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Buchkritik „Auf den Marmorklippen“ von Ernst Jünger

Im Grunde ist „Auf den Marmorklippen“ von Ernst Jünger ein früher Fantasy-Roman. Die Landschaftsbeschreibungen sind schön und ausschweifend. Stellenweise lesen sich viele Stellen so als wäre Jünger Chefredakteur von „Landlust“.
In ihm wird beschrieben wie die fiktiven Länder „Marina“ und „Campagne“ dem Chaos anheim fallen, welches von einer geheimnisvollen Figur angestiftet wird, die im Buch nur als „der Oberförster“ bezeichnet wird.
Während die Campagne eine Tiefebene darstellt ist Marina eine mediterrane Küstenregion. Besonders das Schicksal dieser am Meer gelegenen Region wird beschrieben. Über ihr thronen auch die titelgebenden Marmorklippen. Hier lebt ein Brüderpaar, der Erzähler und sein Bruder Otho. Nach den Erfahrungen des Krieges als Mitglieder der „Purpurreiter“, haben sie sich ganz der Botanik verschrieben.
Friedlich leben in der „Marina“ ChristInnen und Asengläubige, es herrscht Dichtkunst und Ackerbau. Kriegsveteranen wie der Erzähler und sein Bruder sind im Geheimorden „Mauretanie“ organisiert. Doch auch die „Mauretanier“ wurden vom „Oberförster“ unterwandert
In der Campagne dagegen leben die Hirtenbünde, die an ihre Hirtengötter glauben. Von hier ausgehend und angestiftet vom „Oberförster“ erfasst auch „Marina“ das Unheil.
In „Marina“ wird plötzlich auch den alten Aberglaubens wieder gehuldigt und die Viehhaltung zum Ideal erhoben:

„In diesen Kreisen wurde es auch üblich, den Bau der Rebe und des Kornes zu verachten und den Hort der echten, angestammten Sitte im wilden Hirtenland zu sehen.“

(Seite 40)
Alte, in Vergessenheit geratene, Fehden der Blutrache brechen wieder auf und der Niedergang bricht über das Land herein. Jünger beschreibt wie eine agrarische, ständische Gesellschaft quasi ‚barbarisiert‘.
Hinter all dem steckt der „Oberförster“, der über seinen Wald, genannt „Teutoburger Wald“ herrscht. Der seine „Waldkapitäne“, „Weidgerechten“ (Jäger) und sonstiges „Waldgesindel“ aussendet, um seine Macht zu stärken. In Jüngers Roman werden die Wälder als Rückzugsort für „Gaunervolk“ und „Vagantenheimat“ bezeichnet. Die von Jünger dämonisierten gesellschaftlichen Randgruppen („Hunnen, Tataren, Zigeuner, Albigenser und ketzerische Sekten aller Art […] versprengte Scharen der großen Räuberbanden aus Polen und vom Niederrhein“, Seite 50) sprechen auch Rotwelsch und sind damit als Fahrende und gleichzeitig Kriminelle markiert. Das erinnert stark an Hermann Löns „Der Wehrwolf“, in dem eine Dorfgemeinschaft alle Fremden und Nichtansässigen, die durchweg als Gefahr beschrieben werden, aus vermeintlichem Selbstschutz heraus umbringt.
Die beiden Botaniker entscheiden sich trotz einiger Bedenken, all die Veränderungen zu ignorieren und sich weiter der Pflanzenkunde zu widmen.
Als es eigentlich schon zu spät ist, begibt sich der Erzähler in die Schlacht. Mit einem ihm getreuen Hirten-Clanchef, dessen Knechten und seinen Hunden begibt er sich in den Wal, aus dem alles Böse kommt.

Ohne Kontext-Kenntnis gelesen, wäre das Buch eine ganz unterhaltsame Lektüre, auch wenn das überschwängliche Lob der Aristokratie nervt:

„Ich hatte wohl erwartet, daß in der letzten Phase des Ringens um die Marina der Adel in Erscheinung treten würde – denn in den edlen Herzen brennt das Leiden des Volkes am heißesten. Wenn das Gefühl für Recht und Sitte schwindet und wenn der Schrecken die Sinne trübt, dann sind die Kräfte der Eintagsmenschen gar bald versiegt. Doch in den alten Stämmen lebt die Kenntnis des wahren und legitimen Maßes, und aus ihnen brechen die neuen Sprossen der Gerechtigkeit hervor.“

(Seite 91)

Doch dergleichen gibt es auch in vielen anderen Büchern des Fantasy-Genres. Aber Jünger hat sein Buch während des Nationalsozialismus geschrieben und es wurde 1939 veröffentlicht. Es gehört nicht viel Wissen über Jünger dazu, um ihn mit dem Erzähler und seinen Bruder Georg mit dem „Bruder Otho“ zu identifizieren. Der „Oberförster“ ist demzufolge Hitler und der Söldner-Anführer Biedenhorn soll wohl Röhm sein.
Durch diese Chiffre wird Jüngers Roman als Widerstands-Akt betrachtet. Nicht ganz zu unrecht. Doch hat Jünger das Buch nicht im Exil, Gefängnis oder KZ verfasst, sondern als privilegierter Schriftsteller, der vom Nationalsozialismus heftig umworben wurde. Jünger wies diese Avancen zurück, diente aber später gleichzeitig brav als Besatzungsoffizier in Frankreich. Das in der Geschichte gepriesene aristokratische Prinzip ist ein deutlicher Hinweis auf Jüngers elitäres Bewusstsein, aus dem auch seine Demokratieferne resultierte. Die Basis-Erzählung vom „Oberförster“, der von außen (Wald) in eine friedliche Region (Küste) einbricht und mittels Verschwörungen Unruhe stiftet ist eine nette Geschichte, die Jünger da erzählt, aber es ist ein Märchen. Bezogen auf den Nationalsozialismus vernebelt diese Erzählung mehr, als das sie erklärt.
Als reiner Fantasy-Roman weiß „Auf den Marmorklippen“ aber durchaus zu unterhalten.

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen, Stuttgart, 7. Auflage 2013.

Comicrezension „Kobane Calling“, Grafic Novel von Zero Calcare

„Kobane Calling“ ist ein Schwarz-Weiß-Comic aus der Zeichenfeder von Zero Calcare aus Italien.
Der Comic wurde mit Hilfe des linksradikalen „Ums Ganze“-Bündnis übersetzt und liegt in ausgewählten Infoläden und anderen linken Treffpunkten kostenlos (!) aus.
Calcare beweist in dem dünnen Umsonst-Comic viel Humor. Er beschreibt im Stil einer Comicreportage seinen Trip in den kleinen Ort Mehser, der an der türkisch-syrischen Grenze auf der türkischen Seite gegenüber von der umkämpften Stadt Kobane liegt.
Kobane-Comic Revolution
Calcare ist damit Teil des Rojava-Revolutionstourismus. Doch obwohl der Verfasser schafft es noch nicht einmal nach Kobane. Im Grunde passiert in dem Comic nicht viel, was der Comic aber durchaus transparent macht. Calcare ist sehr ehrlich und reflektiert, und beweist dabei auch viel Humor und Ironie. Durch diesen verflüchtigt sich auch der Pathos, bei/m Leser*in.
Kobane-Comic Mutter Theresa
Was jenseits der Grenze passiert erfährt er nur durch Gespräche und Beobachtungen aus der Distanz.
Der Zeichenstil ist nicht zu abstrakt und weist Details auf. Einige Figuren im Comic werden als Tierfiguren dargestellt, etwa die Mutter von Calcare als Glucke.
Manche Anspielungen sind für Menschen, die nicht aus Italien stammen, nicht so leicht verständlich.
Der Comic wäre auch sein Geld wert, da er aber kostenlos ist, heißt das: Zugreifen, so lange er noch ausliegt!!!

Polizeipräsidium Aalen betreibt Täter-Opfer-Umkehr und verharmlost rechte Taten

Ein Bekannter machte unlängst auf zwei skandalöse Abschnitte in der „Jahresstatistik 2016“ des Polizeipräsidium Aalen aufmerksam.
Polizei Aalen Statistik

An einer Stelle wird massiv Verständnis für rassistisch motivierte Straftaten gegen Flüchtlinge geäußert:

„Hierbei ist den aktuellen Feststellungen zufolge zu berücksichtigen, dass die Begehung fremdenfeindlicher Straftaten nicht ausschließlich auf ideologische Wurzeln zurückzuführen ist, sondern auch eine persönliche Betroffenheit, beispielsweise durch den Bezug der in Wohnortnähe aufgestellten Asylbewerberunterkünfte und somit die Ankunft der Asylbewerber im näheren Umfeld, zurückzuführen sein kann.“

(Polizeipräsidium Aalen: Jahresstatistik 2016, Seite 36)

An anderer Stelle wird ein ganz ganz offensichtlich rechter Angriff auf eine Moschee massiv verharmlost:

„Sachverhalt: Farbschmierereien an der DITIB Moschee in Schwäbisch Gmünd In der Nacht zum 25.01.2016 wurden durch bisher unbekannte Täter das Minarett der DITIB -Moschee in Schwäbisch Gmünd, ein in der Nachbarschaft der Moschee abgestellter Klein-Lkw sowie weitere Nachbargebäude mit schwarzer Farbe besprüht. Die Täter sprühten zusammengefasst die Worte „Fuck Islam“, mehrmals „ACAB“, mehrere Hakenkreuze, SS-Runen auf. Die Straftat bewirkte ein größeres Medien- und Öffentlichkeitsinteresse. Auf Grund der verschiedenen Tatorte und den verwendeten Zeichen mit verschiedenen Zielrichtungen ist eher davon auszugehen, dass es sich hierbei um Taten von Jugendlichen handelt, welche sich möglicherweise auf dem Heimweg befanden, weshalb eine politische Motivation eher zu verneinen ist.“

(Polizeipräsidium Aalen: Jahresstatistik 2016, Seite 37-38)

Da wundert es kaum, dass viele Straftaten in die Statistik nicht einfließen oder Betroffene sich über eine fehlende Strafverfolgung empören.

Der Rechtsruck in Europa und die Kollaboration eines Teils der Linken

Angesichts des Rechtsrucks in vielen Ländern Europas geben viele Linke gerne den konservativen Parteien die Schuld. Diese hätten den Ton vorgegeben oder würden ihn nachmachen.
Doch auch ein Teil der linken Parteien paktierte oder paktiert mit rechten Parteien oder hat gar Inhalte von ihnen übernommen. Damit mit haben auch linke Parteien, SozialdemokratInnen wie ParteikommunistInnen, eine Schuld an dem Rechtsruck in Europa.
Hier sind einmal ein paar dieser Fälle vorgestellt.

Griechenland: ‚Linksradikale‘ koalieren mit NationalistInnen
Das die als „linksradikal“ bezeichnete Partei Syriza unter Alexis Tsipras mit einem nationalistischen Juniorpartner, der „Anexartiti Ellines“ (ANEL, „Unabhängige Griechen“) koaliert, thematisierte dieser Blog bereits.

Österreich: Sozialdemokraten koalieren mit den RechtspopulistInnen
In Österreich koalierte die „Sozialdemokratische Partei Österreichs“ bereits mehrfach mit der rechtspopulistischen FPÖ. Dies war auf Bundesebene bereits von 1983 bis 1987 der Fall. Die FPÖ stellte damals als Juniorpartner mit Norbert Steger den Vizekanzler. Zwar war die FPÖ zu dieser Zeit tendenziell eher nationalliberal als rechtspopulistisch, so waren doch einzelne FPÖ-Landesverbände härter eingestellt als der nationalliberale Partei-Mainstream.
Auf Landesebene koalierten in Kärnten nach der Landtagswahl 2004 FPÖ und SPÖ miteinander.
Aktuell besteht eine SPÖ-FPÖ-Koalition seit 2015 im Burgenland.

Slowakei: SozialdemokratInnen gegen Flüchtlinge

Die sozialdemokratische Partei „Smer – sociálna demokracia“ (Smer-SD, „Richtung – Sozialdemokratie“) fährt einen strikt nationalistischen Kurs
Seit 2006 war die Smer-SD bei Wahlen in der Slowakei die stärkste Partei hervorgegangen und dadurch 2006–2010, 2012–2016, seit 2016 an der Regierung beteiligt, wobei sie mit ihrem Parteichef Robert Fico den Ministerpräsidenten stellten.
Zwar gehört Smer-SD der „Sozialistischen Internationale“ an, sie zeichnet sich aber eher durch nationalkonservative bis rechtspopulistische Positionen aus.
Parteichef und Ministerpräsident Fico warnte beispielsweise vor Flüchtlingen und verweigerte deren Aufnahme.

Tschechien: ParteikommunistInnen auf nationalistischem Kurs
Die „Komunistická strana Čech a Moravy“ (KSČM, „Kommunistische Partei Böhmens und Mährens“) wurde am 31. März 1990 als Nachfolgepartei der „Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei“ (KSČ) gegründet. In der Europäischen Linkspartei besitzt die KSČM Beobachterstatus.
Die Partei ist nicht nur stalinistisch, sondern auch nationalistisch. So forderte die KSČM 2017 Fremdwörter im Straßenbild zu verbieten und KSČM-Abgeordnete beteiligten sich an einer fraktionsübergreifenden Anti-Immigrations-Plattform.

Es ließen sich weitere Beispiele in und außerhalb Europas finden. Etwa die Philippinen, wo Linke mit dem Rechtspopulisten Duterte zusammenarbeiten, in dessen Auftrag mehrere tausend Kleinkriminelle ermordet wurden.

Aus inhaltlichen Überzeugungen oder machttaktischen Erwägungen sind auch linke Parteien anfällig für den Pakt mit Rechten oder eine Nationalisierung – und damit auch Pervertierung – linker Ideale. Nur auf die Konservativen zu blicken und zu schimpfen ist zu einfach.

Buchkritik „Angst für Deutschland“ von Melanie Amann

Die Journalistin Melanie Amann hat in ihrem frisch erschienenen Buch „Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert“ ihre vierjährigen Erfahrungen und Erkenntnisse als AfD-Expertin beim Spiegel zu Buchform verarbeitet.

Die Autorin zeichnet in ihrem Buch die Geschichte der jungen Partei samt ihrer Brüche und Häutungen nach.
Amann hat tatsächlich gewisse Insiderin-Kenntnisse. Etwa weiß sie von dem Angebot Luckes an Sarrazin im März 2013 in seine Partei einzutreten. Auch eher skurrile Details kennt sie, wenn sie davon schreibt, dass Lucke plante per Hungerstreik a la Ghandi Merkel in ihrer Europolitik zum Einwenden zu zwingen.
Sie weiß auch, dass Alice Weidel zeitweise auf Luckes und auf Petry Liste stand. Petry gewann schließlich, weil Höckes Hardliner Petry als das kleinere Übel unterstützten. Doch dieses Bündnis zerbricht bereits in Essen als Petry sich nicht an ihre Zusage hält, Vertreter des Höcke-Flügels in den Bundesvorstand aufzunehmen.
Interessant ist auch, dass laut Amann die „Erfurter Resolution“ bzw. ihr erster Entwurf aus der Feder von Götz Kubitschek stammt. Nachdem dessen Freund Björn Höcke Lucke keine Zugeständnisse abringen konnte, entwarf Kubitschek die „Erfurter Resolution“, um unter ihrem programmatischen Mantel den radikal-völkischen Flügel zu sammeln. Somit ist Kubitschek nicht nur Ideengeber, sondern ein richtiger Soffleur des ultrarechten Flügels.

Amann unterteilt die AfD in Ideologen, Karrieristen und Idealisten:

„Auf der einen Seite stehen Ideologen wie Höcke, Gauland und von Storch, die für ihr Anliegen brennen, denen es bei ihrer Arbeit wirklich um etwas geht. Sie haben wichtige Verbündete außerhalb der Partei, ein Netzwerk von Intellektuellen, Publizisten und Aktivisten. Auf der anderen Seite stehen Karrieristen wie Frauke Petry und Marcus Pretzell, denen es auch um etwas geht, allerdings nicht unbedingt um die Sache, sondern um das eigene Fortkommen. Bei den Inhalten sind sie – vorsichtig ausgedrückt – sehr flexibel.“

(Seite 14-15)
Nach Amann geht es den KarrieristInnen nicht so sehr um politische Ziele, sondern wie der Name eben sagt um ihre Karriere. Dagegen würden die IdeologInnen mit offenen Karten spielen. Diese entstammen nicht selten der erfolglosen Parteien-Konkurrenz wie „Die Freiheit“, Schill-Partei oder Pro-Parteien, deren Mitglieder relativ problemlos zur AfD wechseln konnten.
Die IdealistInnen dagegen würden vor allem das Fußvolk stellen. Für sie sei die AfD eine neue Partei, die alles anders machen würde.
Die Karrieristin Petry sieht Amann derzeit als die große Gefahr, da deren Pragmatismus die weitere Rechtsverschiebung der Partei ermöglichen würde:

„Dagegen ist Petrys Haltlosigkeit eine der größten Gefahren für die AfD. Weil die Parteichefin sich so wenig um Inhalte schert, sondern ihre Kraft primär in die Gestaltung von Machtstrukturen steckt, erzeugt sie ein programmatisches Vakuum, das Ideologen nach Lust und Laune füllen können.“

(Seite 188)
Nach dem Weggang Luckes existiere vor allem ein Konflikt zwischen kompromisslosen IdeologInnen und ultrapragmatischen KarrieristInnen mit dem unbedingter Wille zur Macht. Letztere würden durch das AfD-Power-Paar Petry und Pretzell derzeit das wichtigste Machtzentrum in der Partei stellen.

Ebenso benennt Amann in ihrem Buch die inhaltlichen Verschiebungen der AfD: „Im Frühjahr entwickelte sich die AfD weiter von anlassbezogenen Ausfällen gegen Flüchtlinge zu einer Fundamentalkritik am Islam.“ (Seite 231)
Das Türöffner-Thema der AfD war aber unzweifelhaft ihre EU-/Euro-Kritik. Den Kampf der AfD gegen die „Political Corrrectnes“ bezeichnet die Autorin als „Vulgärliberalismus“, da ihm ein vulgäres Verständnis von Liberalismus zugrunde läge.
Der Konkurrenz-Stellung von CSU zur AfD rät Amann ab, denn:

„Wer nicht im Bundestag sitzt, geschweige denn irgendwo Regierungsverantwortung trägt, der kann eben immer noch eine Oktave höher und schriller werden. Deshalb kann die CSU in diesem destruktiven Wettstreit mit der AfD nur verlieren.“

(Seite 288)
Amann sieht aber das Potenzial für die Koalition einer verbürgerlichten AfD mit einer Post-Merkel-Union. Derzeit ist die AfD für Amann aber noch zu schrill. Die Partei hätte im Laufe ihrer Geschichte immer wieder an den Eskalationsstufen und ihrer Tonlage geschraubt, doch die Medien folgen inzwischen nicht mehr jedem Tabubruch.

Im Umgang mit der AfD fordert Amann die Konsequenzen von deren politischen Forderungen klar zu benennen und ihre Entzauberung, u.a. durch hartnäckiges Nachfragen, voranzutreiben. Gleichzeitig fordert sie aber falschen Vorwürfe zu vermeiden und etwa der Partei nichts zu Positionen unterzuschieben, die nur einzelne Mitglieder hätten.

Amann ist nicht gerade eine linke Kritikerin der AfD. So bringt sie Verständnis auf für manche Perspektiven der AfD:

„Mit Linksradikalen wie in der Berliner Rigaer Straße werde geduldig verhandelt, klagt die AfD, aber mit ihnen mache man kurzen Prozess “

(Seite 86)
Stellenweise lobt sie die AfD als Korrektiv. Ähnlich wie manche CDU-Rechtskonservative beklagt Amann:

„Zu lange wurden auch Menschen in die Kälte geschickt, die alles andere als rechtsextrem waren. Zum Beispiel konservative Politiker und Publizisten, die gegen Abtreibungen, Krippenplätze für Säuglinge und ein Adoptionsrecht für Homosexuelle kämpfen. Solche Meinungen kann man altmodisch oder reaktionär nennen, aber eben nicht unzulässig oder gar antidemokratisch.“

(Seite 225)
Dabei darf die Verweigerung der Gleichbehandlung von Heterosexuellen und LSBTTIQ*, etwa was das Adoptionsrecht angeht, durchaus als antidemokratisch bezeichnet werden. Die Gleichbehandlung aller Staatsbürger*innen ist eigentlich ein grundlegendes Element der parlamentarischen Demokratie.

Die Einordnungen der Autorin sind zum Teil problematisch. Die rechtsradikale „Patriotische Plattform“ in der AfD ist beispielsweise als „erzkonservativ“ zu bezeichnen, ist verharmlosend. Die Darstellung der Autorin von Meuthen, Jongen oder Pazderski als „seriöse Fachleute“ darf stark in Zweifel gezogen werden. Sicher sind die drei weniger schrill und alarmistisch als andere in ihrer Partei. Sie sind aber inzwischen ebenso Rechtspopulisten wie Gauland oder Höcke. Auch die Einordnung Meuthens als „Liberaler“ geht der Selbstdarstellung Meuthens auf den Leim.

Das Amann sich zuvor kaum mit der extremen Rechten auseinander gesetzt hat, merkt man dem Buch durchaus an. Während sie im Umgang mit der AfD zum Teil gelernt hat deren Selbstdarstellung zu hinterfragen und gegen zu recherchieren, tut sie das bei mehren ihrer ‚Experten‘ nicht. Da ist etwa der Nationalliberale Manfred Brunner, der über seine alte Parteineugründung „Bund freier Bürger“ (BfB), die in den 1990er Jahren ähnlich wie die AfD anfingen, berichtet. Zwar ist der Vergleich von BfB und AfD durchaus interessant, weil er offen legt dass dem BfB damals u.a. die Gelegenheitsstruktur fehlte, aber ob Brunners Selbstdarstellung, die Amann übernimmt, tatsächlich so stimmt? Dieser behauptet nämlich ’seine‘ Partei sei ihm wie Lucke durch rechte Kräfte entwendet worden.
Hochproblematisch ist auch Amanns Darstellung von Michael Heendorf aus Magdeburg, als sympathischer AfD-Mitgründer, der von seiner Partei verstoßen wurde. Warum schreibt Amann freilich nicht. Der Kriminalbeamter a.D. war zeitweise AfD-Landesvorsitzender und -Sprecher für Sachsen-Anhalt. Auf Kritik stieß in der damaligen Lucke-AfD u.a. sein Flirt mit Haiders FPÖ-Abspaltung BZÖ, dessen Ehrenmitglied er sogar wurde. Zudem fungierte er zeitweise als Herausgeber des rechten Infoportal „http://www.derfflinger.de/“, auf dem auch NPD-sympathisierende Artikel erschienen.
Das Buch enthält bei aller Insiderin-Kenntnisse auch einige Irrtümer und Verkürzungen. Die heterogene Fraktion der „Europäischen Konservativen und Reformer“, der sich die damals sieben AfD-Europaabgeordneten anschlossen, war nicht nur die Fraktion der Tories, also der britischen Konservativen, wie sie schreibt: „Hier saßen keine EU-Feinde, sondern seriöse EU-Skeptiker wie die britischen Tories.“ (Seite 248)
Sie war damals auch die Fraktion der rechtspopulistischen Parteien „Die Finnen“ und der „Dänischen Volkspartei“.
Amann geht zudem fehl, wenn sie sich dagegen ausspricht die AfD von Podien auszuschließen und glaubt das Motiv für eine solche Position wurzle einfach nur in einer politischen Abneigung. Dass es auch darum geht rechten Positionen keine Bühne zu bieten und sie dadurch als gleichberechtigt und normal darzustellen, scheint sie nicht wahrzunehmen.
Komplett unbenannt bleibt die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und ihr Chefredakteur Dieter Stein, der u.a. als Lucke- und Meuthen-supporter auftrat. Immerhin sprechen Expert*innen von der JF als „inoffiziellen Parteiblatt“ der AfD.
Wenn Amann die Rolle der JF nirgendwo in ihrem Buch erwähnt, was immerhin vollmundig im Untertitel „Die Wahrheit über die AfD“ verspricht, dann zeigen sich hier eklatante Lücken im Wissen der AfD-Spezialistin vom Spiegel.
Das Buch von Amann kann trotzdem mit einem Wissensgewinn gelesen werden, aber eine wirklich runde Analyse der AfD stellt es nicht dar.

Melanie Amann: Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert, München 2017.