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Kurzrezension „Allesfresser“ von Christine Lehmann

Der Krimi „Allesfresser“ stammt aus der Feder von Christine Lehmann und erschien 2016.
Krimi
Er spielt im Großraum Stuttgart und Hauptprotagonistin ist Lisa Nerz, die im Auftrag ihres Partners Dr. Richard Weber, einem Oberstaatsanwalt, ermittelt. Ein vom Veganismus zum Fleischessen übergelaufener Starkoch ist verschwunden und es wird befürchtet das seine Einzelteile in den Fleischhandel gelangt sein könnten. Um dem nachzugehen und die Betreiberin eines veganen Blogs ausfindig zu machen, die über Insiderin-Infos zu verfügen scheint, begibt sich undercover in die Szene der Polit-Veganer*innen.
Dieses setting verspricht Witz und Spaß, leider enttäuscht die Autorin den/die Leser*in. Sätze wie der Folgende haben eher Seltenheitswert:

„Tofu und Ahornsirup marschieren durch die Instanzen. Manager schreiben Kochbücher und predigen die Erlösung durch Gemüse. Der Messias ist eine Möhre.“

(Seite 19)

Die Polit-Veganer*innen, die sich selbst als Antispeziesist*innen bezeichnen, werden von der Autorin überaus holzschnittartig beschrieben. Allerlei Vegan-Klischees werden wiedergekäut.
Lehmann scheint der Überzeugung zu sein, es gäbe keine Veganer*innen, die sich ausgewogen ernähren könnten. Veganismus mache „krank und depressiv“ und verursache Blähungen, wie sie suggeriert. Die langen Absätze über Veganismus und Speziesismus wirken gestelzt, weil da viel schwadroniert und das als Dialog getarnt wird.
Vieles wirkt unglaubwürdig oder ist unlogisch. So wird z.B. eine grammatisch korrekte Internet-Kommunikation wiedergegeben, die dadurch nur wenig authentisch wirkt.
Es ist im Buch auch nicht so wirklich überzeugend warum die offenbar bisexuelle Lisa Nerz am Ende den Staatsanwalt heiratet.
Unglaubwürdig wirkt auch wie schnell Nerz es schafft zu den illegalen Tierbefreiungen vorzustoßen. Einmal am Stand mit geholfen, dann schon in der Nacht darauf Tierbefreierin. Das ist hochgradig unsinnig.
Zudem um begeht das Buch den häufigen Fehler in Fortsetzungsreihen indem die Hauptprotagonistin nicht nochmal eingeführt wird. So bleibt für die/den Neuleser*in Lisa Nerz sehr blass und unbekannt. Es wird offenbar davon ausgegangen dass man sie von früheren Büchern schon kennt.

Leider keine Leseempfehlung. Schade, in der Story wäre Potenzial gewesen.

Christine Lehmann: Allesfresser, Hamburg 2016.

Buchkritik: „Antispeziesismus“ von Matthias Rude

In der unter Linken populären theorie.org-Reihe im Stuttgarter Schmetterlings-Verlag gibt es seit ein paar Wochen auch einen Band zum Thema Antispeziesismus von Matthias Rude: „Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken“ (Stuttgart, 2013). In dem Werk geht es aber kaum um das Theorie- und Begründungsgerüst des Antispeziesismus als vielmehr um eine (Ideen-)Geschichte des linken Vegetarismus und Tierschutz. Dieser Umstand macht das Buch auch für Nicht-Antispes lesenswert.
Antispe-Buch von Rude, Matthias
Obwohl es wohltuend wenig um die Antispeziesismus-Ideologie geht, hat das Buch doch damit zu tun. Ihm liegt nämlich ganz offensichtlich das Motiv zugrunde sich eine Ahnengalerie zu schaffen: „Das Engagement in verschiedenen linkspolitischen Strömungen, das Bestreben, diese miteinander in Verbindung zu bringen, sowie die dahinter stehende Absicht, die Forderung nach Befreiung nicht auf eine willkürliche Auswahl aus dem Kreis leidensfähiger Wesen zu beschränken, macht diese Menschen zu Vorläuferinnen und Vorläufern der heutigen, sich als antispeziesistisch verstehenden Strömung.“ (Seite 12)
Derartige Bedürfnisse, nämlich sich in eine ältere Tradition zu stellen, sind in der Linken weit verbreitet und scheinen zumeist eher eine Art von Rückprojektion in die Geschichte zu sein, als eine kritische, differenzierte und distanzierte Betrachtung. Der Wunsch verzerrt dabei nur allzuoft die Sicht. Was dazu führt, dass man sich nur die Fakten zusammensucht, die die gewünschten (Vor-)Annahmen belegen und den Rest einfach ignoriert.
Der Autor kritisiert auch gleich zu Anfang seines Buches die linke Traditionsvergessenheit:

„So gab es selbst in den Kreisen der sozialen Protestbewegungen und der linken Subkultur, aus denen heraus sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erneut eine Tierbefreiungsbewegung zu formieren begann, nur mehr ein schwaches Bewusstsein darüber, dass zur Thematik bereits eine weit zurückreichende, genuin linke theoretische – und auch praktische – Tradition existierte.“

(Seite 10-11)

War Frankensteins Monster Vegetarier?
Tatsächlich zeigt Rude überzeugend auf, dass es sehr alte Traditionen von politisch begründeten Vegetarismus bzw. sogar Veganismus und Tierschutz in Teilen der Linken gibt. Diese Darstellung nimmt einen Großteil des Buches ein und ist hochinteressant.
Von Leonard Nelson und dem Internationale Sozialistischen Kampfbund oder den vegetarische Tolstoj-Kommunen in Russland und der UdSSR, die unter Stalin wieder verboten wurden, liest man ansonsten kaum. Auch die unbekannten vegetarischen oder tierschützerischen Seiten bekannter Autoren wie Mary Shelley, Verfasserin von ‚Frankenstein‘, und die Auswirkung auf ihre Werke, werden selten erwähnt. Wer hätte gewusst, dass Max Horkheimer ein überzeugter Antivivisektionist, also Tierversuchsgegner, war?
Diese Stränge linker Geschichte einem breiteren Publikum wieder sichtbar zu machen, ist dem Autor und seinem Werk positiv anzurechnen. Nur: Mit Antispeziesismus hat das wenig zu tun. Darüber stolpert der Autor auch selbst. Besonders die seltsame Konsequenzlosigkeit von Personen, die er als Ahnfrauen und -herren des Antispeziesismus aufbietet, mag er nicht zu erklären:

„Die Tierbefreiungsbewegung kann die speziesübergreifende Solidarität, die Verbundenheit, die Rosa Luxemburg mit allen leidenden Wesen fühlte – an Hans Diefenbach schrieb sie am 7. Januar 1917: »Sie wissen, ich fühle und leide mit jeglicher Kreatur« – eine Quelle ihrer Inspiration sein. Aus Sicht dieser Bewegung nicht nachvollziehbar ist, dass Rosa Luxemburg keine Verbindung herstellte zwischen dieser Empfindung und dem eigenen Konsum von Tierprodukten.“

(Seite 115-116)
Die naheliegende Erklärung, es ging Rosa Luxemburg und anderen eben NICHT um Antispeziesismus, sondern um Empathie mit bestimmten Tieren, selektiven Tierschutz und Vegetarismus, akzeptiert er offenbar nicht oder mag sie nicht akzeptieren.

Über einige historische Darstellungen des Autors ließe sich streiten, da sie nicht überzeugen. Beispielsweise ist die industrielle Schlachtung wohl nicht erst mit dem (Früh-)Kapitalismus entstanden. Bereits die großen Heere der Antike führten zur Versorgung ihrer Soldaten im Tross ganze Viehherden mit sich, die durchaus in industrieller Weise geschlachtet wurden.
Bei der Betrachtung der Geschichte des Vegetarismus und der damit zusammenhängenden Lebensreform-Bewegung wird deren völkische Durchsetzung kaum erwähnt bzw. gibt der Autor an es würde der völkische Strang zu sehr überbewertet. Dabei war der völkische Vegetarismus weit verbreitet, lässt sich aber durchaus vom sonstigen Vegetarismus dieser Zeit abgrenzen. Der Unterschied liegt in der primären Motivation des Vegetarismus. Entweder es ist für einen selbst (gesundheitlich) oder für andere Wesen (Empathie). Der ‚arische Vegetarismus‘ betonte zuvorderst den gesunden Leib des einzelnen (‚arischen‘) Menschen, der Teil des gesamten Volkskörpers sei.

Viele der Zitate von den dargestellten Personen legt der Autor einseitig in seinem Sinne aus. Natürlich kann dass so gemeint gewesen sein, muss es aber nicht. Wenn die im Gefängnis isolierte Rosa Luxemburg empathisch über Tiere schreibt, entdeckt sie ja möglicherweise vor allem sich selbst im gequälten Tier wieder. Wenn sie im Tier den besseren Menschen zu entdecken glaubt, dann beweist das lediglich die Empathie-Fähigkeit einer Rosa Luxemburg, aber nicht ihre Rolle als Vorläuferin des Antispeziesismus.
Auch dass Personen mit dem Vergleich von Mensch- und Tierbehandlung, etwa Sklav/innen werden wie Vieh behandelt, immer auch die Tierbehandlung kritisierten, überzeugt nicht. Häufig scheint es, als solle durch den Vergleich nur gesagt werden, Menschen sollen nicht wie Tiere behandelt werden. Denn die Tierbehandlung legitimiert Menschen-Knechtschaft, wenn aus den Menschen ihr Status als Mensch abgesprochen wird. So sollen viele der zitierten Vergleiche eher aussagen, dass es den Menschen so mies geht und nicht den Tieren.
Etwas anstrengend sind auch die nicht immer ins Deutsche übersetzten Zitate in altem Englisch, wo eine Übersetzung wünschenswert wäre.

Auf die Kritik am Antispeziesismus geht der Autor nicht ein, vielmehr wischt er darüber hinweg:

„Etwas intellektuell über solche Diffamierungen Hinausgehendes wird die »Kritik« am Veganismus und am Tierbefreiungsgedanken, die ihren vorläufigen geistig-moralischen Tiefpunkt in den Absonderungen der sogenannten »antideutschen« Szene finden wird, übrigens nie erreichen, weshalb sie an dieser Stelle keiner weiteren Behandlung würdig ist.“

(Seite 175)
Einmal abgesehen davon, dass es Personen gibt, die sich selber beiden Strömungen zuordnen, so gibt es aus dem antideutschen Spektrum durchaus auch anspruchsvollere Kritik am Konzept des Antispeziesismus. Zum Beispiel die Texte „Ich ess’ Blumen“ von Manfred Beier und Andreas Halberstädter (2007) oder „»Da steht ein Pferd auf‘m Flur…« – warum Antispeziesismus kein harmloser Schlager ist“ vom AK Gibraltar (2008). Da macht es sich der Autor ganz schön einfach.

Der Autor will die Tierbefreiungsbewegung als integralen Bestandteil in der Linken verankern:
„Wie die Tierbefreiungsbewegung notwendig antikapitalistisch sein muss, kann die antikapitalistische Linke die Forderung nach der Befreiung der Tiere nicht länger unbeachtet lassen. Zum Aufbau einer starken Bewegung, die ihrem Verlangen nach gesellschaftlichen Befreiung Ausdruck verleihen will, wären beide ideale Bündnispartner. Dazu muss die Tierbefreiungsbewegung aus dem Bann bürgerlicher Ideologie treten, und die Linke ihre Tierfeindlichkeit ablegen.“ (Seite 189)
Dazu ist ihm dass Marcuse-Zitat von 1972 vorzuhalten, was Rude selber einige Seiten vorher zitiert: „Angesichts des Leids, das Menschen von Menschen zugefügt wird, erscheint es unverantwortlich »verfrüht«, sich für universellen Vegetarismus oder synthetische Nahrungsmittel einzusetzen; angesichts der gegenwärtigen Welt hat menschliche Solidarität unter Menschen unbedingten Vorrang.“
Richtig ist, dass zumindest im Westen und in den urbanen Zentren Tierbehandlung kapitalistische Formen angenommen hat. Das Tier ist Massenware. Allerdings nimmt im Kapitalismus so ziemlich alles Warenform an, z.B. auch soziale Beziehungen (Austausch von Gefälligkeiten) oder Sex. Außerdem wurden bereits Jahrtausende vor dem Aufkommen des Kapitalismus Tiere als Ware behandelt und für den Eigenbedarf geschlachtet. In den ländlichen Regionen der Peripherie ist das noch immer so.
Dass dem Ziel des Antispeziesismus, nämlich der Befreiung aller Tiere, mit einer Reform des Konsums nicht gedient ist, sondern die Produktion verändert werden müsste, ist nachvollziehbar. Es ist deswegen folgerichtig, dass ein konsequenter Antispeziesismus antikapitalistisch sein müsste. Warum aber der Antikapitalismus antispieziesistisch sein muss, erschließt sich nicht. Da hilft auch dieses Buch nicht weiter.

Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013.

Autoritäre Tendenzen auch in der Tierrechts-Szene

In der Ausgabe Nr. 72 des Magazins „Tierbefreiung“ vom November 2011 das sich in seiner Titelstory dem Thema „Straight Edge und Tierbefreiung“ widmet, findet sich auch eine Meldung, die auf autoritäre Bedürfnisse hinweist.
Auf Seite 29 wird unter der Überschrift „Richtungsweisende Urteile auf Malta“ jubelnd über hohe Gefängnis- und Geld-Strafen für illegale Jäger berichtet. Es geht um einen Mann der von der „Umweltpolizei“ mit einem erlegten Weißstorch erwischt wurde. Der Betreffende wurde zu zwei Jahren Gefängnis ohne Bewährung und 9.000 Euro Geldstrafe verurteilt.
In dem „Tierbefreiungs“-Artikel heißt es zu diesem Urteil:

„Mit diesen harten Strafen zeigt die maltesische Justiz endlich einmal Zähne und setzt eine neue Weisung der Regierung um […].“

Hier kommt neben dem Appell an die Obrigkeit auch klar ein autoritäres Vergeltungs-Bedürfnis zum Vorschein. Der Sinn und Unsinn von Strafen im bürgerlichen Rechtsstaat wird nicht etwa hinterfragt, sondern bejaht. Solche Tendenzen gibt es aber in allen linken Strömungen und müssen überall dort kritisiert werden.

rassistischer Veganer
OBEN: Auch in sich als emanzipatorisch verstehenden Antispe-,Polit-Veganer- und Tierbefreiungs-Szene gibt es auch autoritäre und rassistische Stimmen

In dem „Erdbefreier“-Blatt „Instinkt“ aus den frühen 1990ern gibt es eine noch gehässigere Version dieses Vergeltungsdrangs. Hier wurden Bilder von Naturkatastrophen, bei denen meist auch Menschen zu Schaden kamen, unter der Überschrift „Die Natur schlägt zurück“ präsentiert.

Antispe-Diskussion: Hurra ich kapituliere

Liebe Antispes,

ihr habt ja Recht. Eurer zwingenden Logik ergebe ich mich mit erhobenen Händen. Adorno und Horkheimer pflichten euch ja auch bei, da könnt ihr ja nur Recht haben. Ich jedenfalls konvertiere jetzt hiermit offiziell zum Antispeziesismus. Damit ist die Diskussion beendet. Gewonnen habt ihr! Wie alle zum wahren Glauben Bekehrte werde ich mich nun erst einmal in Selbstreflexion über mein bisheriges, sündiges Leben üben. Anfangen werde ich mit dem vorvorgestrigen Tag:

Ein Tag im Leben eines vegetarischen Speziesisten aus rückblickender Antispe-Perspektive
Ich stehe gegen um acht Uhr auf und gehe runter in die Küche. Hier esse ich mein Morgenmüsli und trinke dazu ein Glas „weißes Blut“ (Milch), dass durch die „Vergewaltigung“ von Kühen erzeugt wurde. Auf „Bienenerbrochenes“ (Honig) verzichte ich, das ist nicht so mein Stil fürs Frühstück.

Wie mir meine Mutter aufgetragen hat, gehe ich danach in den Garten, um die Schildkröte zu füttern.
Kriki
Unsere Hausschildkröte heißt Kriki und ist seit mehr als 70 Jahren in ihrem „Recht auf Autonomie“ massiv eingeschränkt, denn Zeit ihres langen Lebens wird sie von meiner Familie grausamerweise in einem draht- bzw. gartenzaunumzäunten Bereich des Gartens „gefangen gehalten“. Dass die „Langzeitgefangene“ in freier Wildbahn niemals ein so hohes Alter erreicht hätte, kann natürlich keinesfalls eine Begründung für ihre Einkerkerung darstellen. Selbst wenn die Schildkröte ganz zufrieden wäre mit ihrer „Sklaven-Existenz“, wir wissen ja mit Marie von Ebner-Eschenbach: ,„Glückliche Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“ Aber Kriki ist ja vermutlich gar nicht zufrieden. Wahrscheinlich beißt sie mir aus Protest in den Finger während ich sie mit Nudeln füttere.
Ich sollte unsere halbblinde Schildkröte umgehend freilassen und ebenso die zweite „Gefangene“ im Haus, meine Vogelspinne. Die sollte ich in einen Briefumschlag zurück nach Mexiko in die Heimat ihrer Ahnen schicken. Das Ganze würd ich dann übrigens „Tierzionismus“ nennen, die „nichtmenschlichen Tiere“ kommen zurück in ihre angestammte Heimat, wo sie dann sicher leben können.

Mein Opa hat sogar schon mal die unbefruchteten Eier von Kriki probiert. Schildkröteneier gelten ja als Delikatesse. Mit demselben Opa esse ich dann zu Mittag. Ich brate uns Zucchini. Das ist vegetarisch. Mein Opa ißt aber gerne auch mal Fleisch. Da ja Fleischessen „Mord“ ist, ist er ein Mörder-Opa, ebenso wie meine Eltern Mörder-Mum und Mörder-Papa sind. Doch ich darf mich als Vegetarier nicht zu sicher fühlen. Schließlich gilt: Auch „Vegetarier sind Mörder!“. Schon, dass ich die Zucchini mit Quark im Wok anbrate, ist eine Beteiligung an der „Tierausbeutung“.

Als ich nach dem Mittagessen einkaufe, sehe ich die BILD-Zeitung mit dem Wohlstandschauvinisten und Rassisten Thilo Sarrazin auf dem Titelblatt, der auch noch als „Klartext-Politiker“ bezeichnet wird und dessen neues Hetz-Werk beworben wird. Spontan denke ich: „Was für ein Schwein und er bekommt auch noch die Möglichkeit seine Sauereien einem Millionenpublikum als ernsthafte Thesen vorzustellen.“ Heute weiß ich natürlich, dass speziesistische Verwendung von Begriffen wie „Schwein“ oder „Sauereien“ vermieden werden sollte, da sie die Dichotomie zwischen „menschlichen Tieren“ und „nichtmenschlichen Tiere“ verstärken bzw. „nichtmenschliche Tiere“ einfach „diskriminieren“.

Am späten Nachmittag übe ich noch etwas das Autofahren. Dass würde ich heute lassen. Auf der Homepage veganwiki.de kann man nachlesen, dass Autofahren nicht ganz vegan-koscher ist: „Autos töten Insekten. Busse enthalten tierische Fette als Schmiermittel. Verzichtbar?“ Daher wird geraten: „Es ist grundsätzlich möglich, sich ausschließlich vegan fortzubewegen, z. B. durch vorsichtiges Radfahren oder Fußgehen. Längere Strecken können ganz vermieden werden, z. B. durch Urlaub zu hause oder Umzug in den Ort, in welchem man seine Arbeitsstelle hat.“

Am Abend schaue ich mir eine TV-Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg an. Der Kommentator verurteilt energisch die Verbrechen der Deutschen. Als Antispeziesist weiß ich heute, dass diese Perspektive etwas einseitig ist. Klar, die Nazis waren schon ziemlich böse. Aber wurden die alliierten Armeen nicht auch mit „Leichen“ (Fleisch) versorgt, die durch „industriellen Massenmord“ an „nichtmenschlichen Tieren“ hergestellt wurden? Und überhaupt sind nicht alle Fleischesser sowieso irgendwie „Nazis“? Immerhin heißt es ja: „Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi“. Soll ja sogar ein Auschwitzüberlebender gesagt haben und so jemand muss es ja wissen. Irgendwie haben damit im Zweiten Weltkrieg dann auch nur Nazis gegen Nazis gekämpft.
Gottseidank gibt es ja neuerdings parallel zur „Antifaschistischen Aktion“ auch die „Antispeziesistische Aktion“.

Bevor ich einschlafe, höre ich das Summen einer Mücke. Sie wird mich beim Einschlafen quälen und am Morgen werde ich ihre kratzenden Einstiche vorfinden. Es sei denn … ja, es sei denn ich erwische sie. Skrupellos stelle ich der ahnungslosen Mücke eine Falle. Bewegungslos warte ich bis sie landet und schlage blitzschnell zu. Treffer! Heute weiß ich: Ich habe gemordet! Insekten besitzen zwar „nur ein wenig ausdifferenziertes Nervensystem“, aber „wäre eine antispeziesistische Praxis denkbar, die mit allen Mitteln für die Befreiung von Säugetieren, Vögeln usw. kämpft, aber gleichzeitig das Züchten, Töten und Essen solcher Tierarten für legitim hielte?“ Nein, schließlich stellt ja auch Martin Balluch „in seinem Buch Die Kontinuität von Bewusstsein. Das naturwissenschaftliche Argument für Tierrechte dar, dass zumindest bei Insekten, vor allem bei Bienen, Formen von Bewusstsein ausdifferenziert sind“. Balluch „rät, sehr vorsichtig damit zu sein, in einem Graubereich, in dem wir uns nicht ganz sicher über die Bewusstseinszustände von Lebewesen sind, einfach eine willkürliche Grenzlinie zwischen bewusst und unbewusst zu ziehen.“ Man solle nach Möglichkeit davon ausgehen, dass alle Wesen ein Bewusstsein hätten. Das tat ich bei der Mücke nicht. Kaltblütig habe ich ein Insekt gemordet, was ja immerhin ein Bewusstsein hätte haben können.

Die Antispe-Diskussion: Drei Kommentare, drei Gegenpositionen

1. Antwort auf Antispe-Kommentar von „schwarzekatze“

Bsp: lies das mit dem Länder-sind-dümmer-als-andere-Länder nochmal durch, und frag dich, ob das nicht Blödsinn war. Oder ob Antispes jemals behauptet hätten, Affen wären schlauer als Menschen. Deulich wird dir anscheinend selbst, wie relativ der Unterschied zwischen „Mensch und Tier“ doch ist.

Nö, Antispes haben nirgendwo behauptet, dass Affen allgemein schlauer wären als Menschen. Aber Antispes behaupten es gäbe keine eindeutige Grenze zwischen Menschen und Tieren. Ein Paradebeispiel dabei ist es, zu sagen, dass geistig behinderte Menschen oder Kleinkinder ja unter oder auf demselben geistigen Niveau von Affen rangieren und die beiden erstgenannten würde man ja auch nicht essen. Dabei argumentiert man aber mit individuellen Einzelfällen. Nicht die Arten werden verglichen, sondern einzelne Exemplare. Mit solchen Vergleich kann man aber gar nichts über die Unterschiede zwischen den Arten aussagen.
Ich bleibe dabei: Wer den Mensch-Tier-Unterschied auf Technik (selbst im weitesten Sinne) und Kleidung reduziert, wie es die Antispes aus ideologischen Motiven heraus tun zu müssen glauben, der/die simplifiziert komplizierte Sachverhalte in geradezu vulgärer Weise.
Sprache (mit Sprache ist keine rudimentäre Verständigung gemeint sondern die Fähigkeit komplexe Sachverhalte und Gedanken zu formulieren), Kunst und Kultur, Zivilisation, Ich-Bewußtsein, Selbstverortung in einem größeren Kontext, Voraussicht, art- und familienverbandsübergreifende Empathie, Bewusstsein von Glück, Nichtintentionalität, vernunftbegabtes Denken, Abstraktion werden einfach mal so als Unterschied ausgeschlossen, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf. Selbst wenn einzelne dieser Punkte sich auch bei einzelnen Tierarten wiederfinden (was ich im Einzelfall aber noch einmal genau bewiesen haben möchte, das Wiedererkennen im Spiegel ist ja ganz nett, ob es aber tatsächlich ein Beleg für „Cogito ergo sum“ ist bezweifle ich ich weiterhin), könnte es nicht eventuell sein, dass das Gesamt-Bündel dieser Unterschiede die Grenze zwischen Menschen und allen Tieren markiert? Und bevor wieder die Entgegnung kommt, bei einzelnen Menschen fänden sich einzelne Erkennungsmerkmale nicht, sei darauf hingewiesen, dass repräsentative Durchschnitte verglichen werden und Ausnahmen eben doch nicht die Regel widerlegen. Einen einzelnen Affen, der Hegel lesen kann, bin ich gerne bereit als gleichwertig zu akzeptieren, solange er aber kein repräsentatives Beispiel für seine Art ist, wird nur er in den exklusiven Club der Menschen und Gleichwertigen aufgenommen.

Witzig ist, wie du einerseits die Parteinahme für Säugetiere als „Kuscheltier“-Schutz-Verhalten bezeichnest, ein paar Absätze darüber selbst Vermutungen anstellst, welche Tiere Leid empfinden können und deshalb eher verschont bleiben sollten. Du widerlegst dich quasi selbst.

Diese Vermutungen sind theoretisch. Es ging, soweit ich mich erinnere um die einzelnen, nachweisbaren Beispiele von Tierarten, die exklusiv dem Menschen zugeschrieben werden. Mit dem Vorschlag, dass damit alle übrigen Tierarten ja essbar seien, wollte ich aufzeigen, dass selbst mit diesen herangezogenen Kriterien beim derzeitigen Stand des Wissens keine generelle Ablehnung von Fleischessen begründbar ist.
Ja, ich bleibe dabei, dass ich nicht glaube, dass die Antispes in der Praxis wirklich nur von streng theoretischen Überlegungen angeleitet werden. Ich denke, dass in der Praxis vielmehr persönliche Vorlieben (u.a. als „niedlich“ wahrgenommene Tiere) zumindest mit entscheiden, welche Aktionen man ausführt und mit welchen Darstellungen man in die Öffentlichkeit tritt (große Tiere mit großen Augen, die süß schauen = Kindchen-Schema).

Nach erstem kurzen Nachdenken, setzt ihr Speziesismus mit Rassimsus gleich, Spezies mit Rasse, Antispe so mit Antira. Und dann wundert ihre euch, dass Antispes nicht die „individuelle Ungleichbehandlung aufgrund ihrer Spezieszugehörigkeit“ kritisieren. Bzw. ihr bleibt, egal was Antispes sagen, auf dieser Definition kleben und projeziert die Kritik an eurer eigenen Definition von Antispe auf die herrschaftskritische Bewegung, die Speziesismus in ihren Herrschaftsbegriff mit einschließt.

Versteh ich nicht. Die Analogie-Setzung von Speziesismus mit Rassismus stammt doch nicht von mir, sondern von den Antispes selbst. Ich persönlich würde ja sagen, so etwas wie eine „Diskriminierung“ und „Unterdrückung“ von Tieren gibt es gar nicht. Tierquälerei gibt es natürlich und z.B. Massentierhaltung ist Tierquälerei. Aber es gibt keine systematische „Diskriminierung“ von Tieren, nur eine systematische Quälerei auf Grund des Wirtschaftssystems (Kapitalismus). Diese Quälerei hat aber nicht das Leid von Tieren zum Ziel, sondern ist nur ein Nebenprodukt des Ziels der Gewinnmaximierung.

Wenn das Vorurteil, ein Individuum oder gar eine Spezies könne keinen Schmerz empfinden, nicht bewusst etwas wahrnehmen usw. weil es in die Kategorie „Tier“ fällt, getroffen wird, so ist das Speziesismus und muss bekämpft werden.

Dieses „Vorurteil“ habe ich bei den meisten Arten nicht, aber warum sollte mich das daran hindern Tiere zu essen?

2. Antwort auf Antispe-Kommentar von „bujakabujaka“

eisbergs text ist leider wenig lesenswert. ich gebe nur mal ein beispiel, wie er sich selbst widerlegt:
einmal „folgt“ der den „gedanken der antispe ein stück“ und gesteht zu, dass vielleicht die einen Tiere eher leid empfinden können oder intelligenz entwickeln, wie Säugetiere. Später widerholt er seinen Vorwurf, Antispes würden nur für die Befreiung von Säugetieren einstehen, „weil die Glubschaugen hätten“ und nicht für Fruchtfliegen. Merkst du was?

Nö, ich merke gar nix. Ich habe bei den Antispes Theorie und Praxis unterschieden. In der Theorie mag die Leidensfähigkeit vor allem das Kriterium sein. In der Praxis hingegen beobachte ich eine extreme Fokussierung auf bestimmte Arten von Tieren, eben die mit den Glubschaugen. Die Affen, Rinder, Schweine, Kühe etc. stehen übermäßig im Blickpunkt, kaum bis gar nicht die Fische, Amphibien oder Reptilien.
Das mit den Fruchtfliegen war vor allem eine Polemik, wobei Insekten nicht davon ausgeschlossen sind das Objekt der Fürsorge von Antispes zu werden, siehe die Ablehnung von Honig. Dass an einer Stelle auch mal Insekten im Fokus stehen, widerlegt aber nicht meine Behauptung von der extremem Fokussierung auf bestimmte Säugetier-Arten.

Auch das mit den „dümmeren Ländern“ ist ulkig-sinnlos: Welcher Antispe hat je behauptet Affen seien Klüger als Menschen? Wie schlecht ist das denn, den Durchschnitt einer Gruppe zu nehmen, um diese mit einer anderen zu Messen? Das willst auch du nicht wirklich!!!

Siehe 1. Antwort zu Kommentar von „schwarzekatze“.

Machismus: Ach ja, Vegetarier sind ausgeschlossen, ebenso wie Frauen, oder? Wenns so ein Rumgemacker nicht gibt, können wir mal Anti-D-Bashing-Rumgemacker ausprobieren. Wenn du überall wo du auftauchst dumme Kommentare hörst, wirst du merken, was „mackern“ heißt!!! (lieber Mr. Nationalismus-ist-cool-wenns-nur-das-richtige-Volk-ist!)

Zum Machismo-Vorwurf:
Sticheln, Ärgern, Lästern, Mobben sind keine spezifisch männlich ansozialisierten Verhaltensweisen. Gegen Sticheln, Ärgern, Lästern habe ich erstmal generell nichts. Sicher es ist unangenehm und nicht nett hinter den Rücken über andere negativ zu sprechen. Aber wer tut das nicht? Das ist eine typisch menschliche Angewohnheit und hat wohl auch die Funktion Frust abzulassen. Ihr könnt gerne mal Anti-D-Bashing-Rumgemacker an mir ausprobieren, ich kann damit leben und tue es ja auch. Ich wehre mich nur gegen falsche Unterstellungen.
Schwierig und problematisch finde ich manchmal das abschätzige Reden der Nachwuchs-Autonomen über „Hippies“. Hier scheinen radikale Linke mit „Hippies“ vor allem weiche, gemeinhin auch als „weiblich“ assoziierte Eigenschaften zu verbinden („Wursthaar-Anarchos und Hippies, die mal wieder nur so ne Hippie-Kacke abzuziehen, statt taff zu streetfighten“). Hier scheint tatsächlich die männliche Sozialisation durchzubrechen.
Zu dem Punkt „Mr. Nationalismus-ist-cool-wenns-nur-das-richtige-Volk-ist!“:
Ich habe Dich bereits einmal in unserer Email-Korrespondenz gebeten, bitte mit mir zu diskutieren und nicht mit Deinem Klischee von mir. Bevor Du mir Meinungen, Einstellungen und Positionen zu- und unterschiebst, frag mich doch bitte mal.
Und ja, solange der Antisemitismus existiert halte ich Israel und den Zionismus für eine Notwendigkeit.

Auch dass irgendwelche Polynesier keinen Fisch essen, hat nie ein Antispe behauptet. Es ging nur um antropologische Merkmale, die Einfluss auf die Herrschaftsmethoden haben.

Nö, direkt wurde das nicht gesagt. Aber es wurden Gemüse-Anbau-Kulturen als irgendwie friedlichere und bessere Gesellschaften verkauft. Was einfach mal nicht mit einem halbgaren „Beispiel“ bewiesen werden kann, dass noch nicht mal vegetarisch ist. Die Behauptung war doch ohne Tierhaltung und Fleischkonsum seien die Gesellschaften irgendwie besser bzw. hierarchiefreier. Hier ist der bei Antispes häufig zu beobachtende auffällige Versuch eine Verbindung zwischen dem Glück der Menschen und dem Wohlergehen der Tiere zu konstruieren. Dann müsste es ja auch umgekehrt klappen und hierarchiefreie Gesellschaftsprojekte müssten demzufolge immer auf Fleischverzehr und Tierhaltung verzichtet haben. Ist das in Chiapas der Fall? War das in den von der Machnow-Bewegung befreiten Teilen der Ukraine der Fall? War das im anarchistischen Katalonien der Fall? Soweit ich weiß – ich gestehe ich habe mich nicht ausdrücklich mit den Essgewohnheiten dieser Gesellschaftsprojekte beschäftigt – war es nicht der Fall. Nach euch waren das ja dann alles nur „Mörder“, denn nur „Jäger- und Sammler-Kulturen“ würdet ihr ja noch Fleischkonsum genehmigen. Vor einer Geschichtsbetrachtung aus Antispe-Perspektive kann man sich nur gruseln.

Und vegane religiöse Sekten gab und gibt es häufiger in der Geschichte. Eine im mittleren Osten ernährt sich seit Jahrhunderten vegan und bekommt seltene Vitamine über Verunreinigungen im Wasser.

Welche denn? Und ist die dann ein Vorbild für Dich?

*vermenschlichung: komisch. Überträgst du deine begriffe von Freiheit auch auf Dunkelhaarige? Oder auf Menschen die „nur“ die Mittlere Reife haben? Oder Leute auf der anderen Seite des Erdballs? Warum kannst du nicht auf wissenschaftliche Fakten zurückgreifen, wenn du nachdenkst wer wie denken könnte?

Aber ich bin doch Speziesist, na klar übertrage ich den meinen Begriff von Freiheit (es ist aber nicht nur meiner) auf alle Menschen: Die doppelte Freiheit nach Marx (individuelle Freiheit und die Freiheit von materiellen Abhängigkeitsverhältnissen, also Lohnarbeit etc.). Ich würde es aber Menschen natürlich zugestehen, wenn sie freiwillig in Unfreiheit leben. Sie können mir gegenüber ja immer äußern, ob es wirklich ihr Wille ist so zu leben. Wenn eine Person unbedingt durch eine Religion in ihren Freiheiten eingeschränkt leben will und niemand damit belästigt, dann soll sie doch. Dass gehört dann zu der individuellen Freiheit mit dazu. Dieser Person muss aber immer die Möglichkeit offen stehen ohne Nachteile diese Unfreiheit aufzugeben. Religionen belästigen aber in der Regel auch Nicht-Mitglieder (Mission u.a.) und in den meisten von ihnen wird ein Abfall oder Wechsel sanktioniert. Deswegen bin ich immer noch ein aktiver Atheist.

Warum denkst du, dass Katzen nicht in manchen punkten ähnlich denken wie du?

Weil ich davon überzeugt bin, dass es einen Unterschied zwischen den Katzen in den Disney-Filmen und den echten Katzen gibt.

Oder sagen wir es mal so: wenn ich Dunkelhaarige(mich selbst) in eine Kategorien mit Steinen setze und diese „Dunkelsteine“ nenne. Kannst du mit dem Argument, Dunkelsteine verspüren keinen Schmerz, mir ins Gesicht schlagen? Weil du kannst ja gut darlegen, dass Steine keinen Schmerz verspüren! Wirst schon sehen: wir Dunkelsteine werden uns rächen, auch wenn viele von uns gar nicht denken können, gemeinsam können wir zurückschlagen!

Ähm, sorry, aber dieses Beispiel/Gleichnis/Methapher oder was das sein soll ist zu krude.

*Befreiung: Freiheit für alle? ja, weil sie sich dann am ehsten so verhalten können, wie sie wollen.
Ich halte nichts davon, von außen zu Urteilen wie es wem am besten geht und das dann so einzurichten, ohne die Wahl den Betroffenen zu lassen.

Aber genau dieses Urteil treffen doch auch die Antispes. Ihr lehnt Tierhaltung generell ab, aber ihr könnt keine Rücksprache mit euren Fürsorge-Objekten halten, ob die das auch so ok finden.
Ihr überlasst ihnen ja gar nicht die Wahl, sondern trefft generelle Aussagen für sie.
Außerdem bezweifle ich, dass die meisten Tiere eine weiterreichende Zukunftsperspektive haben. Wenn der Käfig offen ist, dann gehen sie natürlich erst mal raus. Ob ihnen die weiterreichenden Konsequenzen bewusst sind (kein Heim, kein regelmäßiges Essen, Schutz vor Feinden) wage ich zu bezweifeln.
In menschlichen Ersatz-Rudeln lebende Tiere wie Hunde würden das Freiheits-Angebot vermutlich sogar gänzlich ausschlagen.

3. Antwort auf Antispe-Kommentar von „Matthias R.“
Was Singer kritisiert …

Ich bin bei der Antispeziesistischen Aktion Tübingen aktiv, und dar Anlass dafür ist definitiv NICHT die „Sympathie mit Tieren“.
Dieses Missverständis wurde der Tierbefreiungsbewegung von Anfang an entgegen gebracht. Ich zitiere zu diesem Zweck einmal aus dem Vorwort zur ersten Ausgabe von Peter Singers Buch „Animal Liberation“ (1975), mit dem die Tierbefreiungsbewegung begann (und, um gleich weiteren Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin mit einigen Positionen Singers nicht einverstanden und distanziere mich von ihnen…)

Es folgt eine Episode, in der Singer schildert wie er eine Mrs. Scott kennen lernt, die sagt „Ich liebe Tiere“, aber dabei ein Schinkensandwich ißt. Kurzgefasst geht es um die Inkonsequenz und (angebliche) Heuchelei wenn Leute, die erklären Tiere zu lieben, Fleisch essen. Interessanterweise hatte Singer inzwischen mit demselben Vorwurf zu kämpfen, nachdem er in einem Interview mit der Tierrechtspostille „Tierbefreier“ zugab, dass er auf Reisen gelegentlich Käse verspeise und auch seinem Sohn sporadisch eine Käse-Pizza spendiere.

Was der Behinderten-Feind Peter Singer kritisiert ist doch nicht das Mitleid mit Tieren an sich, sondern die Inkonsequenz der guten Mrs. Scott. Die Frau sagt, sie liebe Tiere, aber sie meint in Wahrheit aber nur Haustiere. Sie ist also erst einmal vor allem eine Hunde- und Katzen-Schützerin. Ihr deshalb aber Heuchelei zu unterstellen wäre aber falsch. Alle Tierschützer und ebenso die Antispes setzen Schwerpunkte und Präferenzen Bei Antispes vergrößert sich die Menge an Tieren, die ihnen wichtig sind und sie sind dadurch weniger inkonsequent. Sie selbst geben an, dass ihnen vor allem leidensfähige Tiere wichtig sind. Und doch, ich glaube nicht, dass ein Fisch-Dose soviel Emotionen auslöst wie ein Chinchillah-Mantel bzw. eine Pelzmantelträgerin wie ein Fischsandwich-Verspeiser. Genau deswegen werden Pelzhandelsgeschäfte attackiert und nicht Fischbuden. Das Lebewesen Chinchillah, dessen achtzigfache sinnlose Tötung hinter einem solchen Mantel steht, ist einem emotional wichtiger als ein Fisch. Auch Antispes machen aus emotionalen Gründen Unterschiede in der Praxis.
Sympathie-Sphären
Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und etwas konstruiert

Das die Antispes ihre „Alle Lebewesen sind gleich“ (nicht gleichartig, sondern gleichwertig) selbst nicht einhalten bzw. einhalten können, beruhigt mich ungemein.

Emanzipation ist nicht Befreiung, sondern Selbstbefreiung!

Was Emanzipation betrifft: „e-mancipare“ bedeutet wörtlich „aus dem Mancipium geben“. Das Mancipium (manus, Hand, und capere, ergreifen) war im römischen Patriarchat ein feierlicher Akt der Besitzergreifung durch „Handauflegen“. Das Wort emancipare wurde verwendet, wenn z.B. ein erwachsener Sohn oder ein Sklave aus der väterlichen Gewalt entlassen worden ist; „emanzipieren“ bedeutet schlicht „frei lassen“, und nichts anderes will die Tierbefreiungsbewegung mit den nichtmenschlichen Tieren tun.

Danke für die Nachhilfe in Sachen Etymologie (Wortherkunft). Das Problem ist, dass Etymologie und Wortbedeutung häufig nicht (mehr) übereinstimmen. Antispes stellen sich ja gerne in eine Reihe mit Emanzipations-Bewegungen wie der Frauenbewegung, der Antira-Bewegung etc. Diese strebten nicht die Freilassung durch andere an, sondern die Selbstbefreiung! Natürlich gab es auch UnterstützerInnen, die sich nicht allein selbst befreien mussten, aber diese konnten zumindest mit den Unterdrückten kommunizieren. Das könnt ihr nicht. Wir wissen schlicht nicht was Tiere wollen. Ein kommunikativer Austausch zwischen Mensch und Tier ist unmöglich. Das wird manchmal damit begründet, dass wir technisch noch nicht so weit sind Tiere zu verstehen. Das ist aber ein Trugschluss. Selbst einzelne kluge Affen, also die Nächst-Verwandten der Menschen, kommen nicht über das Erlernen einer rudimänteren Gebärdensprache hinaus. Sie können damit Emotionen (Angst, Hunger, Verlangen, Zuneigung) äußern und mehr auch nicht.
Die Selbstbezeichnung als „Tierbefreiung-Bewegung“ finde ich da viel ehrlicher und zutreffender.
Mitleid und Sympathie sind bei mir wichtige Handlungsmotive – Was soll daran schlimm sein?

Ich kann platte Unterstellungen wie die, meine Motivation, mich auch für die Befreiung der Tiere einzusetzen, sei darin begründet, dass ich Tiere „möge“, nicht akzeptieren. Du gehst doch auch nicht zu einer antirassistischen Gruppe und unterstellst ihren Mitgliedern, sie setze sich für Schwarze ein, weil Afrikaner ja schließlich so „niedlich“ sind, oder zu einer feministischen Gruppe und behauptest, ihr Engagement gründe sich daraus, dass sie Frauen mögen oder „süß“ finden!
Genauso wenig kann ich Unterstellungen akzeptieren wie jene, die den kompletten Ansatz der Tierbefreiungsbewegung verkennt und verkehrt, es handle sich um eine „Politisierung von Essgewohnheiten“. Mit der von der Struktur her selben Argumentationsweise könnte ich die gesamte Linke in ihrer Funktion als soziale Bewegung diskreditieren, indem ich einfach behaupte, ihre Träger hätten die Eigenschaft, wenig oder nicht arbeiten zu wollen und würden diese persönliche Vorliebe politisieren.

Ich betätige mich in den Bereich Antirassismus, Antisexismus und sympathisiere mit bestimmten Strömungen im Feminismus tatsächlich nicht weil ich Afrikaner „niedlich“ finde oder Frauen „süß“, sondern weil ich alle Menschen liebe und schätze. Ich mag nicht jedes menschliche Individuum, aber die Menschheit als Ganzes. Wenn ein Teil der Menschheit von einem anderen unterdrückt wird, dann finde ich das ungerecht und es macht mir auch emotional zu schaffen.
Die Wut über Ungerechtigkeit und Mitleid mit den Opfern ist meiner Ansicht nach bei den meisten Metropolen-Linken der Grund zum Einstieg in das politische Engagement. Die Analyse stößt dann, hoffentlich jedenfalls, später hinzu. Beides, Analyse wie Emotion, ist für mich wichtig.
Für mich jedenfalls war die persönliche Konfrontation mit Armut, Hunger und Ausbeutung in Indien in meiner politischen Sozialisation überaus prägend.
Im Gegensatz zu zynisch gewordenen Linken, die angeben nur noch aus egoistischen Motiven den Postkapitalismus anzustreben, stehe ich klar und ehrlich dazu, dass Mitleid mit den „Verdammten dieser Erde“ eines meiner Hauptmotive für mein politisches Handeln ist.
Ja, und ich bekenne freimütig: Es geht mir nochmal besonders an die Nieren wenn Kinder leiden. Ich empfinde das aber nicht als irgendeinen Makel, sondern als eine wertvolle Eigenschaft, die ich mir als Handlungsmotiv auch weiterhin bewahren möchte.
Vielleicht bist Du, Matthias R., sehr viel härter und rationaler als andere Antispes. Aber wenn ich mich durch die Seiten der Antispes klicke kann ich sehr viel Mitleid mit gequälten Kreaturen und eine Vorliebe für Tiere, die allgemein als niedlich betrachtet werden, entdecken.

Zum Beispiel: „Vergewaltigung“

Hier ließen sich ganz unterschiedliche Dinge kritisieren (beispeilsweise deine Inkonsistenz: Du kritisierst AntispeziesistInnen, dass sie den Begriff des Mordes auf nichtmenschliche Tiere anwenden, aber dass diese vergewaltigen können und vergewaltigt werden können, gestehst du ihnen zu?) […]

Nun gut, ich habe diese Vokabel für Tiere verwendet und das war falsch, es ist ein Wort was den Mensch vorbehalten bleiben sollte. Ich habe den Begriff „vergewaltigen“ zwar in meinem Blog auch blöderweise auch in Bezug auf das Tierreich verwendet, aber würde das nie öffentlich propagieren. Mir fehlt andererseits ein Ersatz-Wort und ich beschreibe Verhaltensweisen von Tieren untereinander. Meine Kritik an der sprachlichen Gleichsetzung bezieht sich ja auf die Antispe-Bezeichnungen von menschlichen Verhalten gegenüber Tieren. Zum Beispiel finde ich die Übertragung des Begriffes „Vergewaltigung“ auf Milchwirtschafts-Kühe, wie unlängst auf Antispe-Aufklebern in Berlin gesehen, eine krasse sprachliche Gleichsetzung von sexueller Gewalt gegen Menschen und Tierquälerei. Hier zieht auch das Verteidigungsargument nicht, dass Antispes gerne benutzen, sie wollten mit solchen Begrifflichkeiten nicht menschliches Leiden herabsetzen, sondern nur auf tierisches Leiden aufmerksam machen. Diese Argumentation hilft nur bei Menschen, die diese Antispe-Logik zumindest nachvollziehen können. Ungefähr 99% der Menschen kennen diese, meiner Ansicht nach trotzdem noch nicht zutreffende, Logik ja gar nicht. Da diese Leute einen deutlichen Unterschied zwischen Menschen und Tieren machen, dürften sich die Betroffenen von sexueller Gewalt ziemlich herabgesetzt fühlen. Ihr Leiden wird mit dem von Kühen verglichen. Es war vielleicht nicht verletzend gemeint, kommt aber genauso an. Ehrlich gesagt würde ich solche Aufkleber deswegen, wenn sie mir unterkommen, auch abkratzen.

Meine „Vorurteile“ gegen Tiere

P.S.: Bitte reflektiere erst einmal deine krassen Vorurteile gegenüber „Tieren“. Diese werden ganz deutlich in pauschalisierenden Aussagen wie: „Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam.“ oder: „Tiere sind grundsätzlich erbarmungslose Wesen: Sie fressen ihre Nachkommen, ebenso ihre Geschlechtspartner oder sie vergewaltigen den jeweiligen Gegenpart.“

Ich denke nicht, dass ich meine „krassen Vorurteile gegenüber Tieren“ reflektieren muss. Das sind keine Vorurteile, sondern eine (natürlich stark vereinfachte) Gesamteinschätzung der Bestimmtheit tierischen Lebens durch Instinkte. Vorurteile gegenüber Tiere, dass sind für mich widerlegbare Mythen (z.B. das Wölfe für Menschen gefährlich seien, das Vogelspinnenbisse tödlich seien oder das irgendwelche Tierarten aus purer Boshaftigkeit Menschen attackieren etc pp).
Tiere sind ihren Instinkten unterworfen. Ich kann recht gut voraussagen, was sie in bestimmten Situationen machen werden. Nicht weil ich das tierische Individuum kenne, sondern weil ich die Art kenne. Genau deswegen kann ich z.B. auch echten Vorurteilen gegen bestimmte Tierarten entgegentreten.
Die Zoologie beobachtet die Instinkt-Bestimmtheit von Tieren seit über 200 Jahren. Die Zoologie hat oft geirrt, aber dass Tiere sich entlang ihrer Instinkte ihrer Art recht gleichförmig verhalten, wurde nie widerlegt. Monitoring Tag für Tag beweist es vielmehr immer wieder. Auch Haustiere sind ihren Instinkten unterworfen. Für einen Hund ist sein Frauchen oder Herrchen immer das Alphatier des Rudels, dessen Anweisungen er sich unterwirft.
Ich war acht Jahre aktiv in einer Gruppe, die Tier- und Naturbeobachtung betrieben hat. Zuletzt habe ich mich ein halbes Jahr an einem ornithologischen Monitoring-Projekt beteiligt. Fast nie habe ich in diesen Jahren großartig seltsames Verhalten außerhalb des arttypischen Verhalten beobachten können. Ich erinnere mich jedenfalls nicht an so etwas.