Archiv der Kategorie ' (Post-)Kolonialismus'

„Zivilisationsbruch“ Holocaust?

Als die Rote Armee im Zuge der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus die Grenzen Deutschlands erreichte, waren viele Soldaten überrascht. Wie konnte ein ‚Volk‘ mit so hübschen Vorgärten nur solche Verbrechen begehen?
Auch anderen Zeitgenoss*innen, inklusive vieler politischer Emigrant*innen aus Deutschland, schien es schwer zu fallen, zu glauben dass gerade im „Land der Dichter und Denker“ solche Verbrechen hatten geschehen können. Es war die Rede davon, dass Deutschland durch seine Taten aus dem Kreis der „zivilisierten Völker“ ausgestoßen sei.
Die Deutschen hatten also durch ihre Verbrechen scheinbar gezeigt, dass sie „Barbaren“ sind.
Doch hübsche Vorgärten und klassische Musik und Vernichtungskrieg und Shoah sind keine Gegensätze. Das zeigt sich am krassesten am Beispiel des Auschwitz-Orchesters, in dem jüdische Musiker*innen gezwungen wurden zum Gefallen des Lager-Personals aufzuspielen, immer bedroht von der Ermordung, wenn sie das Missfallen der selbst ernannten Herrenmenschen erregen sollten.
Bei der Betrachtung und Analyse der Shoah wird häufig ein Dualismus von „zivilisiert“ und „barbarisch“ konstruiert, der kaum einen Erkenntnisgewinn verspricht und aus postkolonialer Perspektive kritisch zu betrachten ist. Der Begriff „Barbaren“ existiert seit der Antike von den „Zivilisierten“, um sich abzugrenzen. Im antiken Hellas wurden mit diesem Begriff alle Menschen außerhalb des eigenen Kulturraums so benannt und das mit eindeutig abwertender Tendenz.
Auf die Massenmorde in Ruanda oder in Kambodscha werden Begriffe wie „Zivilisationsbruch“ oder „barbarisch“ nicht oder weitaus seltener angewendet. Manchmal hat man dabei den Eindruck, dass hängt auch mit einer kolonial geprägten Betrachtung dieser Länder zusammen. Von Massenmorden in einem Land in Afrika oder in Südostasien sind die Menschen im Westen kaum überrascht. Das scheint irgendwie „dazu zu gehören“. Aber das „kulturell hoch stehende“ Deutschland, da ist es etwas anderes. Komplett ignoriert wird dabei die Kolonialgeschichte Deutschlands, die mindestens 750.000 Opfer forderte. Im Reden vom „Fall in die Barbarei“ oder dem „Zivilisationsbruch“ schwingt etwas von dem Unglauben mit, dass so etwas in Deutschland und durch Deutsche möglich war.
Dabei sind Massenmorde und westliche Zivilisation sehr gut miteinander vereinbar, wie nicht nur die Shoah, sondern auch etwa die belgische Kolonialherrschaft im Kongo zeigt.
Eine Kritik am Barbarei-vs-Zivilisations-Dualismus muss aber so formuliert werden, dass man dabei aber nicht in die Beliebigkeit abrutscht. Die Shoah war in vielerlei Hinsicht einzigartig und ohne Beispiel, u.a. weil sie mit technisch modernsten Mitteln erfolgte und Menschen einfach nur auf Grund ihrer Existenz millionenfach ermordet worden. Dem weltweiten Auslöschungsversuch der jüdischen Minderheit gegenüber lag mit dem Antisemitismus eine Jahrhunderte alte Hass-Ideologie zu Grunde, die in ihrer Vielfältigkeit einzigartig ist. Nur der Antiziganismus ist ähnlich ‚kreativ‘, was die Zuschreibungen angeht.
Doch lag dem industriellen Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden keine „Entzivilisierung“ oder „Barbarisierung“ zu Grunde. Der Dualismus „zivilisiert“ und „unzivilisiert“ bzw. „barbarisch“ ist allein schon deswegen schwierig, weil er sehr kolonial geprägt ist. Hinter Begriffen wie „NS-Barbarei“ verbirgt sich auch die Frage, wie konnte eine „zivilisierte“ Nation nur so etwas tun? Da schwingt nicht selten eine Form von Kulturüberheblichkeit mit.
Aber ein technischer Fortschritt bedeutet noch lange keinen humanistischen Fortschritt. Moderne technologische Standards sind nun mal keine humanistischen. Eine Modernisierung ist ohne Liberalisierung und Demokratisierung möglich.
Auch die Kennzeichnung der Zerstörung von Kunst als „barbarisch“, etwa der Bezeichnung der NS-Bücherverbrennung als „nazistische Barbarei“, mutet zuweilen seltsam an, weil die kolonialen Raubzüge, inklusive Leichenschändungen, in Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien, deren Beute bis heute in den Museen, Archiven und Privat-Wohnzimmern des Westens zu finden ist, fast nie als „barbarisch“ gebrandmarkt wurden. Der Diebstahl von Kultgegenständen oder die Schändung von sterblichen Überresten wurde oft nicht als „unzivilisiert“ gebrandmarkt. Die offensichtlich angelegten doppelten Maßstäbe offenbaren doppelte Standards. Nur wenn westliche Kunst zerstört oder geraubt wird, ist das ein Zeichen von „Barbarei“.
Natürlich ist es sehr verständlich, dass Überlebende den Nationalsozialismus in ihrer Hilflosigkeit und Wut als „Barbarei“ oder „Zivilisationsbruch“ brandmarkten, für sie ein Wort zur Beschreibung der höchsten Eskalationsstufe.
Doch die Gegenüberstellung von „Zivilisation“ einerseits und „Barbarisierung“ andererseits hilft bei der Analyse des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen kaum weiter.

Buchkritik: „Wir lassen sie verhungern“ von Jean Ziegler

Hungergestalt mit Weihnachtsmann-Mütze
In seinem Buch „ Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“ (München, 2013) schreibt Jean Ziegler über die Spaltung der Welt in Hungernde und Satte, also über die weltweite Hungerkatastrophe und ihre Ursachen.
Der Autor war längere Zeit ein unbequemer Sonderberichterstatter bei den „United Nations“ (UN). Er hat sich dabei bis heute seine Wut und seine Empörung bewahrt und immer wieder kämpfte er gegen die Zustände auf der Welt an, die Hunger verursachen. Dafür wurde er von einigen Regierungen, wie der von den Vereinigten Staaten, als ‚Kryptokommunist‘ diffamiert. Das war zwar als Beleidigung gemeint, aber ganz falsch war das nicht, denn Ziegler bezeichnet sich laut Wikipedia selbst als Kommunisten im Sinne der Redewendung von Karl Marx „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ und sieht die Pariser Kommune von 1871 als „einzigen kommunistischen Staat, den es je gegeben hat“ an.

Die aktuelle Lage

Ziegler schreibt in seinem Buch bewusst von „Massenvernichtung“ und „Massaker des Hungers“, um zu verdeutlichen, dass der Hunger in der Welt keine Naturkatastrophe ist, sondern von Menschen verursacht. Denn Hunger ist eine politisches Katastrophe. Wenn Menschen hungern hat das viel mit Armut und den weltweiten Unterschieden in Bezug auf Reichtum zu tun. So war beispielsweise der Tageslohn eines Luxemburgers im Jahr 2000 höher als das Jahreseinkommen eines Äthiopiers. Hunger und Armut führen zu katastrophalen gesundheitlichen Folgen. In dem kleinen südafrikanischen Staat Swasiland beträgt z.B. das Durchschnittsalter 32 Jahre.
Hunger muss dabei aber nicht immer den Tod zur direkten Folge haben. Die Folgeschäden bei Hungerbabys sind körperliche und geistige Behinderungen. Laut Ziegler sind vom Hunger vor allem drei Gruppen betroffen: die arme Stadtbevölkerung, die arme Landbevölkerung und Katastrophenopfer. Zur armen Landbevölkerung gehören vor allem auch die landlose Landarbeiter/innen.

Ziegler unterscheidet allgemein zwischen Unterernährung und Mangelernährung, die er auch als „unsichtbaren Hunger“ bezeichnet. Bei Mangelernährung haben die Betroffenen oft Normalgewicht, sind aber eben trotzdem mangelernährt. Dass heißt, es fehlt ihnen z.B. an genügend Eisen, Zink, Jod und Vitaminen. Dieser Mangel hat Auswirkungen. So verliert alle vier Minuten ein Mensch sein Augenlicht durch Fehlernährung, meist ist es Vitamin-A-Mangel. Von einer Mangelernährung sind Schwangere und Kinder noch einmal besonders betroffen. Beispielsweise können in Mali nur etwa 25% der Mütter ihre Kinder ausreichend stillen.
Insgesamt ist die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren direkt oder indirekt auf eine Mangelernährung zurückzuführen. Aber bestimmte Verschärfungen können ähnliche Verhältnisse auch bei Erwachsenen hervorrufen. In den nordkoreanischen Arbeitslagern starben z.B. 40% der Insassen an Mangelernährung.

Neben dem Hunger in Form von Entkräftung gibt es auch noch spezielle Hungerkrankheiten wie Noma. Diese grausame Krankheit zerfrisst das Gesicht der Infizierten und befällt vor allem Kinder. Es gibt 140.000 Noma-Neuinfizierungen pro Jahr.

Obwohl Hunger in den westlichen Klischee-Vorstellungen vor allem mit Afrika verbunden wird, ist Indien das Land mit den meisten Hungernden. Mehr als 1/3 aller in Indien geborenen Kinder sind untergewichtig und 1/3 aller Hungernden weltweit leben in Indien. Das sind mehr schwerst und permanent unterernährte Kinder als im Subsahara-Afrika.
Neben dem Hunger findet hier in einem engen Zusammenhang damit noch eine weitere Tragödie statt. Allein von 1997 bis 2005 begingen 150.000 verarmte Bauern in Indien Selbstmord. Oft mit Hilfe von Pestizid, genau dem Stoff, der für ihre Verschuldung mitschuldig ist. Denn sie hatten sich durch den Kauf von (genmanipulierten) Saatgut und Pestiziden hoch verschuldet, ohne den versprochenen Gewinn zu machen.

Hunger betrifft zwar zum größten Teil Lateinamerika, Asien und Afrika, doch ist er auch in Europa an einigen Stellen zu finden. Im Waisenhaus von Torez in der Ukraine verhungerten laut Ziegler in den letzten drei Jahren im Jahresdurchschnitt 12 von 100 Kindern – wobei es sich meist um behinderte Kinder handelt, die nur mit Hilfe von Erwachsenen Nahrung einnehmen konnten.
Durch die Krise befördert arbeitet sich der Hunger auch an anderer Stelle nach Europa vor:

Im Mai 2012 veröffentlichte die Unicef ihren Bericht über die Lage der Kinder in Spanien. Wegen der von Bundeskanzlerin Angela Merkel der EU aufgezwungenen Austeritätspolitik reduzierte die Regierung Rajoy massiv die Sozialleistungen für 9 Millionen extrem arme Familien. Das Resultat: 2011 waren in Spanien 2,2 Millionen Kleinkinder schwerst, permanent unterernährt.

(Seite 46)

Als besonders brutales Beispiel für politisch verursachten Hunger führt Ziegler das UN-Programm „Oil for Food“ im Irak an, dass dort 1991 bis 2003 als „Diktatur des Sanktionsausschuss“ (Ziegler) herrschte. Auf Grund dieses Programms wurde die Einfuhr z.B. von Krebsmedikamenten oder Kühlgeräte (= Essen verdirbt, Hunger verbreitet sich) verweigert, weil es sich angeblich um mögliche Waffen-Bestandteile handeln könnte. Das hatte mit der Realität nur wenig zu tun, Ziegler schreibt von der „klammheimlichen Umwandlung des Programmes Oil for Food in eine Waffe zur Kollektivbestrafung des irakischen Volkes.“ (Seite 219). In der Folge starben 1996 bis 2000 550.000 irakische Kleinkinder an Unterernährung!

Die Ursachen des Hungers
Für den Autor sind vor allem drei internationale Organisationen und ihre Politik stark mitschuldig am Welthunger-Problem:

Die drei apokalyptische Reiter des Hungers sind die Organisationen WTO, IWF und, in geringerem Maße, die Weltbank.

(Seite 157)
Diese Institutionen fordern vor allem eine Totalliberalisierung aller Märkte. Das setzen sie u.a. über IWF-Strukturanpassungsprogramme durch, die häufig Bedingung für Kredite und Entwicklungs-Gelder sind. Ihre Anführer bezeichnet Ziegler deswegen als „Ayatollahs des neoliberalen Dogmas“.
Diese werden von diversen Regierungen unterstützt, u.a. auch von der US-Regierung, die sich immer wieder gegen Zieglers Engagement wandte:

Während meiner zwei Mandate als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung habe ich nacheinander vier amerikanische Botschafter am europäischen Sitz der Vereinten Nationen in Genf erlebt: Ausnahmslos haben alle vier meine Berichte und alle meine Empfehlungen heftig bekämpft.

(Seite 159)

Viele Bäuerinnen und Bauern weltweit verfügen vielerorts nur über eine dürftige Ausrüstung zur Bestellung des Landes. So gibt es beispielsweise um südlichen Afrika kaum Dünger oder Speicher-Silos für die längerfristige Aufbewahrung der Ernten.

Der Welthunger wird auch durch Oligopole massiv verstärkt. Ein Oligopol ist eine Marktform, bei der viele Nachfrager wenigen Anbietern gegenüberstehen, die sich zum Teil (illegal) in ihrer Preispolitik untereinander abstimmen. Es handelt sich de facto um Monopole mehrerer Konzerne.
So kontrollieren die 200 größten Konzerne der Agrarindustrie rund ¼ der globalen Lebensmittelerzeugung. Das mag sich noch nicht so schlimm anhören, aber Oligopole kontrollieren im zunehmenden Maße ganze Nahrungsketten. So beherrschen zehn Unternehmen 1/3 des Saagutmarktes und 80% des Pestizidmarktes, sechs Unternehmen kontrollieren 77% des Düngermarktes und sechs Unternehmen kontrollieren 85% des Welthandels mit Getreide.

Ziegler wendet sich in seinem Buch auch gegen die menschenverachtenden Ideen von Thomas Malthus (1766-1833), der von Hunger als einer Art demografischen Selbstregulierung ausging. Das ist nicht nur menschenverachtend sondern auch schlichtweg falsch, da Einkommensarme und Hungernde in Wahrheit mehr Kinder bekommen, u.a. weil sie die einzige Altersabsicherung darstellen. Malthus Theorien blieben auch lange nach seinem Tod, nämlich etwa bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, wirkmächtig.

Als einen weiteren Grund für die Verschärfung des Welthungers benennt Ziegler den Anbau von Bio-Kraftstoffen auf Anbauflächen für Nahrung:

Wer auf einem Planeten, auf dem alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert, Anbauflächen für Nahrung ihrem Zweck entfremdet und Lebensmittel als Kraftstoff verbrennt, begeht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

(Seite 254)
Das ‚Bio‘ vor dem ‚-Kraftstoff‘ meint aber lediglich, dass organische Stoffe verwendet werden, hat also mit der Herstellungsweise nichts zu tun. Bio-Kraftstoffe werden gerne als angebliche Wunderwaffe gegen den Klimawandel verkauft. Dabei braucht die Herstellung von einem Liter Bioethanol 4.000 Liter Wasser.

Lösungsansätze
Ziegler plädiert insgesamt für eine humanistische Sicht auf das Welthunger-Problem:

Das Bewusstsein von der Identität aller Menschen ist die Grundlage für das Recht auf Nahrung. Nur der Zufall der Geburt trennt uns von den Opfern.

(Seite 103)

Die bisherigen Ansätze zur Problemlösung verfangen trotz des guten Willens kaum, weil nur wenige Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. So ist das „World Food Programm“ (WFP) mit Sitz in Rom für die Bekämpfung des konjunkturellen Hunger zuständig, hat das „Recht auf Nahrung“ auf seine Agenda gesetzt, betreibt aber im Grunde nur eine Art Armutsverwaltung. Beispielsweise finanzierte das WFP in einigen Ländern Schulessen. Das Angebot von kostenlosen Essen an den Schulen führt u.a. dazu das Eltern ihre Kinder in die Schule schicken. Diese Maßnahme kostet pro Kopf etwa 50 Dollar pro Jahr. Im Jahr 2009 versorgte das WFP 22 Millionen Kindern in 70 Ländern mit Mahlzeiten im Wert von 460 Millionen Dollar. Als die Hilfsgelder an das WFP halbiert wurden, mussten auch viele die Schulspeisungen eingestellt werden.

Die Welternährungsorganisation FAO ist eigentlich für strukturellen Hunger zuständig. Sie wurde aber bewusst finanziell ausgetrocknet, so dass 70% ihres Budgets für Gehälter draufgeht. Ziegler verteidigt aber diese Institution, die durch Monitoring den Welthunger dokumentiert und damit den Ansatz für Analysen und Verbesserungen liefern würde.

Letztendlich ist das Privateigentum an Produktionsmitteln eine echte ‚Massenvernichtungswaffe‘, nicht vom Willen seiner Besitzer/innen, aber vom Effekt her. Nur dessen Abschaffung würde auch helfen den Hunger mit seinen Wurzeln zu besiegen. Selbst wenn das erst einmal nicht möglich ist, so wäre es durch eine Erhöhung der Etats des WFP und der FAO möglich ihn zumindest massiv einzudämmen.

Kritik an Zieglers Buch
Leider muss auch in Teilen eine Kritik an dem engagierten Buch von Ziegler geübt werden. So ist seine einseitig antiisraelische Haltung deutlich sichtbar. In einem eigenen Kapitel mit der tendenziösen Überschrift „Das Getto von Gaza“ beschreibt er sehr undifferenziert die Lage im Gaza-Streifen, den er auch als „Freiluftgefängnis“ bezeichnet. Generell hat er mit vielem nicht unrecht, aber er sagt zu wenig und verzerrt dadurch die Perspektive. Warum Israel den Gaza-Streifen isoliert, wird an keiner Stelle erwähnt. Ebensowenig, wie dass der Gaza-Streifen auch eine Grenze zu Ägypten besitzt und somit Israel für eine vollständige Blockade gar nicht verantwortlich sein kann. Der israelische Militäreinsatz auf den Gaza-Streifen im Jahr 2008 wird erwähnt, aber nicht das Raketen-Bombardement auf israelisches Gebiet, was ihm vorausging. Dass die Palästinenser/innen von einer selbst gewählten Regierung aus der korrupten PLO (Westjordanland) oder der islamistischen Hamas (Gaza) beherrscht werden und Gaza nicht mehr unter unmittelbarer Besatzung der Israelis steht, wird ebenso als Wissen vorausgesetzt. Dass besonders die Hamas bei dem Gaza-Krieg 2008, der viele zivile Todesopfer forderte, sich häufig hinter der Zivilbevölkerung verschanzte, wird auch nirgendwo erwähnt. So besticht das Kapitel zum Gaza-Streifen in dem Buch durch eine Einseitigkeit zuungunsten Israels.

Das vor allem der Profitgier und Neoliberalismus für den Welthunger verantwortlich sein sollen, ist eine These von Ziegler, die kritisch hinterfragt werden muss. An manchen Stellen hört es sich an, als ob am Hunger nur Spekulant/innen und korrupte Regierungen schuld seien:

Von den Kraken der Agrarindustrie sagt Joao Pedro Stedile: »Ihr Ziel ist es nicht, Lebensmittel zu erzeugen, sondern Waren, um Geld zu erzeugen«

(Seite 141-42)

Wirklich schuld an dieser Situation sind die Spekulanten – die Manager der Hedge Fonds, die noblen Großbankiers und andere Raubritter des globalisierten Finanzkapitals –, die aus Profitsucht und persönlichen Gewinnstreben, aber auch einer gehörigen Portion Zynismus das Weltfinanzsystem ruiniert und Vermögenswerte in Höhe von vielen Hundert Milliarden Euro vernichtet haben.

(Seite 198)
Natürlich hat auch die Spekulation mit Nahrungsmitteln eine Verstärkung des Hungers zur Folge. Dabei werden Nahrungsmittel wie andere Marktprodukte auch behandelt. Ziegler kritisiert durchaus richtig die neoliberale Radikalisierung des Kapitalismus. Es gibt aber eine reaktionäre und eine gerechtfertige Kritik an Spekulanten. Die gerechtfertigte erwähnt, dass Spekulationen untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden, dessen legitime Kinder sie sind. Das vergisst Ziegler manchmal zu erwähnen.
Falsch ist sicher auch Zieglers Ansatz, das Problem für ein Charakterproblem zu halten:

Indem wir zunächst einmal gegen den Sittenverfall der Führungseliten in vielen Ländern der südlichen Hemisphäre kämpfen – gegen ihre Bestechlichkeit und die Besessenheit, mit der sie festhalten an der Macht ihrer Positionen und der Aussicht auf die Reichtümer, die diese ihnen versprechen.

(Seite 303)

Festzuhalten bleibt: Kapitalismus ist generell gewinn- und nicht bedürfnisorientiert. Auch gab es bereits vor dem globalen Siegeszug des Neoliberalismus weltweit immer wieder Millionen Hungertote. Hier ein paar Beispiele aus der ‚Welt-Geschichte des Hungers‘:
* 1840: In Irland verhungern 1840 etwa 1 Million Menschen.
* 1876-1900: Von 1876 bis 1900 sollen in China 40 Millionen Menschen verhungert sein.
* 1896/97 und 1899/1900: Hungersnöte ausgehend von Zentralindien fordern 6,1 bis 19 Millionen Tote in Indien.
* 1914-18: 70.000 von 140.000 Psychiatrie-Patient/innen verhungern im Ersten Weltkrieg in Deutschland durch Einsparmaßnahmen.
* 1918: Im Jahr 1918 verhungerten in Deutschland infolge des Weltkriegs ungefähr 800.000 Menschen.
* 1943-44: Durch den Zweiten Weltkrieg werden die Reislieferungen von der britischen Kolonie Burma in die britische Kolonie Indien unterbrochen. Unter anderem hatten die Kolonialherren die Kornspeicher geleert und die Ernten für die britischen Streitkräfte konfisziert, die die japanischen Truppen in Burma und auf anderen asiatischen Kriegsschauplätzen bekämpften. Das führt in Bengalen zu einer Hungersnot mit 2 bis 4 Millionen Toten.
* Insgesamt waren 1/3 aller Toten im Zweiten Weltkrieg Hungertote.

Zudem gibt es auch Faktoren, die zur Verstärkung des Hungers führen, die nichts mit dem Neoliberalismus zu tun haben. Hunger wird z.B. verstärkt durch das Patriarchat und traditionelle Herrschaftsstrukturen (z.B. das Kastensystem). An einer Stelle präsentiert Ziegler selbst ein erschütterndes Beispiel dafür:

Dazu muss man wissen, dass Frauen in den ländlichen Gebieten Asiens und Afrikas eine dauerhafte Diskriminierung erleiden, die mit ihrer Unterernährung zusammenhängt; in bestimmten Gesellschaften der Sudan-Sahelzone und Somalias bekommen Frauen und Mädchen nur die Reste, die die Männer und Jungen bei ihren Mahlzeiten übriglassen.
Die gleiche Benachteiligung erfahren alle Kleinkinder. Noch schlimmer ist die Diskriminierung von Witwen beziehungsweise Zweit- und Drittfrauen. […] Bei den somalischen Nomaden rühren die Frauen die Hirseschüssel oder das gegrillte Hammelfleisch nicht an, bevor die Männer ihre Mahlzeit beendet haben. Die Männer bedien sich, dann sind die Jungen an der Reihe. Erst wenn die Männer mit ihren Söhnen den Raum verlassen haben, nähern sich die Frauen der Matte mit den Schüsseln, die noch einige Reisbällchen enthalten, ein bisschen Weizen, einen Fetzen Fleisch, den die Männer übriggelassen haben. Wenn die Schüsseln leer sind, bekommen die Frauen und Mädchen nichts zu essen.

(Seite 47-48)

Auch die Präsentation des Programms „Food for Work“ (Seite 183) durch den Autor als Teil der Lösung ist zu kritisieren. Denn in dem Programm werden lediglich arbeitsfähige Hungeropfer in Naturalien, sprich Essen, für Arbeit entlohnt. Damit wird Essen als Bezahlung verwendet und damit zu einer Ware. Eine Logik die Ziegler an anderer Stelle kritisiert, hier aber seltsamerweise nicht hinterfragt.

Fazit: Menschen verhungern, ohne es zu müssen
Das Buch von Ziegler macht wütend und das soll es auch machen. Denn weltweit sterben Millionen von Menschen, ohne es zu müssen. Durch seinen journalistischen Stil bringt das Buch einem die Lage in den Hungergebieten dieser Welt näher. Der Autor war vor Ort und berichtet authentisch.
Auch wenn das Buch an einigen Stellen undifferenziert ist (Gaza-Kapitel), so sollte das nicht unbedingt von einem Kauf abhalten, denn an anderer Stelle liefert es dafür umso mehr Informationen. Diese kommen von einem Insider, der aus der UN-Bürokratie kommt und berichten kann, was sich hinter den Kulissen abspielt.

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2013.

Deutsche Rechte erobern sich einen Platz an der Sonne

Die extreme deutsche Rechte sieht anders als in anderen Ländern sicher nicht den deutschen Kolonialismus als ihr Hauptthema. Viel mehr widmet man sich lieber dem Gebiet jenseits von Oder und Neiße, was viele Kameraden so gern „heim ins Reich“ holen möchten.
Aber manchmal tauchen die ehemaligen deutschen Kolonialismus doch auf. Ob es um eine Art von Kolonialgeschichtsrevisionismus und Leugnung des Völkermordcharakters der Aufstandsniederschlagungen in den Kolonien geht, um Kolonialrealtivismus oder um Kolonialnostalgie. Im Kontrast dazu sieht sich die deutschnationale Rechte oft selbst im antikolonialen Befreiungskampf seit 1945 bzw. seit der Christianisierung Europas.
Zu Zeiten der Apartheid solidarisierte man sich natürlich noch ausgiebig mit dem weißen Minderheitsregime Südafrikas oder Südrhodesiens (heute: Simbabwe). Institutionalisiert war diese Solidarität damals in der „Hilfsgemeinschaft Südliches Afrika“ (HSA). Bis heute gibt es noch Fahrten zu weißen Gesinnungsgenossen in Südafrika, um dort ausgiebig dem gemeinsamen Chauvinismus zu huldigen.
Ab und zu wird von den deutschnationalen Rechten auch die deutschsprachige Minderheit in Namibia erwähnt.
Trotzdem wird allgemein eher auf Südtirol (Italien) als das ehemalige „Deutsch-Südwest“ (Namibia) geschielt. Von der Etsch bis an den Belt eben und nicht von der Etsch bis an den Sambesi.
Thor-steinar-Ostafrika
Beim rechten Design-Modelabel „Thor-Steinar“ finden sich neuerdings in der Kollektion auch Kleidungsstücke mit dem großen Aufdruck „Ostafrika-Expedition“ (a) und darunter in klein den Schriftzug „Thor-Steinar-Expedition 1888“, ähnliches gibt es auch mit dem Aufdruck „Deutsch-Südwest“ (b). Das Ganze soll wohl nicht ganz ernst gemeint die Expansionsgelüste der selbsternannten „Herrenmenschen“ verdeutlichen und die blutige Kolonialgeschichte Deutschlands relativieren.
Nicht rechtsextrem aber doch ultrarechts ist der „Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen/Freunde der früheren deutschen Schutzgebiete e.V.“ mit Sitz in Emden.
Zu diesem gab es einen Artikel in der vorletzten Ausgabe der sehr lesenswerten Freiburger Zeitschrift „iz3w“ (www.iz3w.org).

Es folgt ein Leserbrief von mir zu diesem Artikel, der in der neuen Ausgabe der iz3w Jan/Febr 2007, Seite 44, abgedruckt wurde:
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Leserbrief zu dem Artikel „Eine schöne Erinnerung“, in: iz3w Nr. 297 November/Dezember 2006
Endlich mal wieder ein kritischer Artikel über das Tun und Treiben des „Traditionsverbandes ehemaliger Schutz- und Überseetruppen/Freunde der früheren deutschen Schutzgebiete e.V.“.
Gut wird in dem Artikel „Eine schöne Erinnerung“ von Jannntje Böhlke-Itzen und Joachim Zeller gezeigt wie es dem „Traditionsverband“ gelungen ist besonders im Internet seine verharmlosende, nostalgische bis verfälschende Sicht auf die Kolonialherrschaft zu verbreiten.
Schade aber ist, dass die Autoren sich nicht dazu entschließen können, den „Traditionsverband“ als ultrarechts oder extrem rechts zu bezeichnen, sondern ihn nur als „rechts“ bezeichnen. Selbst der neofaschistische Verleger Gerd Sudholt, dessen Verlage regelmäßig in Verfassungsschutzberichten Erwähnung finden, wird nur als rechts bezeichnet. Als rechts bezeichnen sich aber auch weite Teile der CDU/CSU.
Das der Traditionsverband aber extrem rechts einzuordnen ist, zeigen weitere Verbindungen ins rechtsextreme Lager, die von den Autoren im Artikel nicht oder nur unzureichend erwähnt wurden:
+ Der „Traditionsverband“-Funktionär Werner Haupt (Bad Sachsa) übersetzte die Erinnerungen von Emilio Estaban-Infantes, des Führers der spanischen faschistischen Blauen Division im II. Weltkrieg. (c)
+ Der Geschäftsführer des „Traditionsverbandes, Dr. Kfm. Hermann Mietz aus Emden gründete Ende der 70er Jahre nicht nur die „Nationale Jugend Ostfriesland (NJO)“, er referierte 1998 auch zum 22. Südafrika-Seminar des (Pro-Apartheids-)„Hilfskomitee Südliches Afrika“ (HSA) in Coburg und dem extrem rechten „Studentenbund Schlesien (SBS)“, außerdem war er neben der NJO auch Funktionär beim Bund Heimattreuer Jugend (BHJ). (d)
+ Der ehemalige erste Vorsitzender des Verbandes, Oberst a.D. Eberhard Schoepfer, hat nicht nur als junger Offizier in „Deutsch-Südwestafrika“ gedient er wurde im 3. Reich auch zum Ritterkreuzträger gekürt. (d)
+ Häufiger Gast des Verbandes war Marie Adelheid Prinzessin Reuß zur Lippe. Sie war Mitarbeiterin des persönlichen Stabes des NS-Reichsbauernführers Darre, Trägerin der Goldenen Ehrennadel der Hitler-Jugend und später eine enge Weggefährtin des notorischen Holocaust-Leugners Thies Christophersen. (d)
+ Der noch 1992 amtierende 2. Vorsitzende des Traditionsverbandes Dr. jur. Klaus Goebel, ein Münchener Rechtsanwalt, war im März 1991, gemeinsam mit dem Hamburger Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger, juristischer Berater bei dem von dem Neofaschisten Ewald Althans und dessen „Deutschen Jugend-Bildungswerk“ organisierten geschichts-revisionistischen „Leuchter-Kongreß“ in München. (d)

Schade auch, dass nicht erwähnt wurde, dass das Mitglied Kai-Uwe von Hassel (+1997), der CDU-Spitzenpolitiker und ehemaliger Bundestagspräsident, im 3. Reich an Planungen für ein mittel-afrikanisches Kolonialreich der Nazis beteiligt war. (c)
Der Traditionsverband ist wie der ehemalige Freikorps-Verband „Bund Oberland“ ein Beispiel dafür, dass ursprüngliche Veteranenorganisationen auch nach dem Ableben der „Erlebnis“generation weiterexistieren können.
Das lässt auch ahnen, dass nicht alle deutschen Veteranenorganisationen des zweite Weltkriegs – von der Waffen-SS bis zur Kriegsmarine – demnächst einfach verschwinden werden. Ideologische Nachfahren werden wohl einige Gruppe weiter betreiben und deren Geschichts(zerr)bild auch weiterhin verbreiten.
Mit einigen dieser Gruppen teilt der „Traditionsverband“ bereits die Mitgliedschaft in einer Dachorganisation. So wird in einer Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Petra Pau, Ulla Jelpke, Heidi Lippmann und der Fraktion der PDS vom 17.10.2000 der Traditionsverband in einem Verzeichnis der Mitgliedsverbände des extrem rechten „Ring Deutscher Soldatenverbände“ (RDS) vom Herbst 1999 aufgeführt.
Neben den anderen Mitgliedern des RDS wie dem „Stahlhelm-Kampfbund für Europa“ und der „Traditionsgemeinschaft >Panzerkorps Großdeutschland<“ nimmt sich der „Traditionsverband“ allerdings noch geradezu gemäßigt aus.

by R. Schwarzenberg

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by R. Schwarzenberg
[22.12.2006]

ANMERKUNGEN
(a) http://www.thorsteinar.de/product_info.php/info/p1339_T-Shirt-Ostafrika.html
(b) http://www.thorsteinar.de/product_info.php/info/p1327_T-Shirt-Suedwest.html
(c) Jean Cremet: Koloniale Sehnsüchte nach „Traumland Südwest“: „Heia Safari“, in: BnR-Ausgabe 02/1997
(d) Anton Maegerle: Kolonialgeschichtler. Ein Verein mit Kontakten ins extrem rechte Lager will die Erinnerung an die deutsche Kolonialzeit wach halten, in: BnR-Ausgabe 24/1999

Subhas Chandra Bose: Des Teufels General

Viele Kinder, deren Eltern aktiv in den Nationalsozialismus verstrickt waren, verspüren das seltsame Bedürfnis ihre Eltern entlasten und verteidigen zu müssen. Als gelte es zu beweisen, dass diese nicht böse und damit auch außerstande waren „das böse Gen“ an ihre Nachkommen weiterzugeben.
So erfahren wir von den Speer-Sprößlingen, dass der Vater lediglich ein Künstler war und das „Onkel Hitler“ gerne Mickymaus-Filme anschaute.
Anita Pfaff (*1942), Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete, macht anscheinend bei solcherlei Familien-Geschichts-Relativierung keine Ausnahme. Das obwohl Frau Pfaff ihren Vater nie bewusst kennen lernte. Denn Frau Pfaffs Vater, der Indische Freiheitskämpfer Subhas Chandra Bose (1897-1945), fuhr kurz nach ihrer Geburt nach Japan um dort, protegiert vom aggressiv imperialistischen Japanischen Reich, zu versuchen in der britischen Kolonie Indien einzumarschieren.
Doch Bose ging nicht nur ein Bündnis mit der expansionistischen Großmacht Japan ein.
Vorher arbeitete er bereits mit dem nationalsozialistischen Deutschland auf das Engste zusammen.
Schon früh liebäugelte Bose, genannt Netaji („Führer“), mit totalitären und autokratischen Regierungen in Europa.
Bereits während seiner früheren Europa-Aufenthalte 1933 bis 1936 hatte Bose in den undemokratischen Regimes von Italien, Österreich und Deutschland Kontakt zu Mitarbeitern (L. Martin: 10) des Auswärtigen Amtes aufgenommen. Schon zu dieser Zeit entwickelte er Sympathien für den faschistischen Diktator Mussolini und trat mit diesem in Kontakt (ebenda). Ein Termin mit Hitler kam trotz Boses Bemühungen nicht zustande.
In einem 1934 verfassten Buch („The Indian Struggle“) propagiert Bose eine Mischung aus Sozialismus und Faschismus und – damit verbunden – Militarismus und Wehrhaftigkeit der Jugend in Form einer militärischen Ausbildung (ebenda), war also durchaus vom Faschismus beeinflußt. Später relativierte Bose zwar wieder diese Forderung, aber eine geistige Nähe zum Faschismus blieb (ebenda). Die Schuld für den von Italien ausgehenden Eroberungskrieg in Äthiopien gab er beispielsweise den Briten (ebenda). Boses späteres Bündnis mit den Achsenmächten Italien, Deutschland und Japan war mehr als ein reines Zweckbündnis.
Im Dezember des Jahres 1938 traf sich Bose zu Gesprächen mit deutschen Regierungs-Vertretern in Bombay (L. Martin: 11).
Ein Jahr später sprach sich Bose „vom Standpunkt des nationalen Selbstinteresses“ (nach L. Martin: 11) gegen eine Aufnahme der verfolgten Juden in Indien aus.
In einem Artikel im März 1940 äußerte sich Bose bewundernd über den Nationalsozialismus (ebenda). Ein Rassist aber war Bose nie, er beschwerte sich sogar über die Diskriminierung von Indern in Deutschland (L. Günther: 21). Allerdings auch nur über diese.
Bose flüchtete im Frühjahr 1941 aus seinem britischen Hausarrest in Indien nach Berlin. Hier beteiligte er sich mit deutscher Genehmigung und Hilfe an anti-britischer Propaganda und dem Aufbau einer indischen Einheit, zumeist aus gefangen genommenen britisch-indischen Kolonialsoldaten. Diese Einheit sollte sich bei der Eroberung Indiens nach dem Vorstoß der Wehrmacht über den Kaukasus beteiligen. Diesen Bemühungen lagen reale machtpolitische Überlegungen zu Grunde, es ging den Nationalsozialisten nämlich darum den strategisch wichtigen Rohstoff- und auch Soldatennachschub (besonders Gurkhas aus Nepal) für Großbritannien aus Indien abzuschneiden.
Am 27. Mai 1942 erhielt Bose sogar eine Audienz bei Hitler.
Himmler&Bose
BILD: Himmler und Bose im Gespräch
Die in Deutschland von bzw. mit Bose angeworbene militärische Einheit verblieb auch nach dessen Fahrt nach Japan in Deutschland. Sie war nicht nur auf Bose, sondern auch auf Hitler eingeschworen. Zuerst der Wehrmacht unterstellt wurde sie später ein Teil der Waffen-SS und war an Kriegsverbrechen im besetzten Frankreich beteiligt.
Auch im Machtbereich des japanischen Kaiserreiches baute Bose eine Kollaborations-Einheit auf, die auf den Seiten der Japaner kämpfte. Während die japanische Kolonialmacht also in Korea und China wütet tragen Boses Truppen (80.000 Mann), so erfolglos sie militärisch auch waren, dazu bei den Krieg zu verlängern und die Japaner zu entlasten.
Ghandi und Nehru, die anderen großen Ikonen des indischen Freiheitskampfes zeigten mit ihrer Absage an ein Bündnis mit den Achsenmächte klar, dass es auch anders ging. Sie erkannten den Unterschied zwischen dem liberalen und (im Ursprungsland) demokratischen Imperialismus Englands und dem totalitären Faschismus Großbritanniens und handelten danach (L. Martin: 12). Die beiden dürften sich keine Illusionen gemacht haben und in Japan und Deutschland nur einen anderen zukünftigen Kolonialherren, nicht aber einen selbstlosen Unterstützer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, gesehen haben. Letzteres dürfte auch Bose durchaus bewusst gewesen sein. Schließlich protestierte er auch gegen einen Absatz von Hitlers „Mein Kampf“, weil diese den Engländern Indien zusprach. Trotzdem wurde Bose auch aus opportunistischen Erwägungen zu einem „Freiheitskämpfer“ von Deutschlands und Japans Gnaden.
Wie sehr Bose seinen Unterstützern untertänig war zeigt sich auch daran, dass er im Oktober 1943 nicht nur den Krieg gegen England, sondern auch gegen die USA, erklärte, obwohl diese um die indischen Unabhängigkeit kaum etwas zu tun hatte.
Boses, durchaus begründeter, doch blinder und grenzenloser Hass auf England trieb ihn dazu sich mit den destruktiven Kräften der Barbarei einzulassen. Er war auf eigenen Willen des Teufels General. Kein Wunder, dass da die ultrarechte Wochenpostille einen Jubel-Artikel auf Bose verfasste (a).
Dies zu verschweigen, zu verharmlosen und zu relativieren geschieht, wenn man eine Veranstaltung zu Bose mit dem Titel „“Subhas Chandra Bose“ Ein moderner und weitsichtiger Politiker der indischen Unabhängigkeitskämpfe“ (b) anbietet, wie es Frau Pfaff am 22. Juni 19 Uhr an der Universität München in einem Seminar anscheinend tat. Der Titel lässt schon erkennen, dass man hier mit einem sehr selektiven Blick auf Bose dessen Rolle in der Geschichte positivieren will.
Zudem darf man, auch mit Blick auf frühere Aussagen Frau Pfaffs zu ihrem Vater, ihre notwendige wissenschaftliche Objektivität und Distanz zu dem Forschungsgegenstand stark anzweifeln. Hier wird das Private zum Politischen gemacht.

by R. Schwarzenberg
[29.11.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Siehe: Thomas Hartenfels: Der dritte Mann, in: Junge Freiheit, 28/03 04. Juli 2003; http://www.jf-archiv.de/archiv03/283yy52.htm
(b) Siehe: http://www.fs.lmu.de/indologie/termine/sb, eingesehen am 10.06.2006

VERWENDETE LITERATUR:

Robert Deininger: Mit Gandhi hatte er ein Ziel, aber den anderen Weg, in: Augsburger Volkszeitung vom 19. August 2000
www.uk-muenchen.de/berichte/reportagen_bose.htm

Urmila Goel: Die indische Legion. Ein Stück deutsche Geschichte, 2003;
www.urmila.de/UDG/Biblio/legion.html

Lothar Günther: Von Indien nach Annaburg, Berlin 2003, u.a. Seite 9-26
(sehr unkritischer Beitrag zu Bose)

Jan Kuhlmann: Subhas Chandra Bose und die Indienpolitik der Achsenmächte, 2006, S. 227 – 229

Lou Martin: Der Feind des Feindes, in: iz3w Nr. 291 – März 2006, Seite 10-13

Selina Nayyar: Netaji Subhas Chandra Bose – „Jai Hind!“, 3/2004;
www.indien-netzwerk.de/navigation/landleute/artikel/netaji-deu.htm

Recherche International e.V.: „Unsere Opfer zählen nicht“ – die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, Berlin/Hamburg 2005, Seite 255-60 und 269-74

Jochen Reinert: „“Netaji“ Boses Pakt mit dem Teufel“, erschienen in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ in der Ausgabe vom 16. Juli 2003;
www.suedasien.net/themen/geschichte/netaji_bose.htm

Frank V. Seidel: Die Kollaboration, Herbig-Verlag, Berlin 1995, Seite 263-68

Hilfe die Deutschen kommen!

Am 20. September habe ich mir auf SAT.1 den fünften Teil von sechs Folgen, der seit dem 23. August laufenden, „Doku-Soap“ „Wie die Wilden – Deutsche im Busch“ (21.15-22.15 Uhr) angesehen.
Das Format nennt sich zwar „Doku-Soap“, aber ehrlicher ist die Einordnung auf der Homepage von SAT.1 in der Kategorie „comedy_show“ (a).
Allein der Titel der Sendung ließ schon auf einen konstruierten Gegensatz Busch/Wildnis/Wilde – Zivilisation/Kultur/Deutsche schließen.
Drei Mittelschichts-Familien aus Deutschland wurden für die Serie für einige Zeit in indigenen Kulturen in den Ländern Togo, Namibia und auf der Insel Siberut vor Sumatra (Indonesien) untergebracht.
Familie Düvel wurde bei den Himba in Namibia, die Familie Fröhlich bei den Tambermas in Togo und die Familie Sauerzapf-Koch bei den Mentawai in Indonesien untergebracht.
Ziel dieses seltsamen Experimentes war es angeblich, dass die Familie in den „Stamm“ aufgenommen wird („Stamm“ ist dabei der üblich kolonial-eurozentrische Begriff für Ethnien und Völker in Afrika.).
Interessant war, dass zwei von drei Familien in zwei Ländern untergebracht wurden, die früher deutsche Kolonien („Schutzgebiete“) waren. Ein seltsamer Zufall ….
Das in Togo gerade, also zu Zeiten der Dreharbeiten, eine ziemlich blutige Diktatur herrscht scheint auch nicht sonderlich gestört zu haben. Damit liegt Sat.1 aber nur auf bundespolitischer Linie, die ja auch Flüchtlinge gnadenlos in das westafrikanische Land abschiebt.
Es wurden für diese „Doku-Soap“ im Übrigen nur indigene Kulturen ausgewählt, deren Frauen – zumindest für das Fernsehen – barbusig auftraten. Das kleine Volk der Himba ist deswegen schon früher das Ziel von TV-Dokus gewesen. Bei den hart auf Einschaltquoten rechnenden TV-Funktionären ist es sicher kein Zufall, vielmehr wird auch die Geilheit des männlichen TV-Publikums bedient. Das hat auch seine koloniale Entsprechung in Pseudo-Völkerkundlichen Studien für den kleinen Mann mit einer Menge Abbildungen von barbusigen „Wilden“.
Leider bin ich kein Kenner der Kulturen dieser Länder, aber mir erscheint es vor allem in Hinblick auf die Arbeitsweise der Medien, nicht unwahrscheinlich, dass einiges vor Ort erst auf wild getrimmt wurde. Ob die Tambermas in Togo wirklich immer im Alltag solche Hörnerhelme tragen? Ob alle Angehörige der drei indigenen Kulturen immer im Lendenschurz herumlaufen und nie mit einem T-Shirt? Die Vermutung liegt nahe, dass hier die Fernseh-Leute im Vornherein eine Bereinigung vorgenommen und alles auf Wilderness gestylt haben, bzw. was sie dafür hielten.
Auch bei den Übersetzungen bin ich misstrauisch. Einige Kommentare der „Wilden“ waren doch sehr klischeehaft.
Das ist übrigens nichts Neues. Schon frühe Tibet-Touristen um 1900 hatten die örtlichen Lamas angewiesen ihre halbmondförmigen Mützen für das Fotopublikum in der Heimat wie ein Bockshorn aufzusetzen, obwohl sie eigentlich anders herum getragen werden.
Da es sich bei den Familien nicht um erfahrene EthnologInnen mit dem entsprechenden Einfühlungsvermögen handelte, kam es zu einer Reihe von Konflikten und Problemen. Genau diese waren das Mittel, um Zuschauer für dieses Machwerk zu interessieren.
Eine Familie von vier oder fünf Weißdeutschen wird ihn eine Ihnen fremde Kultur gesteckt, deren Sprache sie nicht kennt und man braucht nur noch auf die Konflikte warten.
Der Höhepunkt für den Zuschauer der fünften Folge war wahrscheinlich, als die Tambermas in Togo einen Hund opfern wollte. Ob das nur für das Fernsehen so gemacht werden sollte oder so üblich ist, ist mir leider unbekannt.
Der Konflikt wurde jedenfalls so gelöst, dass die deutschen Bambie-Tierschützer („Wir schützen nur, was niedlich ist“) sich darauf einigten, dass eine geopferte Ziege ok sei.
Kaum überraschend sorgten auch die unterschiedlichen Eßgewohnheiten für Konflikte. Die bemitleidenswerten Kinder der Familien reagierten automatisch mit Ekel auf das Essen und waren auch sonst sehr renitent. Kaum verwunderlich, sie waren ganz offensichtlich nicht freiwillig mitgekommen, sondern von ihren Hippie-Eltern auf exhibitionistischen Selbsterfahrungstrip mitgepresst worden. Das Kind der Sauerzapf-Kochs hatte die, wahrscheinlich nicht ganz unbegründete Angst, zurück in bundesrepublikanischen Gefilden wegen seines Vaters mit Winnetou-Komplex im Lendenschurz zum Gespött der Klasse zu werden.
Vollkommen schwachsinnig wurde es, als sich Oberstudienrat Heinz gegenüber den Himba standhaft weigerte ein Kleid anzuziehen, weil er dann für „homosexuell“ (ganz korrekt, nicht etwa schwul, schwuchtelig oder weibisch) gehalten werden könnte.
Insgesamt ein übler Ethno-Kitsch mit oberflächlicher Toleranz und untergründigen Anklängen von Herrenmenschen-Mentalität, weil immer im Hintergrund schwebte „Gott wie DIE leben“ oder eben „Wie die Wilden“.
Genau deswegen wird das Format der Sendung unter anderem von der Namibischen Botschaft und der Gesellschaft für afrikanische Philosophie stark kritisiert.
Ein Dr. Roger Schawinski schreibt sogar die Serie verstoße gegen die Menschenwürde nach Art. 1 GG (b), denn „gemäß § 16 LMG und § 41 RStV haben die Rundfunkprogramme die Würde des Menschen zu achten. Nach ständiger Rechtsprechung ist mit der Menschenwürde der soziale Wert und Achtungsanspruch des Menschen verbunden, der es verbietet, den Menschen seiner Subjektqualität zu entkleiden und zum bloßen Objekt zu degradieren.“ (b)
Weiter führt Schawinski aus: „Anders als bei Sendungen wie Big Brother kann hier das Argument der Freiwilligkeit und des Selbstbestimmungsrechts wohl kaum herangezogen werden, da die Betroffenen die Verwertung des Filmmaterials und die damit verbundene negative Konnotation sowie die Herabwürdigung ihrer selbst, ihrer Lebensumstände, ihrer sittlichen Auffassungen und ihrer Kultur weder voraussehen konnten, noch darüber aufgeklärt wurden.“ (b)
Emporgehoben und vollkommen unkritisch aufgenommen hingegen wurde die Sendung vom SPIEGEL, da heißt es: „Deutsche in Afrika: Wer jetzt an Kolonialherrenstolz oder Dschungelcamp-Zynismus denkt, liegt falsch.“ (c) und eine Unterzeile des SPIEGEL-Artikel lautet sogar „Entdeckung des Fremdkörpers“ (c). Im Fazit heißt es dann: „Schön, dass Sat.1 es fertig gebracht hat, die Stämme nicht vorzuführen, sondern deren Traditionen als völlig selbstverständlich zu zeigen. Und den Deutschen gebührt Respekt: Ihr Anpassungswillen ans Fremde ist über jeden Kolonialherrendünkel erhaben.“ (c). So wird konsequent versucht postkoloniale Herrenmenschenattitüden wegzuleugnen.

by R. Schwarzenberg
[23.10.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Siehe: http://www.sat1.de/comedy_show/wiediewilden/
(b) Nach: Dr. Roger Schawinski: Betreff: SAT.1-Doku-Serie: „Wie die Wilden – Deutsche im Busch“; http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/wiediewilden.htm
(c) Nach: Peer Schader: Stammgäste in Not, 23. August 2006; http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,433129,00.html