Archiv der Kategorie 'Rechtes von links gelesen'

BuchKRITIK „Irrtum NPD“ von Holger Apfel

Es gibt im Grunde zwei Arten von AussteigerInnen aus der extremen Rechten: Solche die mit der extrem rechten Ideologie brechen und solche, die sie beibehalten und sich aber aus menschlicher Enttäuschung von ihren ehemaligen KameradInnen abwenden. Zu letzteren gehört ganz unzweifelhaft der ehemalige NPD-Vorsitzende und sächsische NPD-Fraktionsvorsitzende Holger Apfel, wie er in seinem Buch „Irrtum NPD“ zeigt. Das unlängst erschienene Buch liest sich über weite Strecken wie der Bericht eines verschmähten Liebhabers.
Er betont immer wieder, dass er kein „Aussteiger“ sei:

„Doch auch wenn sich meine Weltsicht im Lauf der Zeit gewandelt hat, ich heute über viele Torheiten im politischen Hamsterrad den Kopf schüttele und in den Augen vieler früherer „Weggefährten“ ein ,,Aussteiger“ beziehungsweise ein „Verräter“ bin: Ein „Berufs-Antifaschist“ bin ich deshalb im Gegensatz zu manch einem anderen nicht geworden.“

(Seite 381)

Immerhin hat Apfel 25 Jahre seines Lebens der neonazistischen NPD gewidmet. Er kam durch Michael Fiedler zur extremen Rechten. Fiedler war für ihn längere Zeit ein politischer Ersatzvater.
Er selbst will nie Neonazi gewesen sein. Er habe eher immer mit den Skinheads und der NS-Szene innerparteilich zu kämpfen gehabt. Sein Ziel sei es gewesen die NPD auf FPÖ-Linie zu bringen. Erfolglos, wie er heute selbst zugibt:

„Angetreten mit dem Ziel, die NPD zu einer gegenwarts-bezogenen und zukunftsorientierten Partei zu entwickeln und sie aus der oft ideologisch tief verwurzelten Gedankenwelt des Nationalsozialismus zu lösen, wurde mir klar, dass es mit meinem eigenen Vorstand ein Kampf gegen Windmühlen sein würde, NS-Umtriebe einzudämmen.“

(Seite 24)
Man muss Apfel nicht alles abnehmen, was er schreibt. Seine Selbstinszenierung als Nichtneonazi und nationaler Idealist ist kritisch zu hinterfragen. Selbst wenn er nie NS-Gedankengut im engeren Sinne anhing, so sind seine Bündnisse mit Neonazis und die Öffnung der NPD für NS-Gruppen, kaum weniger problematisch.
Auch nach seinem Austritt aus der NPD nach fast 25 Jahren benutzt Apfel weiterhin typisch rechtes Vokabular. So schreibt er von „Gutmenschentum und Antifa- Zeitgeist“ oder der „Anti-Wehrmachtsausstellung“. Die offiziellen Opferzahlen der Dresden-Bombardierung im Februar 1945 bezweifelt er und an anderer Stelle schreibt er geradezu Elogen auf den verstorbenen NPD-Funktionär Uwe Leichsenring. Distanz oder gar Abwendung sieht anders aus.

Immerhin erfährt man einiges aus dem Inneren der NPD, besonders von den ständigen Macht- und Richtungskämpfen. Insbesondere an Udo Voigt, dem ewigen Konkurrenten um die Herrschaft über die NPD, arbeitet sich Apfel ab. Voigt ist laut Apfel im Gegensatz zu ihm ein harter Nationalsozialist, der hinter verschlossenen Fenstern auch mal das Horst-Wessel-Lied anstimmt:

„Vor diesem Hintergrund erklärte sich natürlich auch, dass der damals stellvertretende Parteivorsitzende kein Probleme damit hatte, am Rande der Feierlichkeiten für General Franco in einer Kaschemme in Madrid nach Herunterlassen der Rolladen mit ins Horst-Wessel-Lied einzustimmen.“

(Seite 20)
Man erfährt auch das der wohlhabende Hamburger Anwalt Jürgen Rieger „quasi die Funktion eines Parteichefs im Hintergrund“ einnahm, da er die Partei über finanzielle Darlehen kontrollierte.
An anderer Stelle liest man, dass der NPD-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern von ehemaligen Wiking-Jugend-Mitgliedern auf Vordermann gebracht wurde.

Interessant ist, dass Holger Apfel zugibt, dass die NPD stark mit dem Prinzip Provokation arbeitet. Viele Eklats waren kalkulierte PR-Maßnahmen:

„Die Ordnungsmaßnahme wegen Missachtung des Präsidenten juckte uns aber nicht. Die Aufmerksamkeit war mehr wert, als artig und ohne Notiz der Öffentlichkeit „mitzuspielen“.

“ (Seite 284)

„Zum Zweiten ging es um die gezielte Provokation. Wir spielten mit dem antifaschistischen Reflex der Gesellschaft, und auch mit der Eventgier gelangweilter Bürger, die uns Aufmerksamkeit sicherte. Wo immer wir auftraten, konnten wir sicher sein, dass die Empörung so groß sein würde, dass der Gegner einfach übers Stöckchen springen musste. Mancher war sich sicher sogar der eigenen Instrumentalisierung bewusst.“

(Seite 361)

An anderer Stelle taucht bereits der Begriff „Greenpeace von rechts“ auf, der heute gerne von den Identitären bzw. „Ein Prozent“ auf sich angewendet wird:

„Aufgrund seltsamer Vorstellungen von Jugendarbeit und einer intellektuell-verächtlichen Haltung zur NPD, kam es schon bald zum Bruch. Man schwadronierte über realitätsferne „Konzepte“ – ich erinnere mich an zähe Debatten über die Gründung einer „ Greenpeace von rechts“ – während die von radikalen Jugendgruppen ausgehende Gefahr für die Akzeptanz in der Jugendszene verschlafen zu werden drohte.“

(Seite 52)

Von der Privatperson Apfel erfährt man in seinem Buch fast gar nichts, eher beiläufig erfährt man dass er Frau und Kinder hat. Dabei war seine Frau auch in der NPD aktiv.

Für den/die kritische Leser*in kann das Buch trotz seines geschönten und apologetischen Charakters mit Wissensgewinn gelesen werden. Es sollte aber besser ausgeliehen und nicht erworben werden. Schon allein der Verlag, erschienen ist es im rechten Hess-Verlag, lässt von einem Kauf abraten. Ein erkennbar extrem rechter Autor sollte nicht an seiner unkritischen Selbstbeweihräucherung verdienen.

Holger Apfel: Irrtum NPD, Bad Schussenried 2017.

Buchkritik „Auf den Marmorklippen“ von Ernst Jünger

Im Grunde ist „Auf den Marmorklippen“ von Ernst Jünger ein früher Fantasy-Roman. Die Landschaftsbeschreibungen sind schön und ausschweifend. Stellenweise lesen sich viele Stellen so als wäre Jünger Chefredakteur von „Landlust“.
In ihm wird beschrieben wie die fiktiven Länder „Marina“ und „Campagne“ dem Chaos anheim fallen, welches von einer geheimnisvollen Figur angestiftet wird, die im Buch nur als „der Oberförster“ bezeichnet wird.
Während die Campagne eine Tiefebene darstellt ist Marina eine mediterrane Küstenregion. Besonders das Schicksal dieser am Meer gelegenen Region wird beschrieben. Über ihr thronen auch die titelgebenden Marmorklippen. Hier lebt ein Brüderpaar, der Erzähler und sein Bruder Otho. Nach den Erfahrungen des Krieges als Mitglieder der „Purpurreiter“, haben sie sich ganz der Botanik verschrieben.
Friedlich leben in der „Marina“ ChristInnen und Asengläubige, es herrscht Dichtkunst und Ackerbau. Kriegsveteranen wie der Erzähler und sein Bruder sind im Geheimorden „Mauretanie“ organisiert. Doch auch die „Mauretanier“ wurden vom „Oberförster“ unterwandert
In der Campagne dagegen leben die Hirtenbünde, die an ihre Hirtengötter glauben. Von hier ausgehend und angestiftet vom „Oberförster“ erfasst auch „Marina“ das Unheil.
In „Marina“ wird plötzlich auch den alten Aberglaubens wieder gehuldigt und die Viehhaltung zum Ideal erhoben:

„In diesen Kreisen wurde es auch üblich, den Bau der Rebe und des Kornes zu verachten und den Hort der echten, angestammten Sitte im wilden Hirtenland zu sehen.“

(Seite 40)
Alte, in Vergessenheit geratene, Fehden der Blutrache brechen wieder auf und der Niedergang bricht über das Land herein. Jünger beschreibt wie eine agrarische, ständische Gesellschaft quasi ‚barbarisiert‘.
Hinter all dem steckt der „Oberförster“, der über seinen Wald, genannt „Teutoburger Wald“ herrscht. Der seine „Waldkapitäne“, „Weidgerechten“ (Jäger) und sonstiges „Waldgesindel“ aussendet, um seine Macht zu stärken. In Jüngers Roman werden die Wälder als Rückzugsort für „Gaunervolk“ und „Vagantenheimat“ bezeichnet. Die von Jünger dämonisierten gesellschaftlichen Randgruppen („Hunnen, Tataren, Zigeuner, Albigenser und ketzerische Sekten aller Art […] versprengte Scharen der großen Räuberbanden aus Polen und vom Niederrhein“, Seite 50) sprechen auch Rotwelsch und sind damit als Fahrende und gleichzeitig Kriminelle markiert. Das erinnert stark an Hermann Löns „Der Wehrwolf“, in dem eine Dorfgemeinschaft alle Fremden und Nichtansässigen, die durchweg als Gefahr beschrieben werden, aus vermeintlichem Selbstschutz heraus umbringt.
Die beiden Botaniker entscheiden sich trotz einiger Bedenken, all die Veränderungen zu ignorieren und sich weiter der Pflanzenkunde zu widmen.
Als es eigentlich schon zu spät ist, begibt sich der Erzähler in die Schlacht. Mit einem ihm getreuen Hirten-Clanchef, dessen Knechten und seinen Hunden begibt er sich in den Wal, aus dem alles Böse kommt.

Ohne Kontext-Kenntnis gelesen, wäre das Buch eine ganz unterhaltsame Lektüre, auch wenn das überschwängliche Lob der Aristokratie nervt:

„Ich hatte wohl erwartet, daß in der letzten Phase des Ringens um die Marina der Adel in Erscheinung treten würde – denn in den edlen Herzen brennt das Leiden des Volkes am heißesten. Wenn das Gefühl für Recht und Sitte schwindet und wenn der Schrecken die Sinne trübt, dann sind die Kräfte der Eintagsmenschen gar bald versiegt. Doch in den alten Stämmen lebt die Kenntnis des wahren und legitimen Maßes, und aus ihnen brechen die neuen Sprossen der Gerechtigkeit hervor.“

(Seite 91)

Doch dergleichen gibt es auch in vielen anderen Büchern des Fantasy-Genres. Aber Jünger hat sein Buch während des Nationalsozialismus geschrieben und es wurde 1939 veröffentlicht. Es gehört nicht viel Wissen über Jünger dazu, um ihn mit dem Erzähler und seinen Bruder Georg mit dem „Bruder Otho“ zu identifizieren. Der „Oberförster“ ist demzufolge Hitler und der Söldner-Anführer Biedenhorn soll wohl Röhm sein.
Durch diese Chiffre wird Jüngers Roman als Widerstands-Akt betrachtet. Nicht ganz zu unrecht. Doch hat Jünger das Buch nicht im Exil, Gefängnis oder KZ verfasst, sondern als privilegierter Schriftsteller, der vom Nationalsozialismus heftig umworben wurde. Jünger wies diese Avancen zurück, diente aber später gleichzeitig brav als Besatzungsoffizier in Frankreich. Das in der Geschichte gepriesene aristokratische Prinzip ist ein deutlicher Hinweis auf Jüngers elitäres Bewusstsein, aus dem auch seine Demokratieferne resultierte. Die Basis-Erzählung vom „Oberförster“, der von außen (Wald) in eine friedliche Region (Küste) einbricht und mittels Verschwörungen Unruhe stiftet ist eine nette Geschichte, die Jünger da erzählt, aber es ist ein Märchen. Bezogen auf den Nationalsozialismus vernebelt diese Erzählung mehr, als das sie erklärt.
Als reiner Fantasy-Roman weiß „Auf den Marmorklippen“ aber durchaus zu unterhalten.

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen, Stuttgart, 7. Auflage 2013.

Buchkritik „Unterwerfung“ von Michael Houellebecq

Unterwerfung
Nach seinem Erscheinen wurde der Roman „Unterwerfung“ von Michael Houellebecq in den bürgerlichen Feuilletons kontrovers diskutiert.
Der Roman spielt in einem krisenzerrütteten Frankreich im Jahr 2022. Beschrieben wird diese nahe Zukunft aus der Sicht eines Literatur-Professors, einem Experte für den französischen Romancier Joris-Karl Huysman (1848-1907). Dieser Professor soll wohl einen bestimmten Menschentypus in der Postmoderne abbilden. Der Hauptprotagonist ist „mutlos und apathisch“ und im Grunde bindungsunfähig. Länger als ein Jahr halten seine Beziehungen und Affären nie. Man könnte auch von einer Form der Wohlstandsverwahrlosung sprechen. Der Professor hat kein echtes soziales Umfeld und stark misantrophische Züge.
Zudem ist der Ich-Erzähler unpolitisch und spürt gegenüber der repräsentativen Demokratie keinerlei Loyalität. So weiß er gar nicht, wie er reagieren soll, als sich durch eine Wirtschaftskrise angetrieben, die sozialdemokratisch und säkular bzw. laizistisch geprägte Epoche in Westeuropa sich dem Ende zuneigt.
Materiell abgesichert befindet sich auch der Hauptprotagonist in einer ausgewachsenen Sinnkrise und somit auf einer Sinnsuche. Er liebäugelt mit dem katholischen Mystizismus, kann aber mit diesem schlussendlich nich warm werden und trifft am Ende des Buches eine andere Entscheidung.

In Reaktion auf den kalten Materialismus der Postmoderne mit ihrem „Ich konsumiere, also bin ich“-Credo und ihren atomisierten Individuen gibt es allgemein neben der ökonomischen, auch eine Identitäts-Krise, die Frankreich polarisiert und spaltet.
Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2022 wird der „Front National“ unter Marine LePen stärkste Partei. Überraschenderweise wird die gemäßigt-islamistische Partei „Bruderschaft der Muslime“ unter Mohammed Ben Abbas zweitstärkste Partei. Damit konkurrieren beide Parteien bei der nächsten Wahl miteinander.
Durch ein karikatives Netzwerk hat die „Partei der Muslime“ auch den Charakter einer Bewegung, die viele AnhängerInnen bindet.
Zu beiden Seiten, den konservativen Muslimen wie den Rechten, gehören auch radikalere Gruppen. Im Umfeld des „Front National“ sind das die Identitären, die sich als die „Ureinwohner Europas“ inszenieren, und bei der „Bruderschaft der Muslime“ sind es die Salafisten wie der „Bund der salafistischen Studenten“. Zeitweise droht von den Hardlinern angefacht Frankreich ein Bürgerkrieg, der dann aber auf Grund der allgemeinen Apathie in der Bevölkerung nach einer Zeit der Unruhen ausbleibt.
Die (sozialdemokratischen) Sozialisten schließen sich der „Bruderschaft der Muslime“ an, um einen Sieg des „Front National“ zu verhindern. Nach einer gescheiterten weiteren Wahl, bei der Radikale beider Seiten Wahlurnen stehlen, schließt sich auch die konservative UMP der „Bruderschaft der Muslime“ und den Sozialisten an und zusammen bilden sie eine „Regierung der nationalen Einheit“. Ben Abbas wird Präsident. Ein wenig erinnert dieses Szenario an die Reichspräsidentenwahl 1932 in Deutschland, bei der sich SPD und Zentrum zähneknirschend für die Wahl des deutschnationalen Hindenburg aussprachen, um Hitler zu verhindern.
In der Folge des Wahlsiegs von Abbas wird der in Frankreich traditionell beheimatete Laizismus abgeschafft. Das laizistische Frankreich wird säkularisiert und in Teilen konfessionalisiert. Ein Teil des Bildungssystems wird islamisiert, die Polygamie wird legalisiert und allgemein wird die Geschlechtertrennung (re-)etabliert und die traditionellen Geschlechterrollen werden verstärkt.
Durch Familienzulagen werden Frauen an Heim und Herd zurück befördert, Frauenarbeitsplätze freigesetzt und die Arbeitslosigkeit sinkt wieder.
Aus der Universität Sorbonne wird die von den Saudis finanzierte Islamische Universität Paris-Sorbonne.
Die Tendenz zur Traditionalisierung und Islamisierung war bereits vor dem Wahlsieg vorhanden. Sittenwächter kontrollieren auf dem Campus und muslimische Studentinnen tragen Burkas.
Eine Konvertierung zum Islam wird nicht erzwungen, ist aber karriere-förderlich bis -notwendig. Mindestens sollte man sich propalästinensisch positionieren. Juden und Jüdinnen drohen zwischen Rechten und konservativen Muslimen zerrieben zu werden und viele verlassen Frankreich mit dem Ziel Israel, darunter auch die junge Geliebte des Professors.
Als Mann kann man im neuen Frankreich durchaus von dem verschärften Geschlechterregime profitieren. Bietet es doch die Legitimation eine 15-Jährige zu heiraten oder insgesamt bis zu vier Frauen zu haben. Ehen werden wieder arrangiert und die Liebesheirat gilt dagegen als Relikt von Gestern.
Gesellschaftspolitisch ist Abbas extrem konservativ bzw. gemäßigt islamistisch, doch ökonomisch folgt er im Buch der Idee des Distributismus, wonach der Besitz von Produktionsmitteln so weit wie möglich in der Bevölkerung verteilt sein solle und nicht im zentralen Besitz des Staates oder einer begrenzten Zahl von Individuen.

Dem Autor vorzuwerfen er sei ein Rechter und er hätte ein rassistisches Schreckensszenario von der Islamisierung Westeuropas verfasst, griffe zu kurz und wäre zu einfach. Houellebecq ist zu sehr Nihilist, um wirklich ein Rechter zu sein. An den rechten Protagonisten in „Unterwerfung“ lässt er kaum ein gutes Blatt.
Mit den Rechten teilt Houellebecq aber einen starken Hang zum Kulturpessismismus. Es geht in seinem Buch aber weniger um das Szenario einer Islamisierung, sondern um Anpassung, Mitläufertum und die titelgebende „Unterwerfung“ gegenüber einem neuen Regime, in diesem Fall einem traditionalistisch-konservativen, was Atheismus und Humanismus ablehnt.
Problematisch ist eine gewisse Essentialisierung. Im Roman sind alle Muslime generell mindestens konservativ-traditionalistisch eingestellt. Aber nicht nur liberale Muslime, auch laizistische Linke oder Feministinnen fehlen als handelnde Gruppen. Es gibt nur Rechte und ihre AnhängerInnen und traditionalistische Muslime und ihre Verbündeten.
Auch bedauerlich ist es, dass Frauen im Buch nur als Randgestalten vorkommen. Frauen sind für den Ich-Erzähler lediglich Lustobjekte, aber kaum gleichberechtigte Gefährtinnen
Hinzu kommt eine gehörige Portion Altmännergeilheit des Autors. Der Professor schläft wechselnd mit seinen Studentinnen oder später auch mit Prostituierten, was ausgiebig beschrieben wird.

Insgesamt ein flott zu lesendes, kurzweiliges Buch. Gute Lektüre für lange Bahn- oder Bus-Fahrten.

BuchKRITIK „Die Identitäre Generation“ von Markus Willinger

Der in Stuttgart lebende und aus Österreich stammende identitäre Aktivist Markus Willinger, Jahrgang 1992, hat 2013 den schmalen Band „Die Identitäre Generation. Eine Kriegserklärung an die 68er“ veröffentlicht. Zuerst noch via „Books on Demand“, dann im neurechten Arktos-Verlag, der beispielsweise auch den russischen Faschisten Alexander Dugin verlegt.
Willinger gibt von sich selbst an, er sei „seit seinem 15. Lebensjahr […] für die neue Rechte politisch aktiv“ gewesen.
Seine Büchlein hat Willinger einen gewissen Ruf in der extremen Rechten verschafft, u.a. war es das ‚Buch des Monats‘ im NPD-Blatt „Deutsche Stimme“. Offenbar wegen seiner Autorenschaft wurde Willinger mehrfach als Referent eingeladen. So ist er auf der Konferenz „Identity versus Globalism” am 29. Juni 2013 in Stockholm, auf dem „Zwischentag“ am 5. Oktober 2013 in Berlin und auf der „Traditional Britain Conference 2013” am 19. Oktober 2013 in London aufgetreten.
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Willingers Buch „Die Identitäre Generation“ will angeblich kein Manifest sein und hat doch unzweifelhaft einen Manifest-artigen Charakter und wird auch so rezipiert.
Zugrunde liegt dem Text, der übliche rechte Kulturpessimismus. Im Grunde geht alles kaputt: Das Abendland, Völker, Familien, Werte etc. Jetzt ist es aber höchste Eisenbahn dagegen Widerstand zu leisten. So die banale und, in der rechten Szene, auch nicht gerade neue Botschaft.
Wie im Untertitel vermerkt, versteht sich der Text als „Eine Kriegserklärung an die 68er“. Dazu heißt es:

Die Ideologie der 68er durchsetzt Europa. Sie ist eine Krankheit, die tödlich sein wird, wenn wir keine Heilung finden. Denn wenn wir auch jeden Willen zur Macht verloren haben: Unsere Nachbarvölker haben es nicht, und schon jetzt drängen sie in unseren Kontinent und besetzen die Räume, die wir ihnen freiwillig überlassen.

(Seite 7)
Das ist im Grunde nicht viel anders als in Breiviks Schriften, nur das bei diesem die 68er „Kulturmarxisten“ heißen. Letztendlich werden die Veränderungen der Moderne bzw. Postmoderne auf das gezielte Wirken einer Gruppe zurückgeführt, nämlich die 68er. In Wirklichkeit war es anders herum, die 1968er sind ein Ergebnis der (Post-)Moderne und nicht anders herum.

Dass die Identitären von der Frauenbewegung wenig halten, verwundert nicht. In der Diskussion um Abtreibung werden von Willinger Positionen vertreten, wie sie sonst nur aus dem fundamentalchristlichen Lager zu vernehmen sind. Für ihn sind Frauen*, die abtreiben lassen, nur Mörderinnen:

Ihr begingt tausendfachen Mord und beschönigtet euer Verbrechen mit Begriffen wie „sexuelle Befreiung“ und „Abtreibung“. Doch was ihr Abtreibung nanntet, nennen wir Totschlag.

(Seite 23)

Wir trauern um unsere toten Geschwister. Sie fehlen uns, auch wenn wir sie niemals kennenlernen durften. Und so rufen wir ihnen zu: „Brüder und Schwestern! Ihr geliebten, ermordeten Geschwister! Verzeiht euren Mördern, denn sie wussten nicht, was sie tun.“ Wir aber wissen, was wir tun. Wir sind diejenigen, die eure Säuberung überlebt haben, und wir kämpfen auch für das Leben zukünftiger Kinder. Wir werden euren Massenmord beenden. Denn wir sind die identitäre Generation.

(Seite 24)

Obwohl die Identitären immer angeben nicht rassistisch zu sein, ist Willinger ein kaum verhohlener Rassist:

Messerstechende Türken, drogenverkaufende Afrikaner, fanatische Muslime. Was für euch billige Klischees sind, ist unsere Realität. Und euer großer Traum der multikulturellen Gesellschaft ist uns darum verhasst.

(Seite 32)

Der Rassismus wird bei ihm als ‚Ethnopluralismus‘ bemäntelt. Hieß es früher „Keine Rassenmischung!“, so heißt es heute „Wahrt die Unterschiede zwischen den Völkern“. Der Inhalt bleibt freilich der gleiche:

Eurem Credo des Multikulturalismus stellen wir das ethnopluralistische Prinzip entgegen. Statt der Mischung und Vereinheitlichung wollen wir den Erhalt der Unterschiede.

(Seite 39)

Die (Post-)Moderne und Liberalisierung wird bei Willinger dem Nationalsozialismus angelastet:

Wir wissen, wer eure wahnsinnigen Thesen von der multikulturellen, befreiten und gegenderten Gesellschaft erst in euer Hirn hinein pflanzte. Es war der Nationalsozialismus.

(Seite 40)
Die höchst eigenwillige These ist dabei, dass die 68er eine Art von negativen Nationalsozialismus vertreten hätten, weil sie alles verworfen haben, was im NS Wertschätzung erfahren hat. Auch hier war es in Wirklichkeit anders herum. Der Nationalsozialismus entwickelte sich aus der bürgerlichen Mitte heraus, er radikalisierte nur viele Vorstellungen, die im Bürgertum ohnehin existierten.

Die Identitären stellt Willinger in seiner ethnopluralistische Logik als eine Art von Bewegung der Ureinwohner/innen Europas dar. Die ‚Anderen‘ sind dabei die Muslime und die sind in Europa fehl am Platz:

Denn die Existenz von Millionen Muslimen in Europa stellt eine dauerhafte Bedrohung für den Frieden auf unserem Kontinent dar. Nicht, weil die Muslime das totale Böse wären, sondern weil eure multikulturelle Gesellschaft nicht funktioniert.

(Seite 61)
Einmal abgesehen davon, dass in bestimmten Teilen Europas (Balkan, Krim, Kaukasus, Ural) schon seit Jahrhunderten Muslime in großer Zahl leben, so birgt das wiedergegebene Zitat eine gefährliche Tendenz. Wenn Muslime nach Willingers Auffassung eine ‚Bedrohung‘ sind, dann muss diese ja ‚beseitigt‘ werden. In dem kriegerischen Vokabular von Willinger steckt dabei durchaus eine gewaltförmige Lösung, die er auch andeutet:

Ihr habt die muslimische Masseneinwanderung zugelassen, ja sogar gefördert, und so werden wir dereinst um das Recht auf unseren Kontinent streiten müssen.

(Seite 70)
Zwar appelliert er auch:

Muslime und Afrikaner! Brecht eure Zelte ab und verlasst diesen Kontinent. Ihr habt ganze Erdteile, die euch gehören. Und wir wollen euch gerne helfen, eure Heimaten zu besseren Orten zu machen, sie aufzubauen und zu gestalten.

(Seite 84)

Kehrt zurück in eure Heimat, denn sie gehört euch. Europa aber wird euch niemals gehören. Europa gehört uns.

(Seite 85)
Was aber, wenn die von Willinger als ‚Muslime‘ und ‚Afrikaner‘ und damit als ‚fremd‘ Gekennzeichneten nicht das tun, wozu sie Willinger auffordert? In dem Text scheint eine Genozid- und Vertreibungs-Logik angelegt. Ständig wird betont, dass ‚Europa den Europäern‘ gehöre, wozu explizit aus anderen Weltgegegenden Zugewanderte und ihre Nachkommen nicht gehören.

Während Willinger fast durchgängig den ‚Kampf um Europa‘ proklamiert, so plädiert er an einer Stelle schon für den geordneten Rückzug:

Lassen wir Europa sterben, so können wir uns immer noch zurück ziehen. Wir können die politische Sphäre verlassen, die Großstädte aufgeben und mit unserer Familie in entlegene Dörfer abwandern. Wir können immer noch ein glückliches Leben in Ruhe, Frieden und Abgeschiedenheit führen. Wir können vor der gesamten Dekadenz unserer Gesellschaft fliehen. Denn es gibt andere Orte, andere Gebiete, in die wir gehen können. Nichts hindert uns an unserem persönlichen Glück.

(Seite 98)
Eine Option, die im Kaiserreich und in der Weimarer Republik auch in der völkischen Bewegung diskutiert wurde und zu diversen Siedlungsprojekten geführt hat.

Fazit: langweilig und ohne jede Analyse
Willingers Buch liest sich wie der pathetische Ritterroman eines 14-jährigen. Der ganze Text schwappt nur so über vor Pathos. Außerdem liegt ihm eine harte Selbstüberschätzung zu Grunde. Man muss schon in seltsamen geistigen Parallelwelten schwimmen, um den Identitären, zumindest in Deutschland, irgendwelche Veränderungs- und Gestaltungsmacht zuzusprechen. Die 5.000 Likes der „Identitären Bewegung Deutschlands“ bei Facebook hat auch eine mittelmäßige Boygroup schnell zusammen. Offline-Aktionen waren in Deutschland zumeist peinlich und hatten nie mehr als 30 Personen, die daran teilnahmen. Eine ‚Generation‘ sieht anders aus. Doch genau das beansprucht man ja zu sein. Gebetsformelhaft heißt nach jedem Kapitel im Buch: „Denn wir sind die identitäre Generation.“

Die hauptsächlich angeführte Begründungen funktionieren nach der Zirkelschluss-Logik: ‚es ist so, weil es so ist‘. Der Geschlechter-Dualismus oder Völker existieren eben und sind unveränderbare Einheiten seit Anbeginn der Zeit. Punkt. Das ist mehr als lahm, aber in der extremen Rechten nicht gerade selten anzutreffen. Grundelement der extremen Rechten ist der völkische Nationalismus. Da alle Spielformen des Nationalismus auf Mythen basieren, findet sich das auch im völkischen Nationalismus. Da wird aus dem rebellischen Cherusker-Fürst Arminius im Rückblick mal schnell ein deutscher Befreiungskämpfer gegen Rom konstruiert. Zwar gibt es auch unter Rechten Versuche den Nationalismus wissenschaftlich zu ummänteln, aber das lässt sich auch immer gut widerlegen. Der nationale Mythos und somit auch die Nation an sich sind Glaubenssache. Sie müssen nicht rational begründet werden. Entweder man glaubt daran oder eben nicht.

Auch die identitäre Rebellion ist nur eine konforme. Letztendlich geht es vor allem um die Wiederringung piefiger, vorgestriger Zustände von (angeblich) heiler Welt, Heim und Familie. Es ist eine inszenierte Rebellion gegen die Eltern (’68er‘), um sich den Werten der Großeltern zu unterwerfen
Das Unbehagen mit Materialismus und (Post-)Moderne mögen viele mit dem Autoren teilen, aber die meisten suchen deswegen nicht ihr Heil in der Vergangenheit.

Es ist nicht viel, was von den Identitären nach einem Anfangs-Hype in der Bundesrepublik übrig geblieben ist. Ein albernes pathos-gesättigtes Manifest, was aber keins sein will, ein paar Aufkleber und ein paar Facebook-Gruppen, von denen die Hälfte selbst online inaktiv ist.
Und wenn sie noch nicht gestorben ist, die Identitäre ‚Bewegung‘ in Deutschland, dann schreibt sie immer noch fleißig FB-Kommentare oder bastelt Online-Banner.

Die deutsche Rechte mit Sympathien für Saddam Hussein

Staatsmord in Bagdad
Als beispielhaft für die Sympathien der deutschnationalen Rechten für den irakischen Diktator Saddam Hussein kann das Buch „Staatsmord in Bagdad. Saddam Hussein am Galgen“ gelten, der 2007 im „Bonus-Verlag“ erschien. Der „Bonus-Verlag“ ist Bestandteil des extrem rechten Verlags-Imperium von Dietmar Munier.
Herausgegeben wurde der Sammelband von Manuel Ochsenreiter, der heute Chefredakteur des Nazi-Hochglanz-Magazin „Zuerst!“ ist. Hier, wie auf seinem früheren Chefredakteurs-Posten bei der extrem rechten „Deutschen Militärzeitschrift“ (DMZ), demonstrierte Ochsenreiter immer wieder deutliche Sympathien für antiamerikanisch und antizionistisch orientierte Regime (Assad-Syrien, Iran) und Bewegungen (Hizbollah). Deswegen ist seine Buch-Herausgeberschaft in diesem Fall nur wenig verwunderlich.
Neben dem Beitrag von Ochsenreiter, findet sich auch ein Interview mit dem NRW-Landtagsabegordneten Jamal Karsli in dem Buch, der 2002 mit einer Delegation den Irak besuchte. Karsli betont immerhin an mehreren Stellen des Interviews den verbrecherischen Charakter der Diktatur.
Auch Emil Schlee, deutscher Europa-Parlamentarier der Republikaner, besuchte im Herbst 1990 Saddam Hussein und äußert sich in dem Sammelband darüber.
Ein weiterer Abschnitt stammt aus der Feder des verstorbenen, österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider der vor dem Sturz des Saddam-Regimes mehrmals persönliche Treffen mit Regime-Vertretern hatte. Diese Neben-Außenpolitik, die von einigen Funktionären der europäischen Rechten praktiziert wurde, hatte sowohl ideologische (in diesem Fall vor allem antiamerikanische) wie auch tagespolitische Gründe (Selbstinszenierung als Friedensengel).
Haider berichtet über sein Zusammentreffen mit Saddam Hussein 2003:

„Saddam Hussein kam umgehend zur Analyse der politischen Situation im arabischen Raum. Im wesentlichen deckten sich seine Ausführungen bezüglich der Einschätzung speziell der Rolle Israels im Zusammenspiel mit den USA mit jenen seines Vizepremiers Aziz. […] Allerdings – und das kam bei ihm besonders stark hervor – betonte er immer wieder seine politische Vision von einer Einigung der arabischen Nationen, um deren elementare Interessen gegen die Zionisten, wie Israel in all diesen Gesprächen immer wieder genannt wurde, mit entsprechendem Nachdruck zu verteidigen. Als Vorkämpfer dieser Idee der arabischen Einigung hätte er sich ganz besonders der Sache der Palästinenser und ihres Kampfes um Eigenstaatlichkeit angenommen.“

(Seite 56-58)
Dieser durchaus authentische Bericht zeugt vom antizionisch-antisemitische Wahn Saddam Husseins.

Psychologisch am interessantesten ist sicher der Text „Von Nürnberg nach Bagdad“ von Richard Lobsien. In ihm heißt es:

„Wie bei dem Nürnberger »Hauptkriegsverbrecherprozeß« ging es auch in Bagdad nicht um Rechtsfindung, sondern um eine nur vordergründige rechtliche, aber dafür sichere Verurteilung der Angeklagten im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit.“

(Seite 156)
Der Autor schreibt zwar über den Prozess gegen Saddam Hussein, nimmt aber diesen nur zum Vorwand, um die Nürnberger Prozesse zu delegitimieren. So geht es ihm ganz offensichtlich nur zweitrangig um das Schicksal Saddams, es geht ihm zuallererst um das angeblich erlittene Unrecht in Nürnberg, wo der noch überlebende Nazi-Führung der Prozess gemacht wurde.

* Manuel Ochsenreiter (Hg.): Staatsmord in Bagdad. Saddam Hussein am Galgen, Selent 2007