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Der Rechtsruck in Europa und die Kollaboration eines Teils der Linken

Angesichts des Rechtsrucks in vielen Ländern Europas geben viele Linke gerne den konservativen Parteien die Schuld. Diese hätten den Ton vorgegeben oder würden ihn nachmachen.
Doch auch ein Teil der linken Parteien paktierte oder paktiert mit rechten Parteien oder hat gar Inhalte von ihnen übernommen. Damit mit haben auch linke Parteien, SozialdemokratInnen wie ParteikommunistInnen, eine Schuld an dem Rechtsruck in Europa.
Hier sind einmal ein paar dieser Fälle vorgestellt.

Griechenland: ‚Linksradikale‘ koalieren mit NationalistInnen
Das die als „linksradikal“ bezeichnete Partei Syriza unter Alexis Tsipras mit einem nationalistischen Juniorpartner, der „Anexartiti Ellines“ (ANEL, „Unabhängige Griechen“) koaliert, thematisierte dieser Blog bereits.

Österreich: Sozialdemokraten koalieren mit den RechtspopulistInnen
In Österreich koalierte die „Sozialdemokratische Partei Österreichs“ bereits mehrfach mit der rechtspopulistischen FPÖ. Dies war auf Bundesebene bereits von 1983 bis 1987 der Fall. Die FPÖ stellte damals als Juniorpartner mit Norbert Steger den Vizekanzler. Zwar war die FPÖ zu dieser Zeit tendenziell eher nationalliberal als rechtspopulistisch, so waren doch einzelne FPÖ-Landesverbände härter eingestellt als der nationalliberale Partei-Mainstream.
Auf Landesebene koalierten in Kärnten nach der Landtagswahl 2004 FPÖ und SPÖ miteinander.
Aktuell besteht eine SPÖ-FPÖ-Koalition seit 2015 im Burgenland.

Slowakei: SozialdemokratInnen gegen Flüchtlinge

Die sozialdemokratische Partei „Smer – sociálna demokracia“ (Smer-SD, „Richtung – Sozialdemokratie“) fährt einen strikt nationalistischen Kurs
Seit 2006 war die Smer-SD bei Wahlen in der Slowakei die stärkste Partei hervorgegangen und dadurch 2006–2010, 2012–2016, seit 2016 an der Regierung beteiligt, wobei sie mit ihrem Parteichef Robert Fico den Ministerpräsidenten stellten.
Zwar gehört Smer-SD der „Sozialistischen Internationale“ an, sie zeichnet sich aber eher durch nationalkonservative bis rechtspopulistische Positionen aus.
Parteichef und Ministerpräsident Fico warnte beispielsweise vor Flüchtlingen und verweigerte deren Aufnahme.

Tschechien: ParteikommunistInnen auf nationalistischem Kurs
Die „Komunistická strana Čech a Moravy“ (KSČM, „Kommunistische Partei Böhmens und Mährens“) wurde am 31. März 1990 als Nachfolgepartei der „Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei“ (KSČ) gegründet. In der Europäischen Linkspartei besitzt die KSČM Beobachterstatus.
Die Partei ist nicht nur stalinistisch, sondern auch nationalistisch. So forderte die KSČM 2017 Fremdwörter im Straßenbild zu verbieten und KSČM-Abgeordnete beteiligten sich an einer fraktionsübergreifenden Anti-Immigrations-Plattform.

Es ließen sich weitere Beispiele in und außerhalb Europas finden. Etwa die Philippinen, wo Linke mit dem Rechtspopulisten Duterte zusammenarbeiten, in dessen Auftrag mehrere tausend Kleinkriminelle ermordet wurden.

Aus inhaltlichen Überzeugungen oder machttaktischen Erwägungen sind auch linke Parteien anfällig für den Pakt mit Rechten oder eine Nationalisierung – und damit auch Pervertierung – linker Ideale. Nur auf die Konservativen zu blicken und zu schimpfen ist zu einfach.

Buchkritik „Angst für Deutschland“ von Melanie Amann

Die Journalistin Melanie Amann hat in ihrem frisch erschienenen Buch „Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert“ ihre vierjährigen Erfahrungen und Erkenntnisse als AfD-Expertin beim Spiegel zu Buchform verarbeitet.

Die Autorin zeichnet in ihrem Buch die Geschichte der jungen Partei samt ihrer Brüche und Häutungen nach.
Amann hat tatsächlich gewisse Insiderin-Kenntnisse. Etwa weiß sie von dem Angebot Luckes an Sarrazin im März 2013 in seine Partei einzutreten. Auch eher skurrile Details kennt sie, wenn sie davon schreibt, dass Lucke plante per Hungerstreik a la Ghandi Merkel in ihrer Europolitik zum Einwenden zu zwingen.
Sie weiß auch, dass Alice Weidel zeitweise auf Luckes und auf Petry Liste stand. Petry gewann schließlich, weil Höckes Hardliner Petry als das kleinere Übel unterstützten. Doch dieses Bündnis zerbricht bereits in Essen als Petry sich nicht an ihre Zusage hält, Vertreter des Höcke-Flügels in den Bundesvorstand aufzunehmen.
Interessant ist auch, dass laut Amann die „Erfurter Resolution“ bzw. ihr erster Entwurf aus der Feder von Götz Kubitschek stammt. Nachdem dessen Freund Björn Höcke Lucke keine Zugeständnisse abringen konnte, entwarf Kubitschek die „Erfurter Resolution“, um unter ihrem programmatischen Mantel den radikal-völkischen Flügel zu sammeln. Somit ist Kubitschek nicht nur Ideengeber, sondern ein richtiger Soffleur des ultrarechten Flügels.

Amann unterteilt die AfD in Ideologen, Karrieristen und Idealisten:

„Auf der einen Seite stehen Ideologen wie Höcke, Gauland und von Storch, die für ihr Anliegen brennen, denen es bei ihrer Arbeit wirklich um etwas geht. Sie haben wichtige Verbündete außerhalb der Partei, ein Netzwerk von Intellektuellen, Publizisten und Aktivisten. Auf der anderen Seite stehen Karrieristen wie Frauke Petry und Marcus Pretzell, denen es auch um etwas geht, allerdings nicht unbedingt um die Sache, sondern um das eigene Fortkommen. Bei den Inhalten sind sie – vorsichtig ausgedrückt – sehr flexibel.“

(Seite 14-15)
Nach Amann geht es den KarrieristInnen nicht so sehr um politische Ziele, sondern wie der Name eben sagt um ihre Karriere. Dagegen würden die IdeologInnen mit offenen Karten spielen. Diese entstammen nicht selten der erfolglosen Parteien-Konkurrenz wie „Die Freiheit“, Schill-Partei oder Pro-Parteien, deren Mitglieder relativ problemlos zur AfD wechseln konnten.
Die IdealistInnen dagegen würden vor allem das Fußvolk stellen. Für sie sei die AfD eine neue Partei, die alles anders machen würde.
Die Karrieristin Petry sieht Amann derzeit als die große Gefahr, da deren Pragmatismus die weitere Rechtsverschiebung der Partei ermöglichen würde:

„Dagegen ist Petrys Haltlosigkeit eine der größten Gefahren für die AfD. Weil die Parteichefin sich so wenig um Inhalte schert, sondern ihre Kraft primär in die Gestaltung von Machtstrukturen steckt, erzeugt sie ein programmatisches Vakuum, das Ideologen nach Lust und Laune füllen können.“

(Seite 188)
Nach dem Weggang Luckes existiere vor allem ein Konflikt zwischen kompromisslosen IdeologInnen und ultrapragmatischen KarrieristInnen mit dem unbedingter Wille zur Macht. Letztere würden durch das AfD-Power-Paar Petry und Pretzell derzeit das wichtigste Machtzentrum in der Partei stellen.

Ebenso benennt Amann in ihrem Buch die inhaltlichen Verschiebungen der AfD: „Im Frühjahr entwickelte sich die AfD weiter von anlassbezogenen Ausfällen gegen Flüchtlinge zu einer Fundamentalkritik am Islam.“ (Seite 231)
Das Türöffner-Thema der AfD war aber unzweifelhaft ihre EU-/Euro-Kritik. Den Kampf der AfD gegen die „Political Corrrectnes“ bezeichnet die Autorin als „Vulgärliberalismus“, da ihm ein vulgäres Verständnis von Liberalismus zugrunde läge.
Der Konkurrenz-Stellung von CSU zur AfD rät Amann ab, denn:

„Wer nicht im Bundestag sitzt, geschweige denn irgendwo Regierungsverantwortung trägt, der kann eben immer noch eine Oktave höher und schriller werden. Deshalb kann die CSU in diesem destruktiven Wettstreit mit der AfD nur verlieren.“

(Seite 288)
Amann sieht aber das Potenzial für die Koalition einer verbürgerlichten AfD mit einer Post-Merkel-Union. Derzeit ist die AfD für Amann aber noch zu schrill. Die Partei hätte im Laufe ihrer Geschichte immer wieder an den Eskalationsstufen und ihrer Tonlage geschraubt, doch die Medien folgen inzwischen nicht mehr jedem Tabubruch.

Im Umgang mit der AfD fordert Amann die Konsequenzen von deren politischen Forderungen klar zu benennen und ihre Entzauberung, u.a. durch hartnäckiges Nachfragen, voranzutreiben. Gleichzeitig fordert sie aber falschen Vorwürfe zu vermeiden und etwa der Partei nichts zu Positionen unterzuschieben, die nur einzelne Mitglieder hätten.

Amann ist nicht gerade eine linke Kritikerin der AfD. So bringt sie Verständnis auf für manche Perspektiven der AfD:

„Mit Linksradikalen wie in der Berliner Rigaer Straße werde geduldig verhandelt, klagt die AfD, aber mit ihnen mache man kurzen Prozess “

(Seite 86)
Stellenweise lobt sie die AfD als Korrektiv. Ähnlich wie manche CDU-Rechtskonservative beklagt Amann:

„Zu lange wurden auch Menschen in die Kälte geschickt, die alles andere als rechtsextrem waren. Zum Beispiel konservative Politiker und Publizisten, die gegen Abtreibungen, Krippenplätze für Säuglinge und ein Adoptionsrecht für Homosexuelle kämpfen. Solche Meinungen kann man altmodisch oder reaktionär nennen, aber eben nicht unzulässig oder gar antidemokratisch.“

(Seite 225)
Dabei darf die Verweigerung der Gleichbehandlung von Heterosexuellen und LSBTTIQ*, etwa was das Adoptionsrecht angeht, durchaus als antidemokratisch bezeichnet werden. Die Gleichbehandlung aller Staatsbürger*innen ist eigentlich ein grundlegendes Element der parlamentarischen Demokratie.

Die Einordnungen der Autorin sind zum Teil problematisch. Die rechtsradikale „Patriotische Plattform“ in der AfD ist beispielsweise als „erzkonservativ“ zu bezeichnen, ist verharmlosend. Die Darstellung der Autorin von Meuthen, Jongen oder Pazderski als „seriöse Fachleute“ darf stark in Zweifel gezogen werden. Sicher sind die drei weniger schrill und alarmistisch als andere in ihrer Partei. Sie sind aber inzwischen ebenso Rechtspopulisten wie Gauland oder Höcke. Auch die Einordnung Meuthens als „Liberaler“ geht der Selbstdarstellung Meuthens auf den Leim.

Das Amann sich zuvor kaum mit der extremen Rechten auseinander gesetzt hat, merkt man dem Buch durchaus an. Während sie im Umgang mit der AfD zum Teil gelernt hat deren Selbstdarstellung zu hinterfragen und gegen zu recherchieren, tut sie das bei mehren ihrer ‚Experten‘ nicht. Da ist etwa der Nationalliberale Manfred Brunner, der über seine alte Parteineugründung „Bund freier Bürger“ (BfB), die in den 1990er Jahren ähnlich wie die AfD anfingen, berichtet. Zwar ist der Vergleich von BfB und AfD durchaus interessant, weil er offen legt dass dem BfB damals u.a. die Gelegenheitsstruktur fehlte, aber ob Brunners Selbstdarstellung, die Amann übernimmt, tatsächlich so stimmt? Dieser behauptet nämlich ’seine‘ Partei sei ihm wie Lucke durch rechte Kräfte entwendet worden.
Hochproblematisch ist auch Amanns Darstellung von Michael Heendorf aus Magdeburg, als sympathischer AfD-Mitgründer, der von seiner Partei verstoßen wurde. Warum schreibt Amann freilich nicht. Der Kriminalbeamter a.D. war zeitweise AfD-Landesvorsitzender und -Sprecher für Sachsen-Anhalt. Auf Kritik stieß in der damaligen Lucke-AfD u.a. sein Flirt mit Haiders FPÖ-Abspaltung BZÖ, dessen Ehrenmitglied er sogar wurde. Zudem fungierte er zeitweise als Herausgeber des rechten Infoportal „http://www.derfflinger.de/“, auf dem auch NPD-sympathisierende Artikel erschienen.
Das Buch enthält bei aller Insiderin-Kenntnisse auch einige Irrtümer und Verkürzungen. Die heterogene Fraktion der „Europäischen Konservativen und Reformer“, der sich die damals sieben AfD-Europaabgeordneten anschlossen, war nicht nur die Fraktion der Tories, also der britischen Konservativen, wie sie schreibt: „Hier saßen keine EU-Feinde, sondern seriöse EU-Skeptiker wie die britischen Tories.“ (Seite 248)
Sie war damals auch die Fraktion der rechtspopulistischen Parteien „Die Finnen“ und der „Dänischen Volkspartei“.
Amann geht zudem fehl, wenn sie sich dagegen ausspricht die AfD von Podien auszuschließen und glaubt das Motiv für eine solche Position wurzle einfach nur in einer politischen Abneigung. Dass es auch darum geht rechten Positionen keine Bühne zu bieten und sie dadurch als gleichberechtigt und normal darzustellen, scheint sie nicht wahrzunehmen.
Komplett unbenannt bleibt die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und ihr Chefredakteur Dieter Stein, der u.a. als Lucke- und Meuthen-supporter auftrat. Immerhin sprechen Expert*innen von der JF als „inoffiziellen Parteiblatt“ der AfD.
Wenn Amann die Rolle der JF nirgendwo in ihrem Buch erwähnt, was immerhin vollmundig im Untertitel „Die Wahrheit über die AfD“ verspricht, dann zeigen sich hier eklatante Lücken im Wissen der AfD-Spezialistin vom Spiegel.
Das Buch von Amann kann trotzdem mit einem Wissensgewinn gelesen werden, aber eine wirklich runde Analyse der AfD stellt es nicht dar.

Melanie Amann: Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert, München 2017.

Buchkritik „Kapuzenmänner“ von Frederik Obermaier und Tanjev Schultz

Buch Kapuzenritter
Frederik Obermaier und Tanjev Schultz bereiten in ihrem 2017 erschienenen Buch „Kapuzenmänner“ die Geschichte des Ku-Klux-Klan in Deutschland auf 260 Seiten auf. Das Buch ist auch ein weiteres Stück im NSU-Puzzle.
Die beiden Autoren weisen auf eine fast hundertjährige Geschichte des Klans in Deutschland hin. So gab es die „Kapuzenritter“ erstmals als Import in der Weimarer Republik. Später rekrutierte sich der Klan Mitglieder unter weißen US-Soldaten in den Kasernen Westdeutschlands, die vor allem ihre schwarzen Kameraden drangsalierten. Doch auch für Deutsche entfaltete der Klan Attraktivität. Bereits in den 1980ern gab es beispielsweise Kontakte von David Duke zu Manfred Roeder.
Die beiden Autoren benennen auch klar, dass Klan-Mitglieder auch in Deutschland an Gewalttaten bis hin zum Mord beteiligt waren: An dem Mord an dem wohnungslosen Künstler Günter Schwanneke im August 1992 und an dem Mord an dem Kapitän Gustav Schneeclaus im März 1992. Im letztgenannten Fall waren zwei rechte Skinheads die Täter, von denen einer Mitglied eines US-Klans war.
Gerade in den 1990er Jahre rekrutierten verschiedene Klan-Gruppen unter rechten Skinheads.
Das es nicht zu einem weiteren Toten kam war Zufall. Im Mai 1992 führte Carsten Szczepanski, der spätere V-Mann Piatto, den Beinahe-Lynchmord im Klan-Stil an einem Nigerianer an.

Angenehm ist, dass die Autoren Aussagen bewerten und Zweifel an den Darstellungen und Einschätzungen der Sicherheitsbehörden kenntlich machen. Etwa wenn ein Neonazi sich als Maulheld aufführt. Oder wenn die Behörden die Klan-Strukturen unterschätzen:

„Sie sehen Puzzlestücke: Herford, Essen oder Berlin. Das große Ganze und dass die einzelnen Gruppen damals eng vernetzt sind, übersehen sie.“

(Seite 62)
Sie blasen die Größe des Klans aber auch nicht auf. Es ist in der Geschichte des deutschen Rechtsradikalismus eher ein Nischenthema. Es gab aber über die Jahrzehnte dutzende Gruppen mit zumeist 10 bis 30 Mitgliedern.
Wichtiger ist der Klan aber als Bezugspunkt der Neonazi-Szene:

„Der Klan war und bleibt eine Referenz für die Rassisten des Landes. Durch ihn haben sie ihr kulturelles und ideologisches Repertoire erweitert und Anschluss an eine mächtige amerikanische Bewegung gefunden, ohne deshalb auf die eigenen Traditionslinien und die notorische Bezüge zum Nationalsozialismus verzichten zu müssen.“

(Seite 100)

Doch geringe Größe ist eben nicht gleich ungefährlich, wie die Autoren mehrfach betonen. Um die Geschichte des Klans nachzuzeichnen sind sie tief in die Archive eingetaucht. Dafür gebührt ihnen Dank. Für Interessierte an dem Thema lohnt sich die Lektüre jedenfalls.

Frederik Obermaier und Tanjev Schultz: „Kapuzenmänner. Der Ku-Klux-Klan in Deutschland“, München 2017.

Buchkritik „Platzverweis“ von Thomas Krebs

Platzverweis von Thomas Krebs

Das Buch „Platzverweis. Städte im Kampf gegen Außenseiter“ (Tübingen, 2001) basiert auf einer Feldforschung in Stuttgart aus dem Jahr 1998. Das Buch ist damit zwar relativ alt, aber trotzdem durchaus aktuell, denn die Verdrängung und Vertreibung von Randgruppen hält weiter an.
Krebs definiert Randgruppen dabei wie folgt:

„Widersprechen deren Habitus und kulturelle Praxen den vorgegebenen Regeln und Normen der (bürgerlichen) Mehrheitsgesellschaft, lehnt diese sie unter Umständen als minderwertig und nicht konform ab und etikettiert sie als „abweichendes“ oder „unanständiges“ Verhalten. Sie zieht eine Grenzlinie und schafft Distanz zwischen dem erlaubten Eigenen (Zentrum, Oben) und dem unerwünschten Abweichlerischem (Rand, Unten […]). Das heißt, die frage nach „Rand-“ oder „Dominanzkultur“ ist nicht die nach den besseren oder schlechteren kulturellen Praxen, sondern sie verweist letztlich auf die Verfügung der Definitionsmacht […].“

(Seite 44)

Krebs untersucht Vertreibungs- und Ausschließungstendenzen gegen Randgruppen für Stuttgart. Er zeichnet dabei diverse Praxen nach. Etwa das auf Privatgelände das Hausrecht eingesetzt wird, begünstigt durch eine Privatisierung der Eingangsbereiche von Geschäften, oder das bestimmte Gruppen kurzerhand als „Sicherheitsrisiko“ definiert werden. Oder die Einrichtung von Sperrbezirken für die Drogenszene. Dabei wurde die Sperrbezirksverordnung derart willkürlich ausgelegt, dass auch Personen ohne Drogenbesitz davon betroffen waren, wenn sie auch früher schon mal in diesem Zusammenhang aufgefallen waren.
Die konkreten Maßnahmen gegen Randgruppen sind ungewöhnlich kreativ: Sitzschalen statt Bänke hindern am Hinlegen. Poller werden angespitzt, um ein Draufsitzen zu verunmöglichen. Manche Sitzbänke werden komplett ersatzlos demontiert. Haltestellen werden mit Einzelsitzen versehen. Halogenscheinwerfer sollen das Verweilen unangenehm machen. Sträucher werden gelichtet, um den Sichtschutz zu vermindern. Öffentliche und öffentlich zugängliche, private Toiletten werden kostenpflichtig. Alarmanlagen und Videokameras werden angebracht. Betteleinnahmen werden beschlagnahmt. Wobei das Gesetz das nur bei „aggressiven Betteln“ erlaubt. Nach Krebs unterliegt diese Einstufung aber der Willkür:

„Die Unterscheidung zwischen „passivem“ und „aggressivem“ Betteln ist in der (Verfolgungs-)Praxis allerdings zweitrangig. Wenn das Bild des bedrohlichen Bettlers (in den Medien) nur oft genug wiederholt wird, verschwimmen die Grenzen zwischen zulässigem und unzulässigem Bettelverhalten, ethische Bedenken werden überflüssig.“

(Seite 73)
In Stuttgart agierte damals bei solchen Maßnahmen neben der Polizei und Security auch ein „Feldschutz“.

Der Autor sieht einen Wandel der (Innen-)Stadt zum Konsum-Ort für die kaufkräftige Mittel- und Oberschicht. Er spricht daher von einer gespaltenen Stadt.
Die Schaffung von großen Einkaufsmeilen in der Innenstadt bezeichnet er als „Kathedralen-Politik“.
Gerade bei Stuttgart macht er zusätzlich auch noch eine neue Imagepolitik aus. Aus der verschlafenen Schwabenstadt sollte eine Weltmetropole werden. Erreicht werden sollte das auch durch eine Aufwertung und Ästhetisierung der Innenstadt. Dabei fungierte der „Bahnhof als Visitenkarte“, wie es 1994 hieß.
Der Verfolgungsdruck von z.B. Drogensüchtigen wurde aber ebenfalls durch Forderungen der Einzelhändler*innen forciert, die über den Verein „Sauberes und Sicheres Stuttgart“ Druck ausübten.

Randgruppen sollen verdrängt werden. Doch gelingt das auch? Krebs kritisiert auch die „Verdrängungsthese“ an drei Punkten:
1. Er fragt nach der Effektivität.
Nach Krebs funktionieren viele Verdrängungen gar nicht oder nur zeitweise.
2. Daran anknüpfend betrachtet er den Widerstand und die Reaktionen der Betroffenen.
Auf die anziehende Repression wurde von den Betroffenen unterschiedlich reagiert, beispielsweise mit der Taktik der Vereinzelung.
3. Zudem fragt er, ob diese Verdrängungsbemühungen tatsächlich so neu sind, wie viele es darstellen?
Tatsächlich sind sie es nicht. So gab es bis 1991 in Stuttgart sogar den Verbringungsgewahrsam an den Stadtrand und bis 1996 den Platzverweis.

Eine lesenswerte, leider noch immer sehr aktuelle Studie!

Thomas Krebs: Platzverweis. Städte im Kampf gegen Außenseiter, Tübingen 2001.

Buchkritik „Die 33. Hochzeit der Donia Nour“ von Hazem Ilmi

Die 33. Hochzeit

Der dystopische Roman „Die 33. Hochzeit der Donia Nour“ wurde von einem Autor mit dem Pseudonym ‚Hazem Ilmi‘ verfasst. In ihm präsentiert Ilmi eine islamistische Version von George Orwells „1984“. Bereits das Jahr der Geschehens, 2048, darf als Hommage an Owell verstanden werden.
Handlungsort ist „Großägypten“ bzw. vor allem Kairo. Das zukünftige Ägypten wurde von der islamistischen Staatspartei Nizam dreigeteilt:

„In den frühen Zweitausendzwanzigern hatte der Nizam das Gesetz zur Klassenteilung verabschiedet, das Ägypten in drei Bundesländer aufteilte, die fast lückenlos separiert waren. Die wachsende Mittelklasse der kaufmännisch und religiös Arbeitenden, die den größten Teil der Bevölkerung ausmachten, lebte nach diesem Gesetz in Mittelägypten. Die Oberklasse ließ sich an der Küste Nordägyptens nieder. Die moralisch und sozial Auffälligen wurden nach Südägypten umgesiedelt.“

(Seite 21)
Jenseits von diesen drei Teilen existiert als verschärfte Strafkolonie noch eine „Quarantäne für verlorene Seelen“. Während diese Zone die Hölle auf Erden darstellt, ist Nordägypten der Himmel auf Erden und „der Warteraum des Himmels“.

Die Nizam-Partei etablierte mit der „Gerechten Revolution“ ihre Herrschaft, die in Wahrgheit ein Herrschaft der nordägyptischen Oligarchen ist. Nach der Revoltion flohen die Liberalen und Kopt*innen (christliche Minderheit) oder konvertierten. Trotzdem werden von der Regierung für Probleme immer koptische Rebellen verantwortlich gemacht.
In Ägypten herrscht seitdem die so genannte Neo-Scharia, eine eigene Version des Islamismus. Auf dieser fußt die „transcorporeale Gesellschaft“. Ansonsten ist die islamistische Gesellschaft sehr stark auf Konsum ausgerichtet, verbunden mit einem calvinistisch anmutenden Arbeitsethos. Musik und Tanz sind verboten und es existieren seltsame Institutionen. Es gibt beispielsweise ein „Ministerium zum Kampf gegen fremdländische Einmischung“ oder ein „Ministerium für Götzenzerstörung“, was im Stil von IS und Taliban die nicht scharia-konformen Altertümer beseitigt. Selbst die Pyramiden wurden entfernt. Auch sonst hat sich viel verändert. Etwa der Nil ist ausgetrocknet
Ein „Ministerium der Guten-Taten“ sammelt die Punkte, die etwa bei Gebeten durch den „Rosenkranz Plus“ oder Gebetskabine registriert werden. In einem Seelenzustand-Report kann sich dann jede*r über den zurückgelegten Weg zum Paradies informieren.
Per „sleepvertizing“ wird selbst in den Träumen der Bewohner*innen „Schariatainment“ betrieben.
Ein „Amt für Schicklichkeit“ verzeichnet die Jungfräulichkeit von Frauen oder deren Verlust.
Die Geschlechtertrennung ist rigoros. Frauen tragen einen E-Hidschab und Roboter fungieren als Sittenwächter. Selbst die Sklaverei ist wieder erlaubt und Frauen werden aus dem Süden in den Norden verkauft.

In diesem Hightech-Islamismus bewegt sich die Hauptheldin des Buches: Donia Nour. Nichts liegt manchmal so nahe beisammen wie Frömmelei und Heuchlertum. So wird es auch im Buch dargestellt. Donia Nour umgeht das Verbot von Sexarbeit, indem sie offiziell eine Ehe eingeht und auch nach der Scheidung dann den Brautpreis behalten kann. Da im islamistischen Ägypten der Jungfrauen-Kult wichtig ist, täuscht sie ihren Kurzzeit-Ehepartnern vor noch Jungfrau zu sein und lässt ihr verlorenes Jungfernhäutchen immer wieder durch ein künstliches ersetzen.

„Die entkräftete Kopfbewegung war wie eine Unterschrift gewesen, die Unterschrift unter einen ungeschriebenen Vertrag, der ihr Leben als endlosen Kreislauf von Heirat, Penetration, Scheidung und neuer Jungfernschaft besiegelte.“

(Seite 61)
Sie hat etwa jeden Monat einen Freier aus Oberägypten. Bisher konnte Donia Nour mit ihrem künstlichen Jungfernhäutchen ihre ‚Ehemänner‘ und auch den Jungfrauenscanner täuschen, doch ihr 33. Mann kommt ihr auf die Schliche und rächt sich für den Betrug und verbannt sie nach Südägypten.
Hier muss sie mit Anderen Götzenbilder ausgraben. Sie lernt Waleeda und Ostaz kennen, einen ägyptischen Atheisten aus den 1950er Jahren. Dieser wurde von den außerirdischen Ilmani, im Buch als „die Extraterrestologen der Milchstraße“ bezeichnet werden, entführt und knapp 100 Jahre später zurückgebracht. Durch den Kontakt mit Ostaz kommt Nour auch in Kontakt mit Religionskritik und Atheismus. Er lehrt sie auch den Koran zu kritisieren:

„Vor 1400, nein 1500 Jahren mag es [das Buch, gemeint ist der Koran] fortschrittlich gewesen sein, aber um es heutzutage ernst zu nehmen, ist sein Begriff von Moralität viel zu retro.“

(Seite 205)

Ein witziges Buch, ein unterhaltsames Buch und ein ideenreiches Buch!

Hazem Ilmi: Die 33. Hochzeit der Donia Nour, Berlin 2016.