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Ostpreußens Jugend sieht ziemlich alt aus

Die „Jungendorganisation“ der Vertriebenen-Organisation „Landsmannschaft Ostpreußen“ feierte Ende 2017 Advent. Die Überschrift im rechten Vertriebenenblatt „Preußisch-Allgemeine Zeitung“lautete: „Ostpreußische Jugend feierte Advent“.
Allerdings lässt sich auf dem beigefügten Bild kein einziger Jugendicher erkennnen.
Ostpreußens alte Jugend

Buchkritik „Hillbilly-Elegie“ von J.D. Vance

Im Jahr 2016 veröffentlichte in den USA der Autor J.D. Vance, Jahrgang 1984, sein Buch „Hillbilly-Elegie“, welches 2017 auch auf Deutsch mit dem Untertitel „Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ erschienen ist.
Hillbilly-Elegie
Der Untertitel verweist darauf, dass es sich bei dem Buch um eine Mischung aus Autobiografie und Gesellschaftsanalyse handelt. Nicht ganz zu unrecht wird das Buch auch als amerikanisches Pendant zu „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon gehandelt.

J.D. Vance wächst im so genannten „Rustbelt“ („Rostgürtel“) auf, dem früheren industriellen Herz der USA. Genauer gesagt in Middletown in Ohio. Sein Wurzeln liegen aber an anderer Stelle. Er selbst bezeichnet sich als „ulster-schottischer Hillbilly“ aus den Appalachen.
Die BewohnerInnen des Gebirgszugs der Appalachen („Appalachians“) umfassen laut dem Online-Lexikon Wikipedia etwa 25 Millionen Menschen und verteilen sich über mehrere US-Bundesstaaten. Die Region Appalachia bildet in gewisser Weise einen eigenen Kulturraum. Viele der ersten europäischen SiedlerInnen in dieser Region kamen aus Nord-England, Schottland und Ulster (Irland). Letztere sind als „Ulsterschotten“ bekannt. Von anderen AmerikanerInnen werden sie oft verächtlich als ‚Hillbillys‘ bezeichnet und gelten als rückständig. Sie selbst nennen sich zum Teil auch „Hill People“.
Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte der Kohle-Bergbau für eine gewisse Erschließung und Industrialisierung von Teilen dieser Region. Trotzdem handelte es sich immer um um eine ärmere Region in den Vereinigten Staaten. Im Zuge der De-Industrialisierung und Schließung der Minen, verarmte die Region nach einer gewissen Phase der Prosperität wieder. Millionen Menschen zogen auf der Suche nach Arbeit weg. Viele bewahrten sich aber die Bindung zu den Appalachen und ihre eigenen Traditionen. Die Weggezogenen siedelten in ihrer neuen Heimat teilweise in eigenen Straßen und Vierteln. Sie stellen vielerorts einen Teil der weißen Arbeiter*innenschicht und werden auch als „Urban Appalachians“ bezeichnet.
Vance’s Großeltern gehören zu genau diesen ArbeitsmigrantInnen. Sie kamen aus Ost-Kentucky und zogen auf der Suche nach Arbeit nach Südwest-Ohio.
Die verpflanzten Hillbillys brachten in ihre neue Heimat ihre eigenen Traditionen mit. Etwa ihre mündlichen Familientraditionen, eine Art von Clan-System. Sie waren meist auch geburtenstärker als die einheimischen Weißen. Bei ihnen dominierte die Großfamilie, statt der Kleinfamilien. Teile der Hillbilly-Kultur ähnelten eher der Kultur der Schwarzen im Süden. Sie war jedenfalls nur wenig bürgerlich. Die Zugezogenen stießen auch deswegen auf die Abwehr der einheimischen Weißen.
An einer Stelle schreibt Vance auch dass seine Großmutter sehr viel weniger damenhafter war als die Bürger-Frauen. Seine Großmutter fluchte, war direkt und hantierte selbstverständlich mit Waffen. So standen die Neuzugezogenen auch für einen Art Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. Mit sich brachten sie auch einen eigenen Ehrenkodex, der die Ehre der Familie hoch ansiedelte und in den Appalachen in Vergangenheit zu ausgeprägten Familienfehden geführt hatte. Hoch im Kurs stehen bei den Hillbillys auch die Bibel und Waffen. Wobei Vance sie als gläubig, aber ohne Gemeindeanbindung beschreibt. Es scheint sich um eine Art Volksgläubigkeit zu handeln. Außerdem glaubten sie mit „nahezu religiöser Intensität an harte Arbeit“.

Die „Urban Appalachians“ waren anfangs durchaus ökonomisch erfolgreich. Viele von ihnen kauften in dieser Zeit des wirtschaftlichen Erfolgs Häuser. Doch später machte sie genau dieses Wohneigentum immobil. Spätestens mit der Immobilienkrise wurden diese – häufig auch mit Krediten belasteten – Häuser in den ärmeren Stadtteilen unverkäuflich und quasi zur Falle. Die Besitzer*innen und ihre Familien blieben bei ihren Häusern. Die örtlichen Fabriken schlossen und zurück blieben Erwerbslose, die an ihre Immobilie gebunden sind. Währenddessen ziehen andere, besser Ausgebildete der Arbeit hinterher und aus den armen Vierteln und Städten weg.

Eindrücklich, besonders am Beispiel seiner Familie, beschreibt Vance die zerrütteten und dysfunktionalen Familien seines Viertels:

„In unseren Häusern herrscht Chaos. Wir brüllen und schreien uns an, als seien wir Zuschauer bei einem Football-Spiel. Mindestens ein Familienmitglied ist drogenabhängig – manchmal der Vater, manchmal die Mutter, manchmal beide. Wenn es gerade besonders stressig ist, schlagen wir uns gegenseitig, immer vor versammelter Familie, einschließlich der kleinen Kinder. Oft hören die Nachbarn, was los ist. Wenn sie die Polizei rufen, um das Drama zu beenden, ist es ein schlechter Tag. Unsere Kinder sind in Pflegefamilien, bleiben aber meistens nicht lange. Wir entschuldigen uns bei unseren Kindern. Die Kinder glauben, dass es uns wirklich leidtut, und so ist es auch. Aber ein paar Tage später sind wir wieder genauso gemein wie zuvor.“

(Seite 169)
Erstaunt stellt er später fest, dass es auch Familien gibt, die anders sind. Wo es nicht ständig Gewalt und Gezänk gibt und Konflikte anders gelöst werden. Seine später drogenabhängige Mutter zieht Vance und seine Schwester Lindsay auf bzw. versucht es und scheitert dabei. Da die Mutter immer wieder versagt, springen sein ältere Schwester und seine Großmutter ein. Besonders die Großmutter, eine unglaublich starke Frau, unterstützt ihren Enkel. Auch sie ist vom Leben gezeichnet. Eigentlich wollte sie eine Großfamilie, hatte aber neun Fehlgeburten. Ihrer Hilfe verdankt Vance seinen Ausbruch aus der Unterschicht. Er geht für vier Jahre zur Marine und beginnt danach ein Jura-Studium, was er in Yale beendet. Hier ist er als Arbeiterkind eine echte Ausnahme, schafft es aber mit der Unterstützung seiner Professorin und anderer sich durchzukämpfen.

Der Autor ist anders als Eribon kein linker Soziologe, sondern bezeichnet sich selbst im Buch als „Patriot“ und „moderne[n] Konservativer“. Diese Einstellung wirkt sich auch immer wieder auf die gesellschaftliche Problemanalyse aus.
So schimpft er auf Sozialbetrug und faule Sozialhilfeempfänger*innen und macht eine Unterscheidung zwischen arbeitenden Armen und arbeitslose Armen. Vielen Armen gibt er zumindest einen Teil der Schuld an ihrer Situation. Er propagiert eine Selbstverantwortung für das eigene Leben und fordert einen Mentalitätswechsel der Armen hin zu mehr Fleiß und (Selbst-)Disziplin. Diese eingeforderte Leistungsethik ist problematisch, weil sie die systemischen Gegebenheiten weitgehend ignoriert. Tatsächlich könnten einige Arme mit mehr Fleiß ihre Erfolgschancen wohl verbessern. Aber eine Erfolgschance ist nun einmal keine Erfolgsgarantie und viele würden trotzdem scheitern. Auch die sich zu einer Form von Armutskultur entwickelten dysfunktionalen Familien, Suchterkrankungen und eine ungesunde Ernährung und Lebensführung thematisiert der Autor. Allerdings ist sein Lösungsansatz ein individualistischer. Damit ist er klassisch amerikanisch, weil er auf das amerikanische Glücksversprechen gegenüber dem Individuum abhebt: Jede*r kann es schaffen. Sein eigener Weg scheint ihm das zu bestätigen. An anderer Stelle im Buch ist er klüger und benennt neben dem eigenen Anteil die Faktoren, die ihm geholfen haben. Und er weiß, dass nicht jede*r so eine taffe Hillbilly-Großmutter hat, wie er.
Analysekategorien wie Gender finden sich überhaupt nicht in dem Buch. Dafür wird aber immer wieder Klasse bzw. Schicht erwähnt.
Vance beschreibt in seinem Buch auch, wie ihm an der Elite-Universität kulturelles und soziales Kapital fehlt und er versucht sich dieses nachträglich anzueignen. An einer früheren Stelle im Buch schreibt Vance eindrücklich einen Klassenunterschied vor Gericht:

„Ich erinnere mich, dass ich mit einem halben Dutzend anderer Familien in diesem Gerichtssaal saß und dachte, dass die genauso aussahen wie wir. Die Mütter und Väter und Großeltern trugen, anders als die Anwälte und der Richter, keine Anzüge. Sie trugen Jogginghosen und Strechhosen und T-Shirts. Ihre Haare waren splissig. Und es war das erste Mal, dass ich »Fernsehakzente« bemerkte, den neutralen Akzent vieler Nachrichtensprecher. Die Sozialarbeiter und der Richter und der Anwalt – sie alle hatten den Fernsehakzent. Und wir nicht. Die Menschen, die dieses Gericht betrieben, waren anders als wir. Die Menschen, die vor diesem Gericht erscheinen mussten, waren es nicht.“

(Seite 94)

Trotz gewisser Mängel in der Analyse ist das Buch sehr lesenswert.

J.D. Vance: Hillbilly-Elegie, Berlin, 8. Auflage 2017.

„Plan D“ von Simon Urban


Im Jahr 2011 erschien der kontrafaktische Kriminalroman „Plan D“ von Simon Urban. Er spielt auch im selben Jahr, aber in einer fiktiven Welt. In dieser hat es nie eine Vereinigung von BRD und DDR gegeben. Statt einer ‚Wiedervereinigung‘ gab es 1990 eine „Wiederbelebung“. Auch im Roman wurden 1989 die Grenzen geöffnet und DDR-Bürger*innen emigrierten in den Westen. Die DDR erlebte einen Aderlass und ihre Bevölkerungszahl senkte sich von 16 Millionen auf 14,5 Millionen. Allerdings wurde dann im November 1991 die Mauer wieder geschlossen.
Gleichzeitig wurde 1989/90/91 auch die DDR-Führung ausgetauscht. Egon Krenz beerbte als Staatsratsvorsitzender Honecker und initiierte Reformen. Mit Hilfe des aus dem Westen herbeigeeilten Otto Schily wird die Stasi reformiert und mit dem System Mielke aufgeräumt.
Die DDR schien sich damals zeitweise in Richtung Rechtsstaat zu entwickeln, doch die Reformen werden gestoppt. So ist auch 20 Jahre später, im Jahr 2011, Krenz noch an der Macht. Die DDR ist inzwischen heruntergewirtschaftet. Auf der anderen Seite der Grenze regiert der SPD-Bundeskanzler Oskar Lafontaine in Koalition mit den Grünen unter Claudia Roth. Er hat Roland Koch beerbt und bevorzugt eine Annäherung an die DDR.
Die DDR ist abhängig von Geldern aus dem Westen. Eine wichtige Einnahmequelle sind Transitgebühren für sowjetisches Gaslieferungen über ihr Gebiet. Es steht ein Handelsvertrag von über 70 Milliarden Mark an. Doch da wird ein ehemaliger Berater aus der „Wiederbelebungs“-Epoche in der Nähe einer Gasleitung ermordet aufgefunden. Der Mord trägt die Handschrift der Stasi. Ein möglicher Stasi-Mord droht somit die für die DDR lebensnotwendigen Verträge zu verhindern. Der Westen stoppt die Verhandlungen bis der Fall aufgeklärt ist.
Um eine faire Ermittlung zu gewährleisten, besteht der Westen auf einem deutsch-deutschen Ermittlungs-Duo. Also ermitteln Richard Brendel von der Kriminalpolizei Westberlin und der Volkspolizei-Hauptmann Martin Wegener, der als erstes den Tatort untersucht hat.
Aus der Sicht des Letztgenannten ist der Krimi geschrieben. Unterschiedliche Interessengruppen versuchen die Ermittlungen zu beeinflussen: Der Westen, die Stasi, die DDR-Führung und die Untergrund-Opposition.
Schnell stellt sich heraus, dass der Tote nicht nur ein einfacher Berater im Ruhestand war, sondern dass er ein alternatives Konzept für die DDR erstellt hatte, genannt „Plan D“ mit dem System des „Posteritatismus“. Es geht um ein demokratisches System bei sozialistischer Wirtschaftsordnung.

Der Roman ist witzig und detailreich geschrieben. Viele Fakten aus der DDR wurden gut recherchiert und weiter entwickelt, etwa die „Intershops“ (Läden mit Westwaren, in denen mit DM bezahlt wurde). Witzig ist es etwa, wenn im Buch erwähnt wird, dass die frühere SED-Abgeordnete Sahra Wagenknecht inzwischen eine mittelmäßige Schauspielerin ist und als „Laura Kraft“ die Hauptrolle im neuen Actionspektakel „Red Revenge“ spielt.
Ideenreich ist es auch, wenn in der DDR das Handy als „Minsk“ bezeichnet wird, was von der VEB Telemedien entwickelt, hergestellt und vertrieben wird. Ganz besonders lustig ist, wenn beschrieben wird wie die demente Margot Honecker im SED-Altersheim sitzt und glaubt sie werde von der Stasi verfolgt.

Das Buch liest sich gut, hat aber auch einige Schwächen und Unlogiken. Es wird beschrieben, wie aus dem Westen BürgerInnen in die DDR einwandern, doch der Autor kann nicht so recht vermitteln, warum das geschieht. Er schreibt zwar, dass es bei der Einbürgerung 1.000 Mark Begrüßungsgeld gebe – der offizielle Wechselkurs Euro – DDR-Mark liegt bei 1:3 – doch was die heruntergewirtschaftete DDR so attraktiv macht, bleibt unklar.
Fast nie erwähnt wird die SED. Offenbar ist die DDR immer noch eine Parteidiktatur, trotzdem wird die SED als Staatspartei kaum beschrieben. Das ignoriert die realen Zustände in der DDR vor 1990. Hier war die SED tonangebend und nur über eine Mitgliedschaft bei ihr, war es möglich Karriere zu machen. Genauso undeutlich bleibt die Rolle der Sowjetunion in der DDR nach 1990. Ist sie noch Vorbild und ‚großer Bruder‘? Gibt es noch die hunderttausende von SoldatInnen der Roten Armee, die in der DDR stationiert waren?
Sehr störend sind die immer wieder auftauchenden Rot=Braun-Gleichungen. Mehrfach wird die DDR-Bevölkerung bzw. ein Einzelprotagonist als Opfer oder Verführte dargestellt. Erst war er Nazi, dann ein Kommunist. Die eklatanten Unterschiede zwischen dem Nationalsozialismus und dem Realsozialismus fallen da unter den Tisch.
Besonders ärgerlich ist, dass Frauen nur Nebenrollen spielen und vor allem Lustobjekte in der Fantasie von Martin Wegener sind. Selbst die wichtigste Frau im Buch, seine Ex-Freundin, muss ständig als Sexfantasie für seine Altmännergeilheit herhalten. Das kann ja auch gerne aus der Perspektive des Hauptprotagonisten so sein, aber der Autor stellt dem nichts Kritisches entgegen.
Wer das aushalten kann, die/der wird aber gut unterhalten.

Simon Urban: Plan D: Frankfurt Main, Taschenbuchausgabe 2013.

Buchkritik „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood

Der Report der Magd
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Eines ihrer bekanntesten Bücher ist ihr im Original 1985 erschienenes Buch „Report der Magd“, ein dystopischer Roma. Dieser spielt in den 1980er Jahren in der ‚Republik Gilead‘, die sich auf dem Gebiet der ehemaligen USA befindet. Während der Lektüre des Buches erfährt die/der Leser*in auch was zur Errichtung dieser christlichen Theokratie führte. Ein Attentat auf die US-Regierung, bei der diese ermordet wurde, ist der Anlass, um Bürger- und Menschenrechte sukzessive einzuschränken und am Ende gänzlich abzuschaffen. Besonders Frauen werden immer weiter entmündigt. Sie verlieren den Zugriff auf ihr Barvermögen und werden entlassen. Es wird eine alttestamentarisch begründete Geschlechterapartheid und eine Art Kastensystem eingeführt. Es gibt nur noch arrangierte Ehen. Männer haben die gesellschaftliche Macht. Aber ist gibt auch Sphären die den Frauen vorbehalten sind. Auf der weibliche Seite der Gesellschaft stehen ganz oben die Ehefrauen der Oberschicht. Diese verfügen über Dienerinnen, genannt „Marthas“. Darunter in der Hierarchie befinden sich dann die Frauen der Unterschicht, die „Ökonofrauen“ genannt werde.
Da Unfruchtbarkeit weit verbreitet ist, haben die Oberschichtsmänner ganz offiziell Zweitfrauen, die „Mägde“, die vor allem als eine Art Leihmütter fungieren. Der Geschlechtsakt ist hoch ritualisiert und findet im Beisein der Ehefrauen statt. Für die Disziplinierung dieser „Mägde“, sind die „Tanten“ zuständig. Dabei handelt es sich vor allem um ältere, glaubensstrenge Frauen.
Im Inneren von ‚Gilead‘ sorgen ansonsten die „Wächter des Glaubens“ und Geheimdienst-Mitarbeiter, genannt „Augen“, für die Aufrechterhaltung des Regimes. An der Front kämpfen die Soldaten, genannt „Engel“, beispielsweise gegen baptistische Guerilleros. Die Verfolgung von Andersgläubigen wird auch als „Sektenkriege“ oder „Sektenverfolgung“ bezeichnet. Denn das Regime hat eine Staatskirche und verfolgt alle Abweichungen davon: Baptisten und Quäker müssen konvertieren oder sie werden gehenkt. Schwule Männer werden als „Geschlechtsverräter“ gehenkt. Juden können konvertieren oder müssen nach Israel auswandern. Abtreibung und Ehebruch stehen unter Todesstrafe. Selbst Zweitverheiratete werden verfolgt. Nicht alle werden gleich ermordet. So werden viele Frauen zu „Unfrauen“ erklärt und in Strafkolonien zur Giftmüllbeseitigung geschickt. Hier sterben die Arbeiter*innen einen langsamen Tod.

Hauptprotagonistin des Buches ist eine ‚Magd‘. In Rückblicken berichtet sie aus der Vergangenheit vor der Etablierung der Theokratie. In „der Zeit davor“ war sie die Tochter einer feministischen Aktivistin, hatte ein Kind und einen Lebensgefährten, Luke. Als die Verhältnisse sich verschärften, versuchten die drei zu fliehen, wurden aber geschnappt. Sie wurde von ihrem Kind und ihrem Partner getrennt und in einem „Roten Zentrum“ zur ‚Magd‘ gemacht.
Schließlich wird sie als ‚Magd‘ in das Haus eines Kommandanten geschickt, dem sie ein Kind gebären soll. Sie kommt in den Kontakt mit dem Widerstand und entdeckt das der Kommandant im Privaten selber gegen Regeln verstößt. Wie alle Herrschenden behalten sich auch diese Regelverstöße für sich selbst vor. Die Elite der Theokratie frönt weiter der Prostitution.
Mit einem ihrer Bewacher geht sie ein Verhältnis ein, worauf die Todesstrafe steht. Doch selbst die Frau des Kommandanten fördert diese Affäre, da sie annimmt das ihr Mann unfruchtbar ist. Ein Umstand der in dieser strikt patriarchalen Gesellschaft aber nicht thematisiert werden darf. Unfruchtbar sind nur die Frauen.
Die Hauptprotagonistin selbst ist keine Widerstandskämpferin wie etwa ihre Mutter, aber sie sucht für sich nach Auswegen.

Das Buch stammt erkennbar aus der Feder einer feministischen Autorin, die einmal ausformuliert hat, wie eine christliche Theokratie aussehen könnte. Das Regime ist zudem auch extrem pro-natalistisch. Die Verwendung von Frauen als Zwangsleihmütter und der Kult um das Kind erinnern ein wenig an das „Lebensborn“-Projekt der Nazis. Zudem muss jedes Kind auch makellos sein. Kinder, die es nicht sind, werden zu „Unbabys“ erklärt und „entsorgt“.
Neben dem „Lebensborn“, George Orwell und Aldous Huxley mag auch die damals ‚frisch‘ im Iran eingerichtete Theokratie eine Inspiration für die Autorin gewesen sein.

Das Buch liest sich spannend und ist anschaulich aus der Perspektive der ‚Magd‘ geschrieben. Etwas seltsam mutet der geringe Technik-Fortschritt an, was natürlich in der Entstehungszeit des Werkes begründet liegt. Ein wenig unglaubwürdig ist, dass die Transformation einer liberalen Gesellschaft in eine Theokratie derart schnell und ohne Widerstände möglich sein soll.
Trotzdem sehr lesenswert!

Margaret Atwood: Der Report der Magd, München, 5. Auflage 2017.

Die Film-Doku „Natasha“ – Porträt einer Bettlerin

„Natasha“ ist eine Art Berufsbettlerin aus Osteuropa. Über osteuropäische Bettlerinnen und Bettler gibt es viele Gewissheiten, aber nur wenig Wissen. Selbst in Straßenzeitungen wird der Mythos von der „osteuropäischen Bettel-Mafia“ wiedergekäut.
Solche Mythen sind auch die Konsequenz daraus, dass viel über, aber nur wenig mit Bettler*innen selbst gesprochen wird. Das liegt sicherlich neben Ignoranz auch an einer gewissen Sprachbarriere.
In ihrer Dokumentation „Natasha“ hat die österreichische Regisseurin Ulli Gladnik diese Barriere mit Hilfe ihrer Bulgarisch-Kenntnisse durchbrochen.
Die von Gladnik porträtierte Bettlerin kommt aus Bresnik nahe Sofia, der Hauptstadt Bulgariens.
Ohnehin ist Bulgarien ein armes Land, aber Natashas Heimatort scheint die Deindustrialisierung noch einmal besonders schwer getroffen zu haben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben die meisten Fabriken, in denen ihre Verwandten und Freund*innen im Ort Arbeit fanden, zugemacht. Auch ihre Familie in Bulgarien zeigt die Doku. Ihre Schwester und ihre Mutter verdienen wenige Leva (bulgarische Währung) durch das Sammeln von Altmetall, was sie mit Händen und Hacken aus dem Schutt graben. Ein Wunder das noch niemand von ihnen an Blutvergiftung erkrankt ist.
Natasha geht Betteln, um ihrer Familie zu helfen, ihren Eltern und besonders ihrem Sohn Vasko: „Wenn die Mama nicht arbeiten fährt, haben wir nichts“.
Sie selbst ist alleinerziehend und körperbehindert, im Alter von 18 Jahren wurden ihr das Unterbein und ein Fuß amputiert. Deswegen trägt sie Prothesen.
Also fing sie an zu betteln. Dafür fuhr sie bis nach Wien und Graz. Im Schnitt verdient eine Bettlerin in Österreich 15 bis 30 Euro pro Tag. Übernachten tut Natasha mit drei anderen Bettler*innen in einem winzigen Zimmer, was ihnen zu einem Wucherpreis vermietet wurde.
Anfangs musste sie noch ihren Stolz überwinden, doch schnell erkennt sie: „Betteln ist keine Schande!“
Was auch durch die Dokumentation klar wird: Betteln ist harte Arbeit. Im Fall von Natasha eine 6-Stunden-Woche fern von daheim. Mehr noch, es ist ein hartes und ungesundes Leben führt sie als Bettlerin. Die Bettler*innen in der Doku betteln auch im Winter, ziehen sich deswegen mehrere Schichten Pullover, Hosen und Socken an und frieren dann nach einer gewissen Zeit draußen trotzdem. Besonders hart für sie, ist die lange Trennung von ihrem Sohn. Einmal bleibt sie auch über Weihnachten in Österreich.
Natürlich bettelt Natasha nicht aus Spaß oder Faulheit, sondern aus reiner Notwendigkeit. Ihre Träume sehen anders aus. Im Film äußert sie irgendwann, sie wolle „ein normales Leben“ und „Ich will leben wie die weißen Leute.“
Damit ist ein weiteres Thema angesprochen, welches im Film untergründig mitschwingt: Der Antiziganismus, also die Vorurteile gegen Sinti und Roma. Auch ihre dunkle Hautfarbe, die sie als Romnia ausweist, hat sie und ihre Familie an den Rand der bulgarischen Gesellschaft gedrängt.

Der Film verlangt von der/dem Zuschauer/in einen Perspektivenwechsel. Durch die Begleitung einer Bettlerin nimmt man auch deren Perspektive ein. Natasha ist dabei nicht nur einfach ein Opfer von Armut. Die Doku zeigt sie auch als starke Frau, Mutter und Romnia,

Die Dokumentation ist 1:23 Stunden lang und wurde in den Jahren 2006 und 2007 gedreht. Im Jahr 2008 wurde der Film veröffentlicht. Der Film ist ein einfühlsames Porträt, unaufdringlich und kommt ohne wertende Kommentare aus.

Mehr Infos unter http://natasha-der-film.at