Archiv der Kategorie 'Rechtes von links gelesen'

„Achsenmacht Islam“? – wie extreme Rechte mit dem Islamismus flirten und gleichzeitig Muslime anfeinden

Die dritte Ausgabe des rechtsradikalen Theorieblatts „Junges Forum“ Nr. 3/2004 widmet sich dem Thema „Der Islam und die Rechte“. Obwohl bereits fast zehn Jahre alt dürften die hier versammelten Anschauungen zum Thema immer noch einen größeren Teil der extremen Rechten jenseits der antimuslimischen Rassist*innen abbilden.

Bereits im Editorial legt der Heft-Macher Markus Fernbach die Hauptlinie fest. Außenpolitisch gilt ihm der politische Islam als machtvoller Bündnispartner, vor allem gegen die USA. Er fordert:

„[…] wir signalisieren den Muslimen, daß es noch Europäer gibt, die ihre Identität gegen die westliche Dekadenz à la USA wie es auch gegen den Schmelztiegelgedanken der Integrationsfetischisten verteidigen und dabei den authentischen, unverwässerten Islam als Verbündeten sehen und respektieren.“

Wenn Fernbach den „Liberalkapitalismus“ als Hauptfeind ausmacht und das Zustandekommen eines „wurzellose[n] ahasverhafte[n] Individuums“ beklagt, dann ist dieses Feindbild gut auch antisemitisch zu interpretieren.
Die außenpolitische Allianz-Suche, entspricht aber nicht dem Verzicht auf Anfeindungen gegen die die Zuwanderung von Muslimen. So stellt Markus Fernbach klar:

„An dieser Stelle soll mit allem Nachdruck betont werden, daß mit einer positiven Darstellung des Islam keinesfalls eine Forderung nach Zuzug von Fremden nach Europa verbunden ist oder aus ihr folgen muß.“

Auch der derzeitige stellvertretende NPD-Bundesvorsitzende Karl Richter aus München hat in dem Heft“ einen Beitrag unter dem Titel „Nach dem Bankrott der westlichen Werte: Ein Islam mit europäischen Antlitz? verfasst. In diesem warnt er vor einem generellen Feindbild Islam:

„Wer sich unreflektiert vor den antislamischen [sic!] Karren spannen läßt, spielt das Spiel Washingtons und sitzt obendrein einer verlogenen Kreuzzugsrhetorik auf, die niemanden weiterhilft.“

(Seite 30)
Statt den modernisierten kulturellen Rassismus gibt Richter dem alten, biologistischen Rassismus den Vorzug:

„Doch das Problem ist nicht der Islam, sondern das schiere Bevölkerungspotential raumfremder Zuwanderer, das aus quantitativen und qualitativen Gründen nicht mehr zu verdauen ist. Das ist eine politische Herausforderung, mit der Europa in der Tat auf die eine oder andere Weise fertigwerden muß. Mit dem Islam als Wertesystem hat sie nichts zu tun.“

(Seite 31)
Außerdem hofft er auf eine, durch den Islam angestoßene Rechristianisierung Europas:

„Vorstellbar ist immerhin, daß sich die Deutschen im Angesicht der islamischen Herausforderung wieder auf ihre eigenen Wurzeln besinnen, das Christentum als Leitkultur reaktivieren und die multikulturelle Zeitbombe im letzten Augenblick entschärfen […].“

(Seite 33)

Insgesamt ist es interessant wie ein Teil der extremen Rechten in dem Heft aus antiamerikanischen, generell antiwestlichen und antimodernistischen Motiven heraus ein begrenzt positives Islam(ismus)-Bild entwickelt. Dass wird auch mit Verweis auf muslimische Armee-Einheiten in Österreich-Ungarn und die muslimischen Waffen-SS-Divisionen versucht historisch zu unterstreichen. Zusätzlich schreiben noch mit Claudio Mutti aus Italien und Martin Schwarz aus Wien zwei Rechte, die aus politischen Motiven zum Islam konvertiert sind.

„Tod eines Kritikers“ von Martin Walser

Der 2002 erschienene Roman „Tod eines Kritikers“ von Martin Walser führte bereits vor seiner Veröffentlichung zu einer Kontroverse. Es war bekannt geworden, dass Martin Walser darin, seinen Disput mit dem Literaturkritiker Macrel Reich-Ranicki in Romanform verarbeitet hatte.
In dem Buch verschwindet in einer Winternacht der Literaturkritiker Andre Ehrl-König, kurz nachdem ihm der Schriftsteller Hans Lach nach einem Verriss seines Werkes gedroht hatte:

„Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Sehen sie sich vor, Herr Ehrl-König. Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.“ (Seite 54)

Zum Beweis von Lachs Unschuld macht sich Michael Landolf, der Hauptprotagonist des Buches auf, und recherchiert in der Literaten- und KünstlerInnen-Szene Münchens.
Walser schildert genau um was für eine Person es sich bei Andre Ehrl-König handelt, nämlich um einen machthungrigen und egomanischen Chefkritiker, der ein seltsam verdrehtes Deutsch spricht („Literatür“ statt Literatur). Jemanden, der trotz seines unansehnlichen Äußeren, gerne junge blonde Frauen umgarnt und jungen Frauen („Mädelchen“) nachstellt. Walser lässt an den „Literatür makelnden Machtmenschen“ (Seite 108) kein gutes Haar. Walser kennzeichnet seine literaische Karikatur von Reich-Ranicki in seinem Roman auch als Holocaust-Überlebenden und Sohn des jüdischen Bankier König aus Nancy. Noch dazu ist Ehrl-König ein Fremder, ein „der als Monsieur Nichts aus Lothringen in unser Land wechselte“ (Seite 111). Mit der Kennzeichnung des Bösewichts des Buches als jüdisch besteht zumindest eine bedenkliche antisemitische Deutungsoption für Kontextkenner_innen, auf die Walser auch leicht verzichten hätte können.
Abseits davon ist „Der Tod eines Kritikers“ auch kein gutes Buch. Es fehlt ihm an Spannung und am Fesselnden. Einige Abschnitte sind eher ein Fall für den oder die Sexualtherapeut_in als für die Leserschaft.

Martin Walser, Jahrgang 1927, ist kein Rechtsradikaler, aber ein anschauliches Beispiel für einen Reaktionär und Nationalist in der Mitte der Gesellschaft. Immer wieder fällt Walser hier unangenehm auf. So schrieb er 1988 die NDR-Tatort-Folge „Armer Nanosch“, die von antiziganistischen Stereotypen nur so strotzt oder rief dazu auf, „die Wunde namens Deutschland offenzuhalten”. Auch kaum verwunderlich, war er Kuratoriumsmitglied des 1990 gegründeten nationalistischen Vereins „Deutsche Gesellschaft e. V. zur Förderung kultureller, politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik“. Und 2010 hielt er die Eröffnungsrede zur Marbacher Ernst-Jüngers-Ausstellung und erklärt darin den Kriegsschriftsteller Ernst Jünge zur moralischen Instanz:

„Wenn man sieht, wie er sich lebenslänglich mit dem Krieg konfrontiert sah, und wenn wir glauben, wir könnten unsere Kriege immer mehr von Söldnern führen lassen, dann sehe ich, wie mangelhaft unser Bewusstsein geworden ist“

BuchKRITIK „Die Grünen – Rote Wölfe in grünem Schafspelz“ von Peter Helmes

Über die Aufrechterhaltung mancher Feindbilder kann man sich nur wundern. Dazu gehört auch das rechte Feindbild Grüne Partei. Warum sind ausgerechnet die Parteigrünen in der (extremen) Rechten noch immer so ein wichtiges Feindbild? Ein paar Hinweise zur Funktion dieses Feindbildes liefert die Broschüre „Die Grünen – Rote Wölfe in grünem Schafspelz“ von 2011 aus der Feder von Peter Helmes. Der Autor Peter Helmes, Jahrgang 1943 gehört zu den Resten des Stahlhelmflügels der CDU. Er ist seit 1959 CDU-Mitglied. Er war Bundesgeschäftsführer der „Jungen Union“, Generalsekretär der „Internationalen Jungen Christdemokraten und Konservativen“ und Hauptgeschäftsführer der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung. Bei der Bundestagswahl 1980 war er Mitglied im Wahlkampfstab von Franz-Josef Strauß als Bundesgeschäftsführer der „Bürgeraktion Demokraten für Strauß“, aus der die rechtskonservative „Konservative Aktion“ hervorging. Heute ist er Verfasser von Publikationen für den extrem rechten Verein „Die Deutschen Konservativen e.V.“ mit Sitz in Hamburg und Mitglied der Redaktion des Vereinsorgans „Deutschland-Magazin/Deutsche Konservative Zeitung“. Für den unionsnahen Verein verfasste Helmes diese Aufklärungsbroschüre über die Parteigrünen, die mindestens in der siebten Auflage erschienen ist.
Rote Wölfe in grünem Schafspelz
Bei der Lektüre wird schnell klar, dass für den Verfasser der Kalte Krieg noch nicht vorbei ist. Er wird vielmehr mit anderen Mitteln fortgeführt. Für Helmes sind die Parteigrünen immer noch „grünlackierte Kommunisten“ und „allesunterwandernden 68er Politrevoluzzer“, die Deutschland „auf dem Weg zum Öko-Faschismus“ (Seite 81) führen. Der „Marsch durch die Institutionen“ (Dutschke) hat nach Helmes stattgefunden und war erfolgreich. Dieser kryptokommunistischen Verschwörung ist Helmes auf der Spur. Er versucht seine Verschwörungsfantasie zu beweisen, indem er die K-Gruppen-Vergangenheit und Zitate von parteigrünen Funktionär_innen auflistet. Dabei wird er öfters mal beleidigend vulgär, etwa wenn er Claudia Roth als „deutsche Heulsuse“ oder „Deutschlands Betroffenheitsautomat“ bezeichnet.
Der Ton der Broschüre ist immer wieder empört und beinhaltet u.a. die übliche konservative Klage-Litanei über Abtreibung, Multikulti, aufsässige Jugend, Säkularisierung, Werte- und Sittenverfall etc.
Die Parteigrünen bzw. die 68er wollen laut Helmes letztlich nichts Geringeres als die Zerstörung Deutschlands bzw. des christlichen Abendlandes und die Weltherrschaft. Dabei offenbart Helmes auch ein streng christliches Weltbild, dass er durch die Parteigrünen bedroht sieht: „Öko-Religion statt Christentum“ (Seite 60). Es wird regelrecht endzeitlich: „Es geht um den Kampf Lucifers gegen Gott um die Weltherrschaft.“ (Seite 56)

Der Kalte Krieger Helmes lastet letztlich alle Veränderungen bzw. den gesamten Wandel der (Post-)Moderne den Parteigrünen an. Diese hätten sich seit ihrer Gründung auch nicht verändert, sondern seien erfolgreich durchmarschiert. In Wahrheit freilich sind eher die Institutionen durch die 68er marschiert als anders herum. Wie so oft bei Verschwörungsfantasien ist es die Suche nach Akteur_innen, wo es so überhaupt keine gibt. Nicht erklären kann Helmes, warum die Parteigrünen sich an zwei Kriegen beteiligten oder Otto Schily als Law&Order-Innenminister jeden Unions-Hardliner locker in die Tasche stecken konnte.
In der Broschüre stecken auch Detailfehler, beispielsweise wenn Helmes von „Homos und Lesben“ – als ob Lesben keine „Homos“ wären – schreibt oder den Unsinns-Begriff „ideologisch irreal“ verwendet.

Buchkritik „Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland“, herausgegeben von Ulrich Dovermann

Vor der Aufdeckung der neonazistischen Mordserie wurde augenscheinlich gerade damit begonnen das neualte Feindbild „Linksextremismus“ wieder aufzubauen. Die Lahmlegung von U-Bahnen oder das Anzünden von Bundeswehr-Zubehör mussten für das Schreckgespenst vom „Linksterrorismus“ herhalten. Ob man solche Aktionen nun sympathisch findet oder nicht, aber der qualitative Unterschied und das Motiv dahinter sind doch sehr unterschiedlich im Vergleich zu den rassistischen Mordtaten des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU).
Nun wurde die heranrollende Anti-Extremismus-Welle durch die Offenlegung der mörderischen NSU-Taten als eine Art Wellenbrecher gebrochen, der auf eine grausame Weise den Unterschied zwischen extremen Rechten und radikalen Linken veranschaulichte. Trotzdem der Spiegel vom 14. November 2011 groß titelte „Die Braune Armee Fraktion“.
Allerdings werden sich nach dem erwartungsgemäßen Abklingen der Aufmerksamkeit für die Neonazis Politik und die Öffentlichkeit wohl auch dem Thema „Linksextremismus“ wieder zuwenden. Schon warnen einige Etablierte davor im Kampf gegen Rechts doch bitte nicht den „linken Extremismus“ zu vergessen.
Wenn das Feindbild „Linksextremismus“ ausgebaut werden soll, dann braucht es für diesen Ausbau ein gewisses Fundament. Dafür muss die Propaganda-Maschinerie gut geölt und angekurbelt werden. Solche Dienste übernimmt neben dem Verfassungsschutz gern auch mal die „Bundeszentrale für politische Bildung“ oder ihre Ableger, die jeweiligen Landeszentralen.
Sammelband über
Das Titelbild des Sammelbandes „Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland“ (Bonn, 2011) ist schon Ironie für sich. Auf dem Buchcover ist der Strahl eines Wasserwerfers zu sehen, der gegen einzeln stehende Demonstranten gerichtet ist. Hier geht die Gewalt erkennbar von der Polizei und nicht von den Demonstrant_innen aus.
Dazu passt der Beitrag „Facetten des Extremismus – eine Begriffserklärung“ von Hans-Gerd Jaschke, in dem es heißt: „Die staatlichen Reaktionen folgten dem repressiven Arsenal der streitbaren Demokratie.“ (Seite 13). Weiter erklärt derselbe Autor offen: „Antikommunismus war in der Bundesrepublik bis zur Wende 1989/90 zu einer Art Staatsdoktrin geworden, die auch weite Teile der Medien und des gesellschaftlichen Lebens prägte.“ (Seite 13)
Danach ergeht sich Jaschke in mehr als zweifelhaften Analogien zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus:

Der unbeirrbare Überlebenskampf – gegen die »Verräter« und »Ungläubigen« oder die »jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung« oder die »kapitalistische Ausbeutung« und den »Imperialismus« – und die Utopie einer »homogenen Volksgemeinschaft«, einer »klassenlosen Gesellschaft« oder eines »Gottesstaates« gelten nicht als diskussionswürdige Programme, sondern als substanzielle und unverrückbare Grundfesten des politischen Glaubensbekenntnisses.

(Seite 17)

Ob es inhaltlich evtl. einen Unterschied macht, ob man den antisemitischen Topos von der jüdischen Weltverschwörung oder den real existierenden und millionenfach todbringenden Kapitalismus bekämpft, wird nicht gesagt. In der Logik der Extremismus-Theorie wird nach Inhalten und Zielen kaum gefragt.
Immerhin gibt der Autor Jaschke zu, dass die staatliche Seite ihren Anteil an der Eskalation in Konflikten hat:

Insbesondere in der staatlichen Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus der 1970er Jahre können zahlreiche Eskalationen beobachtet werden: Je härter die Polizei vorgeht, desto stärker fühlen sich die Terroristen legitimiert. Extremistische Gewalt und staatliche Reaktion, auch auf den Ebenen der Justiz und Gesetzgebung, bilden ein Interaktionsgeflecht: Aktionen auf der einen Seite provozieren Reaktionen auf der anderen. In Berlin lässt sich jeweils zum 1. Mai beobachten, wie Aktionen der militanten autonomen Szene auch von den Aktions- und Reaktionsweisen der Polizei abhängen.

(Seite 27)

Interessanter liest sich da schon der Beitrag „Geschichte des linken Radikalismus 1945-1990“ (Seite 49-94) von Hubert Kleinert. Kleinert erinnert daran, dass schon vor dem staatlichen Kampf gegen „Linksextremismus“ innerhalb der dogmatischen Linken gegen „Linksradikale“, „Ultralinke“ und „Linksabweichler“ gekämpft wurde. Erinnert sei an Lenins programmatische Schrift „Linksradikalismus als Kinderkrankheit des Kommunismus“. Der Begriff „Linksradikalismus“ als Kampfbegriff stammt also nicht unbedingt vom Staat. Hubert Kleinert erwähnt in seiner „Geschichte des linken Radikalismus 1945-1990“ auch die Bedeutung der frühen Grünen:

Eine regelrechte Erschütterung erlebte diese Form der linken Radikalität durch die Erfolgsgeschichte der Grünen. Die breite Resonanz und Sogwirkung, welche die Entstehung und Entwicklung der Grünen auslöste, hat allmählich die Tragkraft linksradikaler Gesellschaftsbilder geschwächt. Indem sie eine Vielzahl von Repräsentanten solcher Vorstellungen dazu gebracht hat, sich auf die Spielregeln des Parlamentarismus mit seinen Zwängen zur Mehrheits- und Kompromissbildung einzulassen, hat sie Lernprozesse ermöglicht, die von den Spitzen der Partei bis an die Basis von Mitgliedern und Wählern nachvollzogen wurden.

(Seite 88)
Bei der Darstellung der RAF versucht der Autor wie viele andere auch diese Gruppe zu entpolitisieren und spricht von den „militanten Desperados der Roten Armee Fraktion“ (Seite 50). Man muss die RAF nicht mögen, um ihr einen politischen Charakter zuzugestehen.
Kleinert nennt auch die Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen „feinsinnig“ (63). Nach dieser Logik ist es lediglich ein „feinsinniger“ Unterschied ob Scheiben kaputt gehen oder Menschen durch Scheiben geworfen und damit ermordet werden.
In seiner ganzen „Geschichte des linken Radikalismus 1945-1990“ lässt Kleinert aber vor allem den historischen Kontexte stark unter den Tisch fallen. So vergisst er zu erwähnen, dass die linksradikale Geschichte der Bundesrepublik auch die Geschichte ihrer Repression ist.
So kam es in den Jahren 1951 bis zur Aussetzung 1968 in Westdeutschland zu massiven Kommunistenverfolgungen. Es wurden Ermittlungen gegen 125.000 mutmaßliche Kommunisten angestellt und etwa 7.000 wurden verurteilt, viele davon hatte jahrelange KZ-Haft hinter sich. Der rechte und antikommunistische Trend schlug sich auch anderswo nieder. Das am 18. September 1953 erlassene „Bundesergänzungsgesetz zur Entschädigung für die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung“ in der Bundesrepublik schließt Kommunisten generell von Wiedergutmachungsleistungen aus.
Einen alten Nazi zu ohrfeigen kostete Beate Klarsfeld ein Jahr ihres Lebens, aber ein alter Nazi, der hunderte Menschen erschlagen hatte, kam vor Gericht nicht selten davon.

Der Autor Gero Neubauer tanzt in seinem Beitrag „Von der SED/PDS zur Partei Die LINKE“ etwas aus der Reihe, er scheint nämlich das Extremismusmodell abzulehnen:

Das Konzept der sozialistischen Demokratie ist deshalb nicht mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung kompatibel, weil es die Macht einer Partei festschreibt und damit den demokratischen Wandel und Wechsel unmöglich macht.

(Seite 113)
Im nachfolgenden Beitrag spricht der Extremismus-Theoretiker Eckard Jesse dann aber wieder von der „militant antikapitalistisch wirkende[n] PDS“ (Seite 132).

Die nächsten beiden Beiträge stammen von dem Autor Armin Pfahl-Traughber, einer Person die aus der unabhängigen und antifaschistischen Linken kommt, aber zum Staatsdiener mutierte. Arbeitete Pfahl-Traughber ehemals für das „Zentrum Demokratische Kultur“, war ab 1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter im „Bundesamt für Verfassungsschutz“ und ist seit 2004 Professor an der „Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung“ (FH Bund) in Brühl/Rheinland.
Pfahl-Traubgher erster Beitrag in dem Sammelband widmet sich dem Thema „Israelfeindschaft zwischen Antiimperialismus und Antisemitismus“. Durchaus richtig stellt er darin fest:

Die israelfeindliche Agitation kann angesichts ihrer Schärfe in einer judenfeindlichen Einstellung münden. Und die kritiklose Solidarität mit manchen Gegnern Israels in der Region bedeutet auch die Solidarität mit Antisemiten.

(Seite 156)
Dass Pfahl-Traubgher sich dem Thema „Israelfeindschaft zwischen Antiimperialismus und Antisemitismus“ widmet, entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik. Der im selben Band mitschreibende Eckard Jesse, Professor für Politologie an der Technischen Universität Chemnitz, gab immerhin bereits einmal folgenden Satz von sich:

Auf Dauer dürfte Judenfeindlichkeit nicht zuletzt gerade wegen mancher Verhaltensweisen von Repräsentanten des Judentums an Bedeutung gewinnen.

Sowieso ist es seltsam wenn sich der Staat und seine Geheimdienste nur im Bereich außerparlamentarischen Linke und politischer Islam Antisemitismus bekämpft, aber beispielsweise im Verfassungsschutz-Bericht die ganze Piusbruderschaft mit keinem Wort erwähnt wird.

Der nächste Beitrag stammt von Carsten Koschmieder und wird mit einem Zitat von der verschwörungstheoretischen Hiphop-Combo „Die Bandbreite“ eingeführt. Es geht um „Die Entstehung der »Antideutschen«“. Der Beitrag behauptet u.a. „die“ Antideutschen würden „sich für die Kriege im Irak und in Afghanistan aussprechen“. Allerdings schränkt Koschmieder gleich wieder ein:

Sowohl die »Antideutschen« als auch die »Antiimperialisten« müssen als ideologische Einheit dargestellt werden, die sie oft nicht sind; nicht alle, die zu den »Antideutschen« gezählt werden, können allen Positionen zustimmen, die hier den »Antideutschen« zugeordnet werden.

(Seite 184)

Der Autor Rainer Erb befasst sich mit dem Thema „Die linke Szene als Herausforderung für die politische Bildung“. Er schreibt:

Die Bildungslandschaft ist von faszinierenden Menschen bevölkert, aber auch von sozialrevolutionären Weltdeutern, von dogmatischen Rechthabern und politischen Utopisten. Trotz der Vielzahl von literarischen Heroen, Künstler und prominenten Intellektuellen, an akademischen und politischen Vordenkern konzentriert sich das Spektrum auf wenige Referenzfiguren, naturgemäß auf linke Theorie, auf soziologische und historische Literatur aus linker Perspektive.

(Seite 202)
Erb weist auch auf das Grundproblem der Extremismus-Theorie hin:

Jeder hat vor seinen jeweiligen politischen Hintergrundannahmen ein intuitives Verständnis von Extremismus, aber es gibt keine einheitliche international gültige wissenschaftliche Definition für dieses Weltphänomen.

(Seite 204)
Er konstatiert ganz richtig:

Letztlich ist das Extrem immer geschichts- und kontextabhängig, es verschiebt sich mit jedem Wandlungsprozess der »Mitte«.

(Seite 204)
Sogar Kritik an den deutschen Behörden in ihrem Kampf gegen den „Linksextremismus“ äußert Erb:

Gelegentlich entscheiden deutsche Behörden nach Verdachtsmomenten, ohne diese konkret zu begründen und ohne ein konkretes tatsächliches Gefahrenpotenzial für die freiheitliche demokratische Grundordnung nachvollziehbar zu belegen.

(Seite 204-205)
Doch auch Erb versucht sich an einer Definition von „Linksextremismus“:

Im Sinne einer Arbeitsdefinition wird hier von Linksextremismus dann gesprochen, wenn die politischen Einstellungen und Orientierungsmuster mit Basisnormen konstitutionell-demokratisch verfasster pluralistischer Gesellschaften kollidieren. Hierzu zählt die Legitimität einer Vielzahl konkurrierender Meinungen, Anschauungen und Interessen ebenso wie die Verhaltensregeln eines Gewalt kontrollierenden Institutionengefüges. Die implizite oder explizite Negation zu verschwörungstheoretischen Spekulationen und der Entwicklung aggressiver Freund-Feind-Stereotype. Linksextrem schließt ferner den rabiaten Egalitarismus anarcho-kommunistischer Ideologie ein.

(Seite 205)
Ob „rabiater Egalitarismus“ die Nicht-Akzeptanz der Tatsache ist, dass täglich tausende Menschen verhungern? Doch Kapitalismuskritik und ein bestimmtes Vokabular führen bei Erb immerhin noch nicht zum „Extremismusverdacht“:

Die Analyse und die Kritik der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland als kapitalistisch kann noch keinen Extremismusverdacht begründen, da für einen derartigen Standpunkt gute (und weniger gute) Gründe anführen lassen.

(Seite 205)

Konservative Autoren, die gereizt durch die Kampfbegriffe »Klasse«, »Kapitalismus«, »Anarchismus« oder »Antifaschismus« konstatieren, bereits damit würde der Verfassungsrahmen überschritten, versuchen machtgestützt das Spektrum legitimer Gesellschaftskritik zu verengen und streben danach, für die eigene Überzeugung eine beherrschende Stellung auf dem Markt der Meinungen zu behaupten.

(Seite 205-206)
Erb scheint sogar wichtige Unterschiede zwischen links und rechts begriffen zu haben:

Genosse zu sein, ist keine nationale und keine soziale Angelegenheit wie bei »Kameraden« der rechten Szene, sondern eine grenzüberschreitende.

(Seite 207)

Den letzten Teil des Sammelbandes bildet ein Streitgespräch zwischen Uwe Backes und Richard Stöss. Während der Erstere ein Vorbereiter der Extremismus-Theorie ist, ist Letztgenannter ein vehementer Kritiker dieses Ansatzes. Stöss:

Ein Konzept, das die Menschen nur danach einteilt, ob sie für oder gegen den demokratischen Verfassungsstaat sind, ist aus sozialwissenschaftlicher Perspektive unterkomplex.

(Seite 298)
Stöss betont auch die Unterschiede innerhalb der Linken:

Denn Kommunismus und Anarchismus unterscheiden sich mentalitätsmäßig wie Feuer und Wasser. Die einen sind autoritär und zentralistisch, die anderen radikaldemokratisch und lokalistisch.

(Seite 299)
Allerdings ist Stöss nicht generell ein Freund der außerparlamentarischen Linken. Er nennt Autonome kriminell und meint sie seien deswegen ein Fall für die Strafverfolgung.

Ulrich Dovermann (Hrsg.): Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2011.

Buchkritik „Die Wahrheit und ihr Preis“ von Eva Herman

Drei Jahre nach ihrem Rauswurf beim NDR hat die umstrittene Moderatorin Eva Herman mit „Die Wahrheit und ihr Preis“ (Rottenburg 2010) ihre Darstellung der Ereignisse um sie herausgebracht. Erschienen ist ihr Buch im rechten Kopp-Verlag, für den sie als Online-TV-Nachrichtensprecherin arbeitet.

Eva Herman fühlte und fühlt sich unzweifelhaft verfolgt, sie sei einer „viele Monate dauernden Verfolgungskampagne“ (Seite 86) ausgesetzt gewesen. Sie sah sich nach der Veröffentlichung mehrerer anti-emanzipatorischen Bücher und Artikel besonders dem Druck „bestimmter linksfeministischer Interessengruppen“ (Seite 22) ausgeliefert. In ihren Schriften hatte sich Herman gegen die Gleichberechtigung und Erwerbstätigkeit von Frauen ausgesprochen und ihre „These des schöpfungsgewollten Auftrages von Mann und Frau“ (Seite 49) verteidigt. Dadurch sah sie sich vom „Weltfeminismus“ und „linksfeministische[n] Kreise[n]“ (Seite 52) bedroht. Was Hermans als Bedrohung darstellt und wohl auch tatsächlich so wahrnimmt, stellt in Wahrheit eine gerechtfertigte Kritik dar.
Hermans eigene „Kritik“ am Feminismus hingegen sinkt schon auch mal auf das Niveau von Männer-Stammtischen:

Allerdings konnte ich zu keinem Zeitpunkt verstehen, dass viele derjenigen Frauen, die für die angebliche weibliche Befreiung kämpften, immer gleich aussehen mussten wie verlotterte Vogelscheuchen.

(Seite 77)

Ein Opfer des Sensationsjournalismus?
Eva Herman inszeniert sich in ihrem Buch als unschuldiges Opfer eines Komplotts, dass dazu dienen sollte sie mundtot zu machen:

Um zu verhindern, dass meine Thesen in der breiten Öffentlichkeit bekannt wurden, wollte man mich anscheinend zuvor lieber mit der Nazikeule erschlagen.

So wurde sie nach eigenem Empfinden, mit einer „durch den Linksfeminismus erprobten Vernichtungsstrategie“ (Seite 38) „bösartig hingerichtet“ (Seite 114).
Zur Erinnerung: Herman befand sich vor allem durch ein Zitat auf der Presse-Konferenz zu einer Buchveröffentlichung und durch Äußerungen während eines Talkshow-Auftritts bei Johannes B. Kerner in der Kritik. Im ersten Fall wurde ihr ein Zitat als NS-Verherrlichung oder doch mindestens NS-Verharmlosung ausgelegt und ihr wurde daraufhin ihre Stelle beim NDR gekündigt. Tatsächlich könnte es so gewesen sein, dass sie im ersten Fall falsch verstanden wurde und in diesem Fall daher auch einer falschen Kritik ausgesetzt war. Nach der Lektüre der Transkription von Hermans Rede entsteht jedenfalls der Eindruck, dass Herman offenbar aus falschen Annahmen heraus als Moderatorin gestürzt wurde. Dabei existierten für dieses Absägen trotzdem allerhand gute Gründe. Der Sensationsjournalismus hatte aus den falschen Gründen die Richtige erwischt. Im offiziellen Antinazi-Deutschland, dass mit Schröders „Aufstand der Anständigen“ ausgerufen wurde, ist offenbar nur der reinrassige Nazi es wert ihn zu bekämpfen, der Sozialdarwinist Sarrazin schon weniger und die mörderische Flüchtlingspolitik Deutschlands fast gar nicht.
Nazi-Mutterkreuz
Ist Eva Herman also eine „Eva Braun“? Nein, nach allem was man über sie weiß nicht. Aber sie ist eine reaktionäre Antifeministin, die sich die verstaubte und knochenkonservative Adenauer-Zeit zurückwünscht und eine strikte Rollentrennung von Mann und Frau herbeisehnt. Derartige „back to the past“-Ausflüge würden sich massiv negativ für Frauen und Mädchen auswirken. Dafür sollte Herman vor allem kritisiert werden. Dafür das sie Gender-Mainstreaming als „menschheitsvernichtenden Wahnsinn“ (Seite 78) bezeichnet und behauptet:

Gender Mainstreaming ist das größte und gefährlichste Umerziehungsprogramm der Menschheit.

(Seite 46)
Auch ihre antilinke Einstellung, sie sich z.B. gegen die 68er richtet, verdient Kritik. Auch wenn diese sich stellenweise einfach nur lächerlich ausnimmt. So führt Herman das Ende des realsozialistischen Staatskapitalismus auf die (angebliche) Gleichstellung der Frau zurück:

Die Gleichstellung der Frau, die zum Grundgerüst von Sozialismus und Kommunismus gehört, hat in den zurückliegenden Jahrzehnten zahlreiche Gesellschaften an den Rand des Zusammenbruchs geführt.

(Seite 54)

Kreuzzug gegen die Kinderkrippe
Herman führt einen Kreuzzug gegen Kinderkrippen. Sie behauptet unter Bezugnahme auf eine angeblich ernst zu nehmende „Bindungsforschung“, es ständen „Gewaltbereitschaft, Kriminalität und Drogenkonsum in unmittelbaren Zusammenhang […] mit fehlender Mutterbindung“ (Seite 20-21), die durch das Kinderkrippen-System verursacht würden. Dadurch verursachen Krippen nach Herman u.a. „Depressionen, Kriminalität oder politisch radikalen Einstellungen“ (Seite 87) und die „komasaufende Jugendgeneration“ (Seite 204). Deswegen sei es die Pflicht der Mütter ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Nur an einer Stelle nennt Herman die Person, die im deutschsprachigen Raum dieses „Mutterglück“ daheim so stark propagiert, nämlich Christa Meves:

Die betagte und erfahrene Kinderpsychotherapeutin Christa Meves, die mir als leuchtendes Vorbild in Sachen Durchhaltekraft dient […].

(Seite 160)

Flucht ins Religiöse
Bei Herman fällt der Leserin oder dem Leser immer wieder die Flucht ins Religiöse auf. Obwohl angeblich alles mit Fakten unterfüttert ist, so ist die religiöse Überzeugung Hermans letztlich ihr Motiv:

Unser Schöpfer hat sich schon etwas dabei gedacht, als er der Mutter durch Hormonausschüttungen bedingte zärtliche Versorgungsmechanismen sowie die wunderbare Einrichtung der Muttermilch verlieh, um den kleinen Kindern ein stabiles Urvertrauen sowie körperliche und seelische Gesundheit mit auf den Lebensweg geben zu können.

(Seite 56)
Nicht nur Gott, auch der Teufel treibt sich nach Herman in der Welt herum:

Wieder sehe ich müde, erschöpfte, hetzende arme Seelen, manche scheinen vom Teufel getrieben zu sein. Ja, viele von ihn hat er sicher und fest im Griff. Hohnlachend sitzt er ihnen auf den Schultern und treibt sie durch diese Welt, ihre Seelen verführend, Geld und Ansehen hinterherjagend.

(Seite 83)
Eine Stelle liest sich so, als wäre sie direkt aus einem Scientology-Programm entnommen:

Seht das Licht! Die Sonne, den Himmel, die Sterne. Jeder Baum ist klüger als ihr, der Fluss führt Weisheit mit sich, und der Wind kennt die Melodie der Liebe und der Ewigkeit. Das ist die Sprache der Schöpfung.

(Seite 85)
Wer sowas verquastet Irrationales schreibt, die oder den kann man schlecht ernst nehmen. Herman ist einfach nur meschugge und mit dem Kopp-Verlag hat sie einen Verlag gefunden, der perfekt zu ihr passt. Das muss wohl eine Liebesheirat gewesen sein.

Eva Herman: Die Wahrheit und ihr Preis, Rottenburg 2010.