"Es ist mehr dran als man glaubt!" http://Eisberg.blogsport.de ___„...wer, wie, was, wieso, weshalb warum, wer nicht fragt bleibt dumm.“ Thu, 30 Nov 2017 12:18:45 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en „Plan D“ von Simon Urban http://Eisberg.blogsport.de/2017/11/20/plan-d-von-simon-urban/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/11/20/plan-d-von-simon-urban/#comments Mon, 20 Nov 2017 17:54:42 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2017/11/20/plan-d-von-simon-urban/
Im Jahr 2011 erschien der kontrafaktische Kriminalroman „Plan D“ von Simon Urban. Er spielt auch im selben Jahr, aber in einer fiktiven Welt. In dieser hat es nie eine Vereinigung von BRD und DDR gegeben. Statt einer ‚Wiedervereinigung‘ gab es 1990 eine „Wiederbelebung“. Auch im Roman wurden 1989 die Grenzen geöffnet und DDR-Bürger*innen emigrierten in den Westen. Die DDR erlebte einen Aderlass und ihre Bevölkerungszahl senkte sich von 16 Millionen auf 14,5 Millionen. Allerdings wurde dann im November 1991 die Mauer wieder geschlossen.
Gleichzeitig wurde 1989/90/91 auch die DDR-Führung ausgetauscht. Egon Krenz beerbte als Staatsratsvorsitzender Honecker und initiierte Reformen. Mit Hilfe des aus dem Westen herbeigeeilten Otto Schily wird die Stasi reformiert und mit dem System Mielke aufgeräumt.
Die DDR schien sich damals zeitweise in Richtung Rechtsstaat zu entwickeln, doch die Reformen werden gestoppt. So ist auch 20 Jahre später, im Jahr 2011, Krenz noch an der Macht. Die DDR ist inzwischen heruntergewirtschaftet. Auf der anderen Seite der Grenze regiert der SPD-Bundeskanzler Oskar Lafontaine in Koalition mit den Grünen unter Claudia Roth. Er hat Roland Koch beerbt und bevorzugt eine Annäherung an die DDR.
Die DDR ist abhängig von Geldern aus dem Westen. Eine wichtige Einnahmequelle sind Transitgebühren für sowjetisches Gaslieferungen über ihr Gebiet. Es steht ein Handelsvertrag von über 70 Milliarden Mark an. Doch da wird ein ehemaliger Berater aus der „Wiederbelebungs“-Epoche in der Nähe einer Gasleitung ermordet aufgefunden. Der Mord trägt die Handschrift der Stasi. Ein möglicher Stasi-Mord droht somit die für die DDR lebensnotwendigen Verträge zu verhindern. Der Westen stoppt die Verhandlungen bis der Fall aufgeklärt ist.
Um eine faire Ermittlung zu gewährleisten, besteht der Westen auf einem deutsch-deutschen Ermittlungs-Duo. Also ermitteln Richard Brendel von der Kriminalpolizei Westberlin und der Volkspolizei-Hauptmann Martin Wegener, der als erstes den Tatort untersucht hat.
Aus der Sicht des Letztgenannten ist der Krimi geschrieben. Unterschiedliche Interessengruppen versuchen die Ermittlungen zu beeinflussen: Der Westen, die Stasi, die DDR-Führung und die Untergrund-Opposition.
Schnell stellt sich heraus, dass der Tote nicht nur ein einfacher Berater im Ruhestand war, sondern dass er ein alternatives Konzept für die DDR erstellt hatte, genannt „Plan D“ mit dem System des „Posteritatismus“. Es geht um ein demokratisches System bei sozialistischer Wirtschaftsordnung.

Der Roman ist witzig und detailreich geschrieben. Viele Fakten aus der DDR wurden gut recherchiert und weiter entwickelt, etwa die „Intershops“ (Läden mit Westwaren, in denen mit DM bezahlt wurde). Witzig ist es etwa, wenn im Buch erwähnt wird, dass die frühere SED-Abgeordnete Sahra Wagenknecht inzwischen eine mittelmäßige Schauspielerin ist und als „Laura Kraft“ die Hauptrolle im neuen Actionspektakel „Red Revenge“ spielt.
Ideenreich ist es auch, wenn in der DDR das Handy als „Minsk“ bezeichnet wird, was von der VEB Telemedien entwickelt, hergestellt und vertrieben wird. Ganz besonders lustig ist, wenn beschrieben wird wie die demente Margot Honecker im SED-Altersheim sitzt und glaubt sie werde von der Stasi verfolgt.

Das Buch liest sich gut, hat aber auch einige Schwächen und Unlogiken. Es wird beschrieben, wie aus dem Westen BürgerInnen in die DDR einwandern, doch der Autor kann nicht so recht vermitteln, warum das geschieht. Er schreibt zwar, dass es bei der Einbürgerung 1.000 Mark Begrüßungsgeld gebe – der offizielle Wechselkurs Euro – DDR-Mark liegt bei 1:3 – doch was die heruntergewirtschaftete DDR so attraktiv macht, bleibt unklar.
Fast nie erwähnt wird die SED. Offenbar ist die DDR immer noch eine Parteidiktatur, trotzdem wird die SED als Staatspartei kaum beschrieben. Das ignoriert die realen Zustände in der DDR vor 1990. Hier war die SED tonangebend und nur über eine Mitgliedschaft bei ihr, war es möglich Karriere zu machen. Genauso undeutlich bleibt die Rolle der Sowjetunion in der DDR nach 1990. Ist sie noch Vorbild und ‚großer Bruder‘? Gibt es noch die hunderttausende von SoldatInnen der Roten Armee, die in der DDR stationiert waren?
Sehr störend sind die immer wieder auftauchenden Rot=Braun-Gleichungen. Mehrfach wird die DDR-Bevölkerung bzw. ein Einzelprotagonist als Opfer oder Verführte dargestellt. Erst war er Nazi, dann ein Kommunist. Die eklatanten Unterschiede zwischen dem Nationalsozialismus und dem Realsozialismus fallen da unter den Tisch.
Besonders ärgerlich ist, dass Frauen nur Nebenrollen spielen und vor allem Lustobjekte in der Fantasie von Martin Wegener sind. Selbst die wichtigste Frau im Buch, seine Ex-Freundin, muss ständig als Sexfantasie für seine Altmännergeilheit herhalten. Das kann ja auch gerne aus der Perspektive des Hauptprotagonisten so sein, aber der Autor stellt dem nichts Kritisches entgegen.
Wer das aushalten kann, die/der wird aber gut unterhalten.

Simon Urban: Plan D: Frankfurt Main, Taschenbuchausgabe 2013.

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Buchkritik „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood http://Eisberg.blogsport.de/2017/11/10/buchkritik-der-report-der-magd-von-margaret-atwood/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/11/10/buchkritik-der-report-der-magd-von-margaret-atwood/#comments Fri, 10 Nov 2017 16:42:24 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2017/11/10/buchkritik-der-report-der-magd-von-margaret-atwood/ Der Report der Magd
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Eines ihrer bekanntesten Bücher ist ihr im Original 1985 erschienenes Buch „Report der Magd“, ein dystopischer Roma. Dieser spielt in den 1980er Jahren in der ‚Republik Gilead‘, die sich auf dem Gebiet der ehemaligen USA befindet. Während der Lektüre des Buches erfährt die/der Leser*in auch was zur Errichtung dieser christlichen Theokratie führte. Ein Attentat auf die US-Regierung, bei der diese ermordet wurde, ist der Anlass, um Bürger- und Menschenrechte sukzessive einzuschränken und am Ende gänzlich abzuschaffen. Besonders Frauen werden immer weiter entmündigt. Sie verlieren den Zugriff auf ihr Barvermögen und werden entlassen. Es wird eine alttestamentarisch begründete Geschlechterapartheid und eine Art Kastensystem eingeführt. Es gibt nur noch arrangierte Ehen. Männer haben die gesellschaftliche Macht. Aber ist gibt auch Sphären die den Frauen vorbehalten sind. Auf der weibliche Seite der Gesellschaft stehen ganz oben die Ehefrauen der Oberschicht. Diese verfügen über Dienerinnen, genannt „Marthas“. Darunter in der Hierarchie befinden sich dann die Frauen der Unterschicht, die „Ökonofrauen“ genannt werde.
Da Unfruchtbarkeit weit verbreitet ist, haben die Oberschichtsmänner ganz offiziell Zweitfrauen, die „Mägde“, die vor allem als eine Art Leihmütter fungieren. Der Geschlechtsakt ist hoch ritualisiert und findet im Beisein der Ehefrauen statt. Für die Disziplinierung dieser „Mägde“, sind die „Tanten“ zuständig. Dabei handelt es sich vor allem um ältere, glaubensstrenge Frauen.
Im Inneren von ‚Gilead‘ sorgen ansonsten die „Wächter des Glaubens“ und Geheimdienst-Mitarbeiter, genannt „Augen“, für die Aufrechterhaltung des Regimes. An der Front kämpfen die Soldaten, genannt „Engel“, beispielsweise gegen baptistische Guerilleros. Die Verfolgung von Andersgläubigen wird auch als „Sektenkriege“ oder „Sektenverfolgung“ bezeichnet. Denn das Regime hat eine Staatskirche und verfolgt alle Abweichungen davon: Baptisten und Quäker müssen konvertieren oder sie werden gehenkt. Schwule Männer werden als „Geschlechtsverräter“ gehenkt. Juden können konvertieren oder müssen nach Israel auswandern. Abtreibung und Ehebruch stehen unter Todesstrafe. Selbst Zweitverheiratete werden verfolgt. Nicht alle werden gleich ermordet. So werden viele Frauen zu „Unfrauen“ erklärt und in Strafkolonien zur Giftmüllbeseitigung geschickt. Hier sterben die Arbeiter*innen einen langsamen Tod.

Hauptprotagonistin des Buches ist eine ‚Magd‘. In Rückblicken berichtet sie aus der Vergangenheit vor der Etablierung der Theokratie. In „der Zeit davor“ war sie die Tochter einer feministischen Aktivistin, hatte ein Kind und einen Lebensgefährten, Luke. Als die Verhältnisse sich verschärften, versuchten die drei zu fliehen, wurden aber geschnappt. Sie wurde von ihrem Kind und ihrem Partner getrennt und in einem „Roten Zentrum“ zur ‚Magd‘ gemacht.
Schließlich wird sie als ‚Magd‘ in das Haus eines Kommandanten geschickt, dem sie ein Kind gebären soll. Sie kommt in den Kontakt mit dem Widerstand und entdeckt das der Kommandant im Privaten selber gegen Regeln verstößt. Wie alle Herrschenden behalten sich auch diese Regelverstöße für sich selbst vor. Die Elite der Theokratie frönt weiter der Prostitution.
Mit einem ihrer Bewacher geht sie ein Verhältnis ein, worauf die Todesstrafe steht. Doch selbst die Frau des Kommandanten fördert diese Affäre, da sie annimmt das ihr Mann unfruchtbar ist. Ein Umstand der in dieser strikt patriarchalen Gesellschaft aber nicht thematisiert werden darf. Unfruchtbar sind nur die Frauen.
Die Hauptprotagonistin selbst ist keine Widerstandskämpferin wie etwa ihre Mutter, aber sie sucht für sich nach Auswegen.

Das Buch stammt erkennbar aus der Feder einer feministischen Autorin, die einmal ausformuliert hat, wie eine christliche Theokratie aussehen könnte. Das Regime ist zudem auch extrem pro-natalistisch. Die Verwendung von Frauen als Zwangsleihmütter und der Kult um das Kind erinnern ein wenig an das „Lebensborn“-Projekt der Nazis. Zudem muss jedes Kind auch makellos sein. Kinder, die es nicht sind, werden zu „Unbabys“ erklärt und „entsorgt“.
Neben dem „Lebensborn“, George Orwell und Aldous Huxley mag auch die damals ‚frisch‘ im Iran eingerichtete Theokratie eine Inspiration für die Autorin gewesen sein.

Das Buch liest sich spannend und ist anschaulich aus der Perspektive der ‚Magd‘ geschrieben. Etwas seltsam mutet der geringe Technik-Fortschritt an, was natürlich in der Entstehungszeit des Werkes begründet liegt. Ein wenig unglaubwürdig ist, dass die Transformation einer liberalen Gesellschaft in eine Theokratie derart schnell und ohne Widerstände möglich sein soll.
Trotzdem sehr lesenswert!

Margaret Atwood: Der Report der Magd, München, 5. Auflage 2017.

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Die Film-Doku „Natasha“ – Porträt einer Bettlerin http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/20/die-film-doku-natasha-portraet-einer-bettlerin/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/20/die-film-doku-natasha-portraet-einer-bettlerin/#comments Fri, 20 Oct 2017 11:50:44 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/20/die-film-doku-natasha-portraet-einer-bettlerin/ „Natasha“ ist eine Art Berufsbettlerin aus Osteuropa. Über osteuropäische Bettlerinnen und Bettler gibt es viele Gewissheiten, aber nur wenig Wissen. Selbst in Straßenzeitungen wird der Mythos von der „osteuropäischen Bettel-Mafia“ wiedergekäut.
Solche Mythen sind auch die Konsequenz daraus, dass viel über, aber nur wenig mit Bettler*innen selbst gesprochen wird. Das liegt sicherlich neben Ignoranz auch an einer gewissen Sprachbarriere.
In ihrer Dokumentation „Natasha“ hat die österreichische Regisseurin Ulli Gladnik diese Barriere mit Hilfe ihrer Bulgarisch-Kenntnisse durchbrochen.
Die von Gladnik porträtierte Bettlerin kommt aus Bresnik nahe Sofia, der Hauptstadt Bulgariens.
Ohnehin ist Bulgarien ein armes Land, aber Natashas Heimatort scheint die Deindustrialisierung noch einmal besonders schwer getroffen zu haben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben die meisten Fabriken, in denen ihre Verwandten und Freund*innen im Ort Arbeit fanden, zugemacht. Auch ihre Familie in Bulgarien zeigt die Doku. Ihre Schwester und ihre Mutter verdienen wenige Leva (bulgarische Währung) durch das Sammeln von Altmetall, was sie mit Händen und Hacken aus dem Schutt graben. Ein Wunder das noch niemand von ihnen an Blutvergiftung erkrankt ist.
Natasha geht Betteln, um ihrer Familie zu helfen, ihren Eltern und besonders ihrem Sohn Vasko: „Wenn die Mama nicht arbeiten fährt, haben wir nichts“.
Sie selbst ist alleinerziehend und körperbehindert, im Alter von 18 Jahren wurden ihr das Unterbein und ein Fuß amputiert. Deswegen trägt sie Prothesen.
Also fing sie an zu betteln. Dafür fuhr sie bis nach Wien und Graz. Im Schnitt verdient eine Bettlerin in Österreich 15 bis 30 Euro pro Tag. Übernachten tut Natasha mit drei anderen Bettler*innen in einem winzigen Zimmer, was ihnen zu einem Wucherpreis vermietet wurde.
Anfangs musste sie noch ihren Stolz überwinden, doch schnell erkennt sie: „Betteln ist keine Schande!“
Was auch durch die Dokumentation klar wird: Betteln ist harte Arbeit. Im Fall von Natasha eine 6-Stunden-Woche fern von daheim. Mehr noch, es ist ein hartes und ungesundes Leben führt sie als Bettlerin. Die Bettler*innen in der Doku betteln auch im Winter, ziehen sich deswegen mehrere Schichten Pullover, Hosen und Socken an und frieren dann nach einer gewissen Zeit draußen trotzdem. Besonders hart für sie, ist die lange Trennung von ihrem Sohn. Einmal bleibt sie auch über Weihnachten in Österreich.
Natürlich bettelt Natasha nicht aus Spaß oder Faulheit, sondern aus reiner Notwendigkeit. Ihre Träume sehen anders aus. Im Film äußert sie irgendwann, sie wolle „ein normales Leben“ und „Ich will leben wie die weißen Leute.“
Damit ist ein weiteres Thema angesprochen, welches im Film untergründig mitschwingt: Der Antiziganismus, also die Vorurteile gegen Sinti und Roma. Auch ihre dunkle Hautfarbe, die sie als Romnia ausweist, hat sie und ihre Familie an den Rand der bulgarischen Gesellschaft gedrängt.

Der Film verlangt von der/dem Zuschauer/in einen Perspektivenwechsel. Durch die Begleitung einer Bettlerin nimmt man auch deren Perspektive ein. Natasha ist dabei nicht nur einfach ein Opfer von Armut. Die Doku zeigt sie auch als starke Frau, Mutter und Romnia,

Die Dokumentation ist 1:23 Stunden lang und wurde in den Jahren 2006 und 2007 gedreht. Im Jahr 2008 wurde der Film veröffentlicht. Der Film ist ein einfühlsames Porträt, unaufdringlich und kommt ohne wertende Kommentare aus.

Mehr Infos unter http://natasha-der-film.at

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Buchkritik „Stephen Bannon“ von Tilman Jens http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/20/buchkritik-stephen-bannon-von-tilman-jens/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/20/buchkritik-stephen-bannon-von-tilman-jens/#comments Fri, 20 Oct 2017 11:49:44 +0000 Administrator Allgemein Braunzone ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/20/buchkritik-stephen-bannon-von-tilman-jens/ Bannon-Biografie
In den Medien wurde Stephen Bannon als „Goebbels der Trump-Regierung“ oder „Die rechte Antwort auf Michael Moore“ und von Andrew Breitbart als „Leni Riefenstahl der Tea-Party-Bewegung“ bezeichnet.
Der Journalist Tilman Jens hat dieses mit seinem Buch „Stephen Bannon. Trumps dunkler Einflüsterer“ dieses Jahr eine kritische Biografie des zeitweiligen Trump-Beraters Bannon vorgelegt.
Er zeichnete das Leben von Stephen Kevin Bannon nach. Dieser wurde als Sohn eines Telefonkabelverlegers 1953 in Norfolk in Virginia geboren. Die Familie ist irisch-katholisch.
Jens beschreibt, wie er Navy Seal war und danach als Spezialist für Flottenoperationen im Pentagon arbeitete. Wie er im Anschluss in Harvard studierte und später für die Investmentbank Goldman Sachs, wo er auf die Geschäfte mit Medienunternehmen spezialisiert war, arbeitete. Aus dem Kind aus der unteren Mittelschicht wird ein Banker und Millionär.
Nachdem er genügend Geld verdient hatte, wird Bannon politisch aktiv. Er gründete seine eigene Filmproduktionsfirma und drehte Polit-„Dokumentationen“, etwa eine über die Sarah Palin und den Ex-Präsidenten Ronald Reagan, den er besonders verehrt. Eine andere Doku wendet sich gegen die linke Occupy-Bewegung. Zuvor hatte Bannon sich an einem Rap-Musical versucht. Erfolgreicher ist seine Beteiligung an dem beliebten Onlinegame „Warcraft“.
Die „Dokumentationen“ sind vor allem Propagandastreifen für eine ultrarechte Position. Diese vertritt Bannon auch, nachdem er Chef der Nachrichtenseite „Breitbart News Network“ geworden ist. Mit finanzkräftiger Unterstützung der Koch-Brüder, neoliberale US-Milliardäre, baut er Breitbart zu seiner persönlichen Kampfplattform um. Von Breitbart aus, steuert er gezielte Desinformationskampagnen. Jens benennt Bannons inoffizielle Devise mit „Make America hate again!“
Bannon war bis Mitte November 2016 Chefredakteur von „Breitbart-News“ und wurde August 2016 Wahlkampfchef von Donald Trump. Dafür wurde er belohnt. Er wurde unter Trump zum Stabschef des Weißen Hauses ernannt und hatte bis April 2017 einen Platz im Nationalen Sicherheitsrat, dem Gremium, das alle wichtigen außen- und sicherheitspolitischen Beschlüsse vorbereitet.
Jens stellt Bannon als das eigentliche Machtzentrum der Regierung Trump dar, als eine Art Rasputin Trumps. Doch ist Trump tatsächlich Bannons „Zirkusgaul“, wie Jens es beschreibt? Jens kann seine These nicht schlüssig belegen, sie bleibt eine Mutmaßung.
Besser ist der Autor, wenn er Bannons Ziele skizziert. Bannon will eine Art „konservativer Dschihad“. Dafür setzt er auf den rechten Flügel der Kirche. Bei einem Auftritt bei dem katholischen „Dignitas Humanae Institut“ sagte Bannon:
„Ich denke, die Aufrechten, die Militanten in der Kirche dürfen ihren Glauben nicht nur verkünden. Sie müssen für ihren Glauben kämpfen, in die Schlacht ziehen gegen die Barbarei, die alles ausrotten wird, was wir in den letzten 20000 Jahren ererbt haben.“

Was Jens nicht in seinem Buch erwähnt ist, dass Bannon als Bewunderer von Charles Maurras (1868–1952), einem französischen Royalisten, gilt. Trotzdem heißt das Vorbild Bannons nicht Mussolini, sondern Reagan.
Israel und Juden sind für Bannon nach Jens „Zweckbündnispartner im Krieg gegen den Islam“. Doch Bannon ist selber nicht frei von Antisemitismus. Seine Ex-Frau berichtete, dass er seine Kinder nicht in eine Schule mit hohen Anteil an Juden schicken wollte. Bannon ist vor allem gegen liberale Juden eingestellt.
Jens konstatiert dass Bannon ein Apokalyptiker ist, der gegen das Establishment und die Dekadenz kämpft. Hier liegt die besondere Gefahr von Bannons Einfluss auf Trump, den mächtigsten Mann der Welt.
Das Buch liest sich flott, birgt aber vor allem gehobenes US-Zeitungsleserin-Wissen. Es ist eine gute Zusammenfassung für Interessierte, aber es birgt keine grundlegend neuen Erkenntnisse.

* Tilman Jens: Stephen Bannon. Trumps dunkler Einflüsterer, München 2017

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Rechtschreibung ist nicht die „Sache des Volkes“ http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/20/rechtschreibung-ist-nicht-die-sache-des-volkes/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/20/rechtschreibung-ist-nicht-die-sache-des-volkes/#comments Fri, 20 Oct 2017 11:48:05 +0000 Administrator Allgemein Braunzone http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/20/rechtschreibung-ist-nicht-die-sache-des-volkes/ Das Neonazi-Portal „Sache des Volkes“ hat in seiner Rezension des neuen NPD-Jugendmagazin „Gegenlicht“ das Wort „intellektuell“ gleich zweimal falsch geschrieben:
nicht so intelligent

nicht so intelligent II

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Beitrag in Materialien der „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ plädiert für „demokratischen Nationalismus“ http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/08/beitrag-in-materialien-der-rosa-luxemburg-stiftung-plaediert-fuer-demokratischen-nationalismus/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/08/beitrag-in-materialien-der-rosa-luxemburg-stiftung-plaediert-fuer-demokratischen-nationalismus/#comments Sun, 08 Oct 2017 18:43:55 +0000 Administrator Allgemein http://Eisberg.blogsport.de/2017/10/08/beitrag-in-materialien-der-rosa-luxemburg-stiftung-plaediert-fuer-demokratischen-nationalismus/ Der Rechtsruck in Teilen der Gesellschaften Europas treibt auch die parteiförmig organisierte Linke um. Die Linkspartei-nahe „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ hat dazu 2015 in ihrer Reihe „Materialien“ das Heft „Rechtspopulismus in Europa. Linke Gegenstrategien“ heraus gegeben.
Die Beiträge darin von verschiedenen Autoren – es scheinen nur Männer* darunter zu sein – sind von unterschiedlicher Art und Qualität. Einige analysieren bestimmte (rechts-)populistische Parteien wie „MoVimento 5“, „Front National“ oder UKIP, andere skizzieren eher Gegenstrategien.
Der Beitrag von Mimmo Porcaro analysiert vor allem die Anti-Establishment-Partei „MoVimento 5“ in Italien. Sein über längere Strecken durchaus lesenswerter Beitrag endet aber mit einem fatalen Plädoyer:

„Aber für die italienische Linke (bzw. für alle politischen Richtungen des Landes) ist es extrem schwierig, sich einem nationalen und sogar nationalistischen Diskurs zu stellen. Auch wenn alle bedeutenden Erfahrungen der Arbeiterbewegung (angefangen bei der Pariser Kommune über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion und der italienischen Resistenza bis zum lateinamerikanischen Sozialismus) mit nationaltypischen Forderungen verknüpft waren, schafft es die italienische Linke nicht, einen solchen Ausblick zu akzeptieren. Dies geschieht sicherlich aufgrund der Erinnerung an die Vergangenheit, sprich der Tragödie des faschistischen Nationalismus. Aber es geschieht vor allem aus verständlicher Angst vor der Zukunft. Doch wenn die Gegenwart unerträglich werden wird, wird auch die Angst vor der Zukunft aufhören und Italien wird sich mit sich selbst auseinandersetzen müssen. Wenn die Linke dann in der Lage sein sollte, einen demokratischen Nationalismus anzubieten, kann sie wieder eine wichtige Rolle im Land spielen. Andernfalls wird tatsächlich der populistische Nationalismus triumphieren, und er wird ein viel hässlicheres Gesicht haben als der aktuelle.“

(Seite 26)
Die Namensgeberin der Stiftung, in der das Heft mit diesem Beitrag erschien, war da vor hundert Jahren schon weiter als der Autor. Überhaupt, was soll das sein, ein „demokratischer Nationalismus“? Durch seine Ausschlusskriterien hat Nationalismus immer einen antidemokratischen Kern, womit dieser Begriff eher unlogisch erscheint.
Bleibt zu hoffen, dass dieses Plädoyer in der Diskussion um die Neuausrichtung der Linken möglichst viel Ablehnung erfährt.

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„Aufstehen gegen Rassismus“ – mit religiösen Konservativen? http://Eisberg.blogsport.de/2017/08/04/aufstehen-gegen-rassismus-mit-religioesen-konservativen/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/08/04/aufstehen-gegen-rassismus-mit-religioesen-konservativen/#comments Fri, 04 Aug 2017 11:27:00 +0000 Administrator Allgemein http://Eisberg.blogsport.de/2017/08/04/aufstehen-gegen-rassismus-mit-religioesen-konservativen/ Zunächst einmal voraus geschickt: Diese Kritik ist keine antimuslimische Verschwörungstheorie. Das Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“ und die dazugehörige Kampagne der „Stammtischkämpfer*innen“ wird trotz aller Detailkritik begrüßt. Bei dieser Kritik geht es um einem der Bündnispartner der Kampagne: Der „Zentralrat der Muslime“ (ZMD).
Aufstehen gegen rassismus mit dem ZMD
Der ZMD ist nämlich eine sehr religiös-konservative Organisation, was sich u.a. in Bezug auf Homosexualität oder Geschlechterrollen äußert. Schlimmer noch, die „Islamische Gemeinschaft Deutschlands“, Mitglied im ZMD, gilt laut dem Inlandsgeheimdienst „Verfassungsschutz“ als deutscher Ableger der sunnitisch-islamistischen Muslimbruderschaft. Diese strebt eine Art Gottesstaat an. Dabei ist der ZMD, anders als sein Name impliziert, keine legitimierte Vertretung „der Muslime“ in Deutschland, sondern vertritt nur einen Bruchteil aller Muslime in Deutschland.

Anders als irgendwelche Bachmanns und Stürzenbergers behaupten, droht aber keine Islamisierung des Abendlandes und keine allgemeine Etablierung der Scharia. Das Problematische ist eher, wenn islamisch-konservative bis islamistische Organisationen in die muslimische Minderheit hineinwirken und dort ihre ultrakonservativen Positionen an Raum gewinnen. Das gelingt auch, wenn sie ständig als Ansprechpartner und Stellvertreter legitimiert werden.
Der Einbezug einer Organisation wie des „Zentralrats der Muslime“ in das Bündnis war als Geste sicherlich gut gemeint, aber eine theologisch liberale muslimische Organisation wäre da sicherlich besser gewesen.

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Die Identitäre als Opfer der Amerikanisierung http://Eisberg.blogsport.de/2017/08/02/die-identitaere-als-opfer-der-amerikanisierung/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/08/02/die-identitaere-als-opfer-der-amerikanisierung/#comments Wed, 02 Aug 2017 14:03:44 +0000 Administrator Allgemein Braunzone http://Eisberg.blogsport.de/2017/08/02/die-identitaere-als-opfer-der-amerikanisierung/ Die Regionalgruppe Schwaben der extrem rechten „Identitären Bewegung“ hat kürzlich stolz Fotos von ihren neuen Aufklebern veröffentlicht.
IB-Weisskopfseeadler
Auf denen prangt groß die Reviermarkierung „Identitäre Zone“ und dazu stößt ein Adler vom Himmel. Dumm nur dass es sich dabei um einen Weißkopfseeadler handelt, der ausschließlich in Nordamerika vorkommt.
Die Identitären wurden offenbar das Opfer der Amerikanisierung. Wer so gerne „Heimatschutz ist Umweltschutz“ propagiert, sollte besser auch wissen welche Arten hierzulande überhaupt heimisch sind. Tja, googlebildersuchen allein führt manchmal in die Irre.

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BuchKRITIK „Irrtum NPD“ von Holger Apfel http://Eisberg.blogsport.de/2017/08/01/buchkritik-irrtum-npd-von-holger-apfel/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/08/01/buchkritik-irrtum-npd-von-holger-apfel/#comments Tue, 01 Aug 2017 15:41:16 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert Rechtes von links gelesen http://Eisberg.blogsport.de/2017/08/01/buchkritik-irrtum-npd-von-holger-apfel/ Es gibt im Grunde zwei Arten von AussteigerInnen aus der extremen Rechten: Solche die mit der extrem rechten Ideologie brechen und solche, die sie beibehalten und sich aber aus menschlicher Enttäuschung von ihren ehemaligen KameradInnen abwenden. Zu letzteren gehört ganz unzweifelhaft der ehemalige NPD-Vorsitzende und sächsische NPD-Fraktionsvorsitzende Holger Apfel, wie er in seinem Buch „Irrtum NPD“ zeigt. Das unlängst erschienene Buch liest sich über weite Strecken wie der Bericht eines verschmähten Liebhabers.
Er betont immer wieder, dass er kein „Aussteiger“ sei:
„Doch auch wenn sich meine Weltsicht im Lauf der Zeit gewandelt hat, ich heute über viele Torheiten im politischen Hamsterrad den Kopf schüttele und in den Augen vieler früherer „Weggefährten“ ein ,,Aussteiger“ beziehungsweise ein „Verräter“ bin: Ein „Berufs-Antifaschist“ bin ich deshalb im Gegensatz zu manch einem anderen nicht geworden.“

(Seite 381)

Immerhin hat Apfel 25 Jahre seines Lebens der neonazistischen NPD gewidmet. Er kam durch Michael Fiedler zur extremen Rechten. Fiedler war für ihn längere Zeit ein politischer Ersatzvater.
Er selbst will nie Neonazi gewesen sein. Er habe eher immer mit den Skinheads und der NS-Szene innerparteilich zu kämpfen gehabt. Sein Ziel sei es gewesen die NPD auf FPÖ-Linie zu bringen. Erfolglos, wie er heute selbst zugibt:

„Angetreten mit dem Ziel, die NPD zu einer gegenwarts-bezogenen und zukunftsorientierten Partei zu entwickeln und sie aus der oft ideologisch tief verwurzelten Gedankenwelt des Nationalsozialismus zu lösen, wurde mir klar, dass es mit meinem eigenen Vorstand ein Kampf gegen Windmühlen sein würde, NS-Umtriebe einzudämmen.“

(Seite 24)
Man muss Apfel nicht alles abnehmen, was er schreibt. Seine Selbstinszenierung als Nichtneonazi und nationaler Idealist ist kritisch zu hinterfragen. Selbst wenn er nie NS-Gedankengut im engeren Sinne anhing, so sind seine Bündnisse mit Neonazis und die Öffnung der NPD für NS-Gruppen, kaum weniger problematisch.
Auch nach seinem Austritt aus der NPD nach fast 25 Jahren benutzt Apfel weiterhin typisch rechtes Vokabular. So schreibt er von „Gutmenschentum und Antifa- Zeitgeist“ oder der „Anti-Wehrmachtsausstellung“. Die offiziellen Opferzahlen der Dresden-Bombardierung im Februar 1945 bezweifelt er und an anderer Stelle schreibt er geradezu Elogen auf den verstorbenen NPD-Funktionär Uwe Leichsenring. Distanz oder gar Abwendung sieht anders aus.

Immerhin erfährt man einiges aus dem Inneren der NPD, besonders von den ständigen Macht- und Richtungskämpfen. Insbesondere an Udo Voigt, dem ewigen Konkurrenten um die Herrschaft über die NPD, arbeitet sich Apfel ab. Voigt ist laut Apfel im Gegensatz zu ihm ein harter Nationalsozialist, der hinter verschlossenen Fenstern auch mal das Horst-Wessel-Lied anstimmt:

„Vor diesem Hintergrund erklärte sich natürlich auch, dass der damals stellvertretende Parteivorsitzende kein Probleme damit hatte, am Rande der Feierlichkeiten für General Franco in einer Kaschemme in Madrid nach Herunterlassen der Rolladen mit ins Horst-Wessel-Lied einzustimmen.“

(Seite 20)
Man erfährt auch das der wohlhabende Hamburger Anwalt Jürgen Rieger „quasi die Funktion eines Parteichefs im Hintergrund“ einnahm, da er die Partei über finanzielle Darlehen kontrollierte.
An anderer Stelle liest man, dass der NPD-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern von ehemaligen Wiking-Jugend-Mitgliedern auf Vordermann gebracht wurde.

Interessant ist, dass Holger Apfel zugibt, dass die NPD stark mit dem Prinzip Provokation arbeitet. Viele Eklats waren kalkulierte PR-Maßnahmen:

„Die Ordnungsmaßnahme wegen Missachtung des Präsidenten juckte uns aber nicht. Die Aufmerksamkeit war mehr wert, als artig und ohne Notiz der Öffentlichkeit „mitzuspielen“.

“ (Seite 284)

„Zum Zweiten ging es um die gezielte Provokation. Wir spielten mit dem antifaschistischen Reflex der Gesellschaft, und auch mit der Eventgier gelangweilter Bürger, die uns Aufmerksamkeit sicherte. Wo immer wir auftraten, konnten wir sicher sein, dass die Empörung so groß sein würde, dass der Gegner einfach übers Stöckchen springen musste. Mancher war sich sicher sogar der eigenen Instrumentalisierung bewusst.“

(Seite 361)

An anderer Stelle taucht bereits der Begriff „Greenpeace von rechts“ auf, der heute gerne von den Identitären bzw. „Ein Prozent“ auf sich angewendet wird:

„Aufgrund seltsamer Vorstellungen von Jugendarbeit und einer intellektuell-verächtlichen Haltung zur NPD, kam es schon bald zum Bruch. Man schwadronierte über realitätsferne „Konzepte“ – ich erinnere mich an zähe Debatten über die Gründung einer „ Greenpeace von rechts“ – während die von radikalen Jugendgruppen ausgehende Gefahr für die Akzeptanz in der Jugendszene verschlafen zu werden drohte.“

(Seite 52)

Von der Privatperson Apfel erfährt man in seinem Buch fast gar nichts, eher beiläufig erfährt man dass er Frau und Kinder hat. Dabei war seine Frau auch in der NPD aktiv.

Für den/die kritische Leser*in kann das Buch trotz seines geschönten und apologetischen Charakters mit Wissensgewinn gelesen werden. Es sollte aber besser ausgeliehen und nicht erworben werden. Schon allein der Verlag, erschienen ist es im rechten Hess-Verlag, lässt von einem Kauf abraten. Ein erkennbar extrem rechter Autor sollte nicht an seiner unkritischen Selbstbeweihräucherung verdienen.

Holger Apfel: Irrtum NPD, Bad Schussenried 2017.

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BuchKRITIK „Revolte gegen den großen Austausch“ von Renaud Camus http://Eisberg.blogsport.de/2017/07/31/buchkritik-revolte-gegen-den-grossen-austausch-von-renaud-camus/ http://Eisberg.blogsport.de/2017/07/31/buchkritik-revolte-gegen-den-grossen-austausch-von-renaud-camus/#comments Mon, 31 Jul 2017 15:12:22 +0000 Administrator Allgemein http://Eisberg.blogsport.de/2017/07/31/buchkritik-revolte-gegen-den-grossen-austausch-von-renaud-camus/
Wer sich mit den Identitären auseinandersetzt, kann das auch durch die Lektüre der Texte tun, auf die sie sich gerne beziehen. Einer ihrer Stichwortgeber ist der französische Schriftsteller Renaud Camus. Mehrere Texte von ihm erschienen in der Übersetzung von Martin Lichtmesz und Ludwig Paul in dem neurechten Kleinverlag Antaios. Auf etwas mehr als 200 Seiten gibt es als Kernstück den Essay „Der Große Austausch oder: Die Auflösung der Völker“ von Camus. Hinzu gesellen sich eine vermeintliche Kindergeschichte, ein Vorwort von Martin Lichtmesz, ein Interview mit Renaud Camus, das Manifest „Revoltiert!“ von Camus und ein Nachwort des Identitären-Aktivisten Martin Sellner.

Camus inszeniert sich in seinem Essay als Fürsprecher der „Autochthonen“, „Altfranzosen“, „Eingeborene“, „Einheimische“ oder „Stammfranzosen“. Die „Fremden“ und „Neofranzosen“, die er diesen als Feinde gegenüberstellt, sind vor allem Nichtweiße. Es geht nicht allein um Migrant*innen, sondern um alle nichtweißen Franzosen. Das wird klar, wenn er seine Analyse auf die USA überträgt und dort die weiße Bevölkerung den ethnischen Minderheiten gegenüberstellt. Die meisten schwarzen US-Amerikaner*innen sind ebenso lange in den Vereinigten Staaten wie weiße. Konsequent verwechselt er Demos (Volk im Sinne von Bevölkerung bzw. Staatsbürgerschaft) und Ethnos (Volk im ethnischen Sinne).
Camus striktes Freund-Feind-Denken entlang von ethnischen Linien ignoriert natürlich Freund- und Liebschaften und die Kinder aus solchen Beziehungen. Das passt nicht in sein Konzept der homogenen Gebilde.
Camus warnt vor einer „Vervorstädterung“ des Westens und will in der Änderung der demografischen Zusammensetzung der Bevölkerung eine gezielte „Kolonisation“ erkennen. In dem ehemaligen Kolonial-Land Frankreich ist es natürlich besonders perfide diesen festgesetzten Begriff einfach auf andere Erscheinungen anzuwenden.
Camus analogisiert die Situation heute auch mit der NS-Besatzung. In nicht-migrationsfeindlichen Politiker*innen sieht er zum Beispiel die neuen Kollaborateure. In der Konsequenz verharmlost und banalisiert er sowohl den französischen Kolonialismus als auch die NS-Besatzung Frankreichs.
Camus interpretiert nicht nur jede Form von Kriminalität ethnisch, er will auch dahinter eine ganze Strategie entdeckt haben:

„Und schließlich kommt hinzu, daß ein enormer, überproportional großer Teil dieser Schikanen, Belästigungen und Verbrechen den Eroberern eindeutig als objektives Mittel ihrer Eroberungsstrategie dient.“

Seite 90
Ansonsten ist Camus nicht nur ein Rassist, sondern auch zutiefst elitär. Zwar macht er sich an einigen Stellen verbal für die weißen französischen ArbeiterInnen stark, an anderer Stelle fordert er aber mehr Auslese an den Schulen.
Camus stemmt sich gegen ein „postfranzösisches Frankreich“, wie er es nennt. Als Verantwortliche macht er unterschiedliche Akteure aus, will aber keinem einzelnen, also z.B. der EU oder dem „Amerikanismus“, die Alleinschuld geben. Auch einer jüdischen Weltverschwörung erteilt er die Absage, nicht ohne danach die aus seiner Sicht schädliche Rolle vieler Juden zu betonen.

Bei der Lektüre von Camus Sätzen entsteht eine Ahnung warum der ehemalige Linke und Homosexuelle-Aktivist einen rechten turn vollzogen hat. Es offenbart sich nämlich bei ihm ein Kulturpessimismus, dem ein konservatives Kunstverständnis zugrunde liegt. Kunst wird nur als schöne Kunst akzeptiert. An einer Stelle beklagt sich Camus:

„Wer das Vaterland nicht mehr braucht, hat in der Regel auch mit der Schönheit nichts am Hut […].“

(Seite 56-57)

Doch was genau will Camus? Außer abstrakten Phrasen wie der Forderung nach einer „Gegen-Kolonisation“ und der „kulturelle[n] und spirituelle[n] Wiedergeburt“ nennt Camus noch die Einführung des „ius sanguis“, also des an Herkunft gebundenen Staatsbürgerrechts. Außerdem redet er großen Bündnissen das Wort und begründet so auch seine Unterstützung für den „Front National“.
Auffällig ist seine militärische Sprache, etwa wenn er von einem „koloniale[n] Eroberungs- und Territorialkrieg“ schreibt, der im Gange sei. Wer glaubt er befinde sich im ethnischen Bürgerkrieg, der ist auch bereit . So fordert Camus zwar den Befreiungsschlag, nennt aber kaum die Konsequenzen. Wie genau soll der Anteil der nichtweißen Bevölkerung verkleinert werden? An einer Stelle verrät er sich in einem Halbsatz, als er warnt, es gebe inzwischen Gruppen, „[…], die man nicht mehr vertreiben kann […]“ (Seite 86). Hier schimmert der Wille durch Nichtweiße aus Frankreich zu vertreiben.

Die auch in dem Buch zu findende Kurzgeschichte aus der Feder von Camus, die sich als unvollendetes Manuskript von Hans Christian Andersen ausgibt, ist eine banale Metapher für die Gegenwart aus rassistischer Perspektive. Derart simple Metaphern in Verpackung einer Kindergeschichte sind es eigentlich nicht wert zwischen zwei Buchdeckel gepresst zu werden.

An dem ganzen Buch ist höchstens die Verpackung originell. Im Haupttext, dem Essay, finden sich einige historische, mythische oder literarische Anspielungen. Aber wenn man dieses Zitate-Schutzschild ein wenig abkratzt, findet sich darunter der blanke Rassismus. Die Analyse und die Positionen von Camus sind äußerst banal und ihr Studium trägt nicht zum weiteren Verständnis der Neuen Rechten bei. Außer vielleicht der Erkenntnis das sich die Neue Rechte eher intellektuell gibt, als es zu sein.

Renaud Camus: Revolte gegen den großen Austausch, Schnellroda 2016.

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