Archiv der Kategorie ' (Post-)Kolonialismus'

Deutsche Rechte erobern sich einen Platz an der Sonne

Die extreme deutsche Rechte sieht anders als in anderen Ländern sicher nicht den deutschen Kolonialismus als ihr Hauptthema. Viel mehr widmet man sich lieber dem Gebiet jenseits von Oder und Neiße, was viele Kameraden so gern „heim ins Reich“ holen möchten.
Aber manchmal tauchen die ehemaligen deutschen Kolonialismus doch auf. Ob es um eine Art von Kolonialgeschichtsrevisionismus und Leugnung des Völkermordcharakters der Aufstandsniederschlagungen in den Kolonien geht, um Kolonialrealtivismus oder um Kolonialnostalgie. Im Kontrast dazu sieht sich die deutschnationale Rechte oft selbst im antikolonialen Befreiungskampf seit 1945 bzw. seit der Christianisierung Europas.
Zu Zeiten der Apartheid solidarisierte man sich natürlich noch ausgiebig mit dem weißen Minderheitsregime Südafrikas oder Südrhodesiens (heute: Simbabwe). Institutionalisiert war diese Solidarität damals in der „Hilfsgemeinschaft Südliches Afrika“ (HSA). Bis heute gibt es noch Fahrten zu weißen Gesinnungsgenossen in Südafrika, um dort ausgiebig dem gemeinsamen Chauvinismus zu huldigen.
Ab und zu wird von den deutschnationalen Rechten auch die deutschsprachige Minderheit in Namibia erwähnt.
Trotzdem wird allgemein eher auf Südtirol (Italien) als das ehemalige „Deutsch-Südwest“ (Namibia) geschielt. Von der Etsch bis an den Belt eben und nicht von der Etsch bis an den Sambesi.
Thor-steinar-Ostafrika
Beim rechten Design-Modelabel „Thor-Steinar“ finden sich neuerdings in der Kollektion auch Kleidungsstücke mit dem großen Aufdruck „Ostafrika-Expedition“ (a) und darunter in klein den Schriftzug „Thor-Steinar-Expedition 1888“, ähnliches gibt es auch mit dem Aufdruck „Deutsch-Südwest“ (b). Das Ganze soll wohl nicht ganz ernst gemeint die Expansionsgelüste der selbsternannten „Herrenmenschen“ verdeutlichen und die blutige Kolonialgeschichte Deutschlands relativieren.
Nicht rechtsextrem aber doch ultrarechts ist der „Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen/Freunde der früheren deutschen Schutzgebiete e.V.“ mit Sitz in Emden.
Zu diesem gab es einen Artikel in der vorletzten Ausgabe der sehr lesenswerten Freiburger Zeitschrift „iz3w“ (www.iz3w.org).

Es folgt ein Leserbrief von mir zu diesem Artikel, der in der neuen Ausgabe der iz3w Jan/Febr 2007, Seite 44, abgedruckt wurde:
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Leserbrief zu dem Artikel „Eine schöne Erinnerung“, in: iz3w Nr. 297 November/Dezember 2006
Endlich mal wieder ein kritischer Artikel über das Tun und Treiben des „Traditionsverbandes ehemaliger Schutz- und Überseetruppen/Freunde der früheren deutschen Schutzgebiete e.V.“.
Gut wird in dem Artikel „Eine schöne Erinnerung“ von Jannntje Böhlke-Itzen und Joachim Zeller gezeigt wie es dem „Traditionsverband“ gelungen ist besonders im Internet seine verharmlosende, nostalgische bis verfälschende Sicht auf die Kolonialherrschaft zu verbreiten.
Schade aber ist, dass die Autoren sich nicht dazu entschließen können, den „Traditionsverband“ als ultrarechts oder extrem rechts zu bezeichnen, sondern ihn nur als „rechts“ bezeichnen. Selbst der neofaschistische Verleger Gerd Sudholt, dessen Verlage regelmäßig in Verfassungsschutzberichten Erwähnung finden, wird nur als rechts bezeichnet. Als rechts bezeichnen sich aber auch weite Teile der CDU/CSU.
Das der Traditionsverband aber extrem rechts einzuordnen ist, zeigen weitere Verbindungen ins rechtsextreme Lager, die von den Autoren im Artikel nicht oder nur unzureichend erwähnt wurden:
+ Der „Traditionsverband“-Funktionär Werner Haupt (Bad Sachsa) übersetzte die Erinnerungen von Emilio Estaban-Infantes, des Führers der spanischen faschistischen Blauen Division im II. Weltkrieg. (c)
+ Der Geschäftsführer des „Traditionsverbandes, Dr. Kfm. Hermann Mietz aus Emden gründete Ende der 70er Jahre nicht nur die „Nationale Jugend Ostfriesland (NJO)“, er referierte 1998 auch zum 22. Südafrika-Seminar des (Pro-Apartheids-)„Hilfskomitee Südliches Afrika“ (HSA) in Coburg und dem extrem rechten „Studentenbund Schlesien (SBS)“, außerdem war er neben der NJO auch Funktionär beim Bund Heimattreuer Jugend (BHJ). (d)
+ Der ehemalige erste Vorsitzender des Verbandes, Oberst a.D. Eberhard Schoepfer, hat nicht nur als junger Offizier in „Deutsch-Südwestafrika“ gedient er wurde im 3. Reich auch zum Ritterkreuzträger gekürt. (d)
+ Häufiger Gast des Verbandes war Marie Adelheid Prinzessin Reuß zur Lippe. Sie war Mitarbeiterin des persönlichen Stabes des NS-Reichsbauernführers Darre, Trägerin der Goldenen Ehrennadel der Hitler-Jugend und später eine enge Weggefährtin des notorischen Holocaust-Leugners Thies Christophersen. (d)
+ Der noch 1992 amtierende 2. Vorsitzende des Traditionsverbandes Dr. jur. Klaus Goebel, ein Münchener Rechtsanwalt, war im März 1991, gemeinsam mit dem Hamburger Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger, juristischer Berater bei dem von dem Neofaschisten Ewald Althans und dessen „Deutschen Jugend-Bildungswerk“ organisierten geschichts-revisionistischen „Leuchter-Kongreß“ in München. (d)

Schade auch, dass nicht erwähnt wurde, dass das Mitglied Kai-Uwe von Hassel (+1997), der CDU-Spitzenpolitiker und ehemaliger Bundestagspräsident, im 3. Reich an Planungen für ein mittel-afrikanisches Kolonialreich der Nazis beteiligt war. (c)
Der Traditionsverband ist wie der ehemalige Freikorps-Verband „Bund Oberland“ ein Beispiel dafür, dass ursprüngliche Veteranenorganisationen auch nach dem Ableben der „Erlebnis“generation weiterexistieren können.
Das lässt auch ahnen, dass nicht alle deutschen Veteranenorganisationen des zweite Weltkriegs – von der Waffen-SS bis zur Kriegsmarine – demnächst einfach verschwinden werden. Ideologische Nachfahren werden wohl einige Gruppe weiter betreiben und deren Geschichts(zerr)bild auch weiterhin verbreiten.
Mit einigen dieser Gruppen teilt der „Traditionsverband“ bereits die Mitgliedschaft in einer Dachorganisation. So wird in einer Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Petra Pau, Ulla Jelpke, Heidi Lippmann und der Fraktion der PDS vom 17.10.2000 der Traditionsverband in einem Verzeichnis der Mitgliedsverbände des extrem rechten „Ring Deutscher Soldatenverbände“ (RDS) vom Herbst 1999 aufgeführt.
Neben den anderen Mitgliedern des RDS wie dem „Stahlhelm-Kampfbund für Europa“ und der „Traditionsgemeinschaft >Panzerkorps Großdeutschland<“ nimmt sich der „Traditionsverband“ allerdings noch geradezu gemäßigt aus.

by R. Schwarzenberg

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by R. Schwarzenberg
[22.12.2006]

ANMERKUNGEN
(a) http://www.thorsteinar.de/product_info.php/info/p1339_T-Shirt-Ostafrika.html
(b) http://www.thorsteinar.de/product_info.php/info/p1327_T-Shirt-Suedwest.html
(c) Jean Cremet: Koloniale Sehnsüchte nach „Traumland Südwest“: „Heia Safari“, in: BnR-Ausgabe 02/1997
(d) Anton Maegerle: Kolonialgeschichtler. Ein Verein mit Kontakten ins extrem rechte Lager will die Erinnerung an die deutsche Kolonialzeit wach halten, in: BnR-Ausgabe 24/1999

Subhas Chandra Bose: Des Teufels General

Viele Kinder, deren Eltern aktiv in den Nationalsozialismus verstrickt waren, verspüren das seltsame Bedürfnis ihre Eltern entlasten und verteidigen zu müssen. Als gelte es zu beweisen, dass diese nicht böse und damit auch außerstande waren „das böse Gen“ an ihre Nachkommen weiterzugeben.
So erfahren wir von den Speer-Sprößlingen, dass der Vater lediglich ein Künstler war und das „Onkel Hitler“ gerne Mickymaus-Filme anschaute.
Anita Pfaff (*1942), Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete, macht anscheinend bei solcherlei Familien-Geschichts-Relativierung keine Ausnahme. Das obwohl Frau Pfaff ihren Vater nie bewusst kennen lernte. Denn Frau Pfaffs Vater, der Indische Freiheitskämpfer Subhas Chandra Bose (1897-1945), fuhr kurz nach ihrer Geburt nach Japan um dort, protegiert vom aggressiv imperialistischen Japanischen Reich, zu versuchen in der britischen Kolonie Indien einzumarschieren.
Doch Bose ging nicht nur ein Bündnis mit der expansionistischen Großmacht Japan ein.
Vorher arbeitete er bereits mit dem nationalsozialistischen Deutschland auf das Engste zusammen.
Schon früh liebäugelte Bose, genannt Netaji („Führer“), mit totalitären und autokratischen Regierungen in Europa.
Bereits während seiner früheren Europa-Aufenthalte 1933 bis 1936 hatte Bose in den undemokratischen Regimes von Italien, Österreich und Deutschland Kontakt zu Mitarbeitern (L. Martin: 10) des Auswärtigen Amtes aufgenommen. Schon zu dieser Zeit entwickelte er Sympathien für den faschistischen Diktator Mussolini und trat mit diesem in Kontakt (ebenda). Ein Termin mit Hitler kam trotz Boses Bemühungen nicht zustande.
In einem 1934 verfassten Buch („The Indian Struggle“) propagiert Bose eine Mischung aus Sozialismus und Faschismus und – damit verbunden – Militarismus und Wehrhaftigkeit der Jugend in Form einer militärischen Ausbildung (ebenda), war also durchaus vom Faschismus beeinflußt. Später relativierte Bose zwar wieder diese Forderung, aber eine geistige Nähe zum Faschismus blieb (ebenda). Die Schuld für den von Italien ausgehenden Eroberungskrieg in Äthiopien gab er beispielsweise den Briten (ebenda). Boses späteres Bündnis mit den Achsenmächten Italien, Deutschland und Japan war mehr als ein reines Zweckbündnis.
Im Dezember des Jahres 1938 traf sich Bose zu Gesprächen mit deutschen Regierungs-Vertretern in Bombay (L. Martin: 11).
Ein Jahr später sprach sich Bose „vom Standpunkt des nationalen Selbstinteresses“ (nach L. Martin: 11) gegen eine Aufnahme der verfolgten Juden in Indien aus.
In einem Artikel im März 1940 äußerte sich Bose bewundernd über den Nationalsozialismus (ebenda). Ein Rassist aber war Bose nie, er beschwerte sich sogar über die Diskriminierung von Indern in Deutschland (L. Günther: 21). Allerdings auch nur über diese.
Bose flüchtete im Frühjahr 1941 aus seinem britischen Hausarrest in Indien nach Berlin. Hier beteiligte er sich mit deutscher Genehmigung und Hilfe an anti-britischer Propaganda und dem Aufbau einer indischen Einheit, zumeist aus gefangen genommenen britisch-indischen Kolonialsoldaten. Diese Einheit sollte sich bei der Eroberung Indiens nach dem Vorstoß der Wehrmacht über den Kaukasus beteiligen. Diesen Bemühungen lagen reale machtpolitische Überlegungen zu Grunde, es ging den Nationalsozialisten nämlich darum den strategisch wichtigen Rohstoff- und auch Soldatennachschub (besonders Gurkhas aus Nepal) für Großbritannien aus Indien abzuschneiden.
Am 27. Mai 1942 erhielt Bose sogar eine Audienz bei Hitler.
Himmler&Bose
BILD: Himmler und Bose im Gespräch
Die in Deutschland von bzw. mit Bose angeworbene militärische Einheit verblieb auch nach dessen Fahrt nach Japan in Deutschland. Sie war nicht nur auf Bose, sondern auch auf Hitler eingeschworen. Zuerst der Wehrmacht unterstellt wurde sie später ein Teil der Waffen-SS und war an Kriegsverbrechen im besetzten Frankreich beteiligt.
Auch im Machtbereich des japanischen Kaiserreiches baute Bose eine Kollaborations-Einheit auf, die auf den Seiten der Japaner kämpfte. Während die japanische Kolonialmacht also in Korea und China wütet tragen Boses Truppen (80.000 Mann), so erfolglos sie militärisch auch waren, dazu bei den Krieg zu verlängern und die Japaner zu entlasten.
Ghandi und Nehru, die anderen großen Ikonen des indischen Freiheitskampfes zeigten mit ihrer Absage an ein Bündnis mit den Achsenmächte klar, dass es auch anders ging. Sie erkannten den Unterschied zwischen dem liberalen und (im Ursprungsland) demokratischen Imperialismus Englands und dem totalitären Faschismus Großbritanniens und handelten danach (L. Martin: 12). Die beiden dürften sich keine Illusionen gemacht haben und in Japan und Deutschland nur einen anderen zukünftigen Kolonialherren, nicht aber einen selbstlosen Unterstützer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, gesehen haben. Letzteres dürfte auch Bose durchaus bewusst gewesen sein. Schließlich protestierte er auch gegen einen Absatz von Hitlers „Mein Kampf“, weil diese den Engländern Indien zusprach. Trotzdem wurde Bose auch aus opportunistischen Erwägungen zu einem „Freiheitskämpfer“ von Deutschlands und Japans Gnaden.
Wie sehr Bose seinen Unterstützern untertänig war zeigt sich auch daran, dass er im Oktober 1943 nicht nur den Krieg gegen England, sondern auch gegen die USA, erklärte, obwohl diese um die indischen Unabhängigkeit kaum etwas zu tun hatte.
Boses, durchaus begründeter, doch blinder und grenzenloser Hass auf England trieb ihn dazu sich mit den destruktiven Kräften der Barbarei einzulassen. Er war auf eigenen Willen des Teufels General. Kein Wunder, dass da die ultrarechte Wochenpostille einen Jubel-Artikel auf Bose verfasste (a).
Dies zu verschweigen, zu verharmlosen und zu relativieren geschieht, wenn man eine Veranstaltung zu Bose mit dem Titel „“Subhas Chandra Bose“ Ein moderner und weitsichtiger Politiker der indischen Unabhängigkeitskämpfe“ (b) anbietet, wie es Frau Pfaff am 22. Juni 19 Uhr an der Universität München in einem Seminar anscheinend tat. Der Titel lässt schon erkennen, dass man hier mit einem sehr selektiven Blick auf Bose dessen Rolle in der Geschichte positivieren will.
Zudem darf man, auch mit Blick auf frühere Aussagen Frau Pfaffs zu ihrem Vater, ihre notwendige wissenschaftliche Objektivität und Distanz zu dem Forschungsgegenstand stark anzweifeln. Hier wird das Private zum Politischen gemacht.

by R. Schwarzenberg
[29.11.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Siehe: Thomas Hartenfels: Der dritte Mann, in: Junge Freiheit, 28/03 04. Juli 2003; http://www.jf-archiv.de/archiv03/283yy52.htm
(b) Siehe: http://www.fs.lmu.de/indologie/termine/sb, eingesehen am 10.06.2006

VERWENDETE LITERATUR:

Robert Deininger: Mit Gandhi hatte er ein Ziel, aber den anderen Weg, in: Augsburger Volkszeitung vom 19. August 2000
www.uk-muenchen.de/berichte/reportagen_bose.htm

Urmila Goel: Die indische Legion. Ein Stück deutsche Geschichte, 2003;
www.urmila.de/UDG/Biblio/legion.html

Lothar Günther: Von Indien nach Annaburg, Berlin 2003, u.a. Seite 9-26
(sehr unkritischer Beitrag zu Bose)

Jan Kuhlmann: Subhas Chandra Bose und die Indienpolitik der Achsenmächte, 2006, S. 227 – 229

Lou Martin: Der Feind des Feindes, in: iz3w Nr. 291 – März 2006, Seite 10-13

Selina Nayyar: Netaji Subhas Chandra Bose – „Jai Hind!“, 3/2004;
www.indien-netzwerk.de/navigation/landleute/artikel/netaji-deu.htm

Recherche International e.V.: „Unsere Opfer zählen nicht“ – die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, Berlin/Hamburg 2005, Seite 255-60 und 269-74

Jochen Reinert: „“Netaji“ Boses Pakt mit dem Teufel“, erschienen in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ in der Ausgabe vom 16. Juli 2003;
www.suedasien.net/themen/geschichte/netaji_bose.htm

Frank V. Seidel: Die Kollaboration, Herbig-Verlag, Berlin 1995, Seite 263-68

Hilfe die Deutschen kommen!

Am 20. September habe ich mir auf SAT.1 den fünften Teil von sechs Folgen, der seit dem 23. August laufenden, „Doku-Soap“ „Wie die Wilden – Deutsche im Busch“ (21.15-22.15 Uhr) angesehen.
Das Format nennt sich zwar „Doku-Soap“, aber ehrlicher ist die Einordnung auf der Homepage von SAT.1 in der Kategorie „comedy_show“ (a).
Allein der Titel der Sendung ließ schon auf einen konstruierten Gegensatz Busch/Wildnis/Wilde – Zivilisation/Kultur/Deutsche schließen.
Drei Mittelschichts-Familien aus Deutschland wurden für die Serie für einige Zeit in indigenen Kulturen in den Ländern Togo, Namibia und auf der Insel Siberut vor Sumatra (Indonesien) untergebracht.
Familie Düvel wurde bei den Himba in Namibia, die Familie Fröhlich bei den Tambermas in Togo und die Familie Sauerzapf-Koch bei den Mentawai in Indonesien untergebracht.
Ziel dieses seltsamen Experimentes war es angeblich, dass die Familie in den „Stamm“ aufgenommen wird („Stamm“ ist dabei der üblich kolonial-eurozentrische Begriff für Ethnien und Völker in Afrika.).
Interessant war, dass zwei von drei Familien in zwei Ländern untergebracht wurden, die früher deutsche Kolonien („Schutzgebiete“) waren. Ein seltsamer Zufall ….
Das in Togo gerade, also zu Zeiten der Dreharbeiten, eine ziemlich blutige Diktatur herrscht scheint auch nicht sonderlich gestört zu haben. Damit liegt Sat.1 aber nur auf bundespolitischer Linie, die ja auch Flüchtlinge gnadenlos in das westafrikanische Land abschiebt.
Es wurden für diese „Doku-Soap“ im Übrigen nur indigene Kulturen ausgewählt, deren Frauen – zumindest für das Fernsehen – barbusig auftraten. Das kleine Volk der Himba ist deswegen schon früher das Ziel von TV-Dokus gewesen. Bei den hart auf Einschaltquoten rechnenden TV-Funktionären ist es sicher kein Zufall, vielmehr wird auch die Geilheit des männlichen TV-Publikums bedient. Das hat auch seine koloniale Entsprechung in Pseudo-Völkerkundlichen Studien für den kleinen Mann mit einer Menge Abbildungen von barbusigen „Wilden“.
Leider bin ich kein Kenner der Kulturen dieser Länder, aber mir erscheint es vor allem in Hinblick auf die Arbeitsweise der Medien, nicht unwahrscheinlich, dass einiges vor Ort erst auf wild getrimmt wurde. Ob die Tambermas in Togo wirklich immer im Alltag solche Hörnerhelme tragen? Ob alle Angehörige der drei indigenen Kulturen immer im Lendenschurz herumlaufen und nie mit einem T-Shirt? Die Vermutung liegt nahe, dass hier die Fernseh-Leute im Vornherein eine Bereinigung vorgenommen und alles auf Wilderness gestylt haben, bzw. was sie dafür hielten.
Auch bei den Übersetzungen bin ich misstrauisch. Einige Kommentare der „Wilden“ waren doch sehr klischeehaft.
Das ist übrigens nichts Neues. Schon frühe Tibet-Touristen um 1900 hatten die örtlichen Lamas angewiesen ihre halbmondförmigen Mützen für das Fotopublikum in der Heimat wie ein Bockshorn aufzusetzen, obwohl sie eigentlich anders herum getragen werden.
Da es sich bei den Familien nicht um erfahrene EthnologInnen mit dem entsprechenden Einfühlungsvermögen handelte, kam es zu einer Reihe von Konflikten und Problemen. Genau diese waren das Mittel, um Zuschauer für dieses Machwerk zu interessieren.
Eine Familie von vier oder fünf Weißdeutschen wird ihn eine Ihnen fremde Kultur gesteckt, deren Sprache sie nicht kennt und man braucht nur noch auf die Konflikte warten.
Der Höhepunkt für den Zuschauer der fünften Folge war wahrscheinlich, als die Tambermas in Togo einen Hund opfern wollte. Ob das nur für das Fernsehen so gemacht werden sollte oder so üblich ist, ist mir leider unbekannt.
Der Konflikt wurde jedenfalls so gelöst, dass die deutschen Bambie-Tierschützer („Wir schützen nur, was niedlich ist“) sich darauf einigten, dass eine geopferte Ziege ok sei.
Kaum überraschend sorgten auch die unterschiedlichen Eßgewohnheiten für Konflikte. Die bemitleidenswerten Kinder der Familien reagierten automatisch mit Ekel auf das Essen und waren auch sonst sehr renitent. Kaum verwunderlich, sie waren ganz offensichtlich nicht freiwillig mitgekommen, sondern von ihren Hippie-Eltern auf exhibitionistischen Selbsterfahrungstrip mitgepresst worden. Das Kind der Sauerzapf-Kochs hatte die, wahrscheinlich nicht ganz unbegründete Angst, zurück in bundesrepublikanischen Gefilden wegen seines Vaters mit Winnetou-Komplex im Lendenschurz zum Gespött der Klasse zu werden.
Vollkommen schwachsinnig wurde es, als sich Oberstudienrat Heinz gegenüber den Himba standhaft weigerte ein Kleid anzuziehen, weil er dann für „homosexuell“ (ganz korrekt, nicht etwa schwul, schwuchtelig oder weibisch) gehalten werden könnte.
Insgesamt ein übler Ethno-Kitsch mit oberflächlicher Toleranz und untergründigen Anklängen von Herrenmenschen-Mentalität, weil immer im Hintergrund schwebte „Gott wie DIE leben“ oder eben „Wie die Wilden“.
Genau deswegen wird das Format der Sendung unter anderem von der Namibischen Botschaft und der Gesellschaft für afrikanische Philosophie stark kritisiert.
Ein Dr. Roger Schawinski schreibt sogar die Serie verstoße gegen die Menschenwürde nach Art. 1 GG (b), denn „gemäß § 16 LMG und § 41 RStV haben die Rundfunkprogramme die Würde des Menschen zu achten. Nach ständiger Rechtsprechung ist mit der Menschenwürde der soziale Wert und Achtungsanspruch des Menschen verbunden, der es verbietet, den Menschen seiner Subjektqualität zu entkleiden und zum bloßen Objekt zu degradieren.“ (b)
Weiter führt Schawinski aus: „Anders als bei Sendungen wie Big Brother kann hier das Argument der Freiwilligkeit und des Selbstbestimmungsrechts wohl kaum herangezogen werden, da die Betroffenen die Verwertung des Filmmaterials und die damit verbundene negative Konnotation sowie die Herabwürdigung ihrer selbst, ihrer Lebensumstände, ihrer sittlichen Auffassungen und ihrer Kultur weder voraussehen konnten, noch darüber aufgeklärt wurden.“ (b)
Emporgehoben und vollkommen unkritisch aufgenommen hingegen wurde die Sendung vom SPIEGEL, da heißt es: „Deutsche in Afrika: Wer jetzt an Kolonialherrenstolz oder Dschungelcamp-Zynismus denkt, liegt falsch.“ (c) und eine Unterzeile des SPIEGEL-Artikel lautet sogar „Entdeckung des Fremdkörpers“ (c). Im Fazit heißt es dann: „Schön, dass Sat.1 es fertig gebracht hat, die Stämme nicht vorzuführen, sondern deren Traditionen als völlig selbstverständlich zu zeigen. Und den Deutschen gebührt Respekt: Ihr Anpassungswillen ans Fremde ist über jeden Kolonialherrendünkel erhaben.“ (c). So wird konsequent versucht postkoloniale Herrenmenschenattitüden wegzuleugnen.

by R. Schwarzenberg
[23.10.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Siehe: http://www.sat1.de/comedy_show/wiediewilden/
(b) Nach: Dr. Roger Schawinski: Betreff: SAT.1-Doku-Serie: „Wie die Wilden – Deutsche im Busch“; http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/wiediewilden.htm
(c) Nach: Peer Schader: Stammgäste in Not, 23. August 2006; http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,433129,00.html