ von „Die Ärzte“

Was ist Antispeziesismus überhaupt?

Es gibt seit einiger Zeit eine neue politische Bewegung, die sich auch in der unabhängigen Linken verbreitet hat: Den Antispeziesismus (Antispe). Die AntispeziesistInnen (Antispes) lehnen, wie ihre Selbstbezeichnung aussagt, den „Speziesismus“ ab. Der Begriff Speziesismus bezeichnet in den Augen der Antispes eine „Diskriminierung“ aufgrund der Art-Zugehörigkeit, wie sie sich insbesondere im menschlichen Umgang mit Tieren äußern soll.

Als Konsequenz der Ablehnung des Speziesismus herrscht bei Antispes eine vegane Ernährung vor. Ebenso wird das Halten von Haus- und Reittieren generell abgelehnt. „Denn wenn es unethisch sei, Menschen zu töten oder aus wirtschaftlichen Gründen bzw. zur eigenen Unterhaltung einzusperren, und es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren gebe, so sei auch die Tiernutzung und -haltung unethisch.“, so die Argumentation auf www.vegan.lu1.

Wohl alle Antispes sind aus den oben angeführtem Grund (mehr oder weniger konsequente) VeganerInnen, zumindest in dem Sinne, dass sie keine tierische Nahrung erwerben – ein Teil isst aber durchaus tierisches Containerfood. Da aber nicht alle VeganerInnen Antispes sind, sind mit VeganerInnen im Folgenden nur die vegan lebenden Menschen gemeint, die sich aus politischen (Antispe-)Motiven vegan ernähren. Generell kann sich jeder Mensch ja, sofern er das Geld dazu hat, ernähren wie er/sie will. Die Wahl des Essens ist und bleibt Geschmackssache und damit auch Privatsache. Gibt es aber für eine spezielle Ernährungsweise politische Motive, so können diese, wie andere politische Motive auch hinterfragt und bei Bedarf, d.h. wenn sie problematisch erscheinen, kritisiert werden.

Antispeziesismus – Extremismustheorie des Absurden?

Die Angleichung von Tier- und Menschenwelt findet bei den Antispes auf der symbolischen und vor allem auf der sprachlichen Ebene statt. Auf organisatorischer Ebene ist sie schlechterdings möglich.
Vokabeln, die spezifisch menschliche Verbrechen oder Unterdrückungsformen bezeichnen werden auf das Mensch-Tier-Verhältnis übertragen bzw. analog gesetzt.
So wird aus Fleischessen „Mord“, Speziesismus als „Herrenmenschenideologie“ und die Arbeit von Nutztieren als „Zwangsarbeit“ bezeichnet. Hier einmal ein Beispiel für die sprachliche Mensch-Tier-Angleichung der Gruppe „Animal Peace“:
„Zu Tausenden in kleinen und großen Zirkussen zur Zwangsarbeit gepreßt, zu Hunderttausenden in Zuchthäusern, Zoos genannt, der Freiheit beraubt, um uns zu unterhalten, zu Millionen und Milliarden zu lebenslanger Bewegungslosigkeit in den Mastställen verdammt, Hühner in der Batterie, Kühe in Boxen an Ketten, Schweine mit Gurten festgezurrt. Wir gebrauchen sie zu Millionen als Vorkoster in der gigantischen Giftküche der chemischen Industrie, hexen ihnen alle Krankheiten der Welt an, nageln ihre Skalps an Wände, dulden das schießgeile Gemetzel männerbündlerischer Exekutionskommandos als angeblichen Beitrag zum Naturschutz.“2

Formen der Unterdrückung menschlicher Gruppen wie Rassismus, Homophobie oder Sexismus werden von den Antispes mit dem Speziesismus in eine Reihe gestellt. Der Verzehr von Fleisch ist damit also in der Antispe-Logik so etwas Ähnliches wie das Verprügeln von Frauen. Zumindest legt das die Analogie-Setzung nahe. Die Gegenbewegung gegen die „Tierausbeutung“ bedient sich dann auch frech bei den emanzipatorischen Gegenbewegungen gegen die Unterdrückung menschlicher Gruppen. Das Symbol der Antifa wird auf grün umgefärbt und aus der „Antifaschistischen Aktion“ wird die „Antispeziesistische Aktion“. Eine Differenzierung zwischen, der durchaus kritikwürdigen und verabscheuenswerten, Tierquälerei und der Quälerei von Menschen findet nicht statt.
Logo-Piraterie
Dasselbe in grün?

Der, inzwischen auch in linken Antispe-Kreisen abgelehnte, Helmut F. Kaplan formulierte es einmal so:
„Bei Rassismus und Sexismus werden […] in der Regel die ähnlichen Interessen von Schwarzen bzw. von Frauen vernachlässigt. Beim Speziesismus […] haben wir es hingegen meist mit Praktiken zu tun, bei denen die größeren Interessen von Tieren vernachlässigt werden.“3
Mag auch der Urheber dieser Worte inzwischen in der Antispe-Szene zum Teil umstritten sein, die Analogie-Setzung findet sich bei Antispes aller Schattierungen. So auch in dem aus linken Antispe-Kreisen stammende Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, wo von Speziesismus als „spezifische Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit (anlog zu Rassismus, Sexismus etc. […]).“ die Rede ist.

Am Beispiel der Antispe Tübingen
Die Antispe-Gruppe in Tübingen ist eine sehr linke Antispe-Formation, doch auch hier findet sich im Selbstverständnis die klassischen Argumentationen der gesamten Antispes-Strömung. Wenn behauptet wird der so genannte „Spezisismus“ könne „analog zum Rassismus oder Sexismus als Stereotypenkomplex, das heißt als ein Zusammenhang von Vorurteilen und Klischees, angesehen werden“ (http://asatue.blogsport.de/), ist das schon recht seltsam. Sexismus und Rassismus basieren vor allem auf der Fehlannahme, dass Frauen oder Nicht-Weiße (wie immer diese Kategorien auch konstruiert sind, es sind ja keine objektiven Einteilungen) dümmer und unbegabter sind als Männer bzw. Weiße. Bis auf eine im Durchschnitt etwas schlechtere Sport-Leistung von Frauen gegenüber Männern (einmal abgesehen davon dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist) gibt es keinerlei Unterschiede zwischen diesen konstruierten Einheiten. Im Gegensatz dazu gibt es empirisch beweisbare und bedeutende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren. Selbst zum nächsten Verwandten des Menschen, den Menschenaffen, gibt es deutliche Unterschiede. Ob diese Unterschiede bestimmte Arten des Umgangs oder der Behandlung von Tieren legitimieren, steht auf einem anderen Blatt, sie sind aber erst einmal real vorhanden.

„Um das Problem bei der Wurzel zu packen, suchen wir nach Ursachen der Ausbeutung von Tieren und der Natur durch den Menschen. Lange Zeit galt es in unserer Kultur als selbstverständlich, ja, war es geradezu die Bedeutung menschlicher „Kultur“, die Natur und die anderen Tierarten nur als Rohstoff zu nutzen und auszubeuten. Es wird nun aber zunehmend deutlich, dass diese Einstellung in eine ökologische Katastrophe führt.“
(http://asatue.blogsport.de/)
In definitiv JEDER menschlichen Kultur gibt es eine „Ausbeutung“ von Tieren. Es ist keine Kultur bekannt, die bisher gänzlich auf Tierprodukte verzichtet hat. Wo es Unterschiede gab und gibt, dass ist in der Art der Behandlung von Tieren. Viele – aber bei weitem nicht alle – indigenen Kulturen behandeln beispielsweise Tiere mit Respekt (z.B. durch Entschuldigungs-Rituale vor der Jagd), was sie aber letztlich nicht daran hindert Tiere zu essen. Denn: Respekt vor Tieren heißt nicht, sie nicht zu essen. Gerade ein Teil dieser indigenen Kulturen führt vor, dass die Nutzung von Tieren und Natur nichts mit der ökologischen Katastrophe zu tun haben muss, sondern durchaus auch nachhaltig geschehen kann. Es ist nicht die generelle Nutzung von Tieren als Nahrung und Nutztiere, sondern die Art der Nutzung, die ein Problem darstellt.

„Speziesismus beinhaltet, dass „der Mensch“ über „dem Tier“ steht und ein Recht hat, es einzusperren, auszubeuten und zu töten. […] Ähnlich wie der Rassismus die Herrschaft der Weißen über die Nicht-Weißen rechtfertigt und damit Sklaverei, Kolonialismus und „Rassentrennung“ hervorruft, liefert der Speziesismus die Rechtfertigung dafür, dass nichtmenschliche Tiere ihr Leben lang eingesperrt, missbraucht, gequält und getötet werden.“
(http://asatue.blogsport.de/)
Der Mensch nimmt sich eigentlich nicht mehr heraus, als jedes andere Raubtier oder jeder Allesfresser (was der Mensch ja eher ist). Er isst Fleisch, dafür braucht er gar keine Legitimation durch eine Ideologie. In der Regel macht er es einfach. Wofür Menschen evtl. besondere Legitimations-Ideologien brauchen, dass ist die industrielle Fleisch-Herstellung und die damit verbundene Arbeits-Teilung.
Der Mensch ist höchstens die einzige Spezies, die unter den entsprechenden Umständen freiwillig auf tierische Nahrung verzichten kann. Hier sollte die vegane/vegetarische Bewegung eher ansetzen, als im Beharren auf der Rolle des Menschen als einzigartiger böser Fleischesser.

(Fußnote): „Er [der Mensch] unterscheidet sich von anderen Tieren nur durch außergewöhnlich hoch entwickelte Techniken, teilt mit ihnen jedoch die Fähigkeit, bewusst zu fühlen und zu leiden.“
(http://asatue.blogsport.de/)
Die Frage zum Tier-Mensch-Unterschied wird in der Philosophie seit Jahrhunderten diskutiert und deren Beantwortung lässt sich nicht einfach auf einen „Technik-Unterschied“ einstampfen. Was ist mit der Selbsterkenntnis und -reflexion („Cogito ergo sum“; auch wenn sich manche Affenarten nach einer Weile im Spiegel selbst erkennen können), Vernunft-Begabtheit, mit dem menschlichen Tun das weder Fortpflanzung noch der Ernährung dient (Musik, Kunst, Geisteswissenschaften, Literatur etc.) oder der Empathie und dem Einsatz für andere Spezien (Antispe-Bewegung, Tierschutz)? Die Antispe-AktivistInnen merken nicht, dass ihr eigenes Tun an sich einen wichtigen Unterschied zwischen Mensch und Tier markiert. Nichts dergleichen findet sich in der Tierwelt auch nur ansatzweise. Hier gilt die Maxime von fressen, ficken, gefressen werden. Sicher gibt es vereinzelt tierisches Verhalten, was scheinbar außerhalb dieser Maxime verläuft. Aber wenn einmal beispielsweise der Vertreter einer Tierart eine andere Tierart aufzieht (z.B. Hunde manchmal Katzbabys), dann hat das etwas mit instinktiven Verhalten zu tun. Es ist lediglich die menschliche Sicht, die dieses Verhalten „vermenschlicht“.

Das „Tier Mensch“?
Die Realität in der Tierwelt spielt sich weit entfernt von den Menschen in Tiergestalt in den Disneyzeichentrickfilmen ab.
Tiere sind grundsätzlich erbarmungslose Wesen: Sie fressen ihre Nachkommen, ebenso ihre Geschlechtspartner oder sie vergewaltigen den jeweiligen Gegenpart. Tiere sind sich dabei (ähnlich wie Psychopathen) schlechterdings einer Schuld bewusst. „Schuld“ ist als menschliche Begrifflichkeit ungeeignet für die Tierwelt. Die Tiere tun nur was sinnvoll ist, um ihr Überleben zu sichern. Sie gehorchen ihren Instinkten oder schlicht dem Bedürfnis sich den Magen zu füllen.
Von einem Tier Mitleid, Ethik, Moral etc. über sich selbst oder das Rudel hinaus zu erwarten ist sinnlos. Delfine retten Schiffbrüchige nicht aus Mitleid, sondern aus einem Instinkt heraus, weil sie auch ihre Neugeborenen an die Oberfläche stupsen, die als Säugetiere Sauerstoff benötigen.
So anrührend die Geschichten über Hunde, die am Grab ihres Herrchens trauern auch sind, sie bleiben Ausnahmen. In der Natur gilt tatsächlich das Recht des Stärkeren. Unter Menschen zum Glück nicht. Die Regel vom Überleben des Stärkeren ist in der Menschenwelt weitgehend außer Kraft gesetzt. Alle Übertragungsversuche des Darwinismus auf die Menschheit endeten blutig und der dafür propagierte Sozialdarwinismus sollte diese Blutbäder auch ideologisch legitimieren.
Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam. Natürlich werden Menschenfeinde und Pessimisten das bezweifeln und den Menschen zum Grausamsten aller Tiere erklären. Doch zumindest heute ist beispielsweise der Umgang mit behinderten Artgenossen beim Menschen nicht mehr geprägt von praktiziertem Sozialdarwinismus.

Die Realität des Tierreiches, nämlich Mitleidslosigkeit und real existierender Darwinismus, sollte unbedingt Beachtung finden, wenn mensch die Angleichung von Menschen und Tieren im Antispeziesismus betrachtet. Hier wird die Behauptung aufgestellt, der Mensch sei auch nur ein Tier bzw. Tiere werden als „nichtmenschliche Tiere“ bezeichnet. Anhänger des „Human Project“, nämlich dem Versuch für Menschenaffen Menschenrechte zu erstreiten, sprechen auch vom „Bruder Affe“. Es ist aber mehr als problematisch Menschenaffen Menschrechte zu übertragen, die sie im Übrigen gar nicht für sich selbst einfordern. Menschenrechte sind gebunden an menschliche Ethik. Die aber kann mensch kaum von Menschenaffen erwarten. Gorillas essen beispielsweise gerne mal zur Eiweißaufwertung andere – kleinere – Affen. Ist das dann Kannibalismus? Sie töten ja quasi ihre kleinen Brüder. Das Seltsame bei der fehlenden Abgrenzung des Menschen vom „restlichen Tierreich“ ist, dass dem Mensch trotzdem eine Sonderposition zuerkannt wird. Von ihm wird nämlich als einzigem „Tier“ gefordert sich moralisch richtig zu verhalten und keine Fleisch-Produkte zu verzehren. Im Gegensatz dazu gibt es von Antispes ja keinerlei Kritik wenn ein Löwe ein Gnu schlägt. Wenn Menschen jagen ist es generell „Mord“, wenn Wölfe jagen dann ist wird es nicht so bezeichnet.

Es gibt Tiere und Tiere
Im theoretischen Ideal wird von vielen Antispes versucht keinerlei Unterschiede zwischen „menschlichen“ und „nichtmenschlichen Tieren“ zu machen. Doch in der Realität lässt sich das kaum durchhalten. Tatsächlich gibt es in der praktischen Antispe-Arbeit anscheinend auch für Antispes Grenzen zwischen Tier und Tier. Hier ist eine gewisse Doppelmoral erkennbar. Der Mensch wird in die große Tier-Familie eingemeindet, aber um viele andere Tiere, besonders Nicht-Säugetiere, wird sich gar nicht gekümmert. Ivo Bozic schreibt dazu in einem polemisch gehaltenen Diskussions-Beitrag in der Wochenzeitung „Jungle World“:
„Gar keine Grenze zu ziehen, zu behaupten, Tiere allgemein, also jedes Tier, hätten dasselbe Recht auf Leben wie Menschen, würde aber bedeuten, sämtliche Menschen zu Mördern zu ­erklären. Auch der konsequenteste Veganer tötet jeden Tag Hunderte, wenn nicht Tausende Tiere. Allein auf seinem Weg zum Bio-Markt zerquetscht er sie achtlos unter seiner Sohle. […] Die Veganer kümmern sich in der Regel gar nicht um Ameisen, Würmer und anderes Geschmeiß, sondern um Tiere mit großen Augen, die einen traurig oder süß angucken können. Um Affen, Hunde, Katzen, Rinder, Lämmer, Küken und kuschelige Pelztiere. Die anderen 99 Prozent der Tierwelt kommen in ihrer Gedankenwelt kaum vor.“4
Nicht Bienenvölker werden von Tierrechtlern aus Imkereien befreit, sondern Versuchs-Säugetiere. Deswegen sind Affen so beliebte Schützlinge von Tierrechtlern und TierbefreierInnen. Selbst wenn mensch zustimmt, dass der Unterschied von Menschen zu Menschenaffen tatsächlich relativ gering ist und ihnen eine ähnliche Behandlung wie seinen Mitmenschen zugesteht, dann gilt dass damit nur für einen winzigen Teil der Tierwelt. Heißt dass dann im Umkehrschluss, dass mensch die dooferen und menschen-unähnlichen Tiere dann essen (Fische, Hühner, Schweine) darf?
Häufig wird auf die Leidensfähigkeit von Lebewesen als Kriterium verwiesen. Damit entledigt mensch sich der Insekten. Trotzdem ist nicht erkennbar, dass sich für Fische genauso vehement eingesetzt wird wie für Land-Säugetiere oder für Wildvögel wie für Haustiere. Es werden real Unterschiede gemacht, die theoretisch häufig abgelehnt werden.

Und was sagen die Tiere dazu?
Insgesamt ist der Antispe eine arge Form der Stellvertreterpolitik. Tiere kommunizieren und verhandeln nicht mit Menschen. Es ist kein gleichberechtigter Umgang zwischen Tieren und Menschen möglich. Mensch kann nur mutmaßen, was für die Tiere das Beste ist. Deswegen ist die bedingungslose Ablehnung von Tierhaltung unter der Berufung auf das Recht auf Freiheit recht fragwürdig. Es wird dabei sehr menschlich argumentiert. Vielleicht sind viele Tiere ja lieber glückliche Gefangene, als hungrige Freigänger? Vielleicht sind viele Hunde als Ersatzkinder alter Damen glücklicher als in freier Wildbahn? Sicherer Versorgung und Unterkunft stehen einem unsicheren und gefährlichen Leben in der Wildnis gegenüber. Die Betonung von Freiheit als höchstes Gut per se ist die Projektion von Menschen. Dass darf aber natürlich nicht dafür herhalten nicht artgerechte Haltungs-Formen oder Tierquälerei zu legitimieren. Aber nicht alle Terrarien, Bauernhöfe und Wildgehege sind einfach nur „Tier-Gefangenenlager“.

Antispezisismus ist ein westliches Luxusprojekt
Die Antispe-Bewegung betreibt – wie fast alle anderen politischen Bewegungen auch – nur wenig Selbstreflektion. Es sind mehrheitlich weiße Jugendliche aus der Mittelschicht in westlichen Industriestaaten. Als solche befinden sie sich in der Luxussituation überhaupt darüber zu entscheiden, ob sie Fleisch bzw. tierische Produkte ablehnen. Sie verzichten damit auf ein Privileg, was hunderte Jahre dem Adelsstand vorbehalten war. Die Geschichte von Robin Hood ist beispielsweise auch die Geschichte eines Wilderers, der als Anführer einer Bauernbande, das herrschende Jagdverbot bricht.

Generell ist vegetarische Ernährungsweise aus Mitleids-Motiven eine moderne Erscheinung. Früher hatte vegetarische Ernährung entweder religiöse Gründe, hier waren es vor allem die Vermittler des Glaubens (Mönche, Priester etc.), oder Gründe der Notwendigkeit, die zu dieser Art der Ernährung führten. Besonders anschaulich ist der religiöse Vegetarismus bei der indischen Religion der Jainas. Dass einige Aborigines-Stämme in Australien sich vegetarisch ernähr(t)en hatte etwas mit dem nicht vorhandenen Fleisch zu tun und nicht mit einer ethischen Ablehnung von fleischlicher Nahrung. Spätere vegetarische Bewegungen ab Ende des 19. Jahrhunderts vertraten diese Ernährungsform vor allem aus Motiven der Reinheit. Ein Teil dieser frühen westlichen vegetarischen Bewegung war sogar stark völkisch orientiert und sah im Vegetarismus die ursprüngliche „arische“ Ernährungsweise. Ähnlich wie der religiös motivierte Vegetarismus war der völkische Vegetarismus eine von „Reinheits“-Vorstellungen geprägte Weltanschauung. Diese „Reinheits“-Forderungen der völkischen Vegetarier äußerten sich auch darin, dass z.B. der Wiener „Verein Deutscher Vegetarier“ nur „Arier“ aufnahm.
Der Hinweis auf diese Fraktion völkischer Vegetarier ist wichtig bei dem Verständnis der Geschichte des modernen Vegetarismus, kann aber den heutigen Vegetarismus/Veganismus nicht diskreditieren, sofern dessen Motive anderer Art sind. Wichtig ist es aber zu reflektieren, wie der heutige Vegetarismus/Veganismus entstanden ist und das er auch braune Wurzeln hat.

Mit der Industrialisierung in den westlichen Staaten ging eine Arbeitsteilung einher. Verstärkt durch die Urbanisierung werden die BewohnerInnen der Metropolen heutzutage kaum noch mit Schlachtungen konfrontiert. Das Fleisch kommt nur noch aus der Dose und nicht mehr vom Hackklotz hinter dem Haus. Gleichzeitig wurden Tiere in den modernen Medien massiv vermenschlicht. Sie wurden mit starken menschlichen Eigenschaften z.B. in Trickfilmen dargestellt. Tiere traten in der unmittelbaren Umwelt nicht mehr als potenzielle Nahrung auf, sondern nur noch als (reale) Haustiere oder (fiktive) Tiere im Fernsehen oder sonstwo (z.B. Kuscheltiere). Wurden nun, vor allem junge, Metropolen-BewohnerInnen mit dem, eigentlich „versteckt“ stattfindenden Vorgang der Schlachtung konfrontiert, so kam es nicht selten zu einem Erschrecken oder gar Schock, der dazu führte die Ernährung umzustellen und manchmal auch dazu sich den Antispes anzuschließen. Das Unbekannte, täglich stattfindende (Massen-)Schlachten drang urplötzlich und schockartig in das Bewusstsein ein. Genau so arbeitet die Organisation PeTA, die schockierende Videos oder auch Comics von industriell-rationalisierten Schlachtungen am Fließband bewußt nutzt, um einen als Schock-Effekt auszulösen. Diese Videos werden gerne auch von linken Antispes verwendet, die PeTA als „not real“ ablehnen.
PeTA-Comic

Letztlich ist Fleischessen Luxus, ebenso wie die Möglichkeit darauf zu verzichten. Jugendliche aus der Mittelschicht der Metropolen können sich dafür entscheiden gänzlich auf tierische Nahrung zu verzichten, weil sie überhaupt diese Wahlmöglichkeit haben. Aber die allgemein-politische Forderung nach Fleisch-Verzicht aus dieser Bewegung heraus ignoriert die Besonderheiten der eigenen Position. Nirgendwo hörte oder las ich bis jetzt davon, dass Antispes und politische VeganerInnen ihre Forderung nach Fleisch-Verzicht und ihre „Fleischessen ist Mord“-Anklage geografisch begrenzen. Der Fischer in Indonesien kann aber nun mal nicht eben auf seinen Broterwerb verzichten, selbst wenn er es wöllte.

Konsequent dem Dogma gefolgt und im Wahn(sinn) angekommen
Viele der linken Antispes empören sich über die Holocaust-Vergleiche von PeTA oder anderen Gruppen und Einzelpersonen.
Dabei liegen diese Vergleiche durchaus in der (internen) Logik der Antispe-Ideologie, es handelt sich keinesfalls nur um eine Provokation. Obwohl sich jeder Mensch mit einem gewissen Geschichtswissen der Provokation durchaus bewusst ist.
Wenn Fleischessen tatsächlich nichts weiter ist als „Mord“, dann ist das kollektiv-industrielle Fleischessen nichts anderes als kollektiv-industrieller (Massen-)Mord. Dann sind in letzter Konsequenz 6 Millionen ermordete (Brat-)Hähnchen nichts anderes als 6 Millionen ermordete Juden und Legefabriken sind nicht anderes als „Hühner-KZs“. Der Wahn der zu den Holocaust-Analogien und -Banalisierungen führt ist damit nur eine direkte, allerdings nicht zwingende, Konsequenz der Antispe-Ideologie. Gerade in Deutschland und bei den meist links stehenden deutschen Antispes ist mensch sich der Gewagtheit solcher Analogien aber bewusst und dass diese sich irgendwie „nicht gehören“. Andere Vokabeln die menschliche (Massen-)Verbrechen bezeichnen, werden aber munter verwendet. Bloß bei der Shoah macht mensch eben eine Ausnahme.

Appell zum Schluss
Liebe Veganer, liebe Antispes. Eure Ernährungsweise und viele eurer Aktionen gegen Tierquälerei etc. sind sinnvoll und unterstützenswert, weil sie Menschen helfen (was ich am wichtigsten finde), aber auch unnötige Tierquälereien thematisieren und abschaffen helfen. Sich aus Mitleid für gequälte Lebewesen einzusetzen ist ein altruistisches und lobenswertes Motiv.
Aber dafür braucht es nicht eine Ideologie, die Tiere und Menschen einander angleicht. Wenn schon das (scheinbar) Unpolitische, nämlich die eigene Ernährung, politisiert wird, dann bitte differenziert wenigstens und gesteht den Einzelpersonen eine eigene Ernährungssouveränität zu. Das „sanfte“ Werben für eine Ernährungs-Umstellung in den Metropolen ist sinnvoll, der allgemeine Anspruch der sich in dem generellen Vorwurf „Fleischessen ist Mord!“ verbirgt, aber nicht. Er ist vielmehr ignorant.

Bitte differenziert doch mehr …
… zwischen der Vergnügungs-Jagd und der Jagd um davon zu (über)leben.
… zwischen Vergnügungsjagd und reduzierender Jagd (wenn auch nicht alle angeblich so rationalen Begründungen für bare Münze genommen werden dürfen).
… zwischen der quälerischen Tierhaltung und artgerechter Tierhaltung.
… zwischen der Metropolen-Bewohnerschaft, die auf Fleisch-Konsum verzichten kann, und dem Großteil der Erdbevölkerung, die auf Fleisch-Konsum verzichten muss bzw. nicht kann (Nomaden, Fischer, einfache Bauern und Bäuerinnen etc.). Immerhin: „Herrschaftskritische AntispeziesistInnen betonen, dass Speziesismus etwas genuin menschlich-zivilisatorisches ist, welches erst mit der Abkehr von der Jäger-Sammler-Lebensweise entstand, weshalb indigene Jäger-und-Sammler-Kulturen sowie andere Tiere nicht des Speziesismus bezichtigt werden können.“ Die meisten ärmeren Nutztier-Halter, die Tiere aus Subsistenz-Gründen halten, sind damit aber auch als „Speziesisten“ gebrandmarkt.
… zwischen Pelzetragen aus Mode und Pelzetragen um sich zu wärmen.
Mag sein, dass diese Differenzierung oft mitgedacht wird. Zu lesen ist sie aber nicht.
Freilich müsste mensch für diese Differenzierung die hypermoralische Argumentation und damit den Antispe an sich aufgeben. Denn wenn mensch aufgeben würde gegen jeden Tier“mord“ gleichermaßen zu argumentieren, dann würde das Grundelement des Antispe verloren gehen, weil mensch zugestehen würde, dass Menschen Tiere tatsächlich anders behandeln dürfen als ihre Mitmenschen. Unnötige Tierquälereien aber würde das nicht legitimieren.
Seid doch lieber vegan lebende TierschützerInnen statt Antispes! Und lest einfach mal zur Entspannung die Geschichte „Dr. Knölkes Ende“ von Hermann Hesse.

Tier- und Naturschutz dürfte sowieso im Ergebnis viel effektiver sein. Statt sich um die Rechte einzelner tierischer Individuen zu kümmern, kann mensch seine Energie für Gebiete oder Arten einsetzen. Konkret ist es beispielsweise für Gorillas sehr viel sinnvoller kompakte Schutzgebiete abzusichern, statt Einzelrechte für sie einzufordern. Mitsamt den Schutzgebieten wären dann übrigens auch alle anderen Tiere und Pflanzen in diesem Gebiet vor dem intensiven menschlichen Zugriff geschützt.

Achja, und hört verdammt nochmal bitte damit auf das Adorno-Zitat entkontextualisiert für eure Bedürfnisse zu instrumentalisieren! Adorno sprach von Menschen die von den Nazis zu Tieren gemacht wurden und kritisierte nicht die Behandlung von Tieren als solche.

PS: Der Autor ist übrigens Vegetarier.

Deutsche Korporationen in Freikorps-Tradition

Arbeitermörder
Titelblatt des USPD-Magazins „Freie Welt“

Tradition ist Tradition
Das korporierte Geschichts(zerr)bild findet bei Verbindungskritikern leider häufig nicht genügend Aufmerksamkeit. Denn nicht nur Sexismus, rechte Umtriebe oder elitäres Gehabe diskreditieren Studentenverbindungen, sondern auch ihr verfälschtes Geschichtsbild und -verständnis.
Geschichtsverfälschung wird von Korporierten nicht nur im Bezug auf ihre Beteiligung im Nationalsozialismus betrieben. Hier wird gerne behauptet Studentenverbindungen wären verboten worden (1). Auch die vorausgegangene Geschichte wird von Korporationen häufig verzerrt dargestellt.

DB-Gefallenenliste
aus dem Verbandsorgan der „Deutschen Burschenschaft“, den „Burschenschaftliche Blätter“

Die „große Mensur“ im Ersten Weltkrieg, der „Opfergang“ im Zweiten Weltkrieg oder der Freikorps-Einsatz sind seit Jahrzehnten positive Bezugspunkte nicht nur der, ohnehin sehr weit Rechtsaußen anzusiedelnden, Burschenschaften, sondern auch der anderen, teilweise eher liberalen und modernisierten Korporationen („Partyverbindungen“). Dieses Geschichtsbild wird scheinbar keinerlei kritischen Revision unterworfen, sondern nur tradiert und reproduziert. Wissenschaftliche Lektüre wird nur an den Stellen zitiert, an denen sie dem eigenen Geschichtsbild dienlich.

Mythos: Freikorps als Republik-Verteidiger
Die Beteiligung von Studenten, insbesondere aber von Verbindungsstudenten, an den rechtsradikalen Freikorps war enorm. Anfang der 1920er Jahre sollen 33% der deutschen Studenten Freikorps-Mitglieder gewesen sein. Nicht wenige Studentenverbindungen gliederten sich geschlossen in Freikorps-Verbände ein.
Diese Freikorps waren, wie unten ausgeführt, fast durchweg republikfeindlich, antidemokratisch und teilweise noch kaisertreu. Mit der Zeit wurden sie zusätzlich auch noch radikal-antisemitisch. Der Kampf gegen die Weimarer Republik wurde damit zum Kampf gegen „die Judenrepublik“.

Die Freikorps entstanden in Reaktion (im wahrsten Sinne des Wortes) rechter Kreise auf die Kriegsniederlage. In ihnen sammelten sich radikalisierte Militärs, Ex-Soldaten und paramilitärisch geschulte Angehörige der jüngeren Generation, die am Weltkrieg nicht mehr teilnehmen konnte, aber die Kriegspropaganda zur Gänze aufgesogen hatte („Generation des Unbedingten“). Ziel war es auf niedriger Ebene den Krieg gegen innere und äußere Feinde fortzusetzen. Dafür stellten sich 250-400.000 Freikorps-Angehörige nach dem Prinzip „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ auch der gemäßigten SPD-Regierung zur Verfügung, die versuchte einen Weitergang der November-Revolution und soziale Unruhen zu unterdrücken. Als „Bluthunde“, so der SPD-Innenminister Gustav Noske („Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden“), wurden Freikorps gegen aufständische Arbeiter im Ruhrgebiet, in Thüringen oder gegen die bayrische Räterepublik losgelassen. Zusammen mit der Reichswehr praktizierten die Freikorps eine blutig-effektive Aufstandsbekämpfung, die über 5.000 Tote forderte. Die Aufständischen, darunter nur zum Teil Parteikommunisten, kämpften damals für eine gesellschaftliche Umverteilung und die Beibehaltung bzw. Einführung des basisdemokratischen Rätesystems. Wir sprechen hier ohnehin von einer KPD vor ihrer Bolschewisierung, die erst Mitte der 1920er einsetzte.

Der große Mythos, der nach 1945 von den Korporationen sorgsam gepflegt wird, ist die Behauptung, dass es sich bei den Freikorps um eine Art von Republik-Verteidigern gehandelt hätte. Das sahen die Freikorps selbst aber zu ihrer Zeit anders. Während vor 1933 bei den Freikorps die antibolschewistische Stoßrichtung betont wurde, werden den Freikorps erst posthum viel hehre Motive unterstellt.
Dabei handelte es sich in Wahrheit lediglich um ein zeitweiliges Zweckbündnisgegen zwischen Freikorps und der MSPD-Regierung gegen einen gemeinsamen Feind. Die Motive der Freikorps lagen nicht in der Verteidigung der Weimarer Demokratie, sondern in der Bekämpfung der „Roten“, „Spartakisten“ und „Bolschewisten“. Die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Berlin durch Freikorps-Mitglieder war kein zufälliger Exzess (Die Leiche Luxemburgs wies 30 Tritte genagelter Schuhsohlen und 120 Kolbenhiebe auf.), sondern Ausdruck einer hasserfüllten Feindbild-Ideologie.
Das Bündnis zwischen Freikorps und Regierung war dabei sehr brüchig wie der Kapp-Lüttwitz-Putsch zeigte. Beim rechten und antidemokratischen Kapp-Putsch im Frühjahr 1920 waren Freikorps maßgeblich beteiligt.
Auch die anderen „Einsatzgebiete“ der Freikorps sprechen nicht für deren demokratisches Selbstverständnis. Gegen die Auswirkungen des „Versailler Vertrages“ bzw. die allgemeine Nachkriegsordnung kämpften Freikorps in Oberschlesien (1919-21) oder im Baltikum, wo 40.000 Freikorps-Mitglieder („Baltikumer“) 1919 eine Art „Privat-Feldzug“ gegen die „Roten“ führten. Im Baltikum wurden die Freikorps aus Deutschland bei ihrem antibolschewistischen Feldzug, unter dem auch die einheimische Bevölkerung der Letten und Esten litt, sogar von einem Freikorps unterstützt, dass sich aus Mitgliedern der deutschsprachigen Minderheit gebildet hatte. Dieses Freikorps nannte sich „Baltenregiment“ (1918-1920) und war eine in Estland aus Deutsch-Balten und Soldaten der sich auflösenden deutschen Truppen gebildete Freiwilligeneinheit. Sie rekrutierte sich laut dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag zu einem großen Teil aus Corpsstudenten der Universität Tartu und des Rigaer Polytechnikum.

Nach der im Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 offenbar gewordenen Untreue der Freikorps zur jungen Republik wurden viele Verbände von der Regierung offiziell aufgelöst. Meist gruppierten sich diese „aufgelösten“ Verbände aber lediglich um und existierten im Untergrund weiter. Nicht wenige schlossen sich der so genannten „Schwarzen Reichswehr“ oder später der NSDAP-Schlägertruppe SA an. Die Entente hatte ja im Vertrag von Versailles die Mitgliederzahl der deutschen Armee auf 100.000 Mann begrenzt. Um diese Bestimmung zu unterlaufen wurde eine so genannte „Schwarze Reichswehr“ etabliert, die sich aus Wehrbünden, Freikorps und Veteranenverbänden zusammensetzte. Mit dieser Schattenarmee war der Grundstein zu einer größeren Armee, einer Angriffsarmee, gelegt. Denn deutsche Militärs planten bereits vor 1933 eine Revanche für den verlorenen Weltkrieg.

Zum Beispiel: Tübingen
Die Tübinger Studentenverbindungen „Guestphalia“, „Liechtenstein“, „Ghibellinia“, „Germania Tübingen“ und „Stuttgardia“ beteiligten sich nachweislich an zwei Freikorps-Einheiten („Tübinger Studenten Companie“). Insgesamt kam ein Bataillon mit 800 Mann zusammen, dass in eine „Schlossberg“- und in eine „Österberg“-Kompanie aufgeteilt wurde.

Stuttgardia Tübingen
die Tübinger Verbindung Stuttgardia beim Freikorps-Einsatz

Diese beiden Studenten-Kompanien waren zum Einsatz in Oberschlesien, in Stuttgart (April 1919), Augsburg, München (Mai 1919) und im Ruhrgebiet (März 1920). Mindestens bei dem „Einsatz“ in München pflasterten Leichen den Weg der Freikorps. Vom 30. April bis 4. Mai 1919 sind in München und Umgebung von den Regierungstruppen, darunter auch die Freikorps, etwa 500 Personen erschossen worden („auf der Flucht“ oder „in Notwehr“), unter ihnen auch 21 katholischen Gesellen. Amtlich registriert wurden nur 181, und zwar als „tödlich verunglückt“. Am 02.05.1919 ermorden Freikorpsmitglieder, darunter vermutlich auch Tübinger Verbindungsstudenten, in Gräfelfing (Bayern) 53 russische Kriegsgefangene.

Der Freikorps-Einsatz wird noch heute in den Verbandsblättern anerkennend erwähnt:

Die Generation 1920 – 1940 war von einem unbändigen Lebenswillen bestimmt. Er war herausgewachsen aus gekränktem Stolz eines verlorenen Krieges und aus dem Trotz einer zudiktierten alleinigen Kriegsschuld. Dieser Lebenswille – in der Notzeit der Inflation und Arbeitslosigkeit als Überlebenswille gesteigert – war getragen vom Geist der Freikorps und der Jugendbewegung. Er entartete im nationalsozialistischen Stolz und Übermut, der schließlich zutiefst stürzte.

Tübinger Blätter 49 – Dezember 2003, Organ des Wingolf Tübingen, Seite 11

Auch das Lied, das die Kriegsgeneration im Wingolf (die Leifamilie „Siegfried“) , nämlich Volkers Nachtgesang (E. Geibel) anstimmte, war längst verklungen: „Die lichten Sterne funkeln kalt und stumm – wohl finster ist die Stunde, doch hell ist Mut und Schwert …“ Mancher Wingolfit reihte sich damals ein in die Tübinger Studentenregimenter, die die junge Republik gegen den chaotischen Mob (München) sicherten (1919).

Tübinger Blätter 49 – Dezember 2003, Organ des Wingolf Tübingen, Seite 55

Trotzdem die Korporations-Studenten das beste Menschenmaterial für den SA-Dienst stellen und mit Begeisterung dabei sind, scheint man immer noch auf Mißtrauen zu stoßen. […] Die Kritik vergaß die Leistungen der Studenten-Bataillonen von Langenmarck und der Kompagnien, die sich nach dem Krieg in den Freikorps hervortaten, vergaß ferner, dass Horst Wessel Korps-Student und Walter Flex ein Burschenschafter war, vergaß endlich auch die Ähnlichkeit mit dem heutigen Gedankengut.

Dr. Fritz Veiel, Bundesleiter der Burschenschaft Germania zu Tübingen, in: „Sonderbericht an alle Philister, Inaktiven und Aktiven“, Februar 1934 (nach: Joachim Lang: achtzehn-achtundvierzig – ran, ran, ran!, in: Schwäbisches Tagblatt vom 10.09.1998)

Landsmannschaft Ghibellinia
Screenshot vom 03.05.2005

Zum Beispiel: Marburg
Auch in der Universitätsstadt Marburg schlossen sich Studenten, darunter wieder besonders Korporierte, als so genannte „Zeitfreiwillige“ der Reichswehr und den Freikorps an. Die Reichswehr hatte am 19. März 1920 dazu aufgerufen. In Teilen Deutschlands war nämlich der Generalstreik gegen den antidemokratischen Kapp-Lüttwitz-Putsch in weitergehende politische Forderungen (z.B. nach einer Umverteilung) umgeschlagen. Die MSPD-Regierung hatte Probleme die sozialen Proteste mit der Reichswehr gewaltsam einzudämmen. Die herbeigerufene Reichswehr versuchte mit Aufrufen Freiwillige zu mobilisieren, um ihre Reihen zu stärken.
In Marburg sollen 1.800 Studenten von insgesamt 4.000 dem Reichswehr-Aufruf gefolgt sein.
Bei dem Vormarsch dieser Einheiten in Thüringen kam es auch zu einem Kriegsverbrechen. In Mechterstädt, einem Dorf bei Gotha in Thüringen, wurden am 23. März 1920 15 Arbeiter durch das Marburger Studentenkorps „Hasso-Nassovia“ als „Rädelsführer“ verhaftet und am 25. März „auf der Flucht erschossen“. Als Folge wurden 14 an dem Massaker beteiligte Marburger Zeitfreiwillige angeklagt und in drei unterschiedlichen Verfahren freigesprochen. In den Richter-Sesseln saßen noch die dieselben Richter wie zu Kaisers Zeiten und damit Personen, die fast durchweg auf dem rechten Auge blind waren.

Dieses Massaker wird noch heute in dem Verbandsorgan der „Deutschen Burschenschaft“, den „Burschenschaftlichen Blättern“ apologetisch dargestellt. Der Autor Manfred Rudloff schreibt in der Ausgabe 3/1998: „Dabei kam es zu einer wilden Schießerei, bei der alle Gefangenen erschossen wurden.“ Alle 15 Gefangene sollen also bei einer „Schießerei“ erschossen worden sein. Niemand wurde nur verletzt, alle getötet. Mehr als unwahrscheinlich. Alles deutet vielmehr auf eine gezielte Hinrichtung hin.

Fazit
Freikorps gestern
Gestern

Freikorps heute
Heute (Screenshot von der Homepage der Burschenschaft Germania Hamburg)

Wer so sehr auf seine Traditionen pocht, muss sich auch an seiner Geschichte und seinem Geschichtsbild messen lassen.
Der nicht selten zu findende positive Bezug auf die rechtsradikalen Freikorps und ihre mörderischen Aktivitäten stellt ein eigenständiges Ideologie-Fragment korporierter Identität dar. Um diesen positiven Bezug auf ihre Freikorps-Geschichte zu legitimieren werden Freikorps entgegen den historischen Tatsachen als Republik-Verteidiger dargestellt. Dabei waren die Freikorps nicht die Verteidiger der Weimarer Demokratie, sondern ihre Totengräber. Dass zeigt sich an ihrem Verhalten während des Kapp-Lüttwitz-Putsches, während des November-Putsches in München oder auch in den Biografien vieler Freikorpsmitglieder, die nicht selten bei der SA endeten.

In gewissem Sinne ehrlicher, ist es, wenn sich die burschenschaftlichen Hardliner von der Danubia München lieber auf die nationalistische Tradition der Freikorps beziehen. Danuben tauchten nämlich regelmäßig bei den „Annaberg-Gedenkfeiern“ (2) der „Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland“ auf dem Weinberg bei Schliersee auf. Das „Freikorps Oberland“ war gegen die bayrische Räterepublik zu Felde gezogen, hatte in Oberschlesien gewütet und hatte sich am Münchner Putschversuch der NSDAP 1923 beteiligt. Bei den „Annaberg-Gedenkfeiern“ am Schliersee käme wohl niemand auf die Idee sich auf Freikorps als Republik-Verteidiger zu berufen.

By R. Schwarzenberg

Anmerkungen
(1) Die Nationalsozialisten an den Hochschulen schlossen vor 1933 häufig Bündnisse mit den Korporierten und bedankten sich 1933 dann erst einmal mit der Aufhebung des Mensur-Verbotes. Später wurden die Korporationen als „Kameradschaften“ in den „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund“ eingegliedert und das nur teilweise unter Zwang.
(2) Auf dem oberschlesischen Annaberg hatten deutsche Nationalisten gegen nationalistische polnische Aufständische gekämpft. Die Aufteilung Oberschlesiens an Polen und Deutschland stand bevor und jede Seite wollte für sich einen größtmöglichen Vorteil bei dieser Teilung erreichen.

Verwendete Literatur (Auswahl)
Manfred Rudloff (Germania Marburg): Marburger Zeitfreiwillige der Reichswehr 1920 im militärischen Einsatz in Tübingen, in: „Burschenschaftliche Blätter“ 3/1998, Seite 159

Bernhard Schroeter (Germania Jena): Leserbrief „Noch einmal Mechterstädt“, in: „Burschenschaftliche Blätter“ 4/1999, Seite 228-229

Klaus-Dieter Stefan: Blind wie zu Kaisers Zeiten, Ostberlin 1985, Seite 89-91

Ute Wiedhöft: Kontinuitäten korporierter Mentalitäten im ersten Weltkrieg, in: Hirschfeld, Gerhard / Krumeich, Gerd / Langewiesche, Dieter / Ullmann, Hans-Peter (Hg): Kriegserfahrungen. Studien zur Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs, Essen, 1997

Sonderheft „Metzelsuppe“ des AK Clubhausia zum Einsatz des Tübinger Studentenbataillons in München 1919, http://clubhausia.fsrvv.de/?download=sonderheft_metzelsuppe.pdf

Dr. Bernhard Sauer: Freikorps und Nationalsozialismus, in: „Antifaschistisches Info-Blatt“ Nr. 81 – Jan/Febr-2009, Seite 39-43

Rechtsextremismus an deutschen Hochschulen?

Die NPD fährt mittlerweile bei Landtags- und Kommunalwahlen konstant gute Ergebnisse ein. In bestimmten, zumeist ostdeutschen, Landkreisen haben rechtsextreme unter Jugendlichen eine hegemoniale Stellung errungen.
Doch wie sieht es eigentlich auf dem Campus aus? Ist der Campus etwa im Gegensatz zum Rest der Republik eine nazifreie Zone? Manche Konservative betrachten Universitäten ja sogar als „rote Horte“ .

Kein Bein auf den Boden?
Parallel zu der so genannten 68er-Bewegung entstand und erstarkte die NPD. Um auch den Versuch zu machen auf die Studierendenschaft einzuwirken oder zumindest ihre universitäre Anhängerschaft zu sammeln, wurde 1967 die NPD-Hochschulorganisation „Nationaldemokratische Hochschulbund e.V.“ (NHB) gegründet. Gründungsort war damals Tübingen, eine seiner zeitweiligen Hochburgen. Doch im Gegensatz zur Studentenrevolte, deren Beteiligte sich für eine fortschrittliche Reform des Hochschul-Bildungswesen und weitergehende gesellschaftliche Veränderungen einsetzten blieb der NHB mit seiner unpopulären Agenda immer recht klein. Zu seiner Glanzzeit 1978 hatte er 240 Mitglieder in 19 Gruppen. Heute entfaltet diese Gruppe keinerlei erkennbare Aktivitäten und auch ihre Homepage ist schon seit Jahren inaktiv. Lediglich in Trier hat das bosnischstämmige NPD-Mitglied Safe Babic (Selbstbezeichnung: „europäischer Befreiungsnationalist“) als stellvertretender NHB-Vorsitzender versucht zu den Uni-Wahlen zu kandidieren. Mit seiner „Freiheitlich-Sozialen Liste“ errang er Ende 2003 mit 49 erhaltenen Stimmen tatsächlich einen Sitz.

Einen späteren Versuch von Rechtsradikalen sich an den Hochschulen zu etablieren, stellte 1989 die Gründung des „Republikanische Hochschulverband“ (RHV) dar, eine eigene Hochschulgruppe der Republikaner-Partei . Dieser Versuch wurde vor allem aus dem verbindungsstudentischen Milieu her unternommen. So wurde der RHV auch auf dem Verbindungshaus der Burschenschaft Danubia in München gegründet. Der RHV existierte 1989-1990 als Studentenorganisation in München, Kiel, Freiburg und zehn weiteren Städten.
Doch auch diese Gruppe versandete. Mit den Niederlagen ihrer Mutterpartei verschwand auch der RHV wieder von der Bildfläche. Nur in Marburg war er als einzelne Hochschulgruppe bis mindestens 1999 noch aktiv .

Auch lokal gab es immer wieder rechtsextreme Sammlungs-Versuche. In Tübingen gründete sich 1972 der „Hochschulring Tübinger Studenten“ (HTS). Dieser verfügt über gute Kontakte zur rechtsterroristischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“. So gelangen auch zwei HTS-Mitglieder zur Wehrsportgruppe, die später aus rechtsextremen Motiven Morde verüben. Einer davon ist der Oktoberfest-Attentäter Gundolf Köhler, der sich 1980 beim Münchner Oktoberfest vermutlich durch eine Fehlzündung in die Luft sprengt und zwölf weitere Menschen mit in den Tod reißt.
Der HTS besteht formal bis heute, dürfte aber kein aktiven Studierenden als Mitglieder haben.
Hinter dem HTS damals wie heute versteckt sich vor allem der NPD-Funktionär Axel Heinzmann aus Wannweil.
Der der letzte bekannte Auftritt des HTS war am 12.12.2003 als Heinzmann und zwei weitere (ältere) Personen mit einem antisemitischen Transparent („Weltfeind Nummer 1: USrael“) und dem Verteilen von Broschüren vor der Neuen Aula während der Weltethos-Rede von Kofi Annan auffielen.

Neueste Entwicklungen
Obwohl der NHB sich nicht mehr rührt, hat sich ersatzweise an anderer Stelle im NPD-Spektrum eine jungakademische Gruppe herausgebildet. Seit Januar 2007 existiert ein „Nationaler Bildungskreis“ (NBK), in dem sich vor allem studierende Mitglieder der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ aus Sachsen-Anhalt sammeln. Überschneidungen sollen laut dem Recherche-Magazin „Der Rechte Rand“ zu einer Schülerverbindung aus Staßfurt bestehen. Beim NBK handelt es sich um eine intellektuelle Diskussionsgruppe, die versucht Strategien zum erfolgreichen „Kampf um die Köpfe“ zu entwickeln und eine partei-interne Elitenbildung zu betreiben. Schon der NHB hatte trotz seiner geringen personalen Stärke wichtige Konzepte für die NPD und ihr Umfeld entwickelt. Nicht zuletzt das berüchtigte Konzept der „national befreiten Zone“, also der örtlichen braunen Hegemonie u.a. durchgesetzt durch Gewalt, fand sich erstmals in der NHB-Zeitschrift „Vorderste Front“.
Doch der „Nationale Bildungskreis“ ist nicht nur ein Diskussionszirkel, der z.B. Schulungs-Materialien erstellt oder Pressemitteilungen wie „Stellungnahme zu Studiengebühren – Ein ergänzender Teil in der Debatte um die Notwendigkeit zur Errichtung einer deutschen Volksgemeinschaft“ herausbringt. Der NBK hat inzwischen auch erste hochschulpolitische Gehversuche unternommen. „Studentische Interessen“ nennt sich betont-harmlos eine Wahlliste, die Bestandteil des „Nationalen Bildungskreis“ ist und Anfang Juni zu den Studentenrats-Wahlen der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg antrat. Nach einer Meldung auf der Homepage der „Jungen Nationaldemokraten“ erreichte diese Tarnliste 586 Stimmen (2,2%).

Schmissig rechts
Keinesfalls ist die Mehrheit aller Verbindungsstudenten rechtsextrem. Doch Rechte und auch Rechtsextreme sind bei einigen Studentenverbindungen akzeptiert oder gut aufgehoben.
Männliche Personen mit rechten, nationalistischen oder konservativen Einstellungen sammeln sich so in Studentenverbindungen. Je nach politischer Ausprägung und Sympathie, wird dann die Studentenverbindung eines bestimmten Dachverbandes ausgewählt. Einzelne Verbindungen gelten inzwischen als Nachwuchsschmiede für extrem rechte Kader und Funktionäre. Für jede Strömung in der Rechten gibt es eine entsprechende Studentenverbindung bzw. einen Dachverband: Für die Rechtskonservative („Wingolf“, „Coburger Convent“, „Neue Deutsche Burschenschaft“, Teile der „Deutschen Burschenschaft“), für die gemäßigt-völkische Rechte („V.V.D.St.“, Teile der „Deutsche Burschenschaft“), für die völkisch-großdeutsche Rechte („Burschenschaftliche Gemeinschaft“ innerhalb der „Deutschen Burschenschaft“, „Deutsche Hochschulgilde“) oder sogar für die neonazistische Rechte (Teile der „Burschenschaftlichen Gemeinschaft“, „Delegierten-Convent Europäischer Corporationen“) finden sich Studentenverbindungen als Treff- und Sammelpunkt. Einen Schwerpunkt bilden hierbei die Mitgliederbünde der „Deutschen Burschenschaft“, einem Dachverband, der in seinem Verbandsorgan „Burschenschaftliche Blätter“ die Oder-Neiße-Grenze zu Polen nicht anerkennt oder der deutsche Staatsbürger mit nichtweißer Hautfarbe nicht aufnimmt. Nicht ohne Grund befindet sich einige Burschenschaften derzeit im Visier des Verfassungsschutzes.
Einzelne DB-Burschenschaften gelten inzwischen als ausgemachte NPD-Kaderschmieden, andere stellen eher das Personal für den deutschnationalen Flügel der Unionsparteien.
So ist z.B. der NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel „Alter Herr“ (nichtstudierendes Mitglied) der Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen. Aus der Burschenschaft Normannia Leipzig zu Marburg war er zuvor ausgeschlossen worden, nachdem jemand mit Gansels Luftgewehr – vermutlich Gansel selbst – auf einen Hausmeister geschossen hatte. In der „Deutschen Burschenschaft“ gibt es eine größere Bandbreite, während die einen Mitglieder NPDler in ihren Reihen dulden und anziehen werden anderswo offene Verbindungen zur NPD oder anderen Rechtsextremen eher ungern gesehen.
Doch scheint das Angebot an örtlichen Studentenverbindungen manchmal nicht ausreichend genug zu sein. An verschiedenen Hochschulstandorten hat die extreme Rechte eigene Korporationen gegründet, die sich (noch) keinem Dachverband angeschlossen haben.
So greifen NPD-Aktivisten auf das Konzept von Studentenverbindungen zurück und gründen sogar, wie in Passau geschehen , eigene Studentenverbindungen als Kader- und Nachwuchsschmieden.

Generell ist festzustellen, dass sich viele Burschenschaften gerne einmal einen extrem rechten Referenten aufs Haus holen. Nie auf ihrem Semesterplan aufgetaucht, aber durch ein Foto dokumentiert , ist der Auftritt von Gerd Schultze-Rhonhof im Wintersemester 2007/08 bei der Tübinger Burschenschaft Arminia Straßburg. Der Generalmajors außer Dienst veröffentlichte 2003 ein Buch mit dem aussagekräftigen Titel „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“, in dem er an der Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg zu rütteln versucht.

Entwarnung?
Neben den, bis auf Sachsen-Anhalt, vorerst gescheiterten Versuchen von Rechtsextremen an den Hochschulen ist festzustellen, dass gefestigte Rechtsextreme studieren, ohne sich erkennen zu geben. Das mit dem Studium erworbene Wissen macht sie gefährlicher, weil sie es für ihre politischen Zwecke einsetzen. Besonders gefährlich sind braune Lehramts-und Pädagogik-Studierende, weil sie später auf Jugendliche einwirken können. Berichte über Neonazis, sie sich in Pädagogikstudiengänge eingeschrieben haben, finden sich inzwischen in Erfurt, Frankfurt/Main, Heidelberg und Karlsruhe. Allein in der inzwischen aufgelösten Kameradschaft Bergstraße (Südhessen) waren zwei Erzieherinnen und eine Lehramtsstudentin tätig. Da diese rechtsextremen Studierenden sich im Studium bewußt normal verhalten, fallen sie nicht weiter auf. Ohnehin existiert in weiten Teilen der Bevölkerung noch ein Klischeebild von Rechtsextremen in der Form eines „Bolle Bomberjacke“.
Auf der anderen Seite erhalten die extrem rechten Parteien durch studierte Aktivisten neues Potenzial. Während die DVU eine Partei der alten Männer und der kleinbürgerlichen Stammtisch-Krawaller ist, haben die NPD und die Republikaner schon immer einen gewissen Anteil an Akademikern unter ihren Funktionären. Bei der NPD ist durch die vermehrte Beteiligung von Akademikern eine gewisse Intellektualisierung eingetreten. Auch die erfolgreichsten NPD-Strategien entstammen wohl mehrheitlich studierten Köpfen. Ein deutliches Symbol dafür war, dass der neue Bundesvorsitzende der NPD-Jugendorganisation JN der Politikwissenschaftler Martin Schäfer aus Sachsen-Anhalt ist.
Doch der Erfolgszug der NPD hat aber bisher nicht die Universitäten erreicht. Organisierte extreme Rechte, egal welchen und auch ohne Couleur, sind an den Hochschule eine kleine Minderheit. Anderswo sieht es schlimmer aus. So hat in Italien jüngst in den gewählten Schüler- und Studentenparlamenten die Liste der jungen „Fiamma Tricolore“-Neofaschisten „Blocco Studentesco“ 23 Prozent der Stimmen erhalten. Sie vertritt offen anti-parlamentarische Positionen und ihr Logo, der Blitz im Kreis, war ursprünglich das Symbol der Mosley-Partei British Union of Fascists aus den 1930er Jahren.
Kein Grund zur Entwarnung. Zwar sind viele Universitäten, betrachtet man die Wahlergebnisse (nicht die Wahlbeteiligung!), eher politisch links ausgerichtet, doch hat der Grad an Politisierung und Engagement abgenommen. Das zeigen z.B. die gescheiterten Studiengebühren-Boykotte.
Im Übrigen braucht es gar keine NPD-Mitgliedschaft um Hetze zu verbreiten und Vorurteile wiederzukäuen. Immer wieder hört man davon, dass bestimmte Sprüche und Witze von Dozenten kommen. Doch von Protest dagegen hört man selten.
Auch an der Universität braucht es Mut und kritisches Bewußtsein um einen Professor zu widersprechen, wenn der meint verkünden zu müssen, dass Frauen für die Wissenschaft ungeeignet sind.

Verwendete Literatur (Auswahl):
* Der Ratten der Lüfte. Rechtsextreme Studenten sammeln sich im neugegründeten Republikanischen Hochschulverband, um Karriere bei der Schönhuber-Partei zu machen, in Spiegel Nr. 33/1989
* AntifaschistInnen aus Marburg: RHV wieder im Marburger StudentInnenparlament, in:
Antifaschistische Nachrichten Nr. 13/1999, http://www.antifaschistische-nachrichten.de/1999/13/018.shtml
* redok: Rechte Hochschul-Offensive, 28.05.2008, http://www.redok.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1126&Itemid=36
* redok: Nachwuchsförderung: NPD aktiviert sich eine Verbindung, 24.09.2007,
http://www.redok.de/index.php?option=com_content&task=view&id=822&Itemid=36

Stahlgewitter im Neckartal

Literarische Vorlieben sind generell Privatsache und sagen auch nur zum Teil etwas über politische Orientierung aus.
Trotzdem sind die Jünger der Brüder Jünger aufmerksam zu betrachten, weil es sich oft um mehr als nur eine literarische Vorliebe handeln könnte.
Ernst Jünger (1895-1998) war ein bekannter deutscher nationalistischer Literat und Schreiber.
Nach seiner Teilnahme am ersten Weltkrieg schrieb Jünger besonders 1925 bis 30 zahlreiche Artikel für nationalrevolutionäre Publikationsorgane und wurde durch seine Schreibtätigkeit zu einer Ikone der antidemokratischen Rechten und zum einem der Totengräber der Weimarer Republik.
Ein Nationalsozialist aber war Jünger nicht. Der Käferforscher, Anti-Demokrat und Kriegsromatiker Jünger lehnte den ihm von den Nationalsozialisten angebotenen Sitz im (schon gleichgeschalteten) Reichstag ab. Damit war er nicht allein. Einige rechte Vordenker aus der Weimarer Republik lehnten den Führungsanspruch des Nationalsozialismus im rechten Lager ab und sahen sich in Konkurrenz zu den Nationalsozialisten.
Genau auf diese, scheinbar unbelasteten, antidemokratischen Protagonisten und Randifiguren bezieht sich die so genannte „Neue Rechte“ in der Bundesrepublik.
Trotz seiner Abneigung gegenüber des NS tat Jünger treu seinen Dienst in der Wehrmacht.
Im Jahr 1939 wurde Jünger zur Wehrmacht eingezogen und zum Hauptmann befördert. Er wirkte im Stab des Militärbefehlshabers von Frankreich in Paris, wo er unter anderem für die Briefzensur zuständig war. Im Jahr 1942 wurde er dann in den Kaukasus geschickt.
Er wohnte seit der Nachkriegszeit im schwäbischen Wilfingen (Landkreis Biberach, Regierungsbezirk Tübingen)
Seine jugendlichen nationalrevolutionären Positionen revidierte Jünger nach Kriegsende zum Teil und neigte jetzt eher dem kulturpessimistischen Konservatismus zu.
Neben dem Literat Jünger existierte aber immer noch der Ideologe Jünger. Eine Trennung ist schwierig bis unmöglich, weil sich beide gegenseitig beeinflusst haben.
Ähnliche Probleme tauchen zum Beispiel auch bei Richard Wagner auf: Ist das bombastische germanomanische musikalische Werk Wagners wirklich von Wagners rassistischen und antisemitischen Vorstellungen zu trennen?
Wenn auch der ältere Ernst Jünger sich weniger politisch aktiv betätigte als der jüngere, so verlor er doch nie den Kontakt zur politischen Ebene.
Bis zuletzt blieb Jünger mit hohen konservativen Politikern in Kontakt. Zum Beispiel nahm er mit dem damaligen CDU-Politiker Helmut Kohl und dem französischen Staatspräsidenten Francois Mitterand 1984 in Verdun an der Ehrung der Opfer des Ersten Weltkrieges teil.
Der jüngere Jünger-Bruder Friedrich Georg Jünger (1898-1977) scheint ein ähnliche Entwicklung wie sein Bruder gemacht zu haben. Nach der Teilnahme am ersten Weltkrieg schrieb er für den rechten und republikfeindlichen Veteranenverband Stahlhelm und weitere rechtsextreme Blätter.
Mag Ernst Jünger auch seine jugendliche Schützengraben-Euphorie abgebaut haben, so behielt er doch bis zu seinem Lebensende anti-egalitäre Vorstellungen.
Jünger ist nicht ganz ohne Grund ein Idol der Rechten, insbesondere der antidemokratischen Rechten.
Der Journalist und Buchautor Andreas Speit führt ein Wichtiges Ideologem der „Neuen Rechten“ auf Jünger zurück: Den Heroischen Realismus.
Dazu schreibt Speit:
„Ernst Jünger, der >Genüssling des Barbarismus< (Thomas Mann), verbindet die Absage an die >Eiszeiten des Protestantismus, des Rationalismus und der Aufklärung< mit der Zusage zum >schicksalhaften Kampf< , dem es sich zu stellen gelte, um dieses Zeitalter zu beenden. Alles sei gerechtfertigt, solange es diesem Ziel dient. Jüngers Wille zur >totalen Diktatur< und zur >totalen Mobilmachung< wird aufgegriffen. Dabei heiligt auch bei den heutigen Anhängen der Zweck alle Mittel […].“ (b)
Genau hier liegt der Ansatzpunkt, der Ernst Jünger auch eine ideologische Gefolgschaft bescherte.
Es hat einen Grund warum das verhinderte Waffen-SS-Mitglied Armin Mohler (1920-2003) von 1949 bis 1953 Privatsekretär von Jünger war und sich im Anschluss zu DEM Vordenker der antidemokratischen Neuen Rechten etablierte. Oder warum die neurechte Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“ so oft Dinge berichtet, die in Zusammenhang mit Ernst Jünger stehen, dass man sie scherzhafterweise auch „Ernst Jüngers Freiheit“ nennen könnte.
Deswegen ist sollte man genauer hinsehen, wenn sich Fans der Jünger-Brüder treffen oder als Gruppe konstituieren.
Im Todesjahr Jüngers, 1998, wurde der „Freundeskreises der Brüder Ernst und Friedrich Jünger“ gegründet.
Über die jährlichen Treffen des Freundeskreises („Jünger-Symposium“) im Kloster Heiligkreuztal nahe Wilflingen berichtet gern auch die bereits erwähnte „Junge Freiheit“ (siehe zum Beispiel Ausgabe 15/00 oder Nr. 17/04 vom 16. April 2004).
Es handelt sich dabei zum Teil um Personen, die Jünger noch persönlich kannten. So ist zum Beispiel ein Graf von Stauffenberg Vorsitzender, der Jünger 47 Jahre in seinem Haus in Wilfingen beherbergte.
Der Freundeskreis gibt sich unpolitisch bzw. konservativ und ist anscheinend enger mit der Universität Tübingen verbunden, in deren Verlag anfangs seine Schriften erschienen.
Die letzten beiden Schriften erschienen in der Schriftenreihe „Freundeskreises“, wurden aber nicht mehr wie zuvor im Universitäts-Verlag, sondern in einem eigenen kleinen Verlag, dem „Jörg F. Hagenlocher Verlag“ herausgebracht:
+ „Wilfried Steuer, Begegnungen mit Ernst Jünger“, herausgegeben von Georg Knapp, 2001
+ „Albert von Schirnding, Begegnungen mit Ernst Jünger“, herausgegeben von Georg Knapp, 2002
Der Herausgeber Georg Knapp war im Übrigen eine Hilfskraft Jüngers.
Schon zu Jüngers Lebzeiten hatte er in Tübingen einen Hausverlag. Der Verleger Ewald Katzmann benannte seinen Tübinger Furche-Verlag sogar in Heliopolis-Verlag um, in dem Jüngers gleichnamiges Buch erschien.
In der Weimarer Zeit war Jünger anscheinend in Tübingen recht beliebt. Ein Journalist schilderte in Tübingen die „dummdreiste Arroganz der herrischen Industriellensöhne
in dem Villenviertel der Corpshäuser und Burschenschaftsheime:
[…] über Beide aber herrscht mit einer durch das Milieu dieser sonderbaren Stadt gestärkten Autorität der verbissenen Kleinstadtprofessor, der Rauschebart, und knetet den Teig zu einem völkisch-deutschnationalen Kuchen. In den Buchläden liegen breit und protzig die >Werke< des J.F. Lehmann- und des Scherl-Verlages: >In Stahlgewittern< von Jünger, Hitlers und
Ludendorffs >Memoiren< und aller von der Großstadt ausgespiene antisemitisch-teutonische Kitsch.“
(c)
Auch bei der beliebten Studierenden-Onlinegemeinde studivz findet sich für Tübingen eine Anzahl von Jünger-Anhängern. Die bei Studivz gegründete Gruppe „Ernst-Jünger-Bau Tübingen“ setzt sich für eine Umbenennung des Brechtbaus in Ernst-Jünger-Bau ein. Natürlich ist das nicht ganz ernsthaft gemeint, aber dass dem linken Literaten der rechte Literat Ernst Jünger gegenübergestellt wird, ist ernst gemeint. Bezeichnenderweise wurde als Bild der Gruppe eine Bild des jungen Jünger gewählt.
Jünger scheint sich zeit seines Lebens und auch danach in Tübingen einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen.

by R. Schwarzenberg
[07.03.2007]

ANMERKUNGEN
(a) www.juenger-haus.de/beschreibungdt.pdf
(b) Andreas Speit: Schicksal und Tiefe. Sehnsüchte der „Neuen Rechten“, in: Jean Cremet, Felix Krebs, Andreas Speit: Jenseits des Nationalismus. Ideologische Grenzgänger der „Neuen Rechten“. Ein Zwischenbericht. Hamburg/Münster, 1999, , Seite 32 und 33
(c) Berringa Schönhagen: Tübingen unterm Hakenkreuz, Tübingen 1991, Seite 37

VERWENDETE LITERATUR
Rolf Peter Sieferle: Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen, Frankurt/Main 1995, Kapitel zu Jünger

Paul Noack: Ernst Jünger. Eine Biographie, Berlin 1998, Seite 235-243