"Es ist mehr dran als man glaubt!" http://Eisberg.blogsport.de ___„...wer, wie, was, wieso, weshalb warum, wer nicht fragt bleibt dumm.“ Tue, 27 Nov 2018 16:32:36 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Buchkritik „Aus meinem Jugendland“ von Isolde Kurz http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/27/buchkritik-aus-meinem-jugendland-von-isolde-kurz/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/27/buchkritik-aus-meinem-jugendland-von-isolde-kurz/#comments Tue, 27 Nov 2018 16:32:36 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/27/buchkritik-aus-meinem-jugendland-von-isolde-kurz/ Die Schriftstellerin Isolde Kurz (1853-1944) hat 1918 mit „Aus meinem Jugendland“ ihre Jugendbiografie vorgelegt.
Aus meinem Jugendlande von Isolde Kurz
Kurz war die Tochter einer Feministin und Sozialistin und pflegte in der Frauenfrage eine emanzipatorische Haltung. Allerdings legte sie gegen Ende ihres Lebens eine abwertende Haltung gegenüber geistig Behinderten an den Tag und war bereit mit dem NS-Regime zu kooperieren. Bezeichnend war, dass sie 1933 der „Sektion für Dichtung in der Preussischen Akademie der Künste“ beitrat, die damals jüdischen Mitgliedern diese Stellung aberkannte.

Schauplatz der Jugendbiografie von Isolde Kurz ist vor allem die Universitätsstadt Tübingen.
Die Stadt ist kleiner als heute und geprägt von den Verbindungsstudenten:

„Ferner die Keilereien zwischen den Farben [Studentenverbindungen], die sich nicht leiden mochten, und endlich die ganz großen Studentenschlachten, wo die gesamte Studentenschaft einmütig gegen die Obrigkeit oder das Philisterium, oder was sonst in ihre Vorrechte eingegriffen hatte, zu Felde zog.“

(Seite 75)

„Die Zahl der Schoppen, die für eine Fuchsentaufe nötig sein sollte, wage ich nicht zu nennen; über die bei diesem Vorgang angewandten Zwangsmaßregeln gingen gruselige Gerüchte.“

(Seite 82)
Die Universitätsstadt bildet auch ganz eigenwillige Figuren heraus:

„Da war unter anderem der Ewige Student, ein Mensch, der bis zu seinem Tode auf der Universität verblieb und der mit der Zeit mehr als vierzig Semester auf den Rücken bekam. Er hatte sehr ansehnliche Stipendien, die ihm solange ausbezahlt wurden, als er studierte; diesen zuliebe studierte er immer weiter, Chemie und Naturwissenschaften, ohne je ein Examen zu machen.“

(Seite 91)

Ihre Mutter war ein für damalige Verhältnisse ziemlich ungewöhnlicher Freigeist.Sie war Schriftstellerin, Frühsozialistin und Vegetarierin. Ursprünglich war sie eine geborene Baronesse, hat sich aber 1848 im Zuge der bürgerlichen Revolution von 1848/49 verweltlicht.
Ihr Vater ist Bibliothekar ebenfalls ein 1848er-Veteran, aber eher deutschnational ausgerichtet.
So ist die Haltung der Eltern zu Kriegsgewinn und Reichsgründung 1871 sehr unterschiedlich. Ihre Mutter ist aus ihrer revolutionärer Biografie gegen Bismarck und pro-französisch, ihr Vater dagegen begrüßt die Gründung des deutschen Kaiserreichs.
Um sie dem damaligen reaktionären Zeitgeist zu entziehen, unterrichtet ihre Mutter die Kinder daheim. Dazu werden die Kinder areligiös erzogen und gelten in der Nachbarschaft als „Heidenkinder“.

Im Haus ihrer Eltern herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Sie lernt so etwa Dr. Edouard Vallaint, den späteren Minister der Pariser Kommune, kennen, der auch in Tübingen eine Zeit lang lebte.
Bereits zu dieser Zeit gab es einen frühsozialistischen Gesprächskreis in Tübingen:

„In dem kleinen Tübinger Zirkel wurden jetzt an Stelle der bisherigen humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon, Marx, Lasalle und Bebel erörtert.“

(Seite 236)

Interessant an der Biografie ist der spezifische Frauenblick auf die damaligen patriarchalen Verhältnisse. Sie beschreibt, wie sie als erste Frau reitet und schwimmt und die Reaktion des engstirnigen (pietistischen) Tübingen darauf:

„Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.

“ (Seite 345)
Das sie und ihre Eltern politisch eingestellt waren, verstärkte das generelle Misstrauen:

„[…], und es gab damals in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute.“

(Seite 254)
Frauen galten damals bei fast allen nur als ‚Damen‘, die vor allem passiv sein sollten:

„Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern, und große Namen mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge darüber stolperte.“

(Seite 344)
Frauen sollten schön aussehen, im Gegensatz zu den Männern:

„Auch wurde nur die weibliche Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und nahezu unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem Stolz geübt.“

(Seite 244)

Einiges wird im Buch eher angedeutet als explizit ausgeschrieben. Etwa ihre Beschreibung der tiefen Freundschaft ihres 15-jährigen Bruders Edgar und des Pfarrersohn Ernst Mohl. Diese lässt sich durchaus auch als homosexuelle Verliebtheit zumindest von Edgars Seite aus interpretieren. Nach dem Zerwürfnis der beiden schreibt sie auch von Mohl als Edgars „ehemals Geliebten“:

„Die Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis, dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so recht zu seinem Inneren fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund mehr.

“ (Seite 219)
Später schließt sich genau dieser Bruder Edgar übrigens der SPD an.

Sehr amüsant liest sich das Haschisch-Abenteuer von Isolde Kurz und ihren Brüdern. Ein Beispiel für die literarische Beschreibung von Drogenerfahrungen, die es natürlich auch damals gab.

Durch die liberale Erziehung ihrer Eltern, vor allem ihrer Mutter, wird Isolde Kurz früh unabhängig. Ab dem Alter von zwölf Jahren arbeitete sie als Übersetzerin aus dem Italienischen. Sie beschließt auch sich nicht an einen Mann zu binden, weil das zu der damaligen Zeit die Aufgabe ihrer relativen Freiheit bedeutet hätte. Trotzdem wird sie von ihrer „vulkanischen Mutter“ bedrängt einen ihr unlieben Brautwerber zu heiraten. Sie fühlt sich von ihrer Mutter, die sie ansonsten sehr freiheitlich erzogen hat, sehr unverstanden.
Schließlich verlässt sie Tübingen in Richtung Italien und damit endet auch ihre Biografie.

Ein Lesetipp für jede*n, die/der etwas über die damaligen (Geschlechter-)Verhältnisse im 19. Jahrhundert wissen will.

Grab Isolde Kurz
Grab von Isolde Kurz in Tübingen

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland, Tübingen 1918.

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Buchkritik „Deutschland über alles“ von Joachim Fernau http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/27/buchkritik-deutschland-ueber-alles-von-joachim-fernau/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/27/buchkritik-deutschland-ueber-alles-von-joachim-fernau/#comments Tue, 27 Nov 2018 16:30:19 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert Rechtes von links gelesen http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/27/buchkritik-deutschland-ueber-alles-von-joachim-fernau/
Die Geschichtsdarstellung „Deutschland über alles“ von Joachim Fernau ist der Versuch Geschichte vereinfacht und eher volkstümlich darzustellen. Wichtig ist es zu wissen dass Fernau Kriegsberichter der Waffen-SS war und vor 1945 entsprechende Propagandatexte verfasste.
Das merkt man den ersten 3/4 des Buches nicht unbedingt an. Fernau schreibt aber auch in diesem Abschnitt von einem „Charakter der Deutschen“ und versucht durch einen schrägen Vergleich die Nürnberger Prozesse zu delegitimieren:

„Das war im Oktober 1760.
Ein Jahr später sehen wir Friedrich immer noch kämpfend. Immer noch existiert der König von Preußen. Immer noch ist der Krieg nicht beendet. Was Friedrich aufrechterhielt, weiß der liebe Gott. In diesem Stadium tat er nicht mehr und nicht weniger als das, was im Jahre 1946 in Nürnberg verbrecherisch genannt wurde: Er wollte es nicht glauben, er konnte es nicht fassen und war entschlossen, bis zur Selbstvernichtung seines Volkes zu kämpfen.“

(Seite 105)
Im letzten Viertel des Buches wird es so richtig problematisch. Bis dahin betreibt Fernau vor allem eine personalisierte Geschichtsschreibung, in der er versucht große Geschichte durch kleine Geschichten darzustellen. Dabei bleiben Bauern Statisten und Frauen sogar weniger als das. Stellenweise amüsant, insgesamt aber sehr flapsig versucht Fernau Geschichte jenseits von akademischer Geschichtskunde zu erschließen.
Im letzten Viertel verharmlost Fernau massiv die NS-Diktatur indem er ihn als eine Art Wetterwechsel beschreibt:

„Als die Menschen in Deutschland am Morgen des 25. März 1933 erwachten, befanden sie sich in einem Staatsgebilde, das sie bisher noch nie erlebt hatten. Eine Diktatur, sieh mal einer an! Frauen fragten beim schnellen Morgenkaffee ihre Ehemänner, was sie davon hielten, und alleinstehende Fräuleins wandten sich wenigstens an den Briefträger. Man schaute auf die Straße hinaus, ob irgendetwas Besonderes wäre, aber es war nichts.

“ (Seite 173-174)
In so einer Darstellung wird das Leiden der NS-Opfer mit der Machtergreifung 1933 verharmlost und die Massen-Basis der Nationalsozialisten in der Bevölkerung ignoriert.
Auch eine Dolchstoßlegende erschafft Fernau für den Zweiten Weltkrieg:

„Heute, 22 Jahre nach dem Kriegsende wird nun sogar bei uns offen geschrieben, was längst aktenkundig war: daß mindestens von 1942 an jeder Schachzug, jede Planung der deutschen Kriegsführung von einem riesigen Stab von Verrätern an den Feind weitergegeben wurde.“

(Seite 181)
Vermutlich meint er die Gruppe „Rote Kapelle“.
In seiner Beschreibung der Pläne für Deutschland nach 1945 käut Fernau Verschwörungsmythen wieder, indem er dem Kaufmann- und dem Morgenthau-Plan realen Einfluss auf die Nachkriegsplanung zubilligt:

„Einiges davon war schon lange bis ins kleinste ausgearbeitet und schriftlich niedergelegt. Da war einmal der Theodor Kaufmann-Plan »Germany must perish«. Er war einfach, er sah vor, die Deutschen zu sterilisieren. Einen anderen Plan hatte man an der Harvard-Universität ausgearbeitet; nach ihm sollten alle Deutschen als lebenslängliche Zwangsarbeiter auf die Nachbarvölker verteilt und biologisch mit ihnen verschmolzen werden. Der Außenminister Hull und viele andere des Schreibens Kundige hatten auch noch Lösungen im Strumpf. Dem Ohr Roosevelts am nächsten stand Henry Morgenthau, dessen »Programm to prevent Germany from starting a World War III« dem amerikanischen Präsidenten gut gefiel. Minister Morgenthau mußte nach Roosevelts Tode im April 1945 sein Programm angesichts der tauben Ohren der Militärs wiederholt ändern. Zum Schluß sah es ganz manierlich aus. Es wollte uns lediglich zu einem Ackerbauvolk machen und, wie er sich ausdrückte, auf dem niedrigsten Stand halten.“

(Seite 182)
In Wahrheit werden hier offenbar eigene alte deutsche Vernichtungspläne eines ehemaligen NS-Parteigängers auf die alten Feinde projiziert.

Joachim Fernau: Deutschland über alles, ???

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Buchkritik „Antifa in London“ von Martin Lux http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/27/buchkritik-antifa-in-london-von-martin-lux/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/27/buchkritik-antifa-in-london-von-martin-lux/#comments Tue, 27 Nov 2018 16:28:37 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/27/buchkritik-antifa-in-london-von-martin-lux/ Antifa in London
Die Übersetzung des Buchs „Antifa in London“ von Martin Lux erschien 2013 in einem Wiener Verlag.
Es handelt sich um einen biografischen Bericht eines Antifaschisten in London in den 1970er Jahren. Es ist die Zeit als die Rechten sich um den Hetzer Enoch Powell um 1970 wieder beginnen, auf der Straße zu sammeln. Die britischen Rechten werden im Buch übrigens als „Übers“ – von „Übermenschen – bezeichnet.
Lux stammt aus der Arbeiterklasse und kann mit einer akademischen Linken nicht viel anfangen. Aber auch in Bezug auf seine eigene Klasse hegt er keine großen Illusionen. Die größtenteils sozial und sexuell konservative Arbeiterschicht ist mit Rassismus vergiftet:

„Anders als die Linken mit ihrer All-Inclusive-Ideologie, hatte ich immer noch keine Illusionen über die Arbeiterklasse, speziell wenn es um deren infektiösen Rassismus ging.“

(Seite 21)
Interessant ist auch, wie Lux beschreibt wie antifaschistische Demonstrant*innen in einem Londoner Armeleute-Stadtteil bei einer Demonstration von den örtlichen Jugendlichen unterstützt und bei einer anderen angefeindet wurden.

Mit Linken, Kommunisten und Studenten kann Lux nicht viel anfangen. Statt politischer Theorie fungiert für Lux der berühmte Speakers Corner als ‚Schule des Lebens‘.
Geschildert werden im Buch vor allem Auseinandersetzungen, vor allem Schlägereien, mit Neonazis. Daneben wird im Buch auch Polizeigewalt und Gegengewalt geschildert.
Lux hasst zwar Neonazis, aber er sucht in den Schlägereien auch Amüsement und Unterhaltung. Das Schimpfwort Polit-Hooligan passt auf ihn ganz gut.
Interessant ist das er damals mit Zionisten und jüdischen Londoner*innen zusammen kämpfte:

„Kein Grund mit diesen Typen zu diskutieren; ich zog los um Verstärkung zu finden. Bald hatte ich einige kantige Zionisten gefunden, manche von ihnen kannte ich schon seit Jahren. Obwohl ich mit ihrer Politik genauso wenig wie sie mit meiner übereinstimmten, waren wir doch alle auf eine feine Nazi-Schlägerei aus.“

(Seite 32)

„Ich war von einigen älteren jüdischen Frauen erheitert.
Sie erzählten mir von den alten Zeiten, als Mosley und seinen Schwarzhemden-Abschaum entgegen hielten. Diese alten Damen entpuppten sich als wahre Fans der Pflastersteine. Eine von ihnen beschrieb, wie sie hunderte von Murmeln auf den Strassen unter den Hufen der Polizeipferde fallen liess, damit die Pferde ausrutschen und ihre Reiter zu Boden gehen.“

(Seite 34)
Bei der Lektüre denkt man anfangs noch das der Ton im Buch nicht gerade politisch korrekt, aber dafür ehrlich und authentisch ist. Der Autor hat es eben so erlebt und spricht eben so. So nennt er seine GegnerInnen „Wichser“ und „Nazi-Cunts“. Skurril wird es schon, wenn er beschreibt, wie er und andere die Neonazis mit dem Hitlergruß provozieren. Dazu gesellen sich homophobe oder sexistische Sprüche.
Lux ist auch ein Antifeminist und schimpft über „Queere Sprüche zum Anbraten“. Er beschwert sich das Feminist*innen ihn ausgrenzen. Doch die Feminist*innen liegen mit ihrem Macho-Vorwurf an den Autoren definitiv nicht falsch. Über eine Demonstration in Brixton schreibt er beispielsweise:

„Weil Brixton damals ein angesagtes Viertel war, tauchte eine aussergewöhnlich grosse Menge auf, zumeist »anti-sexistische« Männer und ihre hässlichen, feministischen Tussis.“

(Seite 81)

Lux hat keinerlei reflektiertes Verhältnis zu Gewalt, hat Bock auf „Aggro“ und schwelgt in Riotromantik:

„Wer wusste schon, wo uns die Sache noch hinführen würde, von nun an? Viel weiter, so hoffte ich. Molotovs, Barrikaden, Tränengas, Schusswaffen, Revolte…
Nur her!“

(Seite 75)
Lux beschreibt am einen richtigen Gewaltexzess:

„Das war unsere zehnfache Rache: wir traten seinen Schädel zu Brei. Rundherum brach völliges Chaos aus. […] Innerhalb weniger Minuten häuften sich halb-bewusstlose Körper am Boden, Blut spritzte an die Wände, weinrote Lachen bildeten sich durch beständiges Tröpfeln auf dem Boden. […] Nur das Prickeln von Novokain liess meine Oberlippe einfrieren, es war der klassische Adrenalin-Rausch. […] Wir schlugen sie zu Brei, Eisenstangen küssten ihre Marillen und Körper. Wir zeigten keine Gnade als wir ihre Kanten zur Strecke brachten […]. Ich liess ihn ziehen. Irgendwer musste überleben, um die Geschichte den anderen zu erzählen. […] Die Skins bettelten in diesem Chaos auf Knien um Gnade, während einige wahnsinnige Anti-Faschisten mit gezückten Klingen über ihnen standen. Einigen der jüngeren, armseligen Nazis wurde der kalte Stahl erspart, obwohl alle gut einstecken mussten. Andere wurden gestochen und geritzt. Nichts tödliches, aber eine lebenslange Erinnerung an das Zusammentreffen in dieser Nacht und ihren falschen Weg. Hatte ich auch nur ein Deka Mitleid oder Reue die ganzen Brutalitäten dieses Abends, die sich vor mir ausgebreitet haben? Einen Scheiss! […]
Ich ging an einer Frau vorbei, die eine meiner regelmäßigen Peiniger war. »Kannst du dich erinnern, wie du gesagt hast, wir sind genauso schlimm wie die Nazis selber? Also, das war falsch … Wir sind noch einmal um einiges schlimmer! Gute Nacht, Schatzerl«.“

(Seite 107)
Das ist eklig. Stellt sich nur die Frage: Warum musste so ein unreflektierter Rückblick auf die 1970er in London unbedingt auch noch ins Deutsche übersetzt werden?

Martin Lux: Antifa in London, Wien 2013.

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Kurzrezension „Allesfresser“ von Christine Lehmann http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/21/kurzrezension-allesfresser-von-christine-lehmann/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/21/kurzrezension-allesfresser-von-christine-lehmann/#comments Wed, 21 Nov 2018 16:03:17 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/21/kurzrezension-allesfresser-von-christine-lehmann/ Der Krimi „Allesfresser“ stammt aus der Feder von Christine Lehmann und erschien 2016.
Krimi
Er spielt im Großraum Stuttgart und Hauptprotagonistin ist Lisa Nerz, die im Auftrag ihres Partners Dr. Richard Weber, einem Oberstaatsanwalt, ermittelt. Ein vom Veganismus zum Fleischessen übergelaufener Starkoch ist verschwunden und es wird befürchtet das seine Einzelteile in den Fleischhandel gelangt sein könnten. Um dem nachzugehen und die Betreiberin eines veganen Blogs ausfindig zu machen, die über Insiderin-Infos zu verfügen scheint, begibt sich undercover in die Szene der Polit-Veganer*innen.
Dieses setting verspricht Witz und Spaß, leider enttäuscht die Autorin den/die Leser*in. Sätze wie der Folgende haben eher Seltenheitswert:
„Tofu und Ahornsirup marschieren durch die Instanzen. Manager schreiben Kochbücher und predigen die Erlösung durch Gemüse. Der Messias ist eine Möhre.“

(Seite 19)

Die Polit-Veganer*innen, die sich selbst als Antispeziesist*innen bezeichnen, werden von der Autorin überaus holzschnittartig beschrieben. Allerlei Vegan-Klischees werden wiedergekäut.
Lehmann scheint der Überzeugung zu sein, es gäbe keine Veganer*innen, die sich ausgewogen ernähren könnten. Veganismus mache „krank und depressiv“ und verursache Blähungen, wie sie suggeriert. Die langen Absätze über Veganismus und Speziesismus wirken gestelzt, weil da viel schwadroniert und das als Dialog getarnt wird.
Vieles wirkt unglaubwürdig oder ist unlogisch. So wird z.B. eine grammatisch korrekte Internet-Kommunikation wiedergegeben, die dadurch nur wenig authentisch wirkt.
Es ist im Buch auch nicht so wirklich überzeugend warum die offenbar bisexuelle Lisa Nerz am Ende den Staatsanwalt heiratet.
Unglaubwürdig wirkt auch wie schnell Nerz es schafft zu den illegalen Tierbefreiungen vorzustoßen. Einmal am Stand mit geholfen, dann schon in der Nacht darauf Tierbefreierin. Das ist hochgradig unsinnig.
Zudem um begeht das Buch den häufigen Fehler in Fortsetzungsreihen indem die Hauptprotagonistin nicht nochmal eingeführt wird. So bleibt für die/den Neuleser*in Lisa Nerz sehr blass und unbekannt. Es wird offenbar davon ausgegangen dass man sie von früheren Büchern schon kennt.

Leider keine Leseempfehlung. Schade, in der Story wäre Potenzial gewesen.

Christine Lehmann: Allesfresser, Hamburg 2016.

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Buchkritik „Das Netzwerk der Identitären“ von Andreas Speit (Hg.) http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/21/buchkritik-das-netzwerk-der-identitaeren-von-andreas-speit-hg/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/21/buchkritik-das-netzwerk-der-identitaeren-von-andreas-speit-hg/#comments Wed, 21 Nov 2018 16:02:06 +0000 Administrator Allgemein Braunzone ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2018/11/21/buchkritik-das-netzwerk-der-identitaeren-von-andreas-speit-hg/ Noch ein Buch über die Identitären? Ist das notwendig? Nun ja, offenbar dachten das zumindest die Autor*innen des im Oktober 2018 erschienenen und von Andreas Speit herausgegebenen Sammelband „Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten“.
Sammelband Das Netzwerk der Identitären
Der Band bietet kompakte Informationen zu unterschiedlichen Themen, wie den geistigen Ahnherren der Identitären, den Vertretern der „Konservativen Revolution“ oder den Verstrickungen mit altvölkischen Sippen und Bünden. Die Qualität der Kapitel schwankt, besonders gut liest sich das Musik-Kapitel. Manche Kapitel sind eher im lockeren Reportage-Stil verfasst, andere sind dagegen analytischer.
Es wird klar dass die Identitären sich in eine antibürgerliche Tradition setzen, wenn führende Vertreter betonen sie wollten keine Sub- sondern eine Gegenkultur sein.

Das Buch hinterfragt die Selbstdarstellung der Identitären und vergleicht Anspruch und Wirklichkeit, etwa der behaupteten Zugänglichkeit:

„Auf der Facebook-Seite des Flamberg wird darauf hingewiesen , dass die Veranstaltungen grundsätzlich privat sind und nach vorheriger Kontaktaufnahme besucht werden können. Ein offenes Haus ist der Treff der Identitären nicht.“

(Seite 88)
Auch mit der Intellektualität ist es nicht weit her:

„Trotz der ideologischen Schulungen im Flamberg und des eigenen elitären Selbstverständnisses hält sich die Intellektualität der Identitären in Grenzen. Ihr Terrain ist das Parolenhafte, die Rebellion, der Lifestyle. Hier zeigt sich nicht nur der Anpassung an die vermeintliche Zielgruppe, sondern auch die eigene Gefangenheit in der Popkultur, Erlebnisorientierung und Gewalt. Für die theoretische Durchdringung bleibt das IfS in Schnellroda zuständig.“

(Seite 91)
Ebenso werden die Paradoxa der Identitären betont:

„Das Paradox, dass sich die IB aus den Arsenalen kultureller und politischer Bewegungen bedient, deren Charakter sie in ihrer Programmatik als dekadent und die eigene Identität zersetzend beschreiben, wird darüber gelöst, dass diese Formen »patriotisch« aufgeladen werden.“

(Seite 187-88)

„Sie geben sich als aktionistisch und offen aus, bieten aber Stammtische an, bei denen man sich anmelden muss. Sie wollen traditionsbewusst wirken und sich gegen den Zeitgeist stellen, unterwerfen sich aber radikal den Gesetzen der sozialen Moderne. Sie wollen rebellische Dissidenten sein, aber gleichzeitig sympathisch und nicht zu radikal. Sie proklamieren für sich, eine Bewegung zu sein, pflegen aber einen elitären Habitus und inszenieren sich fast wie Popstars.“

(Seite 201)
Das Buch zieht das Fazit:

„Die medialen Einzelerfolge der IB sollten nicht überblenden, dass sie bis heute nicht die Relevanz erreicht haben, um regelmäßig in Massenmedien zu gelangen: Ihre Inszenierung auf dem Brandeburger Tor war deshalb erfolgreich, weil sie von der Symbolkraft der gewählten Bühne profitierten – nicht wegen der Relevanz der IB.“

(Seite 200)
Trotzdem können die Identitären nicht ignoriert werden, denn:

„Als politische Vorfeldorganisation extrem rechter Partei agieren die Identitären durchaus als wichtiges Bindeglied zur neurechten Szene; als vermeintliche Bewegung haben sie aber keine größere Bedeutung erlangt.“

(Seite 201)

An dem Buch haben Kenner*innen mitgeschrieben und es enthält detaillierte Informationen und gute Einschätzungen. Trotzdem ist der Sammelband „Untergangster des Abendlandes“ bei einer ersten Beschäftigung mit dem Thema die bessere Wahl, da hier mehr und tiefer gehende Analysen angeboten werden. „Das Netzwerk der Identitären“ kann ja dazu als Ergänzung gelesen werden von denjenigen, die noch mehr Informationen suchen.

Andreas Speit (Hg.): Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten, Berlin Oktober 2018.

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Buchkritik „Bitch Doktrin“ von Laurie Penny http://Eisberg.blogsport.de/2018/10/23/buchkritik-bitch-doktrin-von-laurie-penny/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/10/23/buchkritik-bitch-doktrin-von-laurie-penny/#comments Tue, 23 Oct 2018 12:23:30 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2018/10/23/buchkritik-bitch-doktrin-von-laurie-penny/ null
Im Jahr 2016 verfasste die britische Feministin und Journalistin ihr Buch „Bitch Doktrin“, welches 2017 auf Deutsch erschien. Es handelt sich um eine ambitionierte Streitschrift gegen die patriarchalen Zustände in dieser Welt und gegen die mit diesen verwobene Wirtschaftsform. An einer Stelle benennt Penny ihn konkret als „Kamikaze-Kapitalismus“. Das Buch ist ein Aufruf zum Widerstand, besonders gegen „Gender-Repression“ und „Gender-Essentialismus“.
Die Frauenfrage hält sie – zu Recht – für fundamental:
„Ich sage euch, warum die Thematik so wichtig ist. Wenn wir Frauen nicht gewinnen. Gewinnt niemand. Wen Queere, an den Rand Gedrängte, Freaks und Außenseiter nicht frei leben können, dann sind unsere Freiheiten das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden.“

(Seite 11-12)
Denn das Patriarchat zerstört gerade die Welt:

„Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass toxische Männlichkeit die Welt zerstört. Wir Feminist*innen laufen natürlich schon seit Jahren in in unserer schrillen hysterischen Art dagegen Sturm, doch vor der Wahl Donald J. Trumps, vor den Wahlerfolgen der Ultrarechten nahm uns niemand ernst.“

(Seite 12)
Gleichzeitig ist ihr Buch ein Appell zur Einheit innerhalb der linken und feministischen Bewegung. Sympathisch ist dass sie ihre Stimme auch für Transmenschen, Genderqueer und Intersexuelle erhebt und auf deren besonders problematische Lage hinweist:

„Jüngsten Studien zufolge wurden 25 Prozent ihnen wegen ihres Gendersstatus körperlich attackiert, Hunderte werden jedes Jahr ermordet. Bis zu 50 Prozent der Trans-Teenager unternehmen einen Selbstmordversuch.“

(Seite 186)
Vieles, was Penny schreibt ist nicht neu, aber sie als bekannte Autorin popularisiert Feminismus in breiten Leser*innen-Schichten.
Penny diskutiert und bejaht Polyamorie und Sexarbeit in überzeugender Weise.
Sie kritisiert die Verlogenheit im Bereich Sexualität. Frauen ohne Partner sind „alte Jungfer“ und Männer ohne Partnerinnen gelten als „Junggesellen“. Denn noch immer gilt Mann als Synonym für Mensch.
Sie empfiehlt heterosexuelle Frauen das Single-Dasein als bessere Variante zur ungleichen Paar-Beziehung und Kinderkriegen:

„Ich liebe Kinder, aber nicht so sehr, dass die damit verbundene Arbeit, der Schmerz, die Sorgen und die eingebüßten Chancen es mir wert wären – im Moment nicht, vielleicht auch nie.“

(Seite 72)
Sie nimmt Stellung zum Thema Quote und Leistungen. Sie bejaht aus taktischen Gründen die Quote:

„In einer idealen Welt wären Quoten überflüssig. In einer idealen Welt, einer echten Leistungsgesellschaft, würden die fähigsten Menschen aufsteigen, und das brächte automatisch Vielfalt mit sich. Aber womöglich führt der einzige Weg in eine Welt, in der Quoten überflüssig sind, über Quoten.“

(Seite 105)
Sie kritisiert Genderkontrolle und Vergewaltigungskultur, sowie das „Anspruchsdenken der [männlichen] Nerds“.
Ebenso kritisiert sie das die Vielfalt von Frauen nicht abgebildet wird und will das Frauen* und Mädchen „nicht schön sein müssen“. Bis heute ist für Frauen* Perfektionismus eine Anpassungsstrategie:

„Für Frauen bedeutet »sich Mühe geben« ein teures, zeitraubendes und schmerzhaftes Prozedere mit Schneiden, Bleichen, Färben, Rasieren, Zupfen, Hungern, Trainieren und der richtigen Wahl der Kleidung, die den gewünschten Eindruck vermittelt, ohne dass frau aussieht wie eine Schaufensterpuppe.“

(Seite 156)

Manchmal nimmt die Autorin Bezug auf englischsprachige Diskurse, die beim deutschsprachigen Publikum zum Teil unbekannt sein dürften. Bestimmte Diskussionen und Akteur*innen muss sich die/der durchschnittliche Leser*in in der Bundesrepublik erst selber recherchieren.
Auch bezieht sie sich immer wieder gerne auf Statistiken:

„In Studien wurde nachgewiesen, dass Frauen, die weniger wiegen, unabhängig von der Einkommensklasse für dieselbe Arbeit mehr Geld erhalten und bessere Aufstiegschancen haben als schwerere Frauen. Fähige mächtige Männer dürfen in Politik, Wirtschaft und Kultur dick und schlapp werden, wohingegen Frauen, die es wagen, einen hochkarätigen Job anzunehmen, damit rechnen müssen, stets nach ihrem Aussehen beurteilt zu werden: Wir sind entweder zu unattraktiv, um akzeptiert zu werden, oder zu hübsch, als dass wir etwas beizutragen hätten.“

(Seite 156-157)
In beiden Fällen wären Fußnoten hilfreich gewesen. Manchmal hätte man schon gerne den Titel der Umfrage oder ihr Erscheinungsjahr erfahren.

Abgesehen vom Inhalt ist Pennys Sprache an manchen Stellen einprägsam, schön und von literarischer Qualität:

„Oft hört man von den »Wellen« des Feminismus. Ich habe den Feminismus nie so gesehen. Für mich ist er keine Abfolge von Wellen, sondern ein großer grollender Tsunami, der sich behäbig über eine Einöde allgemein akzeptierter Annahmen wälzt und alte Gewissheiten fortschwemmt.“

(Seite 23)

„Für mich ist Feminismus so gut wie jedes Viagra. Der Feminismus schenkte mir in Jahren des Wachsens und Lernens nach das Selbstvertrauen, Anspruch anzumelden auf meinen eigenen Körper und mein eigenes Begehren, wie auch die Stärke, nein zu sagen, wenn mir eher nach einer Tasse Tee und Kuscheln zumute war.“

(Seite 200)

Immer wieder blickt sie auf das Patriarchat im Westen:

„In Ländern wie Irland, Spanien und den USA ist der Frauenkörper nach wie vor ein Kriegsschauplatz des rechtsgerichteten Patriarchats im Kampf um moralische Vorherrschaft.“

(Seite 195)
Ihre Kritik an den „mächtigen weißen Männern“ macht im Westen Sinn, in Ostasien etwa sind andere Männer die Machthalter. Leider sagt sie das nicht.

Leider gibt es in „Bitch-Doktrin“, anders als bei „Fleischmarkt“ und „Unsagbare Dinge“ auch ein paar Punkte zu kritisieren. So muss man Penny nicht in allen ihren Ausführungen folgen. So ignoriert ihre Kritik an Indentitätspolitik, dass diese Kritik besonders an bestimmten Ausformungen in Teilen differenzierter daher kommen kann.
Befremdlich wirkt auch ihre Verniedlichung und Verharmlosung von Angriffen auf die Presse:

„Wer in diesen Tagen im »Journalisten«-Outfit loszog, dem wurde die Kamera zertrampelt und die Zähne eingeschlagen von Kids, die genau wussten, dass die große Mehrheit der britischen Mainstream-Presse als Rowdys und Hooligans abstempeln würde, denn unter der Maske der Objektivität ging das schon seit Jahrzehnten so, und den Kids war mittlerweile alles egal.“

(Seite 98)
Offenbar findet es Penny irgendwie gerechtfertigt, wenn „Kids“ – es sind wohl eher Halbstarke – Journalist*innen die Zähne einschlagen, weil sie in der Tendenz nicht vorurteilsfrei über die Subalterne berichten. Sie rechtfertigt und rationalisiert hier das Ressentiment gegen Medien und dessen Folgen.
Bei ihrer These, die „Lebensschützer“ wollten im Grunde eigentlich Frauen für ihre freie Sexualität bestrafen, indem sie sie zum schmerzhaften Gebären zwingen würden, ist falsch. Penny führt hier an dass von diesen „Lebensschützer“ ja eine Ausnahme in Fällen von Schwangerschaften in Folge einer Vergewaltigung gemacht würden:

„Die Linie eines »Verbots mit Ausnahmen« gehört standardmäßig zur Argumentation konservativer Abtreibungsgegner in den USA und anderswo, und angesichts seiner Scheinheiligkeit bleibt einem glatt die Spucke weg. Wenn einer wirklich und wahrhaftig glaubt, dass ein Fötus tatsächlich ein autonomes Wesen ist, warum sollte er dann wie von Zauberhand keins mehr sein, wenn die Mutter dem Geschlechtsverkehr nicht zugestimmt hat?“

(Seite 205)
Daraus folgert Penny dass es im Grunde ja doch nicht um die Rettung der „Ungeborenen“ gehen würde. Denn auch bei einem „Ungeborenen“ infolge einer Vergewaltigung handle es sich ja nach dem Weltbild der „Lebensschützer“ um schützenswertes Leben. Doch gerade den christlich motivierten „LebensschützerInnen“ geht es tatsächlich darum dass nach ihrer Interpretation ihrer religiösen Schriften das Leben mit der Befruchtung beginnt. Deswegen sind in einigen streng katholischen Ländern auch Abtreibungen nach Vergewaltigungen nicht erlaubt. Diese Ausnahme bei manchen „LebensschützerInnen“ ist eher ein zähneknirrschendes Zugeständnis.
Kritischen Leser*innen stoßen sicher auch ihre Vokabeln „Körperfaschismus“ und „Geschlechterfaschismus“ auf. Die dominanten Körpernormsetzungen müssen auf jeden Fall kritisiert werden. Aber ob das etwas mit Faschismus zu tun hat, ist mehr als fraglich.

Penny erzählt wie es für sie emotional anstrengend war, wenn die Kritik von der Seite kam, auf der sie sich selber sieht. Sie behauptet aber generell das es in Diskussionen um das Thema Political Correctnes etc. es den Rechten und Reaktionären nur um Machterhalt ginge und die Linken generell nur differenzierte Kritik üben würden. Das ist aber zu einfach. Hier unterschätzt sie das Internet und seine Dynamiken. Es sind eben nicht mehr nur ein paar Beschwerdebriefe mit differenzierter Kritik, sondern sehr schnell werden hunderte bis tausende Kommentare mobilisiert. Auch bei gerechtfertigter Kritik versteigen sich hier manche schnell im Ton. Zumal auch auf linker Seite die Fehlertoleranz zum Teil eher gering ist. Da das Internet unmittelbar funktioniert erreicht die Kritisierten der Frust ihrer Kritiker*innen sofort und ungefiltert. Das kann auch bei einer berechtigten Kritik zu Ausfällen führen und die kritisierte Person zu Recht anstrengen und verstören.

Verwunderlich ist auch ihr sehr optimistisches Loblied auf eine neue Generation von Aktivist*innen. Andere und kritischere Beobachter*innen sehen eher eine entpolitisierte und entsolidarisierte Generation, die im Einzelkämpfer*in-Modus versucht im Eissturm des Kapitalismus zu überleben.

Natürlich ist Penny trotz aller Detailkritik sehr lesenswert. Allerdings findet sich in diesem Buch mehr zu Kritisieren als in „Fleischmarkt“ oder „Unsagbare Dinge“, ihrem bisher besten Buch, welches auf Deutsch erschienen ist.

Laurie Penny: Bitch Doktrin, Hamburg 2017.

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Buchkritik „Rot“ von Uwe Timm http://Eisberg.blogsport.de/2018/09/24/buchkritik-rot-von-uwe-timm/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/09/24/buchkritik-rot-von-uwe-timm/#comments Mon, 24 Sep 2018 15:17:35 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2018/09/24/buchkritik-rot-von-uwe-timm/ Rot von Uwe Timm
Im Jahr 2001 erschien der Roman „Rot“ von Uwe Timm. In diesem schildert er wie ein alt gewordener Revoluzzer, ein Alt-68er eine Affäre mit einer jüngeren Frau, Iris, eingeht. Dieser Thomas Linde, Jahrgang 1945, wird durch seine Beziehung zu der jüngeren Frau zur Selbstreflexion gezwungen. Ebenso durch das Auftauchen eines ehemaligen Genossen namens Aschenberger. Dieser ist tot, spielt aber im Buch eine wichtige Rolle, da Linde den Nekrolog auf ihn halten soll. Denn er ist von Beruf Beerdigungsredner. Stellenweise wird auch klar dass größere Teile des Buches eigentlich eine Ansprache ans Trauerpublikum sind.
Aschenberger und Lindes Leben stehen für zwei unterschiedliche Wege. Aschenberger ist seinen alten Idealen bis zuletzt treu geblieben, wirkte aber aus Lindes Sich dadurch versteinert. Linde dagegen hat wie viele andere ehemalige Genoss*innen sich ins Bürgertum integriert. Das Motto lautet gewissermaßen ‚Rotwein statt Revolution‘! Man ist vom Kommunismus zum Konsumismus konvertiert:

„[…] ballt nicht mehr die Faust in der Tasche, sammelt keine Eisenmuttern mehr, um damit die Scheiben der Bank einzuwerfen, nein, er hat dieses Haus geklauft – habe ich geklauft gesagt? – mit einem Bausparvertrag von eben dieser Bank, deren Scheiben er vor dreißig Jahren eingeworfen hat […].“

(Seite 289)
Diese Veränderung verlief schrittchenweise:

„Die Trägheit der Herzen, die Feigheit bei den kleinen Entscheidungen im Alltag, das erlaubt den Mächtigen, mächtiger zu werden.“

(Seite 279)
Linde befindet sich, verstärkt durch seine Beschäftigung mit Aschenberger, in einer Midlife Crisis. Das seine Geliebte einen Mann hat, der nichts von der Affäre weiß, macht sein Leben nicht eben einfacher.

Älter heterosexuelle Schriftsteller scheinen eine starke Vorliebe für Geschichten von älteren Männern mit jungen Geliebten zu haben. Ihre Bücher dienen ihnen als Projektionsfläche ihrer Wünsche. So auch bei Uwe Timm. Das ist für sich genommen noch nicht schlimm, auch wenn einen diese Altersgeilheit manchmal anödet. Leider sind die Frauenfiguren dadurch eher eindimensional und werden vor allem nur als verführerisch beschrieben. Auch bei Timm sind die Frauen vor allem Lustobjekte, die vor allem über ihr Aussehen eingeführt werden. Vielleicht ist das auch ehrlich, weil sie aus der Sicht eines älteren Mannes beschrieben werden. Es wäre jedoch nett ihnen ein wenig mehr Handlungsfähigkeit und Charakter zu verleihen.
Insgesamt ist „Rot“ gut geschrieben und liest sich schnell und flüssig. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Uwe Timm: Rot, München 5. Auflage 2005.

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Buchkritik „Der blinde Mörder“ von Margaret Atwood http://Eisberg.blogsport.de/2018/09/15/buchkritik-der-blinde-moerder-von-margaret-atwood/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/09/15/buchkritik-der-blinde-moerder-von-margaret-atwood/#comments Sat, 15 Sep 2018 14:14:56 +0000 Administrator Allgemein http://Eisberg.blogsport.de/2018/09/15/buchkritik-der-blinde-moerder-von-margaret-atwood/
Das Original „Der blinde Mörder“ von der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood erschien im Jahr 2000. Es ist ein Roman von knapp 700 Seiten, der mehrere Ebenen besitzt.
Zum einen ist da die Perspektive einer alten Frau, Iris Chase, die ihr Leben 1998 und 1999 als Seniorin mit wachen Geist in alten Körper schildert. Dann ist ihr Rückblick auf ihre Jugend mit ihrer Schwester und die Ehe.
Zu guter Letzt ist noch der titelgebende Fantasy-Roman „Der blinde Mörder“ ihrer Schwester.
Die Autorin, Laura Chase, beging mit 25 Jahren Selbstmord. Ihr Debüt-Roman erschien posthum.

Die beiden Schwestern Iris und Laura Chase wachsen in einer kanadischen Provinzstadt als Töchter eines Knopf-Fabrikanten auf. Ihre Mutter verstirbt infolge einer Fehlgeburt. Bis dahin verläuft ihr Leben behütet und isoliert. Der Vater ist mit seinen Töchtern überfordert und wird infolge seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg nachhaltig traumatisiert. Er fängt an zu trinken und wird Atheist:

„Aber etwas viel Schlimmeres war geschehen: mein Vater war jetzt Atheist. Über den Schützengräben war Gott zerplatzt wie ein Luftballon, und nichts war von ihm übrig geblieben als ein paar schmuddelige kleine Fetzen der Heuchelei. Die Religion war nur ein Knüppel, mit dem man auf die Soldaten einprügeln konnte, und jeder, der etwas anderes behauptete, war ein frömmlerischer Schwätzer.“

(Seite 108)
Um sein Unternehmen zu retten verheiratet er seine älteste Tochter, die Ich-Erzählerin, an seinen Konkurrenten Richard E. Griffin. Es ist keine Zwangsheirat, sondern eine Zweckheirat, der die Tochter aus Gehorsam zustimmt. Nachts im Bett herrscht aber dann doch der Zwang. Richard misshandelt und vergewaltigt seine sehr viel jüngere Frau:

„Und das war die Decke, die ich von nun an anstarren würde, durch den Nebel aus Musselin, während unterhalb meiner Kehle irdische Dinge vor sich gingen.“

(Seite 411)

„Meine Aufgabe bestand darin, die Beine breit zu machen und den Mund zu halten.“

(Seite 444)
Ihm hilft bei der Zurichtung seiner Frau und seinen ambitionierten Plänen seine Schwester Winifred. Diese versucht die Frau ihres Bruders gesellschaftsfähig zu machen. Wichtig ist vor allem die Präsentation, wie die Ich-Erzählerin auch feststellt:

„Meine Aufgabe bestand darin zu lächeln.“

(Seite 409)
Gleichzeitig soll auch aus der jüngeren Schwester, nunmehr Laura Griffin, eine Dame gemacht werden. Doch Laura ist eigensinnig und von naiver Ehrlichkeit. Die spätere Verfasserin von „Der blinde Mörder“ rebelliert und verweigert sich.
Schließlich begeht sie mit 25 Jahren Selbstmord. Das ist für Iris das Startsignal, sich selber von Richard und dessen Schwester Winifred loszusagen.
Zwischen diesen Rückblicks-Erzählungen und den Schilderungen des Lebens als alte Frau werden die Treffen eines Liebespaares beschrieben, in welchem der Mann seiner heimlichen Geliebten eine ausgedachte Geschichte auf dem Planeten Zykron erzählt. Diese ist zwar in vielen Dingen gewollt sehr klischeehaft, aber andererseits auch sehr ideenreich und spannend. So dass die Leserin/der Leser auch bei dieser Geschichte durchaus wissen will, wie sie ausgeht.

Der Roman beschreibt spannend ein Frauenschicksal der Oberschicht. Die Hauptprotagonistin kämpft sich langsam frei aus der ihr zugedachten Rolle. Atwood beschreibt ihr Schicksal einfühlsam und streift immer wieder das Patriarchat kritisch, wie etwa in folgenden Sätzen:

„Männer hatten damals Bedürfnisse; sie waren zahlreich, diese Bedürfnisse; sie lebten unterirdisch in den dunklen Winkeln und Nischen des Wesens eines Mannes, und hin und wieder sammelten sich ihre Kräfte und machten einen Ausfall, wie eine Rattenplage. Sie waren so gerissen und stark, wie konnte man von einem echten Mann erwarten, dass er gegen sie ankam? Das war die Doktrin, laut Winifred, und – um fair zu sein – auch laut einer Menge anderer Leute.“

(Seite 633)
Ein Lesetipp!!!

Margaret Atwood: Der blinde Mörder, Berlin, 2. Auflage 2014.

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Buchkritik „Inside AfD“ von Franziska Schreiber http://Eisberg.blogsport.de/2018/08/19/buchkritik-inside-afd-von-franziska-schreiber/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/08/19/buchkritik-inside-afd-von-franziska-schreiber/#comments Sun, 19 Aug 2018 21:50:33 +0000 Administrator Allgemein Braunzone ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2018/08/19/buchkritik-inside-afd-von-franziska-schreiber/ Buch
Das in diesem Jahr erschienene Buch „Inside AfD“ von Franziska Schreiber wird im Untertitel als „Der Bericht einer Aussteigerin“. Ob Schreiber tatsächlich eine Aussteigerin ist, bleibt nach der Lektüre mehr als fraglich. Dazu weiter unten mehr.
Ausgestiegen ist sie aber unzweifelhaft aus der AfD, in welcher sie im Juni 2013 Mitglied wurde. Zehn Tage vor der Bundestagswahl 2017 ist sie dann nach einem Wahlaufruf zugunsten der FDP ausgetreten. Ihre eigene Partei war ihr unheimlich geworden.
Über ihre vier Jahre in der AfD hat Schreiber nun ein Buch von knapp 200 Seiten verfasst. Da Schreiber zeitweise sächsische Landesvorsitzende der „Jungen Alternative“ und sowohl im Team von Frauke Petry als auch im Büro von Marcus Pretzell, damals Europaabgeordneter für die AfD, mit arbeitete, kann sie der Leserin/dem Leser ein paar spannende Inneneinsichten geben.

Zuerst skizziert die Autorin ihre Biografie und wie sie über eine Politverdrossenheit und eine neoliberale Einstellung zur AfD findet. Durch den Personalmangel bedingt wird sie hier schnell stellvertretende und schließlich Landesvorsitzende der „Jungen Alternative“ (JA). In dieser Funktion verfasst sie große Teile des Programms der JA Sachsen.
Zwar behält Schreiber einige Interna für sich, so deutet sie beispielsweise wichtige SpenderInnen nur an. Trotzdem erfährt man durch die Lektüre einige Interna.

Der Skandal, dass der VS-Chef der AfD-Vorsitzenden Ratschläge gab, schaffte es durch Schreibers Buch ja in die Schlagzeilen. Konkret schreibt sie in ihrem Buch:

„Das Bundesamt für Verfassungsschutz sah das allerdings anders, Frauke Petry war schon im Herbst 2015 bewusst, dass die Partei in den Fokus des Inlandgeheimdiensts rückte. Dessen Chef, Hans-Georg Maaßen, wandte sich an sie, schrieb das Magazin Der Spiegel Monate später. Petrys Bestreben, den saarländischen Landesverband wegen Überschneidungen mit dem rechtsextremen Milieu auflösen aufzulösen, sei auf Hinweise des obersten Verfassungsschützers zurückzuführen. Petry hat dies öffentlich immer bestritten – auf Maaßens Wunsch hin.
Tatsächlich trafen sich die beiden mehrfach, sie sprach in meiner Gegenwart sehr wohlwollend von den Zusammenkünften und von ihm. Die beiden schienen so etwas wie Sympathie füreinander entwickelt zu haben. Viel wichtiger aber: Hans-Georg Maaßen signalisierte Petry, wenn die Partei mit einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu rechnen hatte, und er sagte ihr, was sie dagegen tun müsse. Mindestens zweimal ging es dabei darum, dass der Parteivorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen den Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke einleiten müsse, weil sonst die Beobachtung und eine Nennung im Verfassungsschutzbericht unvermeidbar seien. Es sei nicht entscheidend, so erläuterte es Maaßen, dass es tatsächlich zu einem Ausschluss komme, sondern es gehe darum zu zeigen, dass der Bundesvorstand noch in der Lage sei, auf demokratische Weise Entscheidungen gegen solche Unruhestifter herbeizuführen.“

(Seite 15-16)
Dass trotz des Verbleibs von Höcke in der AfD, der Inlandsgeheimdienst die AfD unbeobachtet gelassen hat, zeigt übrigens das der VS ein politisches Instrument ist und keine festen Kriterien besitzt, wann eine Gruppe zum Beobachtungsobjekt wird.

Auch berichtet sie von Koalitionsplänen von der CDU und der AfD, sowohl in Sachsen-Anhalt, als auch in Thüringen:

„In Sachsen-Anhalt plädierten 2016 namenhafte Vertreter der CDU für eine schwarz-blaue Koalition. Ich arbeitete damals für die Fraktion und hörte von einem Vorgespräch zwischen den Vorständen beider Parteien. […] Es bedurfte eindringlicher Telefonate aus der Bundes-CDU, um das zu verhindern.“

(Seite 16)
Und in Sachsen gab es eine gegenseitige Annäherung im Internet:

„In der Facebook-Gruppe »Konservative in der CDU« vernetzten sich Angehörige der Union und der FDP mit solchen der AfD; alle wussten, wer welcher Partei angehörte, und wir kommunizierten ausgesprochen kollegial und freundschaftlich.“

(Seite 17)

Sie berichtet dass Depressionen Gauland mehrere Tage lahm legten:

„Dort traf sie auf eine aufgelöste Ehefrau. Gauland selbst lag mit schwersten Depressionen antriebslos im Bett.“

(Seite 71)

Sie berichtet vom Sexismus innerhalb der AfD, den sie durch Poggenburg selbst erfahren hat:

„Mir näherte er [Andre Poggenburg] sich von hinten, während ich, damals Vorstandsassistentin, bei der ersten Vorstandssitzung der sachsen-anhaltinischen Fraktion das Protokoll schrieb, schaute mir über die Schulter, dabei stützte er sich auf meinen unteren Rücken auf, die Hand glitt zwischen Bluse und Hose. Es war mir extrem unangenehm, aber ich hätte mich nicht wehren können, ohne einen Eklat auszulösen.“

(Seite 107)

Sie berichtet, wie sei selbst nach rechts rutschte und sich in einer Blase bewegte:

„In meinem alten Facebook-Profil mit fast 3000 AfD-Freunden bestanden die Neuigkeiten auf meiner Startseite nur aus Katastrophen und Skandalen – sie las sich ungefähr so ausgewogen wie der Stürmer“

(Seite 208-209)

In innerparteilichen Kämpfen wird hart gefochten. Schreiber berichtet, wie sie mit Anderen Luckes „Weckruf“-Kampagne mit Fakes-Facebook-Seiten attackierte.
Sie berichtet von der Binnenregeln in AfD und JA, die jegliche Kritik als Schwäche diffamierten. Eine Grenze nach rechts, gab es in der JA nicht. Rechte Taten wurden verwendet, um sich durch Erpressbarkeit zu integrieren:

„Treue beweist und Vertrauen gewinnt, wer etwas tut, was den Rückweg in die Mehrheitsgesellschaft verbaut. Ein Akzeptanzsuchender singt also auf der Rückfahrt vom Parteitag in der Bahn Landserlieder und zeigt den Hitlergruß, nimmt an einem IB-Protest teil oder überzieht den politischen Gegner mit Begriffen aus dem Tierreich. Aufzeichnungen solcher »Heldentaten« können später zur Denunziation von Abtrünnigen verwendet werden, weshalb die Bereitschaft dazu mit Respekt belohnt wird.“

(Seite 57)

Mehrmals schreibt sie das das offizielle Programm der AfD nicht (mehr) allzuviel über den Charakter der AfD aussagen könnte:

„Aber das Mitte 2016 verabschiedete Programm ist mittlerweile nicht mehr als ein Werbeplakat. Die wahren Absichten der heutigen Parteimitglieder werden von den schriftlich niedergelegten Zielen verdeckt, auf die man sich bei einem Parteitag einigte, als die Liberalen knapp in der Mehrheit waren. Das Programm der AfD camounfliert die wahren Ziele der Parteirechten, der heutigen Mehrheit. Es spiegelt das Stimmungsbild bei der Mehrheit der Partei nicht mehr wider.“

(Seite 97)

„Zu zentralen Fragen stehen im AfD-Programm Potemkinsche Dörfer, Fassaden, die mit der gelebten Welt der Wutbürger wenig bis nichts mehr zu tun haben […].“

(Seite 108)

„Es gibt aber ein ungeschriebenes Programm, das die geheimen Ziele der Partei versammelt, genau genommen des Teils, der inzwischen die Mehrheit stellt.“

(Seite 112)

Problematisch ist Schreibers komplette Kritiklosigkeit gegenüber Frauke Petry, ihrer ehemaligen Chefin, die sie offenbar ungebrochen bewundert.
Sie schreibt über ihre erste Begegnung mit Petry:

„Ich hatte meine politische und persönliche Mentorin gefunden.“

(Seite 42)
Außerdem gibt sie zu:

„Ich glaube ich war ein wenig in sie verliebt.“

(Seite 41)
Diese Schwärmerei hat Schreiber ganz offensichtlich nie abgelegt.

Sie stellt die AfD als Opfer des Rechtsrucks dar, fast schon als feindliche Übernahme.
Damit strickt sie strickt am Gründungsmythos der AfD als einer liberalen Partei mit und vergisst ein ‚national-‘ und ‚neo-‘ vor das ‚liberal‘ zu setzen. Genau das war Schreiber nämlich auch schon bei ihrem Eintritt: Eine Nationalneoliberale. So ist Schreiber keine komplette Aussteigerin aus der rechten rechten Ideologie, sondern erst einmal nur aus der AfD. Das merkt man, wenn sie etwa das „Zentrum für politische Schönheit“ als „gefährliche Brandstifter“ (Seite 183) bezeichnet.
Ironischerweise vertritt Schreiber damit den Kurs dessen Mannes (Lucke), den sie ihrer Chefin half 2015 zu stürzen. Sie lobt den Kurs unter Lucke, ist aber Parteigängerin Petrys.
Nicht der einzige Widerspruch im Buch.
Sie macht aus allen Macht- und Verteilungskämpfen inhaltliche Auseinandersetzungen und kann so Petry Höcke immer inhaltlich gegenüberstellen. Dabei ignoriert sie, dass es bei den Streitereien in der AfD nicht nur um Inhalte, sondern auch um Macht ging und geht.
Höcke sieht sie als kommenden Vorsitzenden der AfD, glaubt also das dieser seine Zurückhaltung irgendwann aufgeben und nach dem Vorsitz greifen wird.

Das Buch enthält neben einigem Neuen, auch viel Bekanntes. Der Preis ist gemessen an der Seitenzahl nicht billig. Trotzdem kann die Lektüre sowohl Kenner*innen als auch AfD-Unerfahrene nochmal mit mehr Informationen versorgen. Aber eher mit interessanten Details und Episoden als mit einer reflektierten Analyse.

Franziska Schreiber: Inside AfD. Der Bericht einer Aussteigerin, München 2018.

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Buchkritik „Rosenjahre“ von Jasmin Tabatabai http://Eisberg.blogsport.de/2018/08/19/buchkritik-rosenjahre-von-jasmin-tabatabai/ http://Eisberg.blogsport.de/2018/08/19/buchkritik-rosenjahre-von-jasmin-tabatabai/#comments Sun, 19 Aug 2018 21:47:01 +0000 Administrator Allgemein ungefragt-kommentiert-informiert http://Eisberg.blogsport.de/2018/08/19/buchkritik-rosenjahre-von-jasmin-tabatabai/ Buch
Das Buch „Rosenjahre. Meine Familie zwischen Persien und Deutschland“ (Berlin, 2011) ist eine Art Mix aus Biografie und Autobiografie. Die 1967 geborene Autorin beschreibt darin das Leben ihrer Mutter und ihr eigenes in einem Zeitraum von 1956 bis 1978.
Im Jahr 1956 lernt in München nämlich die 18-jährige Rosemarie „Rose“ Otterbach den knapp 30-jährigen Modjtaba „Taba“ Tabatabai kennen, einen persischen Maschinenbaustudenten.
Rose wächst in München-Schwabing auf und wird aufgezogen von ihrer alleinerziehenden Mutter. Es ist ein einfaches und von Armut geprägtes Leben. Doch Rose ist anders als viele anderen Mädchen in ihrem Alter. Sie interessiert sich für ferne Länder und andere Sprachen, ebenso wie sie auch archäologisch interessiert ist.
Vorsichtig entwickelt sich zwischen Taba und Rose eine Liebesbeziehung. Anfangs so prüde wie es in der damaligen Adenauer-Zeit möglich war.
Als Taba 1957 in seine Heimat zurück muss folgt Rose ein halbes Jahr später seinen Bitten und Drängen und besucht ihn dort. Aus geplanten ein oder zwei Monaten werden mehrere Monate samt Heirat. Die geschwisterlos aufgewachsene Rose wird liebevoll von der Großfamilie Tabas aufgenommen. Diese ist sehr liberal eingestellt und gehört zur oberen Mittelschicht des Landes. Trotz des liberalen Zuschnitts, gibt es auch in dieser Familie eine familiäre Hierarchie, nach der das Familienoberhaupt der älteste Mann ist.
Nach einer Eingewöhnungszeit in Teheran geht das Paar im Januar 1958 nach Norden, wo Taba mit seinem Bruder bei der Stadt Gorgau einen landwirtschaftlichen Betrieb gegründet hat. Für die Arbeiter*innen haben sie sogar ein eigenes Dorf gegründet. Diese behandeln sie nach kapitalistischen Maßstäben fair. Trotzdem ist Taba der Agha. Andernorts herrscht noch der traditionelle Rassismus vor, von dem Rose schockiert ist:
„Es war das erste Mal, dass Rose ihre neue Heimat von einer Seite kennenlernte, die ihr gar nicht gefiel. Eine Seite jenseits der geschichtsträchtigen Städte, der iranischen Gastfreundschaft und der schönen Landschaften. Es war erschreckend, wie sehr das Wohl der Menschenhier noch vom Wohlwollen ihres Herrn und Brotgebers abhing.“

(Seite 143)
Rose gewöhnt sich gut in die iranische Gesellschaft ein. Nichtsdestotrotz kommt es anfangs immer wieder zu kulturell geprägten Missverständnissen.
Beeindruckt ist Rose von den selbstbewussten Frauen der iranischen Mittelschicht und der allgemeinen Wertschätzung für Gedichte.
Insgesamt bekommt das Paar vier Kinder, darunter zuletzt die Autorim. Das Buch hat eine feministische Tendenz, da es immer wieder das Patriarchat in der iranischen Gesellschaft kritisiert, etwa die Höherbewertung des männlichen Nachwuchs.
Die Kinder wachsen zweisprachig auf, gehen in Teheran auf die deutsche Schule und die Eltern besuchen immer wieder Deutschland. Von Oktober 1963 bis Oktober 1964 lebt die gesamte Familie im bayrischen Augsburg. Danach kehren sie in den Iran zurück.
Der Iran der 1970er ist zumindest im Teheraner Bürgertum sehr westlich und liberal geprägt:

„Teheran war in den siebziger Jahre eine moderne, wenn nicht die modernste Stadt im Nahen Osten. Kinos, Bars, Discos, Männer mit langen Koteletten und in Schlaghosen, Frauen im Minirock und unverschleiert – so etwas gab es dort.“

(Seite 254)
Bereits 1963 erlangten Frauen im Iran das Wahlrecht – noch vor den Frauen in der Schweiz.
Doch dann beginnen die Proteste gegen das autokratische Regime des Schahs.

Symbolfigur des Gegenprotests wird der Islamist Chomeini, den auch viele Nicht-Islamist*innen unterstützen:

„Aber egal, wie man es dreht und wendet: Es ist erstaunlich, wie viele hochintelligente und gebildete Menschen damals ihren Verstand ausgeschaltet hatten und auf Chomeini hereinfielen. Kommunisten und Demokraten, alle gingen für ihn auf die Straße. Selbst Frauenrechtlerinnen. Wenn man sie heute darauf anspricht, behaupten dieselben: »Der Schuft hat uns betrogen und falsche Versprechungen von Demokratie gemacht.«
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Chomeini hat von Anfang an deutlich gemacht, was er plante: eine islamische Republik, die Rückkehr zu Scharia, der islamischen Rechtsprechung, und den »Heiligen Krieg«. All das hatte er gleich zu Beginn in seinen Reden und Schriften proklamiert. Sie haben ihm einfach nicht genau zugehört oder nicht genau zuhören wollen.“

(Seite 272)
Rose und ihre Kinder gehen im Dezember 1978 sicherheitshalber nach Westdeutschland. Aus dem nur kurz geplanten Exil wird ein dauerhaftes. Sie kehren nie zurück. Nur der Vater versucht erfolglos sein Landgut zurück zu erhalten.
Der Iran ändert sich schnell:

„In der Schule mussten die Kinder jetzt zum Morgenappell täglich »Tod Amerika! Tod Israel« skandieren, und selbst zu Hause mussten die Erwachsenen mehr denn je aufpassen, worüber sie sprachen, da die Schüler angehalten wurden, ihre Angehörigen auszuspionieren und den Lehrern jedes Fehlverhalten zu melden. Selbst in den Kindergärten gab es regelrechte Verhöre der Kleinen. Dabei wurde perfide raffiniert vorgegangen, indem Erzieherinnen den Kindern einen Satz Spielkarten zeigten und fragten, wer so etwas schon einmal im Elternhaus gesehen hatte. Jede Art von Glücks- oder Kartenspiel war unter der neuen Regierung verboten, und so fand man über die Kinder heraus, in welchen Haushalten man sich nicht an dieses Gesetz hielt. Nicht selten kam es anschließend zu Razzien in den elterlichen Wohnungen.“

(Seite 278)

Das Buch ist spannend geschrieben und man erfährt manches über den Iran vor der Islamischen Revolution. Sympathisch sind auch die feministisch geprägten kritischen Untertöne. Der unangekündigte Wechsel zwischen Mutter- und Tochter-Perspektive verwirrt manchmal ein wenig.
Trotzdem eine Leseempfehlung!

Jasmin Tabatabai: Rosenjahre. Meine Familie zwischen Persien und Deutschland, Berlin 2011.

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