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Nationalkommunismus oder warum ich auf den Tod von Kim Jong Il anstoße

Hier mal ein Zitat vom guten alten und sicher nur durch einen vorübergehenden Anfall von Sterblichkeit abwesenden, aber demnächst auferstehenden Kim Jong Il.

Die Imperialisten und andere Reaktionäre nehmen den Mund voll, als ob zwischen dem Kommunismus und dem Nationalismus ein Abgrund bestünde, der nicht zu überbrücken ist, um in die Nation einen Keil des Haders und der Uneinigkeit hineinzutreiben, aber der Kommunismus und der Nationalismus haben ein gemeinsames Anliegen, nämlich die Liebe zu Vaterland und Nation.

(Kim Jong Il, Sohn Kim Il Sungs)

Kim Jong Il

Buchkritik „Villa Waigner“ von Erich Später

Der Historiker Erich Später beschäftigt sich in seinem Buch „Villa Waigner. Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939-45“ mit der deutschen Besatzungszeit in Tschechien, wobei er seinen Schwerpunkt auf Böhmen und Mähren abzüglich des so genannten „Sudetenlandes“ legt.

Villa Waigner

Später ist ein Historiker, der offen und klar benennt was der Nationalsozialismus war:

„Die Nationalsozialisten und ihr Führer verkörpern den radikalen deutschen Nationalismus, der zur Staatsmacht wird.“ (Seite 9)

„An ihre [der Juden] Vernichtung knüpfen sich eschatologische Endzeiterwartungen eines vom Bösen befreiten Planeten und der dann einsetzenden »tausendjährigen« Herrschaft der arischen Rasse.“ (Seite 27-28)

Später stellt die Republik Tschechoslowakei (CSSR) als das dar, was sie war, nämlich eine parlamentarische Demokratie mit gesicherten Rechten für die vielen religiösen und sprachlichen Minderheiten. Das betrifft auch die jüdische Minderheit. So war antisemitische Diskriminierung gesetzlich verboten und wurde im Gegensatz zu den Nachbarländern erfolgreich zurückgedrängt und isoliert. Zionistische Veranstaltungen konnten in der CSSR ohne Probleme stattfinden. Der erste Präsident der CSSR, Masaryk, besuchte sogar als erster europäischer Staatspräsident, der 1927 die jüdische Gemeinschaft in Palästina.

Doch mit dem Münchner Abkommen von 1938 wird das Schicksal der letzten antifaschistischen Demokratie in Ost- und Mitteleuropa besiegelt. Durch das Abkommen werden die mehrheitlich deutschsprachigen Randgebiete von Böhmen und Mähren („Sudetenland“) mit Zustimmung der mehrheitlich pronazistischen Bevölkerung dem „Dritten Reich“ zugeschlagen. Slowakische Klerikalfaschisten nutzen die Gunst der Stunde und erklären sich mit Unterstützung der Nationalsozialisten für unabhängig und die autoritären Nachbar-Regime in Ungarn und Polen annektieren für sich kleiner Gebiete aus dem ehemaligen Staatsgebiet der CSSR. Bereits vor der Annexion der Sudetengebiete flüchteten 25.000 Personen, darunter auch deutschsprachige Antifaschist_innen und Jüdinnen & Juden, vor der aufgehetzten deutschnationalen Stimmung ins Innere des Landes, nach dem Münchner Abkommen flüchteten weitere 151.000 Menschen vom „Sudetenland“ in die „Rest-Tschechei“. Doch dieser Rest der CSSR sollte nicht lange Bestand haben. Im März 1939 marschiert auch hier die Wehrmacht ein und es wird das „Protektorat Böhmen und Mähren“ ausgerufen. Diese Besetzung wird vom Westen weitgehend akzeptiert, nur die UdSSR protestiert scharf. Ein halbes Jahr später, nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes, erkennt auch die UdSSR die Konsulate des Protektorats an.

Deutsche Besatzungspolitik in Tschechien
Die deutsche Besatzungspolitik im „Protektorat“ unterschied sich von der in Polen. Im hochindustrialisierten Böhmen verzichtete man erst einmal auf eine radikale „völkische Flurbereinigung“ wie in Polen. Während des Krieges benötigte man die Arbeitskraft der Millionen Tschechen. Erst nach dem erwarteten „Endsieg“ war eine Abrechnung vorgesehen.
Neben der Aussiedlung vieler Tschechen und der Ermordung der Elite, spekulierte man auch über die mögliche „Eindeutschungsfähigkeit“ und „Umvolkung“ großer Bevölkerungsteile. Dafür wurden bis Kriegsende mindestens 100.000 Menschen auf ihre „rassische Eignung“ hin untersucht.

Wenn auch für die nichtjüdischen Tschechen nicht ganz so radikal und brutal wie in Polen, so herrschte unter der deutschen Besatzung doch ein grausames Regime. Die Gestapo-Stelle in Prag war mit 850 Beamten die größte Dienststelle im Deutschen Reich.
Für deutsche Truppenübungsplätze im „Protektorat“ wurden viele Menschen vertrieben. Außerdem wurden etwa 16.000 Höfe enteignet, etwa 10% der landwirtschaftlichen Fläche im „Protektorat“.

Die Funktionäre der Besatzung waren nicht selten Absolventen der Deutschen Karls-Universität in Prag, die unter deutscher Besatzung zur „Reichsuniversität Prag“ wird. Unter den 3.000 Studenten befanden sich seit jeher viele schlagende Verbindungsstudenten, besonders auch Burschenschafter, die sich schon vor 1939 mit einer antisemitischen und nationalistischen Rabulistik hervorgetan haben. Bis heute gibt es übrigens in der Bundesrepublik und in Österreich so genannte „Exil-Burschenschaften“, sie sich als stolze Erben dieser Vorbereiter der Vernichtung sehen.
Neben den Studenten halfen auch Institutionen wie die Dresdner Bank bei der Ausbeutung der „Protektorats“-Bevölkerung und der Ermordung der Juden. Später zitiert hier einen Historiker, der die Banken treffend als „Finanzdienstleister des Völkermordes“ bezeichnet.

Die jüdische Minderheit erfährt dieselbe Ausplünderung und Ausgrenzung wie anderswo, die sich bis zur Vernichtung steigert. Später zitiert Berichte wonach eine „Goldgräberstimmung“ unter Deutschen geherrscht hätte, was die Verteilung von jüdischem Eigentum betraf („Arisierung“).
Später räumt für die Leserschaft auch mit dem Klischee auf Theresienstadt sei eine Art Luxus-Ghetto gewesen, wo sich die Bewohnerschaft vor allem der Kunst-&Kulturproduktion verschrieben hätte.
Das KZ Theresienstadt fungierte vor allem als Zwischenstation. Etwa 140.000 Menschen wurden dorthin deportiert, davon starben insgesamt 118.000 (33.500 starben dort, 88.000 wurden in Vernichtungslager deportiert).
Die Misshandlung der jüdischen Minderheit, aber auch die Unterdrückung der tschechischen Mehrheitsbevölkerung verschärfte sich wesentlich unter der Herrschaft von Heydrich. Der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich war seit dem 27. September 1941 durch einen Hitler-Erlass de facto der Alleinherrscher im „Protektorat“, er fällt 1942 einem Attentat des Widerstandes zum Opfer. Trotzdem funktioniert die Unterdrückungsmaschinerie im „Protektorat“ bis zum Schluss. Am Ende sind fast alle Angehörigen der jüdischen Minderheit der CSSR ermordet und die Täter haben ihren Besitz unter sich aufgeteilt. Ein Beispiel wäre die titelstiftende Villa des jüdischen Ehepaar Waigner, die 1944 an das Ehepaar Schleyer vergeben wird.

Ent-Schleyerung der braunen Biografie von Hanns Martin Schleyer

Ein Kapitel widmet Später Dr. jur. Hanns Martin Schleyer, einem der einflussreichsten deutschen Industriellen in der Nachkriegszeit, der 1977 im so genannten „Deutschen Herbst“ von einem RAF-Kommando hingerichtet wurde. Schleyers gewalttätiger Tod überdeckt dessen NS-Biografie bis heute. Schleyer war nämlich ein Wegbereiter des Nationalsozialismus, sein Profiteur und ein NS-Täter.

Schleyer-Halle in Stuttgart

Bereits im Jahr 1931 wurde Schleyer Mitglied der Hitlerjugend und 1933 trat er im Alter von 18 Jahren der SS bei. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatte Schleyer das Amt für Politische Erziehung an der Universität Heidelberg inne, wo er Jura studierte und Verbindungsstudent war. Aus dieser Zeit datiert folgendes Zitat von Schleyer in der HJ-Zeitschrift „Wille und Macht“, 1935:

„Ich muß es allerdings ablehnen, daß man den Begriff der Treue, der uns Deutschen heilig ist, in irgendeiner Weise mit Juden in Verbindung bringt, und ich werde es nie verstehen können, daß ein Corps aus der Auflage, zwei Juden aus einer Gemeinschaft zu entfernen, eine Existenzfrage macht. Eher würde ich schon verstehen, wenn es in einem nationalsozialistischen Staat diese Frage im Stillen bereinigen würde, damit die Öffentlichkeit von dieser immerhin peinlichen Frage nichts erfährt.“

Nach dem Einmarsch in Österreich war Schleyer Leiter des Studentenwerks in Innsbruck und als Mitglied der Innsbrucker Studentenführung beteiligt an der rassistischen und politischen Säuberung der Leopold-Franzen-Universität Innsbruck. Im Jahr 1970 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität für „seine treue Verbundenheit“.

Seine Frau, Waltrude Ketterer (NSDAP-Mitglied seit 1937), kam aus einer hohen NS-Funktionärsfamilie. Mit ihr zog er 1941 ins besetzte Prag in einem „arisierten“ Haus ein. Ab 1. Oktober 1944 lebten die beiden in der Villa des jüdischen Ehepaar Waigner, die den Titel von Späters Buch stiftete.
In Prag war Schleyer 1941 Leiter des Studentenwerk in Prag, die über einen Etat von 10 Millionen Reichsmark und 160 Beschäftigte verfügte.
Ein Jahr später, 1942, brach Schleyer seiner juristischen Laufbahn ab und wurde Referent des Vorsitzenden des „Zentralverbund der Industrie in Böhmen und Mähren“.
In der SS hatte er den Rang eines Untersturmführers und war Mitarbeiter des SS-Geheimdienstes „Sicherheitsdienst“, seit 1944 war er SS-Führer beim Reichssicherheitshauptamt seit 1944.

Fazit: Gute Einführung

Das Buch von Später ist eine gute und kritische Einführung zur NS-Besatzungszeit. Besonders die Benennung von Nachkriegskarrieren von Besatzungs-Funktionären macht die Lektüre interessant.
Immer wieder lässt Später auch Opfer zu Wort kommen, indem er aus Erinnerungen von Überlebenden zitiert.
Leider erwähnt Später nicht die Ermordung behinderter Menschen im Zuge der T4-Aktionen, die auch im „Protektorat“ stattfanden.

Erich Später: Villa Waigner. Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939-45, Hamburg, 2. Auflage 2009.

Buchkritik „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ von Walter Janka

Walter Janka hat mit „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ einen kleinen Essayband verfasst über seine Erfahrungen als Opfer eines Schauprozesses in der frühen DDR. Janka, Jahrgang 1914, war ein alter Linker. Bereits seit 1930 war er Parteimitglied und unter den Nazis war er 1933 bis 1935 inhaftiert (u.a. in Bautzen). Er ging 1936 nach Spanien, wo er Divisionskommandeur und Major der Internationalen Brigaden wurde und 1939 bis 1941 war er in Frankreich interniert, bevor er sich mit Paul Merker nach Mexiko absetzen konnte. Von dort kehrt er zurück und wird 1952 Verlagsleiter des Aufbau-Verlages, dem größten Literatur-Verlag in der DDR.
Dieser alte Kommunist und Spanienkämpfer geriet nun in die Mühlen spätstalinistischer Säuberungen. Warum?
Janka setzte sich für die „Vermenschlichung“ und Demokratisierung in der DDR ein. Unter seiner Ägide existierte im Aufbau-Verlag ein kritisches Forum, wo u.a. über die Unruhen in Polen und in Ungarn offen diskutiert werden konnte. Außerdem setzte sich Janka gegen die Zensur von Literatur ein.
Als enger Mitarbeiter des DDR-Kulturministers Johannes R. Becher konnte er anfangs auf das Wohlwollen seines Chefs vertrauen.
Doch Janka wird Weihnachten 1956 verhaftet. Sein Prozess, ein öffentlicher Schauprozess, findet vom 23. bis zum 26. Juli 1956 statt. Der Ankläger des alten Antifaschisten ist der Staatsanwalt Ernst Melsheimer (1897-1960), der im Dritten Reich Mitglied im „Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund“ (NSWB) und der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV) war. Vor Gericht waren auch zahlreiche mit Janka befreundete Literaten und Kulturfunktionäre. Sie mussten erscheinen, denn der Prozess diente auch ihrer Einschüchterung. In seinem Essay ist Janka enttäuscht das weder sein Chef noch Freunde wie Anna Seghers für ihn eintreten, sondern schweigen. Dabei hatte Seghers ihn 1956 gebeten ihren Freund Georg Lukacs aus Ungarn herauszuholen. Genau das wird Janka nun vorgeworfen, dass er einen Konterrevolutionär in die DDR hätte bringen wollen (offenbar gab es in der DDR tatsächlich die Angst vor dem Übergreifen der Revolution in Ungarn). Doch Seghers hatte sich bereits zuvor konform verhalten. Sie hatte nämlich den Altkommunisten Merker als Noel-Field-Agent belastet. Jankas Exil-Freund Merker war bereits 1955 Opfer eines antisemitischen Schauprozesses geworden, aber 1956 wieder rehabilitiert wurden. Unter dem Druck einer erneuten Anklage wurde Merker nun gezwungen gegen Janka auszusagen, was er unter großer Pein auch tat. Ebenfalls gegen Janka und sich selbst sagte der Mit-Angeklagte Wolfgang Harich aus, der schließlich zehn Jahre Haft erhielt. Die anderen Mitangeklagten schwiegen, es waren der Rundfunkredakteur Richard Wolf, Heinz Zöger, ehemaliger Chefredakteur der Wochenzeitung „Sonntag“, und dessen Vize, Gustav Just.
Im Juli 1957 vom Obersten Gerichtshof der DDR zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Janka: „Wenn die Partei Weisung gibt, folgen die Richter.“ Diese musste er bis zu seiner vorzeitigen Entlassung im Jahr 1960 in verschärfter Einzelhaft verbringen. Sein Gefängnisort war Bautzen, wo er bereits unter den Nazis eingesessen hatte.
Im Nachwort liest man das Janka später als Dramaturg bei der DEFA arbeitete.

* Walter Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Hamburg 1989.

Hermann Löns Wehrwolf

Obwohl Löns bereits im ersten Weltkrieg starb gilt er als klassischer völkischer Autor. In jedem Fall ist sein „Bauernroman“ „Wehrwolf“ durch und durch völkisch gefärbt.
Dabei fungiert in diesem Werk der Heidebauer als Löns spezielles völkisches Ideal der Antimoderne und weniger ein „Volk“ oder eine „Rasse“ wie bei anderen völkischen Autoren.
Trotzdem dem weitgehend fehlenden völkischen Über-Kollektiv ist Löns Werk völkisch. Der völkische Charakter manifestiert sich eben mehr in den Feindbildern als in der positiv besetzen Gruppe. Trotzdem sind die eindeutigen Sympathieträger bei Löns, die „Haidebauern“ in der Lüneburger Heide, immer verbunden mit einer schwülstigen Blut&Boden-Romatik, eine Lönsche Spezialität.
Der Inhalt des „Wehrwolf“ ist schnell wiedergegeben. In den Wirren des 30jährigen Krieges ziehen sich die Bauern eines kleinen Ortes in die Heide zurück und beginnen alle Gefahren durch umherstreifende Soldaten oder als Gefahr wahrgenommenen Personen umzubringen. Die Hauptfigur ist dabei der vom Schicksal arg gebeutelte „Wulfsbauer“, der Anführer dieser vermeintlichen Selbstwehr-Organisation, der „Wehrwölfe“, wird.
Löns will dem Leser glauben machen es gebe einen angeborenen, instinktiven Hass und Misstrauen der Festverwurzelten auf alles fahrende Volk und das zu Recht.
Während es dem Buch am Antisemitismus eher gebricht es dem Wehrwolf, ist es aber vom Antiziganismus übervoll.
Alles fahrendes Volk wird bei Löns von seinen „braven“ Heidebauern als Gefahr angesehen und rücksichtslos gemeuchelt, auch die Frauen der Tater. Altertümlich „Tater“ und seltener Zigeuner werden Sinti & Roma bei Löns benannt.
Selbst bei den dargestellten moralischen Zweifeln einzelner Personen an ihrem blutigen Tun wird dieser Zweifel von der moralischen Instanz im Buch, dem Dorfpfarrer, schnell verstreut.
Die Nazis machten später wahr, was Löns als Notwehr seiner Heidebauern ausgab. Mord an allen Fahrenden, an allen Fremden überhaupt. Gegen Kriegsende versuchten die Nazis auch Hitlerjungen mit der Lektüre des „Wehrwolf“ zum sinnlosen Widerstand gegen die Alliierten aufzustacheln.
Löns-Buch

Gestohlene Kinder – Kindesraub und Zwangsadoption als Herrschaftsinstrument

Kinderraub ist kein neues Phänomen. Seit Jahrtausenden schon werden Eltern ihre Kinder mit Gewalt entrissen. Davon erzählen Sagen und Legenden, aber auch moderne Erzählungen wie „Onkel Toms Hütte“.
Die Vorkommnisse von Kindesraub und Zwangsadoption sind unterschiedlich gut dokumentiert und kritisch aufgearbeitet worden. Was aber fehlt ist eine Gesamtdarstellung der Fälle und Formen von organisiertem Kindesraub, zeitlich begrenzt zum Beispiel auf das 20. Jahrhundert. Daraus könnte man dann versuchen abzuleiten, ob es Grundvoraussetzungen für diese grausame Praxis gab und inwiefern sie sich in Ausführung und „Begründung“ (dafür kann es ja in Wahrheit keine Begründung geben) unterscheiden.
Im Folgenden soll kurz dargestellt werden wie sich Kindesraub vor dem 20. Jahrhundert darstellte, danach sollen die Fälle im 20. Jahrhundert vorgestellt und anschließend ein Vergleich und Fazit versucht werden. Natürlich handelt es sich um ein an der Oberfläche bleibende Überblicksdarstellung mit großen Lücken. Eigentlich wäre das Thema eine eigenen Sammelband wert.

Kinderraub vor dem 20. Jahrhundert
Bereits in Vergangenheit kam es zu Kindesraub und Zwangsadoption. Ausführend war zum Teil die Obrigkeit, wie im Fall der Kaiserin Maria Theresa von Österreich, die Roma-Kinder ihren Eltern wegnehmen ließ und zur Zwangsadoption freigab. Hintergrund war der Versuch der Zwangsassimilierung, der häufig als „unkontrollierbar“ wahrgenommen Roma-Bevölkerung.
Während es im christlichen Abendland im 17. Jahrhundert die so genannten „Beutetürken“kinder gab, die bei Kriegszügen geraubt und dann zwangschristianisiert wurden, gab es auf muslimischer Seite eine ähnliche Praxis.
Als „Knabenlese“ (auch: „Türkentribut“) bezeichnet man die vom Osmanischen Reich praktizierte Zwangsrekrutierung, bei der in den christlichen Provinzen vorwiegend männliche Jugendliche aus ihren Familien entführt und zwangsislamisiert wurden, um sie für seine eigenen Dienste einzusetzen. Als Begründung dafür wurde eine Koransure herangezogen (Sure 8, Vers 41), in der es heißt:
„Und ihr müßt wissen: Wenn ihr irgendwelche Beute macht, gehört der fünfte Teil davon Allah und dem Gesandten und den Verwandten, den Waisen, den Armen und dem, der unterwegs ist.“
Daraus wurde interpretiert, dass es einen muslimischen Anspruch auf jeden fünften Knaben gäbe. Die geraubten Jungen wurden, nachdem sie in Bauernfamilien die osmanische Sprache gelernt hatten, nach den Regeln des Islam erzogen und in der osmanische Armee (als „Janitscharen“) oder in der Verwaltung eingesetzt. Wegen ihrer Nicht-Zugehörigkeit zu Clans oder Adelsfamilien, stellten sie am Hof eine loyale Basis für den Herrscher dar.
Die „Knabenlese“ wurde hauptsächlich auf dem Balkan ausgeführt und soll anfangs ausschließlich bei Serben, im 14. bis zum 18. Jahrhundert durchgeführt worden sein.

Doch Kinderraub ging nicht nur von der Obrigkeit aus. Es gibt auch Berichte, dass sich in Deutschland die Anhänger der beiden großen Konfessionen gegenseitig ihrer Kinder beraubten, um so die „Seele“ des jeweiligen Kindes zu „retten“.

Australien: Kinderraub gegen Aborigines
Die „Stolen Generation” (gestohlene Generation) ist ein Begriff, der die Kinder – häufig „gemischter“ Herkunft – der Aborigines und der indigenen Bewohner der „Torres-Straßen-Inseln“ beschreibt, die von Institutionen der australischen Regierung und Kirchen-Missionen mithilfe verschiedener Erlasse geraubt wurden. Dieser Raubzug fand von 1869 bis (offiziell) 1969 statt.
Laut dem “Bringing Them Home Report” wurden zwischen 1910 und 1970 insgesamt mindestens 100.000 Kinder auf diese Weise gegen ihren Willen von ihren Eltern geraubt (D. Goldberg).
Über 2.000 Kinder sollen dabei in Waisenhäuser, Anstalten für psychisch Kranke und auch Gefängnisse verschleppt worden sein.

Argentinien: Kinderraub gegen Oppositionelle
Etwa 4-500 Kinder von ermordeten Oppositionellen wurden an Putschisten bzw. Loyalisten des Militärcoups von 1976 „verschenkt“.

DDR: Kinderraub gegen die Zeugen Jehovas und Oppositionelle
In der DDR sollen cirka mehrere hundert Kinder deren Eltern den „Zeugen Jehovas“ angehörten, ihren Eltern geraubt worden sein.
Die Homepage http://zwangsadoptierte-kinder.de/ berichtete von weiteren Fällen von Kindesraub und Zwangsadoptionen.

Kanada: Kinderraub gegen „Native Americans“
In Kanada wurden die Kinder kanadischer „Native American“ (Indianer, Inuit) von ihren Eltern geraubt. Die Indianerinternate in Kanada bestanden bis 1970.

Norwegen: Kinderraub gegen Romas
In den 1960er sollen in Norwegen Romakinder („Tater“) ihren Eltern geraubt worden sein.

Schweiz: Kinderraub gegen Jenische
Der sozikulturellen Minderheit der Jenischen , die teilweise nomadisch und halbnomadisch als „Landfahrer“ leben wurden von 1926 bis 1973 600 Kinder geraubt. Diese 600 Jenische wurden vom Schweizer Jugendwerk „Pro Juventute“ ins „Sittingungshaus“ gebracht.

Kinderraub im „Dritten Reich“
1. Kinderraub im so genannten „Altreich“

Unter Hitler wurden anscheinend auch Kinder von den Zeugen Jehovas (damals als „Bibelforscher“ verfolgt), deren Eltern sich weigerten sie in die HJ gehen zu lassen zur Adoption freigegeben. Solcherart sollen 800 Kinder in NS-Fürsorgeanstalten gelandet sein.

2. „Germanisierungs“-Politik im Osten
Organisator des Kinderraubes in den besetzten Gebieten im Osten war vor allem die SS. Verantwortlich für die Planung und Durchführung war die „Abteilung C2 (Wiedereindeutschung)“ im „Rasse- und Siedlungshauptamt“ (RSH) der SS. SS-Chef Himmler sprach von einer „Aussiebung von Kindern guten Blutes. Die „gut-rassischen Kinder“ gelte es „umzuvolken“ und „einzudeutschen“.
Die wichtigsten Richtlinien der Kinderraub-Aktion (Hrabar: 112) waren:
* „die im »Rassepolitischen Hauptamt« der Reichsleitung der NSDAP ausgearbeitete Studie über die »Sonderbehandlung rassisch wertvoller Kinder« vom 25. November 1939“
* das „Schreiben Himmlers vom 15. Mai 1940 über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten, in dem vorgesehen war, »Jährlich insgesamt bei allen 6–10-Jährigen eine Siebung aller Kinder des Generalgouvernements nach blutlich Wertvollen und Nichtwertvollen“ vorzunehmen“.
* „die Rede Heinrich Himmlers vor höhere SS-Offizieren am 16. September 1942 in Shitomir, in der er anwies, »gutes Blut für Deutschland zu gewinnen« oder es zu vernichten, damit es nicht dem Feind in die Hände falle.“

Zentrum dieser Raubzüge war vor das besetzte Polen. So wurden alle Waisen- und Adoptivkinder im „Warthegau“ erfasst, auf ihre „rassische Eignung“ geprüft und nach äußeren Merkmalen selektiert. Es gab 62-Punkte-Formulare zur „Rasse“-Kategorisierung. Einigen Angaben nach wurde bei den Älteren Kindern auch eine „charakterliche Prüfung“ vorgenommen. Bei Bestätigung der angeblichen „arischen Herkunft“ durch das Äußere wurden die Kinder an ein Gaukinderheim weitergegeben und die Spuren des Raubs wurden in den Akten verwischt. Zur Verschleierung der Herkunft wurden amtliche Dokumente mit bewussten und falschen Angaben produziert. Da der „Lebensborn“ die Kinder meist in der Stadt Posen (Polen) übernahm, wurde der Einfachheit halber meist auch Posen als Geburtsort bestimmt. Auch die Vor- und Nachnamen, teilweise auch das Geburtsdaten, wurden geändert. Die Namen wurden meist eingedeutscht. So wurde aus Jan Sulisz wurde Johann Suhling und aus Helena Fornalczyk Helen Former. Zur Tarnung wurden auch Geschwister getrennt. Mit einem solchen Verfahren wurde die Herkunft der Kinder vollends verborgen.
Zuerst wurden sie dann in Durchgangslagern gesammelt, um sie dann in spezielle Heime im „Altreich“, in deutsche Heimschulen zu bringen. Die Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren wurden an den „Lebensborn“ (SS-Organisation), die im Alter von sechs bis 12 Jahren an den „Inspekteur der Deutschen Heimschulen“ bzw. an eine „Deutsche Heimschule“ geschickt. Nach einiger Zeit sollten diese Kinder durch den „Lebensborn“ deutschen Familien zur Adoptierung vermittelt werden. Die Kinder beim „Lebensborn“ sollten vor allem an kinderlose, verdiente SS- und NS-Ehepaare vermittelt werden. Dass mit den geraubten Kindern als Adoptivkinder hohe Nazis belohnt wurden, zeigt das Beispiel, dass zwei Kinder aus der „Oberkrain“ im März 1943 dem Münchener Stadtkommandanten Hans von Mann und seiner Frau zugeteilt wurden.

Durch erzwungenes Deutsch-Lernen und Eingliederung in Naziorganisationen (teilw. bei einjähriger Dienstpflicht) sollten die Kinder, die äußerlich dem NS-(Klischee)Bild eines „Ariers“ entsprachen „wiedereingedeutscht“ werden. Dazu gehörte auch das strenge Verbot des Polnischen bei Ahndung mit körperlichen Bestrafungen. Die teilweise sehr harten Bestrafungen und die Zwangsverschleppung an sich, hatten zahlreiche Flucht- und Selbstmordversuche der geraubten Kinder zur Folge. Je älter die Kinder, um so häufiger gab es diese Art der Reaktion. Obwohl die 10 bzw. 12 Jahre für die Aktion als obere Altersgrenze galt, ist bekannt dass beispielsweise auch ein 14jähriges Mädchen aus dem Warthegau zwangsverschleppt wurde, dass darauf hin einen Selbstmordversuch unternahm.

Die geraubten Kinder kamen …
* aus Anstalten und anderen Fürsorgeanstalten (Waisen- und Findelkinder).
* von Pflegeeltern.
* aus „Mischehen“.
* von polnischen ZwangsarbeiterInnen bzw. überhaupt Kinder von Ausländerinnen im Reich
* aus unehelichen Verbindungen zwischen Deutschen und Polen („uneheliche Kinder von Fremdvölkischen“). Teilweise wurden auch schwangere Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen wollten daran gehindert. So heißt es im, ganz offensichtlich der Tierzüchter-Sprache entlehnten, typisch rassistischen Weise: „Einem von der Kindsmutter gestellten Antrag auf Schwangerschaftsunterbrechung wurde nicht stattgegeben, weil mit einem rassisch guten Nachwuchs zu rechnen ist.“
* aus Familien, die bei Kampf- und Repressions-Handlungen getötet wurden.
* ab 1944 aus Schulen. Mit zunehmenden Kriegsverlusten, scheint das Programm immer mehr ausgeweitet worden zu sein.
* von Eltern, die einen Eintrag in die „Deutsche Volksliste“ (Klassifizierung der angeblichen deutschen Herkunft) ablehnten oder als „politisch belastet eingestuft“ worden.

Beim organisierten Kindesraub stieß sich das abstruse nationalsozialistische Rassen-Dogma aber immer wieder an der Realität. Kinder von slawischen Völkern, also in der NS-Diktion von „slawischen Untermenschen“, wiesen ein Aussehen auf, dass laut herrschender Lehre „arisch“ war. Um diesen Bruch von Realität und Fiktion ideologisch zu überdecken, wurden die geraubten Kinder mit „arischem“ Aussehen zu volksdeutschen Waisenkindern und Nachkommen von slawisierten Deutschen erklärt. Eine deutsche Abstammung wurde einfach behauptet. Denn nach der herrschenden Doktrin war ein „wertvolles“ (also als „arisch“ eingestuftes) Kind automatisch auch germanisch. Alle blonden und blauäugigen Kinder in einem polnischen Waisenheim waren damit Deutsche, die es in die „Volksgemeinschaft“ wieder einzugliedern („Wiedereindeutschung“) galt.
Ausnahme bei dieser Art der ideologischen Rechtfertigung waren aber immer Juden. Egal wie blond und blauäugig Juden waren, sie waren in den Augen der Nationalsozialisten zuallererst und zuallerletzt Juden. Das unterschiedliche Aussehen von Juden gilt nach der antisemitischen Lehre als einer der Tricks der Juden um sich als „Parasitenvolk“ ihrem „Wirtsvolk“ anzupassen.

Eine ganze Reihe von Institutionen neben dem bereits erwähnten „Lebensborn“ waren an dem organisierten Kinderraub beteiligt. Ein speziell von Himmler ernannter Lebensbornbeauftragter war für den Transport der „einzudeutschenden“ Pflege- und Waisenkinder zuständig.
Die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ (NSV) nahm u.a. Überprüfungsbesuche bei den Eltern vor, um zu sehen ob es dort geeignete Kinder gab.
Auch der „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) soll an der Zwangsverschleppung von Kindern während des Zweiten Weltkrieges beteiligt („Eindeutschung“) gewesen sein.

Für die Kinderraub-Aktionen existierten im „Altreich“ und den besetzten Gebieten einige Stützpunkte.
* Kalisz (Westpolen)
Eines der großen Heime dieser Aktion war das Heim Kalisz, in das seit 1940 mehrere tausend Kinder eingeliefert worden sind.
* Bobruisk (Weißrussland)
In Bobruisk wurde ein Heim für „herrenlose Kinder“ (Himmler) eingerichtet. Auch in Wielkopolska, Lodz und Pomorze existierten solche Germanisierungslager.
* Oberweis (Österreich)
Im österreichischen Oberweis existierte das „Lebensborn“-Heim „Alpenland“, dass dann im Januar 1945 in Heim „Hochland“ umbenannt wurde.
* Puschkau (damals bei Breslau)
In Puschkau existierte ein Kinderheim.

Insgesamt lag der Schwerpunkt dieses Raubzuges in Polen, vor allem im so genannten „Warthegau“ (Zentral-Polen), weniger im „Generalgouvernement“.
Entführt wurden aber auch:
* jugoslawische Kinder. Mindestens 20 bis mehrere 100 jugoslawische „Banditenkinder“, also die Kinder getöteter Partisanen, wurden in Jugoslawien geraubt.
* tschechische Kinder. Hier ist bekannt, dass aus dem von der SS zerstörten tschechischen Dorf Lidice auf persönliche Anweisung Himmlers Kinder selektiert wurden. Ihre Väter wurden derweil erschossen und ihre Mütter ins KZ deportiert.
* slowenische Kinder. Am 25. Juli 1942 hatte Himmler befohlen, Kinder aus dem „Gau Oberkrain“ (Slowenien) und der „Untersteiermark“ (Slowenien) ins „Altreich“ zu überführen.
Ihre Väter waren im Rahmen der „Aktion Enzian“ erschossen, die Mütter in Konzentrationslager gebracht worden, weil sie angeblich Partisanen unterstützt hatten. Es sollen dabei 600 Kinder der „Wertungsgruppe I und II im Alter von 6 bis 12 Jahren“ dem „Lebensborn“ übergeben worden sein.
Von dem Kinderraub sollen ebenso Kinder slowenischer Familien aus Oberkärnten betroffen gewesen sein.
* weißrussische Kinder. So fand beispielsweise zwischen Februar und April 1943 in Weissrußland an der Grenze zu Lettland unter dem Decknamen „Winterzauber“ eines der größten Partisanen“jagd“unternehmen statt. Nach einem Bericht des Reichs-Ostministeriums wurden „mehrere Hunderte von Dörfern vernichtet, darunter einige mit mehreren Tausend Einwohnern“. In den Dörfern seien zuerst alle Männer im Alter von 16 bis 50 Jahren und dann „alle weiteren Verdächtigen erschossen“ worden. Die herumirrenden Kinder wurden später wie ihre Eltern erschossen oder in Einzelfällen an lettische Familien „verteilt“. Hier wurden also Kinder an lettische Kollaborateure „abgegeben“.
* rumänische Kinder. Hier sollen besonders Kinder aus dem Banat betroffen gewesen sein. Diese Region wurde lange Zeit von einer deutschsprachigen Minderheit bewohnt. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Nazis alle Kinder in den Waisenhäusern der Region mit entsprechendem Aussehen als deutschstämmig deklariert haben.
* ungarische Kinder.

Der Autor Madajczyk gibt an, dass insgesamt 200.000 Kinder aus Polen als „Ostkinder“ und „eindeutschungsfähige Kinder“ verschleppt wurden, von denen nach Kriegsende nur 15-20% zurückkamen (Hrabar: 152). Laut neueren Erkenntnissen der „Deutschen Forschungs-Gemeinschaft“ (DFG) sollen insgesamt 20-50.000 Kinder aus Polen geraubt worden sein. Diese Zahlen sind aber recht unsicher. Als Einzelfälle bestätigt werden konnten nur mehrere hundert. Gesichert ist, dass mehrere tausend Kinder geraubt worden.
Insgesamt fällt auf, dass die Forschungsliteratur recht unterschiedliche Angaben liefert und hier insgesamt noch eine neuere Gesamtbearbeitung aussteht.

Nicht erwähnt wurden in diesem Abschnitt Kinder und Jugendliche, die für Zwangsarbeit verschleppt worden. Prinzipiell handelte es sich dabei ja auch um Menschenraub, doch war dieser gänzlich anders motiviert. Nämlich zweckrational und nicht ideologisch.

Der „Kinderraub“ als Verbrechen fand auch Erwähnung im 8. Nürnberger Prozess vor dem I. Amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg.

Fazit
Motive für Kinderraub
Nach der eingehenderen Betrachtung der verschiedenen Fälle von Kinderraub kristallisieren sich vier verschiedene Motive für Kindesraub heraus. Es können natürlich auch mehrere dieser Motive gleichzeitig zutreffen.

1. „Seelenrettung“
Hierbei ging es weniger um das echte Kind, als vielmehr um die zu rettende Seele, die es der jeweiligen Religion bzw. Konfession zu gewinnen galt.
Ein historischer Sonderfall, der sich nicht so einfach in die anderen Fälle von Kindesraub einfügt, ist die Rettung jüdischer Kinder während des Zweiten Weltkrieges. Jüdische Familien gaben dabei ihre Kinder unter Verfolgungsdruck „freiwillig“ zu christlichen Familien, um sie so zu retten. Nach 1945 schuf das natürlich Konflikte. Das katholische Kirchenoberhaupt Papst Pius der XII sprach sich 1946 offen gegen die Rückgabe katholisch getaufter jüdischer Waisenkinder aus. Es darf angenommen werden, dass es Pius XII dabei weniger um die Kinder an sich, als vielmehr um die für die katholische Kirche gewonnenen Seelen ging.

2. Belohnung von Anhängern (Argentinien, teilweise „Drittes Reich“)
Hierbei wurden Kinder an kinderlose Paare abgegeben. Dieser akt stellte eine Belohnung für verdiente Anhänger des jeweiligen Regimes dar.

3. Verstärkung des eigenen Kollektivs (teilweise „Drittes Reich“)
Dabei werden die Reihen des eigenen Kollektivs mit Kindern aus anderen Kollektiven aufgefüllt, sofern diese den Anforderungen („rassische Eigenschaften“ im „dritten Reich“) genügen.

4. „Zivilisierung“ und Erziehung (Australien, DDR, Norwegen, Kanada, Schweiz, teilw. „Drittes Reich“)
Vermeintlich „unzivilisierten“ (Indigene, Jenische, Roma) oder oppositionellen Gruppen (z.B. Zeugen Jehovas) wurden die Kinder geraubt um sie dem angeblich schädlichen Einfluss der Eltern zu entziehen. Stattdessen wurden die Kinder im jeweils herrschenden Geist erzogen. Entweder in einer bestimmten Ideologie (DDR, „Drittes Reich) oder in dem, was als zivilisiert betrachtet wurde. In der „Zivilisierung“ angeblich „Unzivilisierter“ liegt ein starkes postkoloniales Element. Denn mit ähnlichen Aussagen versuchten die europäischen Kolonialmächte ihre Kolonial-Expansion zu begründen.
Diese „Zivilisierungs“-Maßnahmen lassen sich unter den Oberbegriff „social engineering“ fassen.

Schon bei der oberflächlichen Betrachtung, der vom Autor ermittelten Fälle, fällt auf, dass die Systeme, die Kindesraub betrieben, sowohl parlamentarisch-demokratischer (Australien, Kanada, Schweiz) als auch autoritärer und totalitärer (Argentinien, Drittes Reich) Natur waren bzw. sind.
Auch in einer repräsentativen Demokratie ist es möglich, dass sich die Mehrheit repressiv gegen eine Minderheit richtet bzw. dass zumindest toleriert. In Anbetracht der Auswüchse, nämlich dem Raub von Kindern, darf das durchaus als Apartheid im Kleinen oder als Diktatur der Mehrheit gegen eine Minderheit eingestuft werden.

by R. Schwarzenberg

Verwendete Literatur (Auswahl)
Ralph Giordano: Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, Seite 153-59

Dan Goldberg: Ein Akt der Versöhnung, http://www.tachles.ch/artikel.php?id_art=4191

Clarissa Henry / Marc Hillel: Lebensborn e. V. Im Namen d. Rasse, Wien 1975, Seite 242-263, 280-295

Roman Hrabar: Kriegsschicksale polnischer Kinder, Warschau 1981, Seite 109-155

Volker Koop: Die Kinderraub-Maschine der Nazis, http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/380/helene_heise_die_kinderraub_maschine_der_nazis.html

Georg Lilienthal: Der „Lebensborn e. V.“. Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik, Stuttgart 1985, Seite 218-34

Czeslaw Madajczyk: Die Okkupationspolitik Nazideutschlands in Polen 1939-1945, Berlin 1987, Seite 473 und 474